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Die integrative Funktion des Selbst

in Hermann Hesses Demian und C. G. Jungs Tiefenpsychologie

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Beginn des Individuationsprozesses
1.1. Konfrontation mit den zwei Welten
1.2 Die Konfrontation mit dem Schatten

2. Das Selbst
2.1. Auf dem Weg zum Selbst: (symbolische) Träume
2.2. Der schöpferische Prozess
2.3. Das Selbst als imago Dei – Götter der Gegensätze

3. Christlicher Dualismus

Abschließende Überlegungen

Anhang

Literaturangaben

Einleitung

Beständig möchte ich mit Entzücken auf die selige Buntheit der Welt hinweisen und ebenso beständig daran erinnern, daß dieser Buntheit eine Einheit zugrunde liegt; beständig möchte ich zeigen, daß Schön und Häßlich, Hell und Dunkel, Sünde und Heiligkeit immer nur für einen Moment Gegensätze sind, daß sie immerzu ineinander übergehen.[1]

Der christliche Glaube spaltet die Welt in zwei nicht miteinander zu vereinbarende Bereiche. Zwar muss davon ausgegangen werden, dass „die ursprüngliche christliche Anschauung der imago Dei, verkörpert in Christus, [...] zweifellos eine allumfassende Ganzheit [...]“ darstellt, dennoch „mangelt das Symbol Christi der Ganzheit im modernen Sinne, [da] es die Nachtseite der Dinge expressis verbis nicht mit ein-, sondern als luziferischen Gegenspieler ausschließt.“[2] Indem das praktizierte, exoterische Christentum[3] also einen Gott und einen Teufel schafft, die sich in ihren Gegensätzen von Gut und Böse widersprechen, sodass sie keinen gemeinsamen Schnittpunkt aufweisen, schafft die Bibel eine nicht zu überbrückende Dualität im christlichen Glauben. Anders sieht es in fernöstlichen Religionen aus, in denen Gottheiten wie ein Shiva oder eine Kali ebenso zerstörerisch wie lebensspendend in ein und derselben Wesenheit sind. Anstatt eine gute und eine böse Gottheit zu erschaffen, entstehen polare Wesen, die, durch ihre unterschiedlichen Aspekte, die Überbrückung der Gegensätze in einer einzigen Gottheit symbolisch ermöglichen und somit auf die Einheit verweisen, die der Polarität zugrunde liegt. Ebensolch einen polaren Charakter weist auch die sogenannte „Große Mutter“ als älteste aller Götterfiguren auf: Sie gebiert und verschlingt, ist Mann und Frau, spendet Leben und Tod.[4] Im vorliegenden Roman wird sie uns als Figur der Frau Eva, imago Dei und damit als Archetyp des Selbst begegnen.

Eben jene Problematik der Unvereinbarkeit der Gegensätze thematisiert Hermann Hesse, im Demian[5]. Der Protagonist des Romans erlebt die Unvereinbarkeit der (christlich-dualen) Gegensätze als Krise, die ihn auf einen von Jungs Psychologie geprägten, geradezu paradigmatischen Individuationsprozess führt. Im Folgenden werde ich aufzeigen, wie die Suche nach dem Selbst, das am Ziel des Individuationsprozesses steht, zwangsläufig auch nach einem neuen Verständnis von Gut und Böse verlangt, da der Abschluss der Selbstfindung einer Integration der hellen wie der dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit und des Lebens schlechthin bedarf. Ich werde meinen Fokus also auf die Rolle der Einheit der Gegensätze im Individuationsprozess richten und damit nach der „integrativen Funktion“[6] des Selbst fragen.[7]

1. Beginn des Individuationsprozesses

1.1 Konfrontation mit den zwei Welten

Für mich, der ich zwar christlich-protestantisch erzogen, dann aber in Indien und China geschult bin, sind alle Zweiteilungen der Welt und der Menschen in Gegensatzpaare nicht vorhanden. Für mich ist erster Glaubenssatz die Einheit hinter und über den Gegensätzen. [...] Denn einzig darin besteht für mich das Leben, im Fluktuieren zwischen zwei Polen, im Hin und Her zwischen den beiden Grundpfeilern der Welt.[8]

Dieses Weltbild Hesses spiegelt sich auch im Demian wieder. Bereits zu Beginn lässt er den Protagonisten auf die Polarität der Welt hinweisen: „Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und Nacht.“[9] Allerdings ist es an dieser Stelle wichtig festzuhalten, dass der gesamte Roman aus der reflektierten Perspektive eines bereits gereiften Erzählers quasi nacherzählt wird, wobei er bei den frühesten, für den Individuationsprozess relevanten Ereignissen beginnt. Dieser reifere Erzähler hat seinen Individuationsprozess bereits hinter sich (insofern dieser Prozess überhaupt abschließbar ist[10] ) und ist somit auch im Stande, das Wesen der Polarität zu begreifen. Der an dieser Stelle noch knabenhafte Ich-Erzähler dagegen empfindet die Welt, in der er lebt, bereits als eine Welt voller Gegensätzlichkeiten, die einander zwar ausschließen (womit das Konzept der Dualität angesprochen wird), aber doch sehr eng beieinander liegen.[11] Er selbst lebt in der lichten Welt des christlich geprägten[12] Elternhauses[13], ist sich aber bewusst, dass die andere dunkle Welt bereits im eigenen Hause beginnt[14] und „[...] lebte sogar zuzeiten am liebsten in der verbotenen Welt[...].“[15]

Durch die reflektierte Perspektive des Erzählers wird bereits an dieser Stelle auf die Denkform der Polarität hingewiesen, die Gut und Böse als zwei Seiten eines Ganzen versteht, ganz so wie Hesse selbst die Welt im oben zitierten Paragraphen beschreibt. Es handelt sich dabei um ein dem Bewusstsein nur schwer zugängliches, da paradoxales, Konzept der conjunctio oppositorium[16]. In dem man die Polarität erkennt, erkennt man schließlich auch die conjunctio, das heißt die der Polarität zugrunde liegende Einheit.

Diesem Konzept nähert sich auch das Individuum, welches sich auf dem Weg der Individuation befindet, schrittweise. „Ziel des Prozesses ist es, dass wir im Laufe des Lebens immer mehr der oder die werden sollten, die wir eigentlich sind, immer echter, immer mehr wir selbst, immer stimmiger mit uns selbst.“[17] Ein solcher Prozess kann durch verschiedene Anstöße ausgelöst werden, wobei die „Auseinandersetzung mit der Mitwelt“[18] eine Möglichkeit darstellt, so wie es auch im vorliegenden Roman geschieht, wobei die Krise den Protagonisten im Verlauf des Individuationsprozesses aus der Dualität hin zur Polarität führt.

1.2 Die Konfrontation mit dem Schatten

Der Schatten ist ein moralisches Problem, welches das Ganze der Ichpersönlichkeit herausfordert, denn niemand vermag den Schatten ohne einen beträchtlichen Aufwand an moralischer Entschlossenheit zu realisieren. Handelt es sich bei dieser Realisierung doch darum, die dunklen Aspekte der Persönlichkeit als wirklich vorhanden anzuerkennen. Dieser Akt ist die unerläßliche Grundlage jeglicher Art von Selbsterkenntnis.[19]

Im Individuationsprozess, geht es also generell auch darum, die unterschiedlichen, „guten“ wie „schlechten“, Seiten zu integrieren, sodass man auch von einem Integrationsprozess sprechen kann. Das mit der Mitwelt in Konfrontation geratene Individuum begegnet zunächst seinem eigenen Schatten, denn „die Begegnung mit sich selber bedeutet zunächst die Begegnung mit dem eigenen Schatten.“[20] In Jungs Tiefenpsychologie steht der Archetyp des Schattens für die eigenen dunklen, unterdrückten Seiten im Menschen, es handelt sich sozusagen um die „Kehrseite der bewussten Persönlichkeit“[21]. „Die Integration fundamentaler archetypischer Bilder in das Bewusstsein des Individuums [stellt wiederum einen] notwendig[en] Schritt im Prozess der Selbstverwirklichung [dar].“[22] Im Demian tritt der Schatten als personifizierter[23] Archetyp in der Gestalt des Franz Kromer auf. Er wird als groß, kräftig und roh[24] charakterisiert und Sinclair fürchtet[25] ihn, der jener anderen Welt angehört.[26] Nachdem er dem Älteren die erlogene Geschichte von den gestohlenen Äpfeln[27] erzählt, woraufhin dieser ihn erpresst, bezeichnet Sinclair Franz Kromer als Teufel, der seine Hand hielt[28], was er als eigentliche Sünde, also schlimmer als das Lügen empfindet.[29] In diesem Moment bricht für den Ich-Erzähler seine bisherige Welt zusammen[30], was er als Einbruch des Chaos über sich empfindet.[31] Hier wird deutlich, dass es sich bei jener chaotischen Welt[32], von der er da spricht, um das Unbewusste handeln könnte; Sinclair sitzt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln auf der untersten Stufe[33] und sieht deutlich vor sich, dass es nun immer tiefer hinabgehen wird[34], was man bei einer jungianischen Lesart[35] sicherlich als das Hinabsteigen ins Unbewusste lesen kann. Dass gerade Lina, die Magd, die Sinclair der dunklen Welt zuordnet[36], ihn dort unten findet[37], unterstreicht zusätzlich die Symbolik der Treppe, die darüber hinaus noch verschärft wird, da Sinclair nun die Stufen wieder hinauf steigt[38] und das Haus betritt und sein Blick zuerst auf „Hut“ und „Sonnenschirm“ der Eltern fällt und ihm sofort „Heimat und Zärtlichkeit“ entgegenströmt.[39]

[...]


[1] Hesse, Hermann, Die Einheit hinter den Gegensätzen, Hrsg.: Volker Michels, Insel Verlag, 2002, S. 11.

[2] Jung, C. G., Aion, Beiträge zur Symbolik des Selbst, GW zweiter Halbband 9, Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1976, S. 51.

[3] Das mystische, esoterische Christentum ist hier wie oben angedeutet vom offiziellen nach außen gewandten Christentum zu unterscheiden.

[4] Vgl. hierzu bspw. Neumann, Erich, Die Grosse Mutter, Walter Verlag, Zürich und Düsseldorf, 1974 oder Husain, Sharukh, Die Göttin, Knaur, München, 1998.

[5] Hesse, Hermann, Demian, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, 2000 (erste Buchausgabe Berlin, 1919).

[6] Vgl. Tietze, Henry G., Imagination und Symboldeutung, Ariston Verlag, Genf, 1985.

[7] Ich werde mich im Folgenden allerdings nicht darauf konzentrieren, einen kompletten Individuationsprozess, wie ihn Jung beschreibt, im Demian nachzuweisen, vergleichbare Literatur hierzu wäre bspw. David G. Richards, The Hero` s Quest for the Self an archetypal approach to Hesse`s Demian and other novels, University Press of America, Lanham, 1987.

[8] Hesse, Hermann, Die Einheit hinter den Gegensätzen, a. a. O., S. 16 und S. 11.

[9] Hesse, Hermann, Demian, a. a. O., S. 9.

[10] „Ganzwerden ist eine Utopie. Wir sind bestenfalls auf dem Weg.“ Kast, Verena, Wir sind immer unterwegs, Gedanken zur Individuation, Walter Verlag, Zürich und Düsseldorf, 1997, S. 15.

[11] „Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah sie beisammen waren!“ Hesse, Hermann, Demian, a. a. O., S. 10.

[12] Assoziationen zum Elternhaus sind u.a. das Singen des Morgenchorals, Weihnachten, die Beichte oder das Bibelwort. Vgl. ebd., S. 9.

[13] „Die eine Welt war das Vaterhaus.“ Ebd.

[14] „Die andere Welt indessen begann schon mitten in unserem eigenen Hause.“ Ebd.

[15] Ebd., S. 11.

[16] [...] jeder Versuch, Gut und Böse mit der Denkform der Polarität in Verbindung zu bringen, führt die Schatten des großen, des ungeheuerlichen Gedankens der conjunctio oppositorium herauf. [...] das menschliche Bewusstsein sieht sich gefragt nach seiner Fähigkeit, dem Paradoxon sich zu öffnen.“ Seifert, Friedrich, Psychologische Aspekte des Problems von Gut und Böse, S. 7-28, in: Gut und Böse in der Psychotherapie, Hrsg.: Dr. med. Dr. phil. Bitter, Wilhelm, Stuttgarter Gemeinschaft „Arzt und Seelsorger“, Stuttgart, 1959, S.12.

[17] Kast, Verena, Trotz allem ich, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2003, S. 118.

[18] Ebd., S. 118f.

[19] Jung, C. G., Aion, Beiträge zur Symbolik des Selbst, a. a. O., S. 17.

[20] Jung, C. G., Archetypen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1990, S. 24.

[21] Vgl. Tietze, Henry G., Imagination und Symboldeutung, a. a. O.

[22] Gohar, Soheir, Der Archetyp der Großen Mutter in Hesses „Demian“ und Gerhard Hauptmanns „Insel der Großen Mutter“, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1987, S. 67.

[23] Da wo Jung auf einer psychologischen Ebene von Projektionen spricht, schafft Hesse auf der literarischen Ebene Personifikationen.

[24] Hesse, Hermann, Demian, a. a. O., S. 12.

[25] Ebd.

[26] Ebd., S. 16.

[27] Zum Thema des Apfels als Symbol einerseits des Selbst andererseits der Erkenntnis vgl. Abs. 3.

[28] Ebd., S. 19.

[29] Ebd.

[30] Ebd., S 16.

[31] Ebd.

[32] Das Chaos lässt sich als Hinweis auf das Reich der Mutter lesen, die wiederum das Chthonische und Chaotische des Unbewussten und damit das Unbewusste selbst verkörpert. Vgl. hierzu Gohar, Soheir, Der Archetyp der Großen Mutter in Hesses „Demian“ und Gerhard Hauptmanns „Insel der Großen Mutter“, a. a. O.

[33] „Ich setzte mich im Dunkel auf die unterste Stufe unserer Haustreppe.“ Hesse, Hermann, Demian, a. a. O., S. 18.

[34] Ebd., S.19.

[35] Jung spricht bspw. davon „[...] in einen tiefen Schacht hinunter zu steigen“, wenn es um das Unbewusste geht. Jung, C. G., , Aion, Beiträge zur Symbolik des Selbst, a. a. O, S. 80.

[36] Hesse, Hermann, Demian, a. a. O., S. 10.

[37] Ebd. S. 18.

[38] Ebd.

[39] „[...] und ging hinauf. Am Rechen neben der Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter, Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von all diesen Dingen entgegen [...].“Ebd. Man könnte sogar so weit gehen, die Glastüre als symbolische Trennwand zu lesen, die zwar abgrenzt, aber gleichzeitig auch die Sicht auf das Dahintergelegene ermöglicht und somit ihrerseits die Nähe der beiden Welten unterstreicht.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640426171
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134416
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi - Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
C. G. Jung Hermann Hesse Demian Archetypen Tiefenpsychologie Abraxas Dualität Polarität Selbst coincidentia oppositorum Schatten Christentum

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