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Klassismus und Social Justice

Dialogisches Training vor dem Hintergrund klassenzugehöriger Diskriminierung

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

GLIEDERUNG

Einleitung

1. Klassismus
1.1 kurzer Diskurs von „Klassenbegriffen
1.2 Aktualität in Deutschland

2. Social Justice Programm /Training
2.1 Heterogenität von deutschem und amerikanischem Modell
2.2 Reflexion eigener Erfahrungen

Schlusswort

Bibliografie

EINLEITUNG

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) regelt, wann eine Diskriminierung [...] vorliegt und welcher Rechtsschutz Betroffenen zur Verfügung steht. Darüber hinaus gibt es Benachteiligungen, die ungerecht/diskriminierend erscheinen, die aber von keinem Gesetz erfasst werden.“

(vgl. http://www.agg-ratgeber.de/begriffe.php?lang=de)

Am 14. August 2006 trat in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz, in Kraft. Diese im Bürgerlichen Gesetzbuch verankerte Regelung soll Benachteiligungen und Diskriminierung von Menschen oder Gruppen ohne sachlich gerechtfertigten Grund

verhindern und mitunter sogar beseitigen (vgl.
http://bundesrecht.juris.de/agg/index.html).

Vor dem Hintergrund dieses Gesetzes ist eine genauere Betrachtung von Diskriminierung als kollektives Handlungsmuster notwendig. Im öffentlichen Raum scheint diese Form der Interaktion größtenteils verpönt. Im Privaten aber, beim Gespräch mit Freunden, innerhalb der Familie oder in alltäglichen Situationen außerhalb der eigenen Vier-Wände findet Diskriminierung, sowohl unbewusst als auch willentlich, kontinuierlich Anwendung. Bezeichnenderweise wird das unmittelbare oder direkte Diskriminierung genannt (vgl. Czollek, Weinbach 2008, S.62). Beispiele hierfür lassen sich vielfach nennen. Verdeutlichen lassen sich diese durch herabwürdigende Äußerungen oder tätliche Angriffe, da diese Formen der Diskriminierung am offensichtlichsten auftreten. Daneben wird innerhalb der EU-Richtlinien zur Gleichbehandlung aber auch von mittelbarer Diskriminierung gesprochen, nämlich dann, wenn „Diskriminierung in der Praxis [...] subtile Formen annimmt“ (vgl. Czollek, Weinbach 2008, S.63) und somit weiterhin Benachteiligungen existieren, die aber den Anschein erwecken, als wären es neutrale Vorschriften. Dies wird nur von Wenigen und den Betroffenen selbst durchschaut.

Diskriminierung wird in verschiedenen Kontexten ebenso verschieden definiert. In diesem sozialwissenschaftlichen Zusammenhang korreliert der Begriff der Diskriminierung mit Demütigung, Erniedrigung, „Geringschätzung, Herabsetzung,

Benachteiligung und Entwertung“ (vgl. http://www.sign-lang.uni
hamburg.de/projekte/slex/seitendvd/konzepte/l50/l5090.htm). Diskriminierung in

diesem Sinne trifft somit Menschen, die in irgendeiner Weise Träger von angeblich signifikanten Eigenschaften wären, welche in irgendeiner Form von der gesellschaftlich vorgegebenen Norm abweichen. Dieses Abweichen ist in aller Regel auf Vorurteilen begründet und entbehrt jeglicher wissenschaftlich-belegten Grundlage.

Ein weniger diskutiertes und dennoch hoch aktuelles Thema ist in diesem Rahmen Klassismus als eine eigenständige Form von Diskriminierung, neben den der Öffentlichkeit Bekannteren wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder Behindertenfeindlichkeit. Da öffentlich jedoch Einkommensverhältnisse, Geld oder Klasse wenig und selten thematisiert werden und meist nur in Verbindung mit den anderen genannten Diskriminierungsformen betrachtet wurden, scheint Klassismus als Diskriminierungsform bisher keine große Rolle gespielt zu haben. „Shame at being poorer or richer than others leads to secrecy and silence. This silence powerfully maintains the invisibility of class“ (vgl. Leondar-Wright, Yeskel 2007, S.314). Erst jetzt als Reaktion auf die Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere wird Klassismus gesellschaftlich problematisiert.

Im Folgenden soll Klassismus in seiner diskriminierenden Struktur einmal genauer mit Blick auf die heterogenen Definitionen von Klassenbegriffen und auf seine Aktualität in Deutschland hin untersucht werden. Denn nur durch eine genaue Kenntnis von Klassismus als separat funktionierende Diskriminierungsform bekommt es die Relevanz, die es gesellschaftlich so noch nicht inne hat.

Daran anschließend wird das „Social Justice Training“, sowohl in seiner ursprünglich amerikanischen, als auch in adaptierter deutscher Version ebenfalls Thema dieser Arbeit sein, da es ein zentraler Aspekt von Social Justice ist die einzelnen Formen von Diskriminierung aufzuzeigen und in diesem Zusammenhang „die Vielfalt von Diskriminierungen ernst zu nehmen und in horizontalen und vertikalen Verbindungen untereinander zu betrachten“ (vgl. Czollek, Weinbach 2008, Broschüre).

1. KLASSISMUS

Der in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten entstandene Begriff Klassismus „[...] bezeichnet die Diskriminierung oder Unterdrückung aufgrund der Klassenzugehörigkeit oder der Klassenherkunft“ (vgl. Kemper 2008, S.50), die sowohl auf institutioneller und struktureller, als auch auf individueller Ebene stattfinden kann. Andere synonym verwendete und populärere Begriffe sind „Klassenwiderspruch“ oder auch „Klassenrassismus“.

Chuck Barone, ein Theoretiker für Klassismus, unterscheidet drei Ebenen von Klassismus, die mittlerweile auch in Deutschland rezipiert werden:

- Die Makro-Ebene umfasst „institutionell bedingte Unterdrückung einer Klasse durch eine andere vor allem durch ein bestimmtes polit-ökonomisches System“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Klassismus).
- Auf Meso-Ebene sind Unterdrückungsmechanismen angesiedelt, die sich innerhalb von Gruppen mithilfe von negativen Vorurteilen und Stereotypen manifestieren und durch die Medien, beispielsweise, aufrecht erhalten oder sogar konstruiert werden.
- Die Mikro-Ebene bezieht sich auf die individuelle Diskriminierung eines jeden Einzelnen durch seine Äußerungen, Einstellungen und seine Interaktionen.

Grundsätzlich sind diese einzelnen Ebenen miteinander verschränkt und funktionieren, zumindest auf Meso- und Mikro-Ebene, nicht nur als Top-Down-Praxis. Diskriminiert wird auch von unten nach oben, da von Reichen ebenso unterschiedliche Stereotypen existieren, wie von Armen. Für das Verständnis der Mechanismen von Klassismus ist es jedoch wesentlich, dass „[d]ie jeweiligen einzelnen Korrelationen zwischen einer abhängigen Variablen [...] und sogenannten unabhängigen Variablen, wie Geschlecht, Alter, Religion, ja selbst Ausbildungsniveau, Einkommen, Beruf [...] tendenziell das umfassende System der Beziehungen [verschleiern], auf denen in Wirklichkeit Stärke und Ausprägung der innerhalb einer solchen Korrelation registrierten Effekte beruhen“ (vgl. Bourdieu 1982, S.178).

1.1 kurzer Diskurs von Klassenbegriffen

Den Begriff der „sozialen Klasse“ und der sinnverwandten Termini, wie Schichten, Milieus oder sozialen Lagen zu eruieren, ist für ein Verständnis von Klassismus unabdingbar, da diese Einteilung von Menschen aufgrund ihres ökonomischen, sozial- oder bildungspolitischen Status die Basis für diese Form der Diskriminierung darstellt. Jedoch muss darauf verwiesen werden, dass eine komplexe und ganzheitliche vergleichende Analyse unterschiedlicher Definitionsansätze hier nicht Gegenstand dieser Arbeit sein kann und deswegen der Begriff der „sozialen Klasse“ nur kurz und ausschließlich in seiner Heterogenität erläutert wird.

Nach Stefan Hradil, Soziologe, lässt sich die europäische Sozialgeschichte stark vereinfacht in eine typische Aufeinanderfolge von Gefügen sozialer Ungleichheit gliedern - beginnend bei den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständen, über die Klassen- und Schichtengesellschaft, bis hin zu den heutigen komplexen Soziallagen und Milieus. „Als Stände im allgemeinem Sinne werden Gruppierungen innerhalb eines Gefüges sozialer Ungleichheit bezeichnet, deren Zugehörigkeit in der Regel durch 'Geburt' zustande kommt, deren Existenzbedingungen und Lebensweisen darüber hinaus weitgehend geregelt und in ihren Abgrenzungen von anderen Ständen genau festgelegt sind“ (vgl. Hradil 2001, S.37). Diese Ständegesellschaft war gegliedert in Adel, Geistlichkeit und Bürgertum bzw. Bauernschaft und oftmals ein Leben lang festgelegt.

Mit Ende des 18.Jahrhunderts etablierte sich in Mitteleuropa die Bezeichnung der „Klassen“. Eigenes Kapital und Besitz wurde in diesen frühindustriellen Gesellschaften wichtiger und somit werden in den heutigen Sozialwissenschaften jene Gruppen als „soziale Klassen“ bezeichnet, „die aufgrund ihrer Stellung innerhalb des Wirtschaftsprozesses anderen Gruppierungen über- oder unterlegen sind“ (vgl. ebd., S.38). So entstanden beispielsweise durch unterschiedliche Machtpositionen auf dem Arbeitsmarkt sowohl bessere, als auch schlechtere Lebensbedingungen für die Menschen innerhalb des gesellschaftlichen Systems. Karl Marx (1818-1886), bedeutend für seine wissenschaftlich-philosophischen Theorien des Sozialismus' und des Kommunimus', definierte den Begriff der „sozialen Klasse“ als Unterscheidung der Gruppen durch ihren jeweiligen Platz im System der gesellschaftlichen Produktion und im Besonderen durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln. „Als Klasse [...] werden hier also nicht einfach

Menschen verstanden, die sich in einer bestimmten ökonomisch bedingten Lebenslage befinden [...], sondern letztlich nur jene, die darauf aufbauend auch zu einer gemeinsamen Bewußtseinslage gekommen sind und sich zu politischer Aktion zusammengeschlossen haben“ (vgl. ebd., S.39). Für Marx ergaben sich demzufolge aus dem Klassenbegriff nicht nur ungleiche Lebensbedingungen, sondern auch gegensätzliche Interessenlagen und politische Konfliktpositionen. Etwa 50 Jahre später mit Anfang des 20.Jahrhunderts beschrieb der Soziologe Max Weber (1864-1920) „Klasse“ als „eine Gruppierung von Menschen, die sich aufgrund ihres Besitzes oder/und Verwertbarkeit ihrer Leistungen für die 'Erzielung von Einkommen oder Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsordnung' jeweils in etwa gleicher Lage innerhalb der Struktur sozialer Ungleichheit befindet“ (vgl. ebd., S.38). Weber reduzierte demnach die Bezeichnung wieder auf ihre ursprüngliche Ungleichverteilung wirtschaftlicher Macht als Basis für eine ungleiche Verteilung von Lebensbedingungen und -möglichkeiten und machte „Klasse“ nicht von Bewußtseinslagen und daraus ergebenden politischen Organisationen abhängig, wie Marx das noch tat.

In der heutigen Wissenschaft und auch in der Theorie des Klassismus spricht man dagegen nur noch selten von „Klassen“, da die Unterscheidungen vielschichtiger und komplexer geworden sind. Stattdessen wird in Milieus, Schichten oder soziale Lagen unterschieden. „[C]lass is 'a relative social ranking based on income, wealth, education, status, and/or power,' indicators of class that tend to go together“ (vgl. Leondar-Wright, Yeskel 2007, S.314). Oft bezieht sich der Terminus, ebenso wie die Bezeichnung der „Schichten“, „[...] auf ein Gefüge von Berufsgruppen, denen wesentliche (un)vorteilhafte Lebens- und Arbeitsbedingungen gemeinsam sind.“ (vgl. Hradil 2001, S.41). Diese Definition soll in dieser Arbeit auch als präferierte Begriffsbezeichnung dienen.

Als ein weiterer Vertreter der modernen Soziologie sei an dieser Stelle Pierre Bourdieu (1930-2002) genannt. Für ihn definierte sich eine „soziale Klasse“ durch die „'Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen', die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisformen ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht“ (vgl. Bourdieu 1982, S.182). Bourdieu konstatierte, dass Position und individueller Lebenslauf, statistisch betrachtet, nicht voneinander unabhängig sind und demnach nicht alle Startpositionen mit derselben Wahrscheinlichkeit zu allen Endpositionen führten (vgl. Bourdieu 1982, S.189).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640421251
ISBN (Buch)
9783640421220
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134142
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin – Frühpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Klassismus Social Justice Dialogisches Training Hintergrund Diskriminierung

Autor

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Titel: Klassismus und Social Justice