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Neue Sachlichkeit, Angestelltenkultur und Geschlecht

Irmgard Keuns Zeitroman "Das kunstseidene Mädchen"

Bachelorarbeit 2009 57 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhaltliche Übersicht
2.1 Ende des Sommers und die mittlere Stadt
2.2 Später Herbst und die große Stadt
2.3 Sehr viel Winter und ein Wartesaal

3 Sozioökonomische Lage der Angestellten
3.1 Sonderrolle: Weibliche Angestellte
3.2 Das ‚kunstseidene Mädchen‘ als Angestellte

4 Kunst und Massenkultur in der Weimarer Republik
4.1 Siegfried Kracauer und die Zerstreuung der Massen
4.2 Siegfried Kracauer und das Kino
4.3 Siegfried Kracauer und die Entdeckung von Jugend und Sport
4.4 Massenkultur und Zerstreuung in Das kunstseidene Mädchen
4.5 Motiv des Glanzes

5 Geschlechterrolle und Sexualität
5.1 Die ‚neue Frau‘
5.2 Erotik und Sexualität in Das kunstseidene Mädchen
5.3 Scheiternde Lebensentwürfe, Partnerschaft und Beruf
5.4 Prostitution
5.5 Prostitution und Das kunstseidene Mädchen
5.6 Motiv: das Kunstseidene und Textilien

6 ‚Neue Sachlichkeit‘
6.1 Was ist ‚Neue Sachlichkeit‘ ?
6.2 Das kunstseidene Mädchen als neusachlicher Roman

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Kapitel 1. Einleitung

Im Oktober 1931 erschien Irmgard Keuns Debutroman Gilgi — eine von uns1 und bescherte der damals erst 26jährigen Autorin sofort großen Erfolg.2 Ein Jahr später folgte ihr Roman Das kunstseidene Mädchen3. Der inhaltlich und stilistisch an ih-ren ersten Roman anknüpfende Bestseller4 verarbeitete das Lebensgefühl einer Zeit, die zwischen der versiegenden Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger Jahre und der katastrophalen Weltwirtschaftskrise mit ihren ökonomischen, politischen und gesell-schaftlichen Nachbeben zerrissen war. Ihres Erfolgs ungeachtet, wurde die in der späten Weimarer Republik erfolgreiche Autorin recht schnell vergessen und erst in den späten 1970er Jahren im Zusammenhang mit Fragen nach der Vorgeschichte des Dritten Reiches und der damaligen gesellschaftlichen Realität wieder entdeckt.5

Irmgard Keun schildert in Das kunstseidene Mädchen die Erlebnisse der acht-zehnjährigen Büroangestellen Doris, die nach einer enttäuschten Liebe und dem Ver-lust ihres Arbeitsverhältnisses aus ihrem Lebensumfeld fliehen will, um „ein Glanz“ zu werden. Der Wunsch nach sozialem Aufstieg führt die Titelheldin von Köln nach Berlin und durch verschiedene Männerbekanntschaften; schließlich nimmt sie ob-dachlos und beinahe prostituiert im offenen Ende Abstand von ihrem Traum. Das Geschehen im Roman verläuft zwischen dem Spätsommer 1931 und dem Frühjahr 1932. Die erzählte Zeit ist also weitestgehend mit der geschichtlichen Zeit iden-tisch und die dargestellten sozialen, kulturellen und politischen Phänomene machen Das kunstseidene Mädchen zu einem aktuellen Zeitdokument, das zum Literatur-programm der ‚Neuen Sachlichkeit‘ gezählt wird.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Roman mit der gesellschaftlichen Realität zu kontrastieren und ihn unter den Gesichtspunkten Sozioökonomie, Mas-senkultur und Geschlechterverhältnisse zu untersuchen. Eine herausragende Rolle werden dabei die Essays und Reportagen des deutschen Soziologen und Filmkritikers Siegfried Kracauer spielen, die einen besonderen Beitrag zum Verständnis der An-gestelltenschicht und der aufkommenden Massenkultur leisten. Ihnen werden Doris’ Eindrücke der Vergnügungs- und Freizeitindustrie gegenübergestellt, um Wirklich-keitsbezüge nachzuweisen. Der von den Medien massenhaft präsentierte Typus ‚neue Frau‘ findet in der Konzeption der Protagonistin seine literarische Entsprechung. Die Gegenüberstellung von realen Geschlechterverhältnissen und ihre fiktionale Ausge-staltung im Roman kann dabei an die Forschungsergebnisse von Ute Frevert, Doris Rosenstein und Irene Lorisika anknüpfen. Abschließend soll die Nähe des Textes zur künstlerischen Periode der ‚Neuen Sachlichkeit‘ nachgewiesen werden.

Kapitel 2. Inhaltliche Übersicht

2.1 Ende des Sommers und die mittlere Stadt

Das ‚kunstseidene Mädchen‘ Doris arbeitet als Sekretärin in einem Kölner Rechtsan-waltsbüro und wohnt bei seinen Eltern, die im unteren Kleinbürgertum angesiedelt sind. Doris’ Vater ist arbeitslos, ihre Mutter als Garderobiere am Theater tätig.

Doris repräsentiert den Typus der modernen Frau der zwanziger Jahre des vori-gen Jahrhunderts, der von Magazinen, Kinofilmen und der Werbung massenmedial präsentiert und verbreitet wurde. Ihre mangelnde Bildung kompensiert sie im Beruf durch den pragmatischen Einsatz ihrer körperlichen Reize. Noch im ersten Romanteil verliert sie aber in einer solchen Situation die Kontrolle und wird nach Zahlung einer kargen Abfindung fristlos entlassen.

Durch die Beziehungen ihrer Mutter bekommt Doris eine Stelle als Komparsin am Theater und beginnt eine Ausbildung zur Schauspielerin. Um Ansehen unter den Kolleginnen zu gewinnen, erfindet sie ein Liebesverhältnis mit dem Direktor des Theaters und fasst in dem Milieu, das ihr „ein Glanz“ zu werden ermöglichen soll, Fuß. Doch schon wenig später kann Doris ihr Lügengebäude nicht mehr aufrechter-halten und entschließt sich dazu, das Theater fluchtartig zu verlassen. Dabei stiehlt sie aus der unbewachten Garderobe einen Pelzmantel, der sie im weiteren Verlauf des Romans begleiten wird. Nach einem Treffen mit ihrer Jugendliebe Hubert, der sie wegen einer Geldheirat verließ, leiht sie sich Geld und geht nach Berlin.

2.2 Später Herbst und die große Stadt

Der Großstadt Berlin begegnet Doris mit hohen Erwartungen und voller Spannung. Anfangs wohnt sie bei einer hochschwangeren, verheirateten Freundin, die mit ihrem verbitterten Ehemann in ärmlichen Verhältnissen lebt. Nach der Entbindung verlässt Doris die Kleinfamilie und zieht bei der neuen Freundin Tilli Scherer ein. Die beiden verbindet das Ziel, „ein Glanz“ zu werden. Doris kann kostenlos bei Tilli wohnen und leiht ihr dafür im Gegenzug regelmäßig ihren Pelzmantel für Vorsprechtermine an der Filmbörse, denn Tilli möchte ein Kinostar werden.

Die Romanheldin indes sichert ihre Existenz über wechselnde Männerbekannt-schaften, von denen sie sich aushalten und einkleiden lässt. Diese Art des Nebenver-dienstes praktizierte sie bereits in Köln, jedoch hat sie in Berlin keine Papiere und fürchtet, wegen des Diebstahls am Theater strafrechtlich verfolgt zu werden. Daher kann sie nicht arbeiten und ist allein auf den Einsatz ihres Körpers angewiesen. Un-geachtet ihrer eigenen subtilen Prostitution fürchtet sie, eine Hure zu werden. Im Haus, in dem sie bei Tilli wohnt dort lebt auch ein Zuhälter wird sie mit der Härte und Brutalität dieses Milieus konfrontiert.

Ein anderer Nachbar, zu dem sie Kontakt hält, ist der blinde Elsässer Brenner. Ihm beschreibt sie die Großstadt Berlin. Eines Abends streifen sie gemeinsam durch die kulturellen Scheinwelten und Lokale. Brenner öffnet Doris dabei die Augen für die Schattenseiten der Stadt: Armut, Schmutz und Verzweiflung sind die Begleiter-scheinungen der ökonomischen Krise.

Doris muss bei Tilli ausziehen und bezieht ein kleines möbliertes Zimmer, bis ihre kläglichen Ersparnisse aufgebraucht sind. Danach wohnt sie einige Tage bei einer ihrer Männerbekanntschaften, bis sie sich sexuell ausgebeutet fühlt und vor Zudringlichkeiten fliehend die Weihnachtsnacht auf einer Parkbank verbringt.

2.3 Sehr viel Winter und ein Wartesaal

Doris ist an einem Tiefpunkt ihres Lebens angekommen. Statt „ein Glanz“ zu werden, sitzt sie kraftlos im Wartesaal des Bahnhofs Zoo und wird sogar von den Kellnern verachtet. Sie geht mit jedem Mann, der ihr Essen oder Getränke zahlt. Nur sehr selten bekommt sie etwas ohne eine Gegenleistung, wie zum Beispiel den Schlafplatz im Taxi. Die Grenzen zur offenen Prostitution verschwimmen zusehends, bis sie auf Ernst trifft. Dieser sanftmütige Mann wurde von seiner Frau verlassen und kann nicht mehr alleine in seiner Wohnung sein. Er nimmt Doris bei sich auf, ohne Ge-genleistungen zu erwarten. Anfangs verachtet sie seine zurückhaltende Art, später verliebt sie sich in ihn.

Seine Fürsorge lässt Doris regenerieren und sich zusehends in die Rolle der lie-benden Ehefrau entwickeln. Einen Brief seiner früheren Frau Hanne verheimlicht sie Ernst anfangs, muss aber wenig später einsehen, dass er Hanne noch immer liebt. Daraufhin arrangiert Doris eine Kontaktaufnahme des früheren Paares und verlässt ohne Abschied Ernst und die Wohnung. Ihr Verzicht auf Ernst führt sie an den selben Ort zurück, wo sie ihren Berlinaufenthalt begann — Doris sitzt dort allein, nur um-geben von ihrem geliebten Pelzmantel, am Bahnhof und relativiert den gescheiterten Lebensentwurf:

Auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht so furchtbar an.

(Keun 1932/2004, S. 219)

Kapitel 3. Sozioökonomische Lage der Angestellten

Keun macht eine Angestellte die im weiteren Handlungsverlauf zur Ex-Angestell-ten wird zur Heldin ihres Romans und greift damit den regen zeitgenössischen Diskurs über jene sozialen Gruppen und Schichten auf, die von „ökonomischer Ra-tionalisierung, massenmedialer Öffentlichkeit, urbanen Milieus und einer prosperie-renden Kulturindustrie nachhaltig geprägt werden.“6

Die Entwicklung und das Wachstum der modernen Angestelltenschaft begann ursprünglich in staatlichen Behörden und der Industrie, zwei zentralen Bereichen der Gesellschaft. Die massive Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts erzeugte einen kontinuierlich wachsenden Bedarf an technischen Hilfskräf-ten, Projektanten, technischen Zeichnern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und kauf-männischem Personal. Erste Rationalisierungsversuche führten zu technologischen Umstrukturierungen und zu einem engeren Verhältnis von Wissenschaft und Pro-duktion. Dadurch wurden immer mehr produktionsvorbereitende Tätigkeiten aus den Fabriken und Werkstätten in die Büros verlagert. Das Wachstum der Unter-nehmen wie der Märkte brachte einen stetig größer werdenden Organisations- und Verwaltungsaufwand mit sich, der schließlich im Entstehen einer neuen Unter- und Mittelschicht von Büroarbeitern mündete.

Den Entwicklungen in der Industrie vergleichbar, führte der Ausbau des Verwal-tungs-, Versicherungs- und Verkehrswesens zu einem wachsenden Bedarf an niederen Bürokräften, deren Arbeit sich häufig auf untergeordnete verwaltende und organisa-torische Tätigkeiten beschränkte. Die zunehmende Angleichung dieser Tätigkeiten in den verschiedenen Verwaltungs- und Industriebereichen führte zu stetig wachsender Mobilität und Austauschbarkeit der Büroarbeiter.

Der Begriff des ‚Angestellten‘ als Substantivierung des Partizips ‚angestellt sein‘ setzte sich im öffentlichen Sprachgebrauch und in den Dienst- und Ge- schäftsordnungen seit 1890 durch.7 Dieser Begriff suggeriert nicht nur ein festes Ar-beitsverhältnis, das relativ unabhängig von Markt- und Leistungsfaktoren ist und sich dadurch von dem des Lohnarbeiters unterscheidet, sondern er betont darüber hinaus auch die Stellung des Arbeitnehmers gegenüber seiner Berufszugehörigkeit.8 Seit den 1880er Jahren entstanden Angestelltenverbände und schufen öffentliche Repräsentanz; im Angestelltengesetz von 1911 wurden die Angestellten erstmals versicherungsrechtlich anerkannt und gegenüber den Arbeitern bevorzugt.9

Der Kampf um eine versicherungsrechtliche Privilegierung gegenüber den Arbei-tern war auch vor allem deswegen erfolgreich, weil bürgerliche Politiker und Unter-nehmer das Interesse verfolgten, die neue Schicht der Angestellten als Puffer zwi-schen Arbeitern und Unternehmern in das Klassengefüge einzureihen. Arbeiterbe-wegung, Sozialdemokratie und Klassenkampf sollten so Einhalt geboten werden.10,11 Die Zahl der Angestellten wuchs stürmisch und sie entwickelten sich zur am schnells-ten wachsenden Gruppe der Erwerbstätigen.12

Neben den vermeintlichen Aufstiegschancen wirkten die häufig unterstellte Leich-tigkeit der nicht-körperlichen Arbeit und die Sauberkeit der white collar -Tätigkeit sehr attraktiv. Anfänglich rekrutierte sich die Schicht der Angestellten hauptsäch-lich aus dem Mittelstand, jedoch stieg nach dem Ersten Weltkrieg der Anteil der white collar workers, die aus dem Arbeitermilieu stammten, enorm an.13

In der Weimarer Republik entwickelte sich das Arbeitermilieu zur wichtigsten Er-gänzung der Angestelltenschicht. Allerdings waren die Aufstiegsmöglichkeiten der Arbeiter sehr begrenzt, so dass vorwiegend qualifiziertere Arbeiter in die unteren Ebenen der Angestelltenhierarchie aufstiegen. Besonders unter den unteren, jünge-ren und weiblichen Angestellten war ihr Anteil sehr hoch. Proletarische Herkunft und schlechtere Schulbildung korrelierten dabei. Das Bildungsmonopol des Bürgertums war weiterhin ungebrochen und blieb ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor der we-niger gebildeten Arbeiter, deren Aufstiegschancen sehr begrenzt waren. Noch Jahr-zehnte nach der Schulzeit wirkte die Art des Schulbesuches sich auf die Chancen aus, in eine verantwortungsvollere Tätigkeit aufzusteigen.14

Je mehr die mechanische Tätigkeit zunahm, desto mehr Angestellte gingen aus der Arbeiterschaft hervor. Von dieser aus gesehen bedeutete dies: Je größer die Chance für die Arbeiterschaft wurde, den Kindern einen Aufstieg in die Angestelltenschicht zu ermöglichen, desto mehr verlor dieser Wechsel aus einer Schicht in die andere den Charakter des Aufstiegs. Der massenhafte Aufstieg in die höhere Schicht wurde der Arbeiterschaft in dem Stadium der Entwicklung leichter, in dem das Ziel dieses Aufstiegs an Wert verlor.

(Speier 1977, S. 44)

Siegfried Kracauer erkennt zwischen 1925 und 1928 eine Rationalisierungsperiode, in der nach amerikanischem Muster Maschinen und die Methoden des Fließbandes in die Angestelltensäle der Großbetriebe einzogen. Die Folge war eine herabgeminderte Funktion der Arbeitnehmer im Arbeitsprozess. Man kann diese Entwicklung auch als Proletarisierung der Angestelltenschicht begreifen, denn die Bürokratisierung der großen Betriebe und die Vermassung der Angestelltenschicht entsprachen keinem Aufstieg ihre soziale Situation war ähnlich wie die des eigentlichen Proletariats.15

Trotzdem stellte sich diese Berufsgruppe in ihrer Selbstdefinition ungeachtet der oft niedrigeren Einkünfte über die Arbeiter und grenzte sich zum Teil sogar aggressiv gegen diese ab.

Aufgrund des Arbeitsplatzangebotes waren Angestellte vor allem in Großstäd-ten konzentriert. Die geregelte Arbeitszeit die eine spärlich bemessene, aber freigestaltbare Freizeit mit sich brachte förderte die Entwicklung einer neuen indus-triellen Freizeit- und Konsumkultur, an der die Angestellten intensiv teilnahmen.

3.1 Sonderrolle: Weibliche Angestellte

Ein Drittel aller Angestellten waren Frauen. Ihre Zahl war seit dem Ersten Weltkrieg noch schneller gestiegen als die der männlichen Angestellten.16 Kracauer versucht, diese Entwicklung mit den demographischen und wirtschaftlichen Folgen von Krieg und Inflation sowie dem Bedürfnis der neuen Frauengeneration nach Selbstständig-keit zu erklären.17 Junge Mädchen und Frauen wurden vor allem deshalb bevorzugt eingestellt, weil sie billiger, gefügiger und aufgrund ihrer Geschicklichkeit be- sonders als Stenotypistinnen und Maschinenarbeiterinnen begehrt waren.18

Hans Speier kommt in seiner sozial-historischen Untersuchung zur sozialen Schichtung einzelner Tätigkeitsgruppen zu dem Ergebnis, dass 80 % bis 85 % der weiblichen Angestellten untergeordnete Tätigkeiten leisteten und ihre Aufstiegschan-cen daher noch geringer waren, als die männlicher Angestellten.19 So entsprach die geschlechtliche Schichtung auch der sozialen: Männern blieb die Rolle der Vorgesetz-ten vorbehalten, Frauen die der Untergebenen.

Außerdem gab es ein Gefälle im tariflichen Lohnniveau: das Einkommen weib- licher Angestellter lag im Durchschnitt je nach ihrer Position 10 % bis 20 % unter dem der Männer. Selten betrug es mehr als 150 Reichsmark und reichte kaum für eine eigene Wohnung, so dass die meisten angestellten Frauen notwendigerweise bei Eltern oder Verwandten wohnten. Hinzu kam, dass viele dieser Frauen einen überproportional großen Anteil ihres Gehaltes für Kleidung und Kosmetik ausgeben mussten, da eine attraktive, modische und jugendliche Erscheinung für ihre Tätigkeit unabdingbar war und im Zweifelsfall schwerer wog als Zeugnisse.20 Um das Budget für diese Ausgaben zu gewährleisten, wurden gegebenenfalls auch bei der Ernährung Abstriche gemacht. Oft konnten die Lebenshaltungskosten bzw. Aufwendungen für bescheidene Ansprüche nur durch Einladungen von Liebhabern aufgebracht wer-den.21

Viele Frauen begriffen die Zeit des Angestelltseins als Brückenphase zwischen Schulabschluss und Ehe.22 Sie waren also in der Regel sehr jung, unverheiratet und vergleichsweise ungebildet.23 Besonders typische, niedrig entlohnte, Berufsgruppen waren die der Stenotypistinnen und der untersten kaufmännischen Angestellten. Die Arbeitsbedingungen waren von ergonomischen und arbeitspsychologischen Härten bestimmt, häufig geistlos und sehr anstrengend. So berichtet Kracauer, dass die Produktivität einiger Stenotypistinnen dadurch erhöht wurde, dass sie während ihrer Ausbildung im Takt mit einem Grammophon tippen mussten:

Wenn lustige Militärmärsche ertönen, marschiert sich’s noch einmal so leicht. Allmählich wird die Umlaufgeschwindigkeit der Platte erhöht, und ohne, daß es die Mädchen recht merken, klappern sie immer rascher. Sie werden in den Ausbildungsjahren zu Schnellschreiberinnen, die Musik hat das billig entlohnte Wunder bewirkt.

(Kracauer 1929/1971, S. 30)

Nach Ansicht von Schreibmaschinenlehrern konnten Stenotypistinnen ihren Beruf nicht länger als zehn Jahre ausüben, denn das arbeitsbedingte Krankheitssymptom der „nervösen Überreizung“ hervorgerufen durch die ständige Lärmbelastung der vielen Schreibmaschinen in den engen Schreibsälen, den Zeitdruck und die monoton- mechanische, aber viel Konzentration erfordernde Tipparbeit bei den fast aus- schließlich weiblichen Maschinenschreibkräften war höher als in jedem anderen Be-rufsstand.24

Trotz der oben geschilderten Missstände machte die neue Form der Berufstätig-keit Frauen in bisher nicht gekanntem Ausmaß im öffentlichen Raum sichtbar und ermöglichte ihnen ein gewisses Maß an Selbstständigkeit. Die weibliche Angestellte wurde geradezu zum Inbegriff der ‚Neuen Frau‘, die emanzipiert die Berufstätig-keit und ihre Unabhängigkeit über eine frühe Ehe stellte, großstädtisch war, lustvoll lebte und begeistert die Angebote der modernen Freizeitkultur wahrnahm. Durch die neuen weiblichen Angestelltenberufe wurden zwar emanzipatorische Fortschritte erreicht, die aber durch Arbeit in ausbeuterischen Verhältnissen relativiert wurden.

3.2 Das ‚kunstseidene Mädchen‘ als Angestellte

Im Gegensatz zu Kracauers Beiträgen über die Lebenswirklichkeit der Angestell-ten schildert Keuns Roman die Situation aus der Perspektive einer Angestellten. In den Umrissen der Figur Doris orientiert Irmgard Keun sich an der Realität. Do­ris ist durch jene Eigenschaften gekennzeichnet, die als typisch für die weiblichen Angestellten der Weimarer Republik galten: Sie ist jung und vergleichsweise un-gebildet. Berufliche Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen sich ihr ebenso wenig wie ein existenzsicherndes Gehalt.25 Ihr Einkommen ergänzt sie durch die Zuwendungen ihrer Liebhaber.

Doris ist nicht lange angestellt, denn schon im ersten Teil des Romans verliert sie ihre Stellung bei einem kleinstädtischen Rechtsanwalt und arbeitet in der ver-bleibenden erzählten Zeit nie mehr in diesem Beruf. Trotzdem bleibt das Angestell-tendasein als Negativfolie durch den gesamten Roman erhalten und Doris grenzt sich von dieser Form der Existenz immer wieder ab. Wenn ihre Pläne zu scheitern drohen, ist es die Vorstellung der beengenden Tätigkeit als Stenotypistin, die sie an ihrem Ziel, „ein Glanz“ zu werden, festhalten lässt. Sogar am desillusionierten Ende ihrer Expedition bleibt die Ablehnung dieses Berufes erhalten:

Und von Büro habe ich genug — ich will nicht mehr, was ich mal hatte, weil es nicht gut war [... ] dann geh ich lieber auf die Tauentzien und werde ein Glanz.

(Keun 1932/2004, S. 218)

Wie viele Angestellte konsumiert Doris mit Begeisterung die Angebote und mas-senkulturellen Erzeugnisse der Zeit beispielsweise Film, Mode und Musik. Da-durch thematisiert Irmgard Keun die Auswirkungen der Bewusstseinsindustrie auf die weibliche Jugend.26

Irmgard Keun hat mit Doris eine Figur gestaltet, die den Typus der jungen, weib-lichen Angestellten repräsentiert. Im Gegensatz zu den Beobachtungen über die so-ziale Gruppe konstruiert die Autorin eine Binnenperspektive in die gesellschaftliche Schicht und aus ihr heraus.

Kapitel 4 Kunst und Massenkultur in der Weimarer Republik

Die „Goldenen Zwanziger“ von 1924 bis 1929 waren geprägt von ökonomischer Ent-spannung und außenpolitischen Erfolgen. Es herrschte wieder Hoffnung auf einen schnellen deutschen Wirtschaftsaufschwung, die Stabilisierungskrise wurde schnell überwunden und ausländisches vor allem amerikanisches Kapital floss in das Land.

Künstlerisch waren die Zwanziger Jahre eine überaus schöpferische Epoche, die von rasanten Entwicklungen und vielfältigen Experimenten bestimmt war. Die Groß-stadt galt als der moderne Lebensraum schlechthin, denn sie versprach durch ih-re Anonymität Befreiung aus nachbarschaftlicher Bevormundung und traditionaler Einbindung. Die administrative Bildung von Groß-Berlin ließ die Stadt 1920 mit 4,3 Millionen Einwohnern zur drittgrößten Metropole der Welt nach New York und London werden. Ihre Multifunktionalität und ihr überwältigendes Medien- und Wa-renangebot vermittelten Metropolitanität.

Durch die Einführung der 40-Stunden-Woche und der ersten tariflichen Urlaubs-regelungen überhaupt wurde der Rahmen für die moderne Freizeit der lohnabhän-gigen Massen geschaffen. Ursprünglich dem Bürgertum vorbehaltene Vergnügungen standen nun potentiell allen offen. Kinopaläste, Rummelplätze, Varietés, Tanzsä-le, und Boxarenen konkurrierten mit seriösen Bildungsangeboten von Theater, Bi-bliothek und Volksschule. Massenkonsum und Freizeitkultur erhöhten die sozialen Gestaltungsmöglichkeiten großer Bevölkerungskreise und führten zu einer relativen kulturellen Gleichstellung. Die Geschwindigkeit, mit der sich Veränderungen auf al-len Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens vollzogen, führte im Alltagsleben zu einem Pluralismus, der einerseits größere Freiheit für persönliche Entscheidungen bot, andererseits aber mehr Verantwortung und eine daraus resultierende Unsicher-heit im Umgang mit den neuen Lebensformen nach sich zog. Diese scheinbare Wi-dersprüchlichkeit zwischen emanzipierter Freiheit und ängstlicher Unsicherheit steht bezeichnend für diese Epoche.27

4.1 Siegfried Kracauer und die Zerstreuung der Massen

Aus der Not der Massen wird die Tugend der Zerstreuung geboren.28 Doch lei-den die Angestellten wie keine andere soziale Gruppe unter einem schichttypischen Missverhältnis zwischen der prekären sozioökonomischen Lage und ihrem, an mit-telständischen Werten orientierten, Bewusstsein. Kracauer sieht darin ein Sinn- und Orientierungsdefizit der Angestellten. In Ornament der Masse: Essays29 stellt Kra-cauer fest, dass sich die Masse der Angestellten vom Arbeiter-Proletariat darin [unterscheidet], daß sie geistig obdachlos ist. Zu den Genossen kann sie vorläufig nicht hinfinden, und das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt, weil ihm durch die wirtschaftliche Entwicklung die Fundamente entzogen worden sind.

(Kracauer 1963/1977a, S. 282)

Die Kulturindustrie offeriert den geistig Obdachlosen Ersatzangebote; Glanz und Zerstreuung bilden kulturelle Fluchtwege, die temporär sinnstiftend wirken. Sie kom-pensieren und zementieren die fehlende kollektive Identität durch den Schein zumin-dest kultureller intakter Bürgerlichkeit.30

Kracauer bleibt bei der Metapher der geistigen Obdachlosigkeit und beobachtet die Schaffung von Asylen für die Betroffenen. Neben den Themenrestaurants und Jazztanzclubs gab es riesige Vergnügungspaläste wie das „Haus Vaterland“, das einen gesamten Häuserblock einnahm und pro Stunde 6000 Gäste beheimaten konnte. In den „Pläsierkasernen“31, wie zum Beispiel dem berühmten „Resi“ (Residenz-Kasino) oder dem „Moka-Efti-Unternehmen“ wurde von Geschäftsbetrieb auf Amüsierbetrieb umgestellt.32

[...]


1 Irmgard Keun 1931/2002: Gilgi — eine von uns. Berlin: Ullstein Verlag.

2 Bis November 1932 wurden in sechs Auflagen 30 000 Exemplare gedruckt. (Vgl. Hiltrud Häntz-schel 2001: Irmgard Keun. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 31)

3 Irmgard Keun 1932/2004: Das kunstseidene Mädchen. Berlin: Ullstein Verlag.

4 Der Roman war 1932 eines der meistverkauften Bücher. (Vgl. Häntzschel 2001, S. 41)

5 Vgl. Doris Rosenstein 1991: Irmgard Keun: Das Erzählwerk der dreißiger Jahre. Frankfurt a. M.: Peter Lang, FORScHUNGEN ZUR LITERATUR- UND KULTURGEScHIcHTE 28, S. 7 f.

6 Henri Band 1999: Mittelschichten und Massenkultur. Siegfried Kracauers publizistische Aus-einandersetzung mit der populären Kultur und der Kultur der Mittelschichten in der Weimarer Republik. Berlin: Lukas Verlag, S. 125.

7 Vgl. Band 1999, S. 129.

8 Vgl. ebd., S. 130.

9 Vgl. Hans Speier 1977: Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus. Ein Beitrag zum Ver-ständnis der deutschen Sozialstruktur 1918 – 1933. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, KRI-TIScHE STUDIEN ZUR GEScHIcHTSWISSENScHAFT 26, S. 124.

10 Vgl. Band 1999, S. 132.

11 „Dieses Zusammenspiel zwischen dem ständischen Absetzungsstreben der Angestellten und ih-rer Repräsentanten und dem Interesse von bürgerlichen Parteien und Unternehmern, die neuen kapitalistischen Zwischenschichten als dritte, die Klassengegensätze dämpfende, staatstragende Kraft im politischen Raum dauerhaft zu etablieren, führte zu einer rechtlichen und sozialen Privilegierung der Angestellten in Deutschland, die es in der Form in anderen führenden In-dustriestaaten nicht gab.“ (Band 1999, S. 133)

12 Zwischen 1907 und 1925 stieg die Zahl der Angestellten um ca. 133 % von 1,5 Millionen auf 3,5 Millionen an. (Vgl. Speier 1977, S. 159 – 162)

13 Eine statistische Erhebung des GdA (Gewerkschaftsbund der Angestellten) über die soziale Herkunft von 1929 bilanziert, dass 25 % der Angestellten aus dem Arbeitermilieu, 71,7 % aus mittleren Schichten und lediglich 3,3 % aus höheren Kreisen stammten. (Vgl. Speier 1977, S. 57)

14 Vgl. ebd.

15 Kracauer sieht sogar eine „industrielle Reservearmee“ (Siegfried Kracauer 1929/1971: Die An-gestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, S. 13) der Angestellten.

16 Von den 3,5 Millionen Angestellten, die es 1925 in Deutschland gab (Vgl. Speier 1977, S. 159 – 162), waren 1,2 Millionen Frauen; seit 1907 war ihr Anteil um 224 % gewachsen, der der Männer dagegen lediglich um 104 %. (Vgl. Band 1999, S. 135)

17 Vgl. Kracauer 1929/1971, S. 12.

18 Vgl. Band 1999, S. 136.

19 Vgl. Speier 1977, S. 62.

20 „Außerordentlich lehrreich ist eine Auskunft, die ich in einem bekannten Berliner Warenhaus erhalte. ‚Wir achten bei Engagements von Verkaufs- und Büropersonal‘, sagt ein maßgebender Herr der Personalabteilung, ‚vorwiegend auf ein angenehmes Aussehen.‘ “ (Kracauer 1929/1971, S. 24)

21 Vgl. Speier 1977, S. 64; Kracauer 1929/1971, S. 13.

22 Vgl. Deborah Smail 1999: White-collar Workers, Mass Culture and Neue Sachlichkeit in Weimar Berlin. A Reading of Hans Fallada’s Kleiner Mann — Was nun? , Erich Kästner’s Fabian and Irmgard Keun’s Das kunstseidene Mädchen. Bern: Peter Lang, S. 42.

23 1925 waren 65 % der weiblichen Angestellten jünger als 25 Jahre; 94 % von ihnen waren unver-
heiratet. (Vgl. ebd.)

24 Nach einer Erhebung des Afa-Bundes wurden bei rund der Hälfte aller Befragten gesundheit-liche Schädigungen durch den Beruf festgestellt; häufige gesundheitliche Folgeerkrankungen waren Haltungsschäden, Rückenleiden, Kreuz- und Kopfschmerzen (Vgl. Speier 1977, S. 40). Die Arbeiten wurden oft bei sehr schlechter Beleuchtung erledigt, „... entzündete Augen [und] Fehlsichtigkeit gehörten zu den typischen Leiden der Schreibfräulein.“ (Franz Severin Berger/ Christiane Holler 1997: Von der Waschfrau zum Fräulein vom Amt. Frauenarbeit durch drei Jahrhunderte. Wien: Carl Ueberreuter Verlag, S. 194)

25 „[... ] trotzdem ich von 120 und Therese kriegt 20 mehr 70 abgeben muß, was mein Vater doch nur versäuft, weil er jetzt arbeitslos ist und nichts andres zu tun hat.“ (Keun 1932/2004, S. 10)

26 Vgl. Heide Soltau 1988: Die Anstrengungen des Aufbruchs. Romanautorinnen und ihre Heldin-nen in der Weimarer Zeit. In: Gisela Brinker-Gabler (Hrsg.): Deutsche Literatur von Frauen. München: Beck Verlag, S. 232.

27 Vgl. Detlev J. K. Peukert 1987: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, S. 166 – 243.

28 Vgl. Band 1999, S. 74.

29 Siegfried Kracauer 1963/1977a: Ornament der Masse: Essays. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.

30 Vgl. Band 1999, S. 178.

31 Kracauer 1929/1971, S. 95.

32 „Je mehr die Monotonie den Werktag beherrscht, desto mehr muß der Feierabend aus seiner Nähe entfernen; vorausgesetzt, daß die Aufmerksamkeit von den Hintergründen des Produktionsprozesses abgelenkt werden soll. Der genaue Gegenschlag gegen die Büromaschine ist aber die farbenprächtige Welt. Nicht die Welt, wie sie ist, sondern wie sie in den Schlagern erscheint. Eine Welt, die bis in den letzten Winkel hinein wie mit einem Vakuumreiniger vom Staub des Alltags gesäubert ist. Die Geographie der Obdachlosenasyle ist aus dem Schlager geboren.“(Kracauer 1929/1971, S. 97)

Details

Seiten
57
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640416424
ISBN (Buch)
9783640411245
Dateigröße
963 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134002
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
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Titel: Neue Sachlichkeit, Angestelltenkultur und Geschlecht