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Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Symptombeschreibung und Klassifikation

3. Komorbidität

4. Diagnostik

4. Epidemiologie

5. Ätiologie

6. Verlauf

6. Therapie

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über keine andere psychische Störung des Kinder- und Jugendalters wird in den Medien so häufig berichtet wie über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). An ADHS macht sich Kritik an der Gesellschaft, dem Bildungssystem, der Familienförderung, den Eltern und Erziehungsstilen sowie der Medizin und der Pharmaindustrie fest. Mit Schlagzeilen wie "Modediagnose" und "Ritalinsoldaten" werden die Existenz dieser Störung wie auch eine der Therapiesäulen in Frage gestellt. Solche populärwissenschaftlichen Berichte werden der komplexen Problematik der ADHS-Betroffenen und ihres sozialen Umfeldes nicht gerecht. Sie erleben Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen, die mit Leistungsanforderungen, aber auch sozialer Kompetenz und Anpassung verbunden sind. Probleme treten bei vielen Betroffenen erstmalig mit dem Schulbeginn auf und ziehen sich häufig durch die gesamte schulische Laufbahn. Schlechte Noten, Sitzenbleiben, Schulabbrüche und entsprechend schlechte Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind die Folge. Schwierigkeiten in sozialen Kontexten kommen hinzu und sind nicht weniger gravierend. Vielfach sind ADHS-Betroffene bereits seit früher Kindheit verhaltensauffällig und werden aufgrund dessen aus sozialen Gruppen ausgeschlossen. Die sozialen Probleme bedingen ein deutlich erhöhtes Risiko komorbider psychischer Störungen oder delinquenter Tendenzen.

ADHS ist eine chronische Störung, die bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter persistiert. Diese Arbeit fokussiert den Lebensabschnitt Kindheit und Jugend, da sich die Störung in dieser Zeit manifestiert und durch ihre Auswirkungen die Zukunft der Betroffenen beeinflusst.

Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität lösen weniger auffälliges und störendes Verhalten aus und finden vermutlich deshalb weniger Beachtung in der Forschung und der Fachliteratur. Aus diesem Grund kann diese Form der Störung auch in meiner Arbeit nicht differenziert berücksichtigt werden.

Es existieren verschiedene Bezeichnungen und Abkürzungen in der Fachliteratur und den Klassifikationssystemen, welche teilweise übereinstimmende Krankheitsbilder beschreiben, teilweise spezielle Ausprägungen bezeichnen. Aktuell sind neben der Bezeichnung ADHS (engl. ADHD – Attention Deficit/Hyperactivity Disorder) auch "hyperkinetische Störung" und ADS (engl. ADD - Attention Deficit Disorder) verbreitet. Ich verwende die Begriffe weitgehend synonym, werde aber, wenn der Subtyp ohne Hyperaktivität (nach DSM-IV), das so genannte "Träumerchen", oder auch die hypoaktive Form behandelt wird, explizit darauf hinweisen.

2. Symptombeschreibung und Klassifikation

Die Störung ist sowohl in der „Internationalen Klassifikation psychischer Störungen“ (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch im „Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen“ (DSM-IV) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA) beschrieben. Da jedes Klassifikationssystem besondere und wichtige Schwerpunkte setzt, beziehe ich mich im Folgenden auf beide. In der Beschreibung der Einzel-Symptome stimmen sie weitgehend überein.

Die Leitsymptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (DSM-IV) bzw. einer hyperkinetischen Störung (ICD-10) sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Häufig auftretende Anzeichen für Unaufmerksamkeit:

1. Ignorieren von Einzelheiten, Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten oder bei anderen Tätigkeiten
2. Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen längere Zeit aufrechtzuerhalten
3. Anschein, bei Ansprache oftmals nicht zuzuhören
4. Häufig nicht vollständig ausgeführte Anweisungen, Unfähigkeit, Schularbeiten oder andere Pflichten zu beenden
5. Schwierigkeiten beim Organisieren von Aufgaben und Aktivitäten
6. Vermeidung von oder Abneigung gegen oder widerwillige Beschäftigung mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (z.B. Mitarbeit im Unterricht)
7. Häufiger Verlust von Gegenständen, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden
8. Leichte Ablenkung durch äußere Reize
9. Vergesslichkeit bei Alltagstätigkeiten

Bei Hyperaktivität treten folgende Symptome häufig auf:

1. Zappeln mit Händen oder Füßen, Herumrutschen auf dem Stuhl
2. Aufstehen in der Klasse oder in Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird
3. Herumlaufen oder exzessives Klettern in unpassenden Situationen (bei Jugendlichen oder Erwachsenen oft auf subjektives Unruhegefühl beschränkt)
4. Schwierigkeiten, sich ruhig zu beschäftigen
5. Häufiges „auf Achse sein“ oder getriebenes Handeln (nur DSM-IV)
6. Anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivität, das durch die soziale Umgebung oder durch Aufforderungen nicht beeinflussbar ist (nur ICD-10)

Das Kernsymptom Impulsivität ist bestimmt durch folgende häufig auftretende Verhaltensweisen:

1. Häufiges vorschnelles Herausplatzen von Antworten
2. Nicht abwarten können (z.B. in Gruppensituationen oder beim Spielen)
3. Unterbrechung und Störung anderer (z.B. in Gesprächs- und Spielsituationen)
4. Übermäßiger Redefluss ohne angemessenes Reagieren auf soziale Beschränkungen (nach ICD-10; im DSM-IV unter Hyperaktivität)

(Saß, Wittchen, Zaudig & Houben 2003.; Dilling, Mombour & Schmidt, Schulte-Markwort, 2004)

Eine ADHS bzw. eine hyperkinetische Störung kann nur diagnostiziert werden, wenn die Auffälligkeiten bereits vor dem siebten Lebensjahr begonnen haben sowie in einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten in einem solchen Ausmaß auftreten, dass sie zu einer Fehlanpassung führen und dem Entwicklungsstand des Kindes nicht entsprechen. Zudem müssen aktuelle Schwierigkeiten in zwei oder mehr Lebensbereichen auftreten, die klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen bedingen (Saß et al., 2003).

Ein Unterschied zwischen den beiden Klassifikationssystemen besteht in der unterschiedlichen Kombination und Bezeichnung der diagnostischen Hauptkriterien.

Das DSM-IV spezifiziert folgende Subtypen (Saß et al., 2003):

- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, vorwiegend unaufmerksamer Typus
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typus

Die ICD-10 unterscheidet folgende Störungsbilder (Dilling et al., 2004):

- Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0)
- Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1)
- Sonstige hyperkinetische Störungen (F90.8)
- Nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störung (F90.9)

Die Diagnose "Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens" ist zu stellen, wenn die Merkmale einer Hyperaktivität und einer Störung des Sozialverhaltens vorhanden sind.

Die ICD-10 berücksichtigt bislang nicht explizit Kinder, die nur Symptome von Überaktivität und Impulsivität bzw. nur Aufmerksamkeitsprobleme zeigen. Diese Kinder zeigen meist noch andere Symptome (z.B. Störungen des Sozialverhaltens) und werden dann in den entsprechenden Kategorien klassifiziert (Dilling et al., 2004).

3. Komorbidität

Die hohen Komorbiditätsraten und Sekundärkomplikationen begründen einen großen Teil der klinischen Heterogenität. Schätzungsweise 2/3 der Kinder mit gesicherter Diagnose leiden unter mindestens einer weiteren Störung (Döpfner, Fröhlich & Lehmkuhl, 2000).

Internationale epidemiologische Studien zeigten, dass vor allem Störungen des Sozialverhaltens, insbesondere aggressiv-dissoziale Störungen und oppositionelle Verhaltensstörungen (mit jeweils 30-50%), bei hyperkinetischen Kindern sehr häufig auftreten (Petermann & Ruhl, 2006). Dem entspricht, dass die Verbindung von ADHS und Störungen des Sozialverhaltens in der ICD-10 bereits als valider Subtyp angesehen wird. Weitere relativ oft komorbid auftretende Störungen sind Lernstörungen und Teilleistungsdefizite (20-30%), sowie Tic- oder Sprachstörungen (Petermann & Ruhl, 2006). Ca. 30% der Kinder leiden unter Ängsten oder Depressivität (Simchen, 2003).

Die Form und das Ausmaß der Begleiterscheinungen und Folgeerkrankungen ist vom sozialen Kontext, dem Schweregrad der Störung und vom jeweiligen Subtyp abhängig (Döpfner et al., 2003).

Zu negativen Reaktionen und Beurteilungen der sozialen Umwelt kommen bei Kindern mit ADHS häufig Erziehungsschwierigkeiten, Aggressionen und Schulprobleme (Puls, 2007). Im Jugendalter tritt bei den Betroffenen vermehrt delinquentes Verhalten oder Drogenmissbrauch auf (Barkley, 2005).

Die so genannten hypoaktiven Kinder, die dem vorwiegend unaufmerksamen Typus (nach DSM-IV) zuzuordnen sind, haben deutlich weniger Schwierigkeiten mit ihrer Umwelt, da sie weniger impulsiv, aggressiv und hyperaktiv sind. Sie leiden demnach auch weniger unter den daraus erwachsenden Problemen (Barkley, 2005). Dennoch sind die Kinder sehr affektlabil und häufig selbstwertschwach, was zu emotionalen Problemen führen kann (Neuhaus, 2007). Da sich diese Kinder (häufig Mädchen) sozial konformer verhalten, wird die Störung bei ihnen auch seltener diagnostiziert und Interventionen bleiben aus.

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Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640419876
ISBN (Buch)
9783640419913
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134100
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
keine
Schlagworte
Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung

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Titel: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)