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Jugendkulturen während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983)

Hausarbeit 2009 34 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
A. These der Arbeit
B. Die Verwendung der Begriffe „Jugendkultur“ und „Militärdiktatur“

II. Hauptteil
A. Guerilleros und Militärs
1. Die Guerilleros als Jugendkultur
2. Die Antwort der Militärs auf die Jugendkultur der Guerilleros
B. Rock Nacional und Militärs
1. Rock Nacional als Jugendkultur
2. Die Antwort der Militärs auf die Jugendkultur des Rock Nacional
C. Discojugend und Militärs
1. Die Discojugend als Jugendkultur
2. Die Antwort der Militärs auf die Jugendkultur der Discojugend
D. Jugendkulturen angesichts des Falklandkrieges 1982
1. Veränderung und Annäherung der musikbasierten Jugendkulturen
2. Die Militärs und die musikbasierten Jugendkulturen im Rahmen des Falklandkrieges

III. Fazit
A. Die Identitäten der einzelnen Jugendkulturen zur Zeit der letzten Militärdiktatur
B. Die Einschätzung der Gefährlichkeit der einzelnen Jugendkulturen durch das Militär
C. Die Reaktion der Militärs auf die einzelnen Jugendkulturen

IV. Literaturverzeichnis
A. Quellen
B. Sekundärliteratur

V. Abstract in english

VI. Resumen en castellano

I. Einleitung

A. These der Arbeit

Geht es um die Rolle der argentinischen Jugend während der letzten Militärdiktatur, so wird dieser Themenbereich häufig auf zwei Aspekte reduziert: die Guerilleros und die Repression der Guerilleros durch das Militär. Für diese thematische Reduktion lassen sich drei Gründe anführen: Zum einen berücksichtigen Überblicksdarstellungen über die jüngere argentinische Geschichte meist nur diese beiden Aspekte.[1] Zum anderen neigen autobiographische Darstellungen ehemaliger Guerilleros dazu, nur von sich selber zu sprechen und so den Eindruck zu erwecken, dass in den 60-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts die Guerilla der Montoneros und Erpistas die einzige gesellschaftlich-politische Macht unter argentinischen jungen Leuten darstellte.[2] Schließlich tragen die Verantwortlichen der Militärdiktatur zu diesem Bild bei, indem sie gewöhnlich in ihren Darstellungen pauschal alle Jugendlichen der damaligen Zeit als tatsächliche oder potenzielle Guerilleros brandmarken, gegen die jedes Mittel im Kampf angewendet werden musste, um so das Land vor ihnen zu retten.[3]

Die folgende Hauarbeit geht davon aus, dass die Verkürzung der Thematik „Jugendkulturen während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983)“ auf die Aspekte Guerilleros und Repression durch die Militärs nicht die ganze Wahrheit enthält. Vielmehr soll folgende These in das Zentrum der Untersuchung gestellt werden: Während der letzten argentinischen Militärdiktatur gab es drei bedeutsame Jugendkulturen, − nämlich die Guerilleros, Musiker und Fans des Rock Nacional sowie Protagonisten und Fans der Discojugend − die nebeneinander existierten und die jeweils eine ganz verschiedene eigene Identität besaßen. Die Militärs wiederum reagierten differenziert und flexibel auf die Herausforderung jeder einzelnen Jugendkultur, je nachdem, inwieweit diese den Militärs als gefährlich erschien. Das Reaktionsspektrum der Militärs in Anbetracht der einzelnen Jugendkulturen reichte von völliger gewaltsamer Zerschlagung über Ablehnung und Marginalisierung bis hin zur Duldung und Instrumentalisierung. Zudem soll auf die besondere Bedeutung des Jahres 1982 im Zusammenhang des Falklandkrieges im Hinblick auf das Verhältnis zwischen den Jugendkulturen und den Militärs in einem zusätzlichen Kapitel eingegangen werden; in dem Sinne, dass zu dieser Zeit zum einen eine Annäherung zwischen dem Rock Nacional und der Discojugend stattfand und dass zum anderen die Militärs durch eine größere Offenheit gegenüber den Anhängern von Jugendkulturen versuchten, die Zustimmung junger Menschen zum waghalsigen Unternehmen des Falklandkrieges zu gewinnen. Anknüpfend an diese These versucht die Hausarbeit drei Fragen zu klären:

1. Woraus bestand jeweils die besondere Identität der einzelnen Jugendkulturen?
2. Wie bewerteten die Militärs jeweils die Gefährlichkeit der einzelnen Jugendkulturen?
3. Mit welcher Art von Maßnahmen reagierten jeweils die Militärs auf die einzelnen Jugendkulturen?

B. Die Verwendung der Begriffe „Jugendkultur“ und „Militärdiktatur“

Um die gestellten Fragen beantworten zu können, bedarf es einer Klärung der zentralen Begriffe der Arbeit. Als „Jugendkultur“ gelten in dieser Arbeit regelmäßige Tätigkeiten etwa 15- bis 30-jähriger Menschen, durch die jeweils eine eigene Identität, ein bestimmtes „Wir-Gefühl“ zum Ausdruck gebracht werden soll. Diese eigene Identität soll für jede einzelne der drei genannten argentinischen Jugendkulturen an den folgenden vier Merkmalen veranschaulicht werden: 1. Die numerische Stärke der einzelnen Jugendkultur; 2. Die Wertvorstellungen und Ziele der jeweiligen Jugendkultur; 3. Die konkrete alltägliche Lebensweise der Anhänger der jeweiligen Jugendkultur, mit der versucht wird, die selbst gesetzten Ziele zu erreichen; 4. Das Verhältnis und Abgrenzungsbedürfnis der jeweiligen Jugendkultur zur den älteren Generationen der argentinischen Gesellschaft. Da das Verhältnis zwischen den Jugendkulturen und den Militärs im Vordergrund der Arbeit steht, wird der Verhältnis und die Wahrnehmung der Jugendkulturen untereinander nicht explizit in der Arbeit behandelt, auch wenn dies sicher eine entscheidende Ebene zu einem differenzierten Verständnis von Jugendkulturen darstellen würde.

Um klären zu können, wie die Militärs die einzelnen Jugendkulturen wahrnahmen und wie sie auf sie reagierten, soll der Begriff der „Militärdiktatur“ für die Zwecke dieser Arbeit die folgenden Elemente umfassen: 1. Öffentliche Reden wichtiger Vertreter der Militärjunta mit Bezug zu den einzelnen Jugendkulturen; 2. Gesetzliche Maßnahmen der argentinischen Militärs bezogen auf die einzelnen Jugendkulturen; 3. Konkrete Handlungen der Militärs mit oder ohne gesetzliche Grundlage gegenüber den einzelnen Jugendkulturen. Eine weiterführende Präzisierung des Begriffes, etwa differenziert nach den einzelnen Militäreinheiten, Heer, Marine und Luftwaffe, oder geographisch differenziert nach den verschiedenen Regionen des Landes oder differenziert nach den verschiedenen Hierarchieebenen innerhalb des militärischen Apparates, kann aus Platz- und Recherchegründen nicht in der Arbeit vorgenommen werden. Ferner wird dem genauen Funktionieren der Kollaboration zwischen zivilen und militärischen Institutionen bezüglich des Umgangs mit den einzelnen Jugendkulturen keine genauere Beachtung geschenkt. Zivile Institutionen gelten somit, wenn nichts anderes geschildert wird, als Teil des Militärapparates. Auch werden die einzelnen Reden, Rechtsakte und Handlungen als etwas Gegebenes vorausgesetzt, ohne aber auf das Zustandekommen der jeweiligen Reden, Rechtsakte und Handlungen näher einzugehen, wenngleich dies sicher bei einer Diktatur, die in hohem Maße informelle Verfahrens- und Entscheidungswege benutzte, notwendig wäre. Doch aus Platz- und Recherchegründen kann auch dies nicht geleistet werden.

II. Hauptteil

A. Guerilleros und Militärs

1. Die Guerilleros als Jugendkultur

Der Beginn der argentinischen Guerilleros liegt in der zweiten Hälfte der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts. Um einerseits Dissens gegenüber der Militärdiktatur Onganías, die alle übrigen Kanäle politischer Teilnahme zensieren ließ, zu artikulieren und um darüber hinaus einen

tiefgreifenden Wandel politischer und gesellschaftlicher Strukturen und Wertvorstellungen herbeizuführen, entstanden in Argentinien, vor allem im Großraum Buenos Aires und Córdoba, eine Vielzahl kleiner, miteinander nur lose verbundene Guerillagruppen.[4] Konkreter Auslöser für deren Bildung waren oft gewalttätige und brutale Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär im Rahmen von Demonstrationen (Bsp. die Unruhen im Rahmen des Cordobazo 1968[5] ), die bei vielen jungen Argentiniern zur Ansicht führten, nur mit organisierter Gegengewalt ließe sich die politisch-gesellschaftliche Situation zu ihren Gunsten verändern.

Bedingt zum einen durch die Erfolge der Guerilla (die Ermordung des ehemaligen Präsidenten Aramburu 1970 trägt entscheidend zum Rücktritt des Militärdiktators Onganía bei) und bedingt zum anderen durch eine Reihe von Amnestien, die der neue peronistische Präsident Hector Cámpora nach seiner Wahl 1973 vielen Guerilleros zukommen lässt, finden im Laufe der Zeit die verschiedenen Guerilla-Gruppen immer größeren Zulauf und immer größere Begeisterung unter jungen Argentiniern.[6] So avancierten in den Jahren 1973 bis 1976 die beiden wichtigsten Guerilla-Gruppen, die Montoneros als bewaffneter Arm der peronistischen Jugend, und die Erpistas als bewaffneter Arm der revolutionären Partei der argentinischen Arbeiter zu einem wichtigen innenpolitischen Faktor mit beträchtlicher Schlagkraft. Die Montoneros zählten 1975 etwa 25 000 einsatzbereite in Zellen organisierte Kämpfer und ungefähr 225 000 Sympathisanten, die die Montoneros mit Geld, Waffen, Unterkünften, Nahrungsmitteln, Rechtsbeistand und anderen Hilfeleistungen versorgten.[7] Die Erpistas hingegen verfügten über 1975 über ungefähr 5 000 Kämpfer und 60 000 Sympathisanten.[8] In den Jahren 1969 bis 1973 verübten diese beiden Guerillerogruppen 129 Morde und 85 Entführungen, zwischen 1973 und 1976 stieg die Zahl der Morde auf 481 und die Zahl der Entführungen auf 140.[9] Daneben gingen zahlreiche Banküberfälle, Einbrüche und Diebstähle auf das Konto der Guerilleros, so dass alleine für das Jahr 1973 1243 terroristische Straftaten in Argentinien verzeichnet sind.[10]

Wenn man nach den Zielen fragt, welche die Guerilleros mit ihren Aktivitäten zu erreichen versuchten, so stößt man bei ihnen auf diffuse politische Utopien, auf deren Grundlage sie eine völlige Umgestaltung der argentinischen Gesellschaft anstrebten. Die Erpistas orientierten sich dabei am Vorbild der Sowjet-Union mit kommunistischer Einparteienherrschaft, Planwirtschaft und dem Zurückdrängen traditioneller bürgerlicher Institutionen wie etwa Familie und katholische Kirche aus dem Zentrum der Gesellschaft.[11] Die Ziele der Montoneros hingegen orientierten sich dabei am konkreten Beispiel der Herrschaft Peróns in den Jahren 1946 bis 1955. Demnach sollte das neue revolutionär errichtete Argentinien eine wirtschaftliche Autarkiepolitik betreiben, welche die Enteignung ausländischen Kapitals, insbesondere ausländischer Firmen, mitumfasste. Das so gewonnene Staatskapital sollte dann verwendet werden, um breit angelegte öffentliche Wohlfahrtsprogramme zu finanzieren.[12] Im Unterschied zum klassischen Peronismus sollte nun die Herrschaft möglichst von Montoneros ausgeübt werden, die sich als neue Elite und Avantgarde des Landes verstanden.

Für die eigene Identitätsbildung wichtiger als diese eher vagen politischen Ziele war jedoch der konkrete Lebensstil, welcher mit dem Dasein als Guerillero damals einherging. Dieser bestand aus einer recht eigentümlichen Mischung aus bedingungsloser Gewaltanwendung und Revolutionsromantik. Zur Gewaltanwendung gehörte die Bereitschaft, Straftaten jeglicher Art im Dienste der Revolution zu begehen. Dazu gehörte ferner die Bereitschaft, im Kampf nicht nur zu töten, sondern auch im Notfall das eigene Leben zu lassen und zu sterben, wenn dies die Umstände erforderten. Besonders wichtig war dabei auch ein möglichst skrupelloser Umgang nicht nur gegenüber eigenen Hemmungen und Bedürfnissen im Kampf, sondern auch mit den Opfern der Guerillaaktionen, an denen jeweils ein Exempel statuiert werden sollte. Als Beispiel für diese extreme doppelte Skrupellosigkeit mag der Fall der 18-jährigen Ana María González, Mitglied der Montoneros, gelten, welche am 17.6.1976 den damaligen Polizeipräsidenten von Buenos Aires Cesareo Cardozo und dessen Ehefrau mittels einer Zeitbombe ermordete.[13] González hatte sich vorher über Monate mit der Tochter des Polizeipräsidenten María Graciela angefreundet. Am Tage des Attentates schlich sich die Montonera unter dem Vorwand, sie müsste einmal zur Toilette in das Schlafzimmer der Eltern ihrer Freundin, um dort unter dem Bett eine Bombe zu installieren, die in der darauf folgenden Nacht explodierte. Angesprochen auf die Frage, ob sie denn kein Mitleid mit ihrer Freundin empfunden habe angesichts des gewaltsamen Todes ihrer Eltern, gab sie später zu erkennen, dass sie tun musste, was zu tun war, da ihr Vater für systematisch betriebene Folterungen an ihren Kameraden verantwortlich gewesen sei. Vielmehr müsse man ihr das Opfer anrechnen, Monate lang mit dem Feind täglichen Umgang gepflegt zu haben.

Zur romantischen Seite des Guerillerodaseins gehörte hingegen das alltägliche Leben in einer revolutionären Zelle. Es herrschte dort gemeinsamer Besitz und große Intimität zwischen den einzelnen Mitgliedern, welche sich vor allem in der „revolutionären Liebe“ äußerte, was das regelmäßige Praktizieren unverbindlichen Geschlechtsverkehrs zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern einer Zelle bedeutete.[14] Man las darüber hinaus gemeinsam theoretische Abhandlungen über das Guerillawesen, wie etwa das 1969 erschiene Minimanual des Brasilianers Carlos Marighella; man gab ferner eigene Zeitschriften und Pamphlete heraus. „Evita Montonera“ sollte zum zentralen Sprachrohr der Montoneros werden und „El Combatiente“ und „Estrella Roja“ waren die identitätsstiftenden Kampfblätter der Erpistas.[15] Man plante schließlich gemeinsam neue Anschläge und lebte in der Zwischenzeit von Zuwendungen durch Sympathisanten sowie durch Gelder, die man im Rahmen bestimmter Straftaten erbeutet hatte. Mitglieder einer Zelle berauschten sich dabei gerne an dem Gedanken, durch das eigene Tun entscheidenden Anteil an einer historischen Wegscheide Argentiniens zu haben, was dazu führte, dass die jungen Leute ohne größere Schwierigkeiten die außerordentlichen Gefahren verdrängten, die mit ihrer Guerillatätigkeit zusammenhingen, einschließlich der Gefahr des Todes, der jeden von ihnen jeden Tag ereilen konnte. Als Ausdruck dieses übersteigerten Selbstbewusstseins, die die Furchtlosigkeit vor dem Tod miteinschloss, können der Marcha Montonera sowie der Marcha del ERP als Kampfhymnen dieser beiden Guerillagruppen betrachtet werden, in denen diese in poetischer Kurzform ihr Selbstverständnis, ihr manichäisches Weltbild, ihr eschatologisches Endzeit- und Endkampfgetue und ihren gesellschaftlich-politischen Anspruch als Guerilleros zum Ausdruck brachten.[16]

Was das Verhältnis zwischen den beiden wichtigsten Guerillerogruppen und den übrigen gesellschaftlichen Segmenten anbelangt, so verfügten die Montoneros bis zu ihrer Zerschlagung in den ersten Jahren der Militärherrschaft über einen breiten Rückhalt in der argentinischen Gesellschaft. Der Rückhalt entstammte zum einen aus der Verbindung zu den peronistischen Jugendorganisationen und zum anderen durch den betonten Mittelklassecharakter, den sich die Montoneros gaben, die nie im Namen des Proletariats, sondern immer im Namen der argentinischen Nation ihre Taten verübten.[17] Durch die Entführung und Ermordung ranghoher Mitglieder der argentinischen Gesellschaft, etwa des Ex-Präsidenten Arumburu 1970, zeigten die Montoneros einer breiten argentinischen Öffentlichkeit, über welche Schlagkraft sie verfügten. Angesichts der weltweiten Ölkrise ab 1973, die in Argentinien Arbeitslosigkeit und Inflation dramatisch anstiegen ließ, schien für immer mehr Menschen aus der argentinischen Mittelschicht die radikalen Methoden der Montoneros die einzige plausible Möglichkeit zu sein, das Land vor dem Chaos zu retten, nachdem weder die letzte Militärdiktatur noch die restaurierte Herrschaft traditioneller peronistischer Politiker ab 1973 imstande waren, die schweren ökonomischen, sozialen und politischen Probleme des Landes zu lösen.[18] Erst vor diesem Hintergrund einer für eine Guerillagruppe sehr weitreichenden sozialen Unterstützung wird verständlich, wieso die Montoneros eine solch mächtiger innenpolitischer Faktor in Argentinien werden konnten. Allerdings wurden die Montoneros mindestens von einem genauso großen Teil der argentinischen Bevölkerung abgelehnt. Insbesondere ist auf die Kluft hinzuweisen, die sich sehr schnell nach der Rückkehr Juan Domingo Peróns aus dem spanischen Exil zwischen den Montoneros und dem peronistischem Establishment auftat, der letztlich zum öffentlichen Bruch zwischen dem greisen Präsidenten und den Montoneros am 01.05.1974 auf der Plaza del Mayo führte.[19] Um das Land vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen und dem totalen Chaos zu bewahren, forderte Perón in seiner Rede am Tag der Arbeit die Montoneros, die zahlreich unter den Zuschauen vertreten waren, dazu auf, der Gewalt abzuschwören und von nun an nur noch zivile Mittel der Konfliktaustragung zu verwenden, woraufhin die Montoneros empört und verärgert den Platz unter dem Ruf verließen: „Wenn Evita noch lebte, dann wäre sie eine Montonera.“[20] In der Folgezeit wurden auch peronistische Funktionäre zur Zielscheibe der Montoneros. Im Gegenzug verfolgte die peronistische Regierung vor allem nach dem baldigen Tode Peróns unter dem Innenminister López – Rega eine gezielte Anti-Guerilla-Politik, welche den Grundstein zur systematischen Repression nach dem Militärputsch vom 26.03.1976 legen sollte.

Die Erpistas hingegen verfügten immer nur über eine eher bescheidene gesellschaftliche Unterstützung, die nie über das Milieu der revolutionären Arbeiterpartei hinausreichte, wenngleich sie die wichtigste Guerilla-Organisation in den ländlichen Regionen im Westen Argentiniens darstellten, da sich die Montoneros vor allem auf die Großstädte des Landes mit dem Zentrum Buenos Aires konzentrierten. Auch die Tatsache, dass die Erpistas eher internationalistisch ausgelegt waren und sich in ihrem Habitus eher am castristischen Kuba und an den damaligen Befreiungsbewegungen in Asien und Afrika ausrichteten, führte dazu, dass ihr Rückhalt bei der argentinischen Mittelschicht relativ gering blieb.[21]

[...]


[1] Luis Alberto Romero, A History of Argentina in the Twentieth Century, 2002, S. 215-220; Donald C. Hodges, Argentinia 1943-1987. The National Revolution and Resistence, 1988, p.210-240.

[2] Julio Santucho, Los últimos Guevaristas – la guerilla marxista en la Argentina, 2004, S.228-229. Santucho, der Bruder des bei seiner Verhaftung getöteten Erpista-Chefs Mario Roberto Santucho, beschreibt hier in einem autobiografischen Resümee, weshalb es den Guerilleros nicht gelungen sei, die Militärdiktatur zu verhindern und selber das politische Ruder in die Hand zu nehmen. Auf andere Jugendkulturen neben derjenigen der Guerilleros geht Santucho dabei mit keinem Wort ein.

[3] Horacio Verbitsky, “Usted no puede fusilar 7000 personas“ – Díaz Bessone admite miles de torturados y ejecutados en la clandestinidad, Página12, 31.08. 2003, http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-24857-2003-08-31.html. In einem Interview gibt Ramón Díaz Bessone Auskunft über die Motive und Hintergründe der Repression der Militärs gegenüber den Guerilleros aus der Sicht eines ehemaligen ranghohen Generals und Ministers unter Jorge Videla. Auch 20 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur könne man die Gefahr, die die Guerilleros als gesamtgesellschaftliche Macht damals für die nationale Souveränität Argentiniens darstellten, nicht hoch genug einschätzen: „Si los revolucionarios subversivos guerrilleros hubieran ganado esa guerra hubieran implantado un dictador al estilo de Fidel Castro o de Guevara. Yo no creo que hubiera durado mucho. Una cosa es Cuba, una isla, que tuvo la protección soviética. Otra cosa es la Argentina, con más de 5000 km de frontera. Nuestro país hubiera sido objeto de invasiones para expulsar a ese gobierno que hubiera sido una amenaza para todos los vecinos. Con lo cual hubiéramos tenido, en tren de hipótesis, una terrible matanza en la región, con guerras locales. Todo eso se evitó al impedir la implantación de ese tipo de gobierno”.

[4] Paul H.Lewis, Guerrillas and Generals – The “Dirty War” in Argentina, 2002, S.14-16.

[5] Liliana Caraballo, Noemí Charlier, Liliana Garulli, La Dictadura (1976-1983) – Testimonios y documentos, 1998, S.31.

[6] Lewis, Guerillas and Generals, S.83-88.

[7] Ebd., S.47. Zu der zahlenmäßigen Stärke der Montoneros gibt es viele Schätzungen: Diejenigen der Militärs schätzen die Stärke dieser Gruppe sehr hoch ein; diejenigen der Menschenrechtsaktivisten schätzen die Stärke der Gruppe relativ gering ein. Lewis diskutiert diesen Sachverhalt ausführlich in seinem Buch. Die hier verwendeten Zahlen folgen der Schätzung des Politikwissenschaftlers Kenneth Johnson, auf die sich auch Lewis bezieht.

[8] Ebd., S.47. Für die Schätzung der Stärke der Erpistas gilt das zu den Montonereos oben gesagte ebenfalls.

[9] Ebd., S.51/52. Die Zahlen, die Lewis nennt, entstammen aus den Arbeiten von María Ollier und María Moyano.

[10] Ebd., S.51.

[11] David Rock, Repression and Revolt in Argentina, in: New Scholar 7:1/2, 1978, S.110-111.

[12] Ebd., S.115.

[13] Alle Details zu diesem Fall sind entnommen: Lewis, Guerillas and Generals, S.68.

[14] Ebd., S. 64-65.

[15] Ebd., S.44; S.67.

[16] Marcha Montonera, Cantitos de los '70, http://www.elortiba.org/cantitos.html; Marcha del ERP, Cantitos de los ’70, http://www.elortiba.org/cantitos.html, Erstveröffentlichung des Textes: Estrella Roja N° 37, 5 de agosto de 1974.

[17] Rock, Repression and Revolt in Argentina, S.112.

[18] Ebd., S.112-113.

[19] Alberto Amato , El día que el general Perón echó a los Montoneros de la Plaza, El Clarín, 30.04.2004, http://www.clarin.com/diario/2004/04/30/p-02201.htm

[20] Lewis, Guerillas and Generals, S.95 („Si Evita viviera, sería Montonera.” “If Evita were alive, she’d be a Montonera.”).

[21] Lewis, Guerillas and Generals, S.38; 45-46.

Details

Seiten
34
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640422265
ISBN (Buch)
9783640422098
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134510
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
Argentinien Militärdiktatur Jugendkultur Jugendkulturen Guerillero Erpista Montonero Rock Nacional Spinetta Gieco García Disco Falklands Malvinas Krieg John Travolta Videla Massera Onganía Galtieri Perón Peronismus Folter Menschenrechtsverletzungen Falklandkrieg Falkland-Krieg Soda Stereo

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Titel: Jugendkulturen während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983)