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Kritische Betrachtung möglicher Auswirkungen von Basel II auf das Kreditvergabeverhalten der Banken

Seminararbeit 2003 18 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die drei Säulen von Basel II
2.1 „Säule 1“: Mindestkapitalanforderungen
2.2 „Säule 2" und "Säule 3"

3. Das Kreditvergabeverhalten vor Basel II

4. Auswirkungen von Basel II auf das Kreditvergabeverhalten der Banken
4.1 Abbau von Informationsasymmetrien
4.2 Risikoabgeltung
4.3 Die Auswirkungen auf Mittelstandskredite
4.3.1 Mittelstandskredite im Retailportfolio
4.3.2 Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen
4.3.3 Der Zins als Steuerungsmechanismus
4.3.4 Kapitalkosten vs. Gesamtkosten
4.3.5 Das Hausbankenprinzip

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Seit vor ca. drei Jahr erstmals bekannt wurde, welche Änderungen Basel II vorsieht, wird in interessierten Kreisen eine intensive Diskussion darüber geführt, welche Auswirkungen diese Änderungen haben, wer davon profitiert und wer im Vergleich zum Status quo ante eher zu den Verlieren zu zählen ist.[1]

Besonders mittelständische Unternehmen befürchten, in Zukunft entweder überhaupt keine Kredit zu erhalten oder nur noch zu prohibitiv hohen Zinsen.[2] Demgegenüber behaupten Bankenvertreter, daß die Vereinbarung zumindest gesamtwirtschaftlich Vorteile bringt.[3] Diese Befürchtung impliziert allerdings, daß sich das Kreditvergabeverhalten der Banken durch die Eigenkapitalvereinbarung Basel II wesentlich verändern wird.

Im folgenden ist daher zunächst aufzuzeigen, worin die relevanten Vereinbarungen bestehen und zu welchen Veränderungen sie voraussichtlich führen werden.

2. Die drei Säulen von Basel II

Die jetzt vom Baseler Ausschuß für Bankenaufsicht gemachten Vorschläge stellen eine Weiterentwicklung der Baseler Eigenkapitalanforderungen von 1988 dar. Ursprünglich war die Vereinbarung lediglich vorgesehen für internationale Banken, hat sich aber dann zum bankenaufsichtlichen Standard in über 100 Ländern entwickelt und ist auch Grundlage für die deutschen Regelungen zur Bankenaufsicht.[4]

Nachdem 1999 ein erstes Konsultationspapier vorgelegt wurde, gab es noch vielfältige Änderungen. Mittlerweile allerdings scheint klar zu sein, welche Vorschläge des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht zum Jahr 2004 international eingeführt werden.

Im wesentlichen soll die Kreditvergabe stärker an das ökonomische Risiko gekoppelt werden. Außerdem sollen neue Entwicklungen im Bereich der Finanzinnovationen und der Informationstechnologie berücksichtigt werden.[5]

Das Baseler Konzept beruht auf drei Säulen, wobei sich nahezu alle Beobachter darüber einig sind, daß die erste Säule mit den neuen Mindestkapitalanforderungen am wichtigsten ist. Diese dürften auch die größten Veränderungen im Kreditvergabeverhalten bewirken, während die Säulen zwei und drei eher Veränderungen innerhalb des Bankensektors bzw. nur für die Banken selbst bewirken.

2.1 „Säule 1“: Mindestkapitalanforderungen

Wie auch schon bei Basel I sollen die risikogewichteten Aktiva mit 8% Eigenkapital hinterlegt werden.[6] Im ersten Baseler Akkord wurden Kredite an Unternehmen allerdings einheitlich mit einem Risikogewicht von 100% bewertet, unabhängig von deren Bonität.[7] Im neuen Baseler Akkord dagegen soll das Ausfallrisiko berücksichtigt werden, so daß Kredite an schlechte Bonitäten mit mehr Eigenkapital hinterlegt werden müssen, während Kredite guter Schuldner mit weniger Eigenkapital hinterlegt werden müssen. Die dadurch erzwungene Steigerung der Eigenkapitalkosten soll dann über die Kreditkonditionen an den Kunden weitergegeben werden.[8]

So wurden zusätzlich zum weiterbestehenden Risikogewicht 100% nicht die Gewichte mit 20%, 50% und 150% eingeführt.[9] Darüber hinaus sollen zukünftig neben den Kredit- und Marktrisiken auch operationelle Risiken berücksichtigt werden.[10] „Für die Bemessung dieser Eigenkapitalunterlegungen schlägt der Baseler Ausschuß einen Standardansatz sowie einen auf bankinternen Risikoeinstufungen (Ratings) basierenden Ansatz (Internal Ratings Based Approach, IRB-Ansatz) vor.“[11] Im Standardansatz wird es zukünftig Pflicht sein, obwohl er auf dem Vereinbarungen von 1988 beruht, daß ein externes Rating zur Beurteilung der Bonität des potentiellen Schuldners erstellt wird.[12] Für Banken, die den IRB-Ansatz verwenden wollen, soll außerdem ein Anreiz geschaffen werden, nach und nach zu fortschrittlicheren Methoden der Risikobemessung überzugehen, um so Risikokosten zu sparen.[13]

2.2 „Säule 2" und "Säule 3"

"Säule 2"ist der bankenaufsichtliche Überprüfungsprozeß (Supervisory Review Process). Dieser soll durch Basel II stärker qualitativ ausgerichtet werden als bisher.[14] Die jeweilige nationale Aufsichtsbehörde hat in Zukunft die Pflicht, die bankinternen Prüfverfahren, die in Säule 1 gefordert werden, auf ihre Qualität und Praktikabilität zu überprüfen.[15] „Letztlich bewerten die Bankenaufseher die Fähigkeit der Banken, ihre eingegangenen Risiken zu identifizieren, zu messen, zu steuern und zu überwachen.“[16]

"Säule 3" bilden die erweiterten Offenlegungspflichten. Ziel dieser Säule ist es, die Banken über Marktmechanismen dazu zu bewegen, ihre vergebenen Kredite angemessen mit Eigenkapital zu unterlegen.[17] Zu diesem Zweck sollen Anreize geschaffen werden, moderne Risikoerfassungs- und Risikosteuerungsmechanismen zu implementieren.[18] Dem liegt der Gedanke zugrunde, daß Kreditinstitute, die ihre Risiken nicht adäquat mit Eigenkapital hinterlegt haben, höhere Spreads auf dem Interbankenmarkt bezahlen müssen, wodurch sich die Refinanzierungskosten erhöhen. Bei börsennotierten Banken kann dieser Sanktionsmechanismus zusätzlich über eine entsprechend niedrigere Bewertung erfolgen.

3. Das Kreditvergabeverhalten vor Basel II

Kreditverträge sind u.a. dadurch gekennzeichnet, daß die Leistung in Form der Kreditauszahlung und die Gegenleistung in Form von Tilgung und Zinszahlung zeitlich auseinanderfallen. Hinzu tritt außerdem noch eine ungleiche Informationsverteilung zwischen Kreditinstitut und Kreditnachfrager.

Der Kreditnachfrager ist sowohl über seine aktuelle wirtschaftliche Situation als auch über seine Pläne für die Zukunft bestens informiert. Die Bank dagegen hat bestenfalls Informationen über die nahe Vergangenheit zur Verfügung.[19] Mittels Screening, welches von der schlechter informierten Marktseite veranlaßt wird, hier also von der Bank, und mittels Signaling, welches umgekehrt von der besser informierten Marktseite ausgeht, kann die Informationsasymmetrie zwar abgebaut, aber nicht beseitigt werden.

Dies ermöglicht dem Kreditnehmer nicht nur opportunistisches Verhalten, sog. Moral hazard, sondern hat auch schon Folgen vor Vertragsabschluß. Selbst eine risikoneutrale Bank, und im allgemeinen darf angenommen werden, daß Banken risikoavers sind, wird einen Kredit nicht vergeben, wenn sie sich unsicher ist, ob der Kreditnehmer kapitaldienstfähig ist. Einige Kreditnehmer werden daher, um den Kredit zu erhalten, höhere Zinsen bieten. Unter der Annahme das mit dem Risiko einer Investition auch die mögliche Rendite steigt, werden dies aber ausgerechnet die Nachfrager mit dem größten Risiko sein.[20] Umgekehrt werden die Investoren mit geringem Risiko und niedriger Rendite nicht bereit sein, mehr zu bezahlen. Die schlechten Risiken verdrängen dann also die guten Risiken, es liegt Adverse Selektion vor.

Da die Banken aber sicherlich von diesem Sachverhalt wissen, werden sie einen höheren Zins ablehnen und statt dessen einen Einheitszins verlangen. Dieser kann allerdings unter Umständen erhöht werden, soweit die vorliegenden Informationen ausreichen, um einen gewissen Risikoaufschlag zu verlangen. Dies bedeutet aber nicht, daß in der Praxis Risikoabgeltung betrieben wird. Dafür sind die festgestellten Zinsdifferenzen zu klein.[21]

Obwohl das Kreditinstitut, wie wir festgestellt haben, nur einen einheitlichen Zins für jeden Kredit verlangen kann, ist es natürlich trotzdem daran interessiert, seinen Gewinn zu maximieren. Dabei ist zu beachten, daß der Gewinn zwar c.p. mit dem Zins steigt, gleichzeitig mit dem Zins aber auch das Ausfallrisiko steigt.[22] Bei einem bestimmtem Zinssatz, eben dem bankoptimalem Zins, ist also das Gewinnmaximum erreicht, weil von da die Verluste durch die höheren Kreditausfälle größer sind als die höheren Einnahmen durch den höheren Zins. Liegt dieser Zinssatz aber unterhalb des Gleichgewichtszinses, so liegt eine angebotsseitige Kreditrationierung vor.[23]

Die durchaus vorhandene Kreditnachfrage bleibt also teilweise unbefriedigt, was zu volkswirtschaftlichen Wohlfahrtsverlusten führt.[24] Diese volkswirtschaftlichen Wohlfahrtsverluste und betriebswirtschaftlichen Gewinneinbußen der Banken, schließlich wäre eine Ausweitung der Kreditvergabe möglich, beruhen zu wesentlichen Teilen auf Informationsasymmetrien.[25]

Des weiteren ist die Bankbranche in Deutschland bisher durch das sog. Hausbankprinzip gekennzeichnet, d.h. die meisten deutschen Haushalte und auch die meisten mittelständischen Unternehmen verfügen lediglich über eine einzige Bankverbindung, mit der sie dann alle ihre Bankgeschäfte abwickeln.[26] Auch in diesem Bereich könnte es durch Basel II zu Veränderungen kommen.

4. Auswirkungen von Basel II auf das Kreditvergabeverhalten der Banken

4.1 Abbau von Informationsasymmetrien

Ein wesentliches Ziel der Eigenkapitalvereinbarung Basel II ist aus o.g. Gründen daher der Abbau von Informationsasymmetrien.[27] Bisher scheint es zwei Gründe in Kombination miteinander gegeben zu haben, die verhindert haben, daß diese Informationsasymmetrien in relevantem Ausmaß durch marktinterne Prozesse verringert werden.

[...]


[1] Vgl. Schütz, A.: Unheil aus Basel II, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 54. Jahrgang, Heft 13, 2001, S. 723.

[2] Vgl. Redaktion: Mittelstand und Basel II: Noch viel Aufklärungsbedarf, in: Bank und Markt, 30. Jahrgang, Heft 6, 2001, S. 15.

[3] Vgl. Arnold, W. und Boos, K.-H.: Basel II – Einzel- und gesamtwirtschaftliche Aspekte, in: Die Bank, 22. Jahrgang, Heft 10, 2001, S. 712-715, hier: S. 712.

[4] Vgl. Deutsche Bundesbank: Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II), in: Monatsbericht April, 2001, S. 15.

[5] Vgl. ebd., S. 15.

[6] Vgl. ebd., S. 17.

[7] Vgl. Deutsche Bundesbank: Das Eigenkapital aus bankinterner und regulatorischer Sicht, in: Monatsbericht Januar, 2002, S: 41-55, hier: S. 52.

[8] Vgl. Kuhn, E.: Basel II als Verbandsaufgabe: Lobbyarbeit für den Mittelstand, in: Bank und Markt, 30. Jahrgang, Heft 6, 2001, S. 18-21, hier: S. 18.

[9] Vgl. Lehnhoff, J.: „Eine Quantifizierung der Auswirkungen der beabsichtigten Neuregelungen ist weiterhin nicht möglich“, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 54. Jahrgang, Heft 4, 2001, S. 171-193, hier: S. 188.

[10] Vgl. Deutsche Bundesbank: Das Eigenkapital aus bankinterner und regulatorischer Sicht, in: Monatsbericht Januar, 2002, S: 41-55, hier: S. 53.

[11] Deutsche Bundesbank: Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II), in: Monatsbericht April, 2001, S: 15-44, hier: S. 18.

[12] Vgl. Wilkens, M./ Entrop, O./ Völker, J.: Strukturen und Methoden von Basel II – Grundlegende Veränderungen der Bankenaufsicht, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 54. Jahrgang, Heft 4, 2001, S. 187-193, hier: S. 187.

[13] Vgl. Taistra, G./ Tiskens, Chr./ Schmidtchen, M.: Basel II – Auswirkungen auf typische Mittelstandportfolien, in: Die Bank, 22. Jahrgang, Heft 7, 2001, S. 514-519, hier: S. 414.

[14] Vgl. Boos, K.-H. und Schulte-Mattler, H.: Basel II: Bankenaufsichtliches Überprüfungsverfahren, in: Die Bank, 22. Jahrgang, Heft 9, 2001, S: 646-648, hier: S. 646.

[15] Vgl. Wilkens, M./ Entrop, O./ Völker, J.: Strukturen und Methoden von Basel II – Grundlegende Veränderungen der Bankenaufsicht, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, 54. Jahrgang, Heft 4, 2001, S. 187-193, hier: S. 192

[16] Deutsche Bundesbank: Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II), in: Monatsbericht April, 2001, S. 15-44, hier: S. 31.

[17] Vgl. Boos, K.-H. und Schulte-Mattler, H.: Basel II: Marktdisziplin durch erweiterte Offenlegung, in: Die Bank, 22. Jahrgang, Heft 11, 2001, S: 795-799, hier: S. 795.

[18] Vgl. Taistra, G./ Tiskens, Chr./ Schmidtchen, M.: Basel II – Auswirkungen auf typische Mittelstandportfolien, in: Die Bank, 22. Jahrgang, Heft 7, 2001, S. 514-519, hier: S. 514.

[19] Vgl. Stiglitz, J. E. und Weiss, A.: Credit rationing in markets with imperfect information, in: American Economic Review, Volume 71, Band 2, 1981, S. 393-410, hier: S. 393.

[20] Vgl. Clemenz, G.: Die Wirksamkeit der Geldpolitik bei asymmetrischer Information auf dem Kreditmarkt, in: Bombach, G./ Gahlen, B./ Ott, A. E. (Hrsg.): Geldtheorie und Geldpolitik – Schriftenreihe des wirtschaftswissenschaftlichen Seminars Ottobeuren, Band 17, Bernholz, P. u.a., Tübingen, 1988, S. 227-247, hier: S. 228.

[21] Vgl. Heidorn, Th.: Basel II: Führen die neuen Anforderungen an die Kreditinstitute zu einer Benachteiligung des Mittelstands?, in: ifo Schnelldienst, 55. Jahrgang, Heft 3, 2002, S. 12-14, hier: S. 12.

[22] Vgl. Stiglitz, J. E. und Weiss, A.: Credit rationing in markets with imperfect information, in: American Economic Review, Volume 71, Band 2, 1981, S. 393-410, hier: S. 409.

[23] Vgl. Duwendag, D. u.a.: Geldtheorie und Geldpolitik in Europa, 5. Auflage, Berlin u.a., 1999, S. 226.

[24] Vgl. Trespenberg, U.: Finanzielle Märkte und Geldpolitik, in: Europäische Hochschulschriften, Band 713, Frankfurt a. M., Bern, New York, 1986, S. 71.

[25] Vgl. Issing, O.: Einführung in die Geldpolitik, 5. Auflage, München, 1993, S. 149 ff.

[26] Vgl. Süchting, J.: Überlegungen zur Attraktivität eines Allfinanzangebotes, in: Bank und Markt + Technik, 16. Jahrgang, Heft 12, 1987, S. 7-11, hier: S. 7.

[27] Vgl. Paul, St./ Paul, M./ Stein, St.: Basel II: Führen die neuen Anforderungen an die Kreditinstitute zu einer Benachteiligung des Mittelstands?, in: ifo Schnelldienst, 55. Jahrgang, Heft 3, 2002, S. 14-19, hier: S. 15.

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638191272
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13470
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Lehrstuhl Geld und Kredit
Note
1,3
Schlagworte
Kritische Betrachtung Auswirkungen Basel Kreditvergabeverhalten Banken Seminar

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