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Arthur Schopenhauers Bejahung des Willens zum Leben in seiner "Metaphysik der Sitten"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literatur

1. Die Bejahung des Willens „für die Erkenntniß“

2. Die freie Bejahung?

3. „Cap. 5. Von der Bejahung des Willens zum Leben.“
3.1 Die Bejahung des Leibes
3.2 Die Rolle der Erkenntnis
3.3 Weiterführende Bejahungen
3.4 Das Geschlechtliche als Bejahung des Willens

4. Fazit

Literatur

- Arthur Schopenhauer, Metaphysik der Sitten = Philosophische Vorlesung 4, 1820, aus dem handschriftlichen Nachlass hg. von Volker Spierling, München, Piper 1985.

Bekannter als die Bejahung des Willens zum Leben ist im Denken des aus Danzig stammenden Philosophen Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) zweifellos die Idee von der Verneinung des Willens als der wirklichen, endlichen und vollständigen Aufhebung des von ihm als stets leidvoll erkannten Lebens geworden – eine Handlung, zu deren Vollzug allein der Mensch als intellektbegabt befähigt ist, da er als einziges Wesen die notwendigen Anlagen zu einer hierfür ausreichenden Erkenntnis seiner selbst und der Welt als Vorstellung und Wille besitzt; zwar muss derjenige Mensch, welcher sich verneinend gegen das Urprinzip, den ewigen Willen, richtet, keine philosophischen Einsichten über das Gefüge der Welt und seine eigene Stellung darin erlangt haben und besitzen, dennoch ist eine gewisse Erkenntnis dieses nach Schopenhauer wahren Wesens der Welt, also eben des einen Willens, dessen Treiben ja wiederum negiert werden soll (worunter zuletzt auch der Wegfall der zwar vom Willen stets und ständig hervorgebrachten, aber dennoch in gewisser Weise unabhängigen Vorstellung fällt), unbedingt notwendig. So sind, um den Willen verneinen und sich damit jenem Zustand nähern zu können, den Schopenhauer als Heiligkeit bezeichnet, keine transzendentalen Gedankengänge erforderlich, welche die philosophisch proklamierte wirkliche Anlage der Welt erfassen – der Verneinende muss demnach, um den Willen verneinen zu können, keine abstrakte Erkenntnis vom Willen besitzen, wie sie sich für uns verständlich bei Schopenhauer expliziert findet, ihm reicht dazu eine intuitive Erkenntnis aus, welche durch ganz verschiedene Motive, z.B. religiöse Dogmen, intellektuell gerechtfertigt werden kann und welche sich besonders an der Einsicht des immer und allgemein gegenwärtigen Leidens in der Welt festmacht, wodurch schließlich das erkennende Individuum zur, ihm tatsächlich offen stehenden, Erlösung davon angetrieben wird. Jene Tatsache, dass allein dem Menschen eine solche Erkenntnis der Dinge und ihrer Verhältnisse möglich ist und für ihn zum „Quietiv des Willens“ werden kann, zum Beruhigungsmittel desjenigen blinden Dranges also, der sich gleichsam in jedem Lebewesen, ja, in jeder einzelnen Erscheinung unserer Umgebung und der Natur kundtut, zeichnet ihn vor allen anderen rezenten Gattungen von Organismen aus und könnte dementsprechend als spezifisch menschlich bezeichnet werden. Schon von Schopenhauer selbst wurde jedoch festgestellt, dass dieser eine Drang, der scheinbar allmächtige Wille, in der menschlichen Wirklichkeit kaum im angegebenen Sinne verneint wird – äußerst selten findet sich eine Persönlichkeit, die bereit und in der Lage dazu wäre, nicht nur ihr individuelles Leben, sondern auch den Willen, der es hervorbrachte und in der Gegenwart erhält, zu verneinen. Der bei weitem überwiegende Teil der Menschheit stattdessen fristet mit der Erreichung anderer Ziele das Dasein, sofern überhaupt Lebensziele gesteckt werden; und selbst die ‚rare Spezies’ der Verneiner des Willens zum Leben muss, um überhaupt negierend (d.h. unterlassend) tätig werden zu können, von einem anderen Zustand als der Basis für ihr Handeln ausgehen, von einem positiven nämlich: es ist dies Grundzustand des Willens und der Welt mit all ihren Erscheinungen – die Bejahung. Das ursprüngliche und eigentliche Wesen des Willens ist die Bejahung – schon, indem er eine Welt der Erscheinung hervortreibt (unsere kausale Welt mit ihren notwendigen Komponenten des Raumes und der Zeit nämlich, welche uns mittels der Vorstellung unmittelbar gegeben wird und durch welche sich der Wille wiederum selbst zu erkennen imstande ist), bejaht sich der Wille zum Leben selbst! Die Bejahung ist des Willens ewiger Grundzustand, der nach Schopenhauer das allgegenwärtig und immerzu erscheinende Wesen der Welt ausmacht, wohingegen die im öffentlichen Bewusstsein vielleicht bekanntere Verneinung des Willens zum Leben, welche ja im Ganzen von nur sehr wenigen menschlichen Individuen wirklich vollzogen wird, wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein anmuten mag, denn das Ausmaß dieser Bejahung ist schlicht und ergreifend so groß wie das All. – Uns allen unmittelbar gegeben und unreflektiert zu Eigen ist also nur die Bejahung des Willens zum Leben.

1. Die Bejahung des Willens „für die Erkenntniß“

Dezidiert dieser Bejahung ist in der Vorlesung über die „Metaphysik der Sitten“, einer rein deskriptiven Ethik, das fünfte Kapitel („Von der Bejahung des Willens zum Leben.“) gewidmet. Doch greift Schopenhauer die Thematik innerhalb dieser Vorlesung bereits an früherer Stelle auf, nämlich im zweiten Kapitel („Ueber unser Verhältniß zum Tode.“), wo er die Bejahung des Willens „für die Erkenntniß“ (Schopenhauer, S. 75) beschreibt. Diese, eine Art intellektuelle Bejahung des Willens, sei dann vorhanden, wenn der Mensch auch geistig und nicht nur unbewusst den Standpunkt der Natur einnimmt, sich also reflektierend darüber klar wird, dass er seinen Tod nicht zu fürchten braucht, da dieser – wie auch Zeugung und Geburt – unmittelbar und notwendig zum Leben gehört und der individuellen Existenz des Menschen, welche ja ohnehin eine bloße Ausprägung des Willens vorstellt, rein gar nichts anhaben kann. Wenn der Mensch also auf diese Stufe der Besonnenheit gelangt und daraus gleichsam einen gewissen Lebensmut schöpft, wenn er demzufolge einsieht, dass er lediglich als individuelle Erscheinung, als eine Objektivation des Willens mit dem Tode endet, sein eigentliches Wesen (welches eben im ewig weiter bestehenden Willen zu suchen ist) hingegen vom Ende seines Lebens unberührt bleibt, so hat er auch in der bewussten Erkenntnis den Standpunkt der vollständigen Bejahung des Willens zum Leben eingenommen. Eine unbewusste Kenntnis von der Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit des Todes für das eigene Wesen aber besitzt der Mensch laut Schopenhauer ohnedies (a.a.O., S. 70ff.) – sie sei ihm intuitiv, quasi instinktiv gegeben: wir leben zumeist ohne die bewusst vergegenwärtigte Erkenntnis von der uns sicheren Gefahr des Ablebens in einer natürlichen Sorglosigkeit und nur der direkte Gedanke an den eigenen Tod vermag uns zu erschrecken. Zwar ist diese intuitive Kenntnis, welche übrigens wegen ihrer Nicht-Begrifflichkeit nicht zwangsläufig weniger sicher sein muss, welche uns immerhin sorgenfrei hält und vielleicht auch als die natürliche Haltung des Menschen, ja aller Vorstellungswesen, bezeichnet werden könnte, nicht die eben beschriebene Bejahung des Willens für die Erkenntnis, die ja gerade eine Einsicht in die Metaphysik des Willens in Bezug auf unsere Lebenserscheinung voraussetzen würde, dennoch erscheint in ihr die Bejahung – in diesem zweiten Kapitel, wie angesprochen, zunächst unter dem Aspekt des begrenzten Lebens resp. des Todes. Schon daraus wird erkennbar, dass Schopenhauer die Bejahung des Willens als Normalität und Basis für die menschliche Existenz, für das Leben des Menschen, ja für das aller Lebewesen überhaupt ansieht.

Ganz und gar nicht mehr auf den Aspekt des beschränkten Lebens bezogen (dieses allerdings einschließend) formuliert Schopenhauer (a.a.O., S. 75) ganz abstrakt den Normalzustand, welcher darin bestehe, dass der Wille sich schon immer selbst bejaht, indem er sich die Vorstellung gibt. Er wirkt also, sich unaufhörlich bejahend, zur Erkenntnis seines eigenen Wesens – im wahrnehmenden und erkennenden Lebewesen – hin, eine Erkenntnis, die bereits mit der Vorstellung stattfindet. Des Willens eigenes Wesen wird ihm so durch sich selbst deutlich gegeben; die Erkenntnis seiner selbst wird von ihm, dem blinden Drang, gewollt und im Instrument „Mensch“ erreicht. Danach wirkt eine weitere, spezifisch menschliche Erkenntnis, die dem Normalmenschen im Zuge der Vorstellung zueigen wird, (noch) nicht hemmend auf den Willen, denn sie ist v.a. eine Erkenntnis der Taten und empirischen Begebenheiten, wie sie eben jeder Mensch besitzt, doch dazu später mehr. All dies versteht Schopenhauer unter der dem Willen eigenen Bejahung seiner selbst.

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Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640421268
ISBN (Buch)
9783640421237
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134191
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,7
Schlagworte
Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung Metaphysik der Sitten Bejahung Wille zum Leben Philosophie Verneinung Ethik Theoretische Philosophie Praktische Philosophie

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Titel: Arthur Schopenhauers Bejahung des Willens zum Leben in seiner "Metaphysik der Sitten"