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Der DGB und das Problem der Trittbrettfahrer

Eine Anwendung Olsons Logik kollektiven Handelns

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mitgliederentwicklung des DGB

3. Die Logik kollektiven Handelns
3.1. Kollektivgüter
3.2. Der rationale Akteur
3.3. Gruppengröße und Handlungsfähigkeit

4. Die Anwendung der Logik auf den DGB
4.1. Die Kritik an der Zwangsmitgliedschaft
4.2. Die Kritik an der Theorie selektiver Anreize
4.3. Streikgeld als selektiver Anreiz?

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Der Zweck von Organisationen ist die Förderung der Interessen ihrer Mitglieder. Während beispielsweise Fußballspieler und Fußballliebhaber Vereine gründen, um ihr Hobby besser zu organisieren, gründen Arbeitergruppen Gewerkschaften, um ihre Interessen besser gegenüber den Arbeitgebern durchsetzen zu können (vgl. Braun 1999: 105). In diesem Sinne ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ein Zusammenschluss einer Vielzahl von Gewerkschaften. Als Dachverband schließt er zwar keine Tarifverträge ab, jedoch fungiert er als politische Stimme und fördert so die Interessen seiner Mitgliedsgewerkschaften und somit auch die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder (vgl. DGB 2009).

Seit Beginn der neunziger Jahre steht der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften vor dem Problem der negativen Mitgliederentwicklung. Unter Berücksichtigung des bereits oben erwähnten Zwecks von Organisationen, müsste man an dieser Stelle zu dem Schluss kommen, dass der DGB und somit auch seine Mitgliedsgewerkschaften nicht die Interessen ihrer Mitglieder fördern und daher die rückläufigen Mitgliederzahlen selbst zu verschulden haben. Doch sind die Forderungen der Gewerkschaften nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen tatsächlich nicht im Interesse der Arbeitnehmer?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die gerechtfertigte die Frage, wie diese Mitgliederentwicklung erklärt werden kann. Eine mögliche Antwort auf diese Frage könnte die von Mancur Olson im Jahr 1965 veröffentlichte Studie „Die Logik kollektiven Handelns“ liefern. In dieser Studie konnte Olson die bis dahin anerkannte Annahme, dass mit steigender Gruppengröße auch die Macht einer Gruppe ansteigt widerlegen und machte auf ein „Paradox im Verhalten von Gruppen“ aufmerksam (vgl. Olson 1991: 21).

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es mit dem Versuch die „Logik kollektiven Handelns“ auf den DGB anzuwenden, eine Erklärung für die negative Mitgliederentwicklung zu finden. Um dies zu erreichen und ein problemorientiertes Arbeiten zu gewährleisten, werden wir uns zunächst mit der Mitgliederstatistik des DGB der vergangenen Jahre beschäftigen, da dieser den Ausgangspunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit darstellt. Ausgehend von dieser Problemdarstellung, werden wir uns dann im folgenden Abschnitt auf die relevanten Aspekte der „Logik kollektiven Handelns“ konzentrieren. Der dritte Teil der Arbeit befasst sich dann mit einer Verknüpfung von Theorie und Empirie. Innerhalb dieses Teils soll aufgezeigt werden, inwieweit die von Olson entwickelten Strategien zur Überwindung des Mitgliedschaftsproblems in Gewerkschaften, auf die Bundesrepublik Deutschland bzw. den DGB übertragbar sind und inwieweit diese Strategien zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden können. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein kurzes Fazit, indem die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst dargestellt werden.

2. Die Mitgliederentwicklung des DGB

Um das Problem der negativen Mitgliederentwicklung des DGB darzustellen ist es nicht notwendig eine Vielzahl von Büchern zu wälzen. Oft reicht es schon aus, wenn man sich mit der Mitgliederstatistik des DGB der vergangenen Jahre beschäftigt. Ein kurzer Blick hierauf verdeutlichen die kontinuierlich sinkenden Mitgliederzahlen.

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DGB Mitgliederzahlen

Datengrundlage entnommen aus: http://www.dgb.de/dgb/mitgliederzahlen/mitglieder.htm (Zugriff 10.03.2009) - Eigene Darstellung

Wie in der Abbildung 1 zu entnehmen ist, verringerte sich die Anzahl der DGB-Gewerkschaftsmitglieder allein von 1991 bis 2008 um 5,43 Millionen Mitglieder. Dies entspricht knapp 54 %. Allerdings müssen wir auch an dieser Stelle den enormen Zuwachs von Gewerkschaftsmitglieder in dem Zeitraum von 1990 bis 1991 erwähnen. Innerhalb dieses Zeitraums konnte der DGB einen Mitgliederzuwachs von 3,9 Millionen neuen Mitgliedern verzeichnen. Dieser reale Zugewinn an Mitgliedern von knapp 50 % ist jedoch nicht auf einen gesteigertes Verlangen der Erwerbspersonen sich zu organisieren zurückzuführen, sondern wurde vielmehr durch die Vereinigung von West- und Ostdeutschland verursacht (vgl. Mielke 2000: 218). Dieser sprunghafte Anstieg von Gewerkschaftsmitgliedern egalisierte sich allerdings in den folgenden neun Jahren, so dass die absoluten Mitgliederzahlen des DGB im Jahre 2001 wieder auf den Stand von 1990 angekommen sind. Aus den rückläufigen Mitgliederzahlen des DGB (Abbildung 1) wird jedoch lediglich aufgezeigt, dass die Anzahl der Gewerkschaftszugänge geringer ist, als die Anzahl der Gewerkschaftsabgänge. Anders ausgedrückt, ist festzustellen, dass die Zahl der austretenden Mitglieder größer ist, als die Zahl der in den DGB Eintretenden.

Nach Wolfgang Streeck gehört der „Organisationsgrad“ zu den gebräuchlichsten Indikatoren für die Stärke einer gewerkschaftlichen Organisation. Dieser bezeichnet den Anteil der abhängig beschäftigten Erwerbspersonen, die gewerkschaftlich organisiert sind und stellt auf diese Weise eine Relation zwischen der Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder und der Gesamtzahl der im Prinzip organisierbaren Erwerbstätigen her (vgl. Streeck 1979: 72).

Wie sich aus Abbildung 2 deutlich erkennen lässt, nimmt auch der Organisationsgrad des DGB in dem Zeitraum von 1991 bis 2007 deutlich ab. Ein direkter Vergleich der Jahre 1991 und 2007 zeigt eine Verringerung des Organisationsgrad von knapp 55 %.

Abbildung 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DGB Mitgliederzahlen; Arbeitskreise „Erwerbstätigenberechnung des Bundes und der Länder“ - Berechnungsstand August 2008
Datengrundlage entnommen aus: http://www.dgb.de/dgb/mitgliederzahlen/mitglieder.htm (Zugriff 10.03.2009), http://www.statistik-
hessen.de/erwerbstaetigenrechnung/arbeitnehmer_wohnort.htm (Zugriff: 15.03.2009) - Eigene Berechnung und Darstellung

Die kurzzeitige, positive Veränderung des Organisationsgrades des Jahres 2001, soll hier allerdings nicht weiter ausgeführt werden, da dieser er keinen Einfluss auf den Negativtrend seit 1991 hat. Man könnte an dieser Stelle allerdings auch von einem positiven Trend im Negativen sprechen, da die Negativentwicklung seit 2001 deutlich schwächer ausgeprägt ist, als in den Vorjahren. Die beständige Verringerung des Organisationsgrades zeigt, dass die Zahl der Erwerbstätigen, also die Zahl der im Prinzip organisierbaren Erwerbstätigen, deutlich stärker steigt, als die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder und macht auf diesem Wege gleich zwei Problemsituationen deutlich.

Wenn man sowohl die sinkenden Mitgliederzahlen des DGB (Abbildung 1), als auch die Verringerung des Organisationsgrades (Abbildung 2) im Zusammenhang sieht, dann wird schnell klar, dass der DGB nicht nur ein Problem in der Mitgliederrekrutierung, sondern auch das Problem hat seinen Mitgliederbestand zu sichern. Doch wie lassen sich diese Entwicklungen erklären? Zum einen verliert der DGB ständig an Mitglieder und zum anderen treten potenzielle Kandidaten für eine Mitgliedschaft nicht in den DGB ein. Besteht denn tatsächlich kein bzw. nur ein geringes Interesse der Erwerbstätigen daran, als Gemeinschaft ihre Interessen zu fördern? Eine Antwort auf diese Frage könnte die von Mancur Olson veröffentlichte Studie „Die Logik kollektiven Handelns“ geben, auf die wir im nächsten Abschnitt eingehen werden.

3. Die Logik kollektiven Handelns

3.1. Kollektivgüter

Ausgangspunkt für Olsons Studie ist das Konzept von Kollektivgütern, welche im Gegensatz zu Individualgüter, durch das Prinzip der „Nichtausschließbarkeit“ und durch die Tatsache gekennzeichnet sind, dass sie nur von Organisationen bereitgestellt werden können und somit Organisations- bzw. Gruppenhandeln erfordern (vgl. Olson 2004: 15).

Unter einem Kollektivgut wird definitionsgemäß ein Gut verstanden, welches durch Konsum nicht verringert wird und keiner Person einer Gruppe vorenthalten werden kann, auch wenn diese keinen Beitrag zur Bereitstellung geleistet hat (vgl. Olson 2004: 13f.; Kunz 2004: 89f.). Als Beispiel für ein Kollektivgut könnte unter anderem der Umweltschutz genannt werden. Sofern sich alle Bürger dazu bereit erklären die nötigen Transaktionskosten auf sich zu nehmen, um sich umweltbewusst zu verhalten, kann die Umwelt nicht nur geschützt, sondern auch verbessert werden. Da keine Person von verbesserten Umweltbedingungen ausgeschlossen werden kann und sich beispielsweise die verbesserte Luft durch Konsum nicht verringert, stellt der Umweltschutz bzw. die verbesserte Umwelt ein Kollektivgut dar (vgl. Kunz 2004: 88f.).

Ähnlich verhält es sich auch mit Gewerkschaften. Als „Zweckgründungen“ (vgl. Braun 1999: 105) versuchen diese die Interessen Ihrer Mitglieder zu verfolgen, indem sie beispielsweise für bessere Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen eintreten, welche für die Arbeitnehmer Kollektivgüter darstellen (vgl. Olson 2004: 66). Gelingt es beispielsweise einer Gewerkschaft bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, so gelten diese für alle Arbeitnehmer in der entsprechenden Kategorie und nicht nur für die Gewerkschaftsmitglieder (vgl. Olson 1991: 23).

3.2. Der rationale Akteur

Dem Rational-Choice-Ansatz und somit Olsons Studie liegt allerdings ein rationaler Akteur zugrunde (vgl. Olson 2004: 2). Dieser trifft in Abwägung von Kosten und Nutzen und mit dem Ziel seinen Nettonutzen zu maximieren seine Entscheidungen. Zwar können alle Mitglieder einer Gruppe ein gemeinsames Interesse an einem Kollektivgut haben, jedoch teilen sie sich ebenso das Interesse, die Kosten die zur Bereitstellung des Gutes benötigt werden, so gering wie möglich zu halten oder wenn möglich, gar zu vermeiden (vgl. Braun 1999: 106). Hieraus ergibt sich das sogenannte Trittbrettfahrer-Dilemma (vgl. Braun 1999: 106). Da der einzelne Akteur, sofern das Gut bereitgestellt wird, nicht von diesem ausgeschlossen werden kann und dieses durch Konsum nicht verringert wird, agiert ein rationaler Akteur als „Trittbrettfahrer“ (vgl. Braun 1999: 106). Mit diesem Begriff werden Personen bezeichnet, die ohne einen Beitrag für einem Kollektivgut geleistet zu haben, ihren Nutzen aus ihm ziehen (vgl. Kevenhörster 2007: 345).

Nach Olson muss es daher andere Gründe, als das gemeinsame Interesse am Kollektivgut, für eine freiwillige Partizipation rationaler Akteure geben (vgl. Olson 1991: 23f.). Hierbei stellte er eine eindeutige Beziehung zwischen der Gruppengröße und ihrer Handlungsfähigkeit bzw. der Fähigkeit zur Bereitstellung von Kollektivgütern fest (vgl. Kunz 2004: 91). Olson unterscheidet hier zwischen der privilegierten, der mittleren und der latenten Gruppe, ohne sich dabei über die genaue Zahl der benötigten Mitglieder zu äußern.

[...]


Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640426263
ISBN (Buch)
9783640423828
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134438
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Olson Logik kollektiven Handelns Rational Choice Gruppen Gruppengröße Handlungsfähigkeit kollektive Güter öffentliche Güter Trittbrettfahrer free rider Gewerkschaft DGB Mancur Olson Mitgliederentwicklung Kollektivgüter

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Titel: Der DGB und das Problem der Trittbrettfahrer