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Aspekte jüdischer Identität am Beispiel des 'Rabbi von Bacherach' und seines Autors Heinrich Heine

Seminararbeit 2001 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Assimilation vs. Orthodoxie vs. Integration

III. Passion als Schicksal der Juden

IV. Flucht als Ausweg?

V. Humanität und Kritik

VI. Zusammenfassung

VII. Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Im Laufe seines Lebens hat der Jude Heinrich Heine (1797-1856) gegenüber dem Glauben seiner Vorfahren unterschiedliche Standpunkte eingenommen (wie auch gegenüber Religion und Religiosität im Allgemeinen). Da zwischen der ersten Konzeption des „Rabbi von Bacherach“ (der die Thematik des Judentums aufgreift) und der abschließenden Überarbeitung und Publikation eine Zeitspanne von 15 Jahren liegt, erscheint es naheliegend, diesen variierenden Betrachtungsweisen im Werk nachzugehen. Tatsächlich haben insbesondere Kircher und Windfuhr darauf aufmerksam gemacht, dass sich Heines wechselnde Anschauungen im Fragment widerspiegeln und an den unterschiedlichen Produktionsphasen festmachen lassen. Um das Verhältnis zwischen den Einstellungen des Autors und deren Vermittlung durch die Erzählung auf angemessene Weise bewerten zu können, soll der Aufforderung Lion Feuchtwangers entsprochen werden: „[W]ollen wir dem Rabbi gerecht werden und seine Entstehungsgeschichte verstehen, so müssen wir Heines Leben zur Betrachtung heranziehen.“[1]

In Kapitel II der vorliegenden Untersuchung wird folglich der Frage nachgegangen, inwieweit und in welcher Form die Beschäftigung Heines mit dem Judentum in seiner Biographie und in der literarischen Gestaltung zum Ausdruck kommt. Anschließend verweist Kapitel III auf die Auseinandersetzung des Schriftstellers mit der Leidensgeschichte seiner Ahnen und ihren Reaktionen darauf – exemplarisch demonstriert an Person und Umfeld des „Rabbi“. Kapitel IV beschreibt Heines Haltung in Bezug auf die Alternative der Taufe, während Kapitel V den Aspekt der Differenzierung und ihre Konsequenzen zur Sprache bringt.

II. Assimilation vs. Orthodoxie vs. Integration

Obwohl Heine nicht im Ghetto, sondern in einer vom aufgeklärten französischen Liberalismus beeinflussten und relativ assimilierten Elternhaus in Düsseldorf aufwuchs, prägte ihn die religiöse Erziehung – allerdings schien er in seiner Kindheit und Jugendzeit der Geschichte und Tradition seiner Vorfahren zunächst nur wenig Wertschätzung entgegenzubringen:

Aus den frühesten Anfängen erklären sich die spätesten Erscheinungen. Es ist gewiß bedeutsam, daß mir bereits in meinem dreizehnten Lebensjahr alle Systeme der freien Denker vorgetragen wurden, [...] so daß ich hier frühe sah, wie ohne Heuchelei Religion und Zweifel ruhig nebeneinander gingen, woraus nicht bloß in mir der Unglauben, sondern auch die toleranteste Gleichgültigkeit entstand.[2]

Die Eltern bestanden auch nicht auf einer strikten Einhaltung aller jüdischen Gesetze und Traditionen, was einerseits zur Folge hatte, dass Heine nur begrenzte diesbezügliche Kenntnisse aufweisen konnte. Andererseits mag diese indefinite Auffassung vom Judentum aber auch ein Grund dafür gewesen sein, dass er (sich und anderen) die Bedeutung seiner jüdischen Identität nicht ins Bewusstsein brachte und in Bezug auf dieses Thema auch in literarischer Hinsicht Zurückhaltung übte. Seine Einstellung änderte sich jedoch, als Heine 1822 dem „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“[3] in Berlin beitrat. Dieser „Kulturverein“ wurde hauptsächlich von dem Juristen Eduard Gans, dem Wissenschaftler Leopold Zunz und Heines Freund Moses Moser getragen, die sich zur Aufgabe gestellt hatten, die (vor allem auch geistige) Isolation der Juden zu beenden und ihren Eintritt in das „Europäische Leben“[4] herbeizuführen. Man ging dabei aber nicht von einem Verzicht auf jüdische Traditionen aus, sondern versuchte vielmehr, diese mit den Ideen der Aufklärung in Einklang zu bringen und zu synthetisieren. Ein Weg, den orthodoxen „Scholasticismus“ zu überwinden und eine „Judaistik“[5] zu begründen, war die Erweiterung der christlichen Geschichtsschreibung (von Christen über Juden) um die jüdische:[6]

„[D]ie scholastisch-talmudische Klopffechterei [sei] immer höher in Ansehn“ gestiegen, und so seien auch jene großen rabbinischen Überlieferungen zum Buchstaben herabgesunken, „der keinen Geist mehr erweckt“. Nun aber schicke das Zeitalter sich an, „solch veraltetes und morsches, samt seinen Anhängseln, von dem fortschreitenden Menschengeiste hinwegzurollen“, und so werde man lernen, die Geschichte frei und gerecht zu betrachten „und alsdann zu ergänzen“.[7]

Heine, der etwa ein Jahr lang aktiv im „Kulturverein“ mitwirkte und durch dessen Ansätze zur Auseinandersetzung mit der kulturellen und religiösen Bedeutung der Geschichte seiner Vorfahren angeregt wurde, beschäftigte sich mit dieser Thematik insbesondere im „Rabbi von Bacherach“; zugleich erfüllte er in diesem Werk auch weitere Anforderungen der Vereinigung. Zunächst kommt durch die Verbindung von Judentum und der zu seiner Zeit wohl populärsten Kunstrichtung der Romantik deren Anspruch zum Ausdruck, im Zuge einer (nationalen und religiösen) Identitätsfindung die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, wenn Heine während der „Rheinfahrt“ im „Rabbi“ regionale, deutsche Sagenmotive mit Stoffen aus dem Alten Testament verschwimmen lässt:[8]

[D]er schönen Sara war es zu Muthe, als sey sie wieder ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schooße ihrer Muhme aus Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken Reuter der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und noch andre wahre Geschichten, [...] vom Pfefferkuchenland, [...] von verwünschten Prinzessinnen, singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen. [...]

So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn, [...] die Bilder vermischten sich auch wunderlich. [...] Es war auch als murmelte der Rhein die Melodien der Agade, und die Bilder derselben steigen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder.“[9]

Weiters verweist Heine auf die Besonderheiten der jüdischen Kultur, indem er beispielsweise eine ausführliche und detaillierte Beschreibung des Pessach-Festes vornimmt:

„[G]emeinschaftliche Familienmahle im Rabinerhause fanden ganz besonders statt bey der jährlichen Feyer des Pascha, eines uralten, wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt, am Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissen, zum ewigen Gedächtnisse ihrer Befreyung aus egyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen...“[10]

Abgesehen von einer Stärkung des Selbst-Bewusstseins der Juden dienen diese Stelle und die anschließenden Erläuterungen aufgrund ihres belehrenden Charakters vermutlich auch zur Aufklärung des christlichen Publikums - worin tatsächlich ein weiteres erklärtes Ziel des „Kulturvereins“ bestand.[11]

[...]


[1] Lion Feuchtwanger, Heinrich Heines ‚Rabbi von Bacherach’, Frankfurt/Main 1985, S. 9. Zit. n. Florian Krobb: ‚Mach die Augen zu, schöne Sara’. Zur Gestaltung der jüdischen Assimilationsproblematik in Heines ‚Der Rabbi von Bacherach’, in German Life and Letters 47/2 (1994), S. 167. Während das erste Kapitel des „Rabbi“ 1824/25 entstand, kamen Kapitel zwei und drei erst 1840 zum Abschluss. Zu beachten ist darüber hinaus, dass Heine nicht durchgehend an der Erzählung gearbeitet hat, sondern die Produktionsgeschichte vielmehr beträchtliche Unterbrechungen aufweist. Vgl. Manfred Windfuhr: Heinrich Heine. Revolution und Reflexion (Stuttgart: Metzler 1969), S. 184; Hartmut Kircher: Heinrich Heine und das Judentum (Bonn: Bouvier 1973), S. 199-202.

[2] Im Anschluss an die genannte Stelle vermerkt Heine: „Nicht dieselbe Nachsicht zeigte mein Vater, als man ihm einige irreligiöse Spöttereien, die mir entschlüpft, hinterbrachte. [...] Mein Vater hielt mir deswegen eine Standrede, [...] die folgendermaßen lautete: ‚[I]ch bitte dich, sage nicht öffentlich, was du denkst, denn du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt.“ Wie diese Anmerkung deutlich macht, war der Vater nicht in erster Linie an der Zurückweisung dieser „Blasphemie“ interessiert, sondern lediglich an der durch sie verursachten Rufschädigung. B VI/I, 557, 610. Zit. n. Wilhelm Gössmann: ‚Lazarus oder Apollo-Gott. Religion und Religiosität im Spätwerk. Formen der literarischen Religionskritik Heines’, in Der späte Heine 1848-1856. Literatur-Politik-Religion, hg. v. Wilhelm Gössmann u. Joseph A. Kruse (Hamburg: Hoffmann & Campe 1982), S. 185.

[3] In Bezug auf das Gründungsdatum des Vereins herrscht in der Forschung Uneinigkeit: Windfuhr legt seine Entstehung in das Jahr 1819, Robertson hingegen nimmt das Jahr 1821 an. Vgl. Manfred Windfuhr (Hg.): Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Bd. 5 (Hamburg: Hoffmann & Campe 1994), S. 500; Ritchie Robertson: Heine (London: Halban 1988), S. 81f.

[4] Dolf Sternberger: Heinrich Heine und die Abschaffung der Sünde (Hamburg/Düsseldorf: Claasen 1972), S. 164.

[5] Wie Sternberger bereits bemerkt hat, bezeichnet dieser Begriff erst seit neuerer Zeit die Wissenschaft vom Judentum. Vgl. ibid.

[6] Vgl. Windfuhr Gesamtausgabe, S. 502, 527, 584; Gössmann Religion, S. 185; Jost Hermand: ‘One identity is not enough. Heine’s Legacy to Germans, Jews, and Liberals’, in Heinrich Heine and the occident. Multiple identities, multiple receptions, hg. v. Sander L. Gilman u. Peter Uwe Hohendahl (Lincoln/London: Nebraska 1991), S. 25.

[7] Hirth, Friedrich (Hg.): Heinrich Heine. Briefe (Mainz: Kupferberg 1950-57), S. 199. Zit. n. Sternberger Sünde, S. 164.

[8] Windfuhr meint in der Verwobenheit von jüdischer Tradition und rheinischen Sagen neben deren „Bewahrung und Wiederherstellung“ auch Heines persönliche „Erinnerungsarbeit“ ausfindig gemacht zu haben. Windfuhr Gesamtausgabe, S. 525; Vgl. auch ibid., S. 500f; Kircher Judentum, S. 222f.; Robertson Heine, S. 81f.; Sternberger Sünde, S. 163f., Gössmann Religion, S. 185; Hermand Legacy, S. 25.

[9] Heinrich Heine: ‚Der Rabbi von Bacherach (Ein Fragment)’, in Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Bd. 5, hg. v. Manfred Windfuhr (Hamburg: Hoffmann & Campe 1994), S. 118-120.

[10] Ibid., S. 112.

[11] Diese potentielle Intention, auf die Kircher hingewiesen hat, erscheint m. E. vor allem deshalb plausibel zu sein, weil für Juden der Ablauf des für sie bedeutendsten Festes wohl als bekannt vorauszusetzen ist, wie auch der Erzähler im „Rabbi“ vermerkt: „[S]elbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen [...] sind, [werden] im tiefsten Herzen erschüttert [...], wenn ihnen die alten wohlbekannten Paschaklänge [Hervorheb. v. M.L.] zufällig ins Ohr dringen.“ Ibid., S. 113; Vgl. Kircher Judentum, S. 216; Windfuhr Gesamtausgabe, S. 550f.

Details

Seiten
14
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640427383
ISBN (Buch)
9783640423712
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134841
Institution / Hochschule
University of Sussex
Note
1,00
Schlagworte
Rabbi von Bacherach Heinrich Heine Judentum jüdische Identität Assimilation Inte Integration

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