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Kann die Krisentheorie von Karl Marx zur Erklärung der aktuellen Finanzkrise beitragen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die aktuelle Finanzkrise

3. Krisentheorie bei Marx
3. 1 Realwirtschaftliche Aspekte der marxschen Krisentheorie
3.1.1 Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
3.1.2 Unterkonsumptionstheorie
3.2 Monetäre Aspekte der marxschen Krisentheorie
3.2.1 Geld
3.2.2 Zinstragendes Kapital
3.2.3 Kredit
3.2.4 Fiktives Kapital
3.2.5 Aktienmarkt

4. Marx und die Finanzkrise

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ausgehend vom Zusammenbruch des US-amerikanischen Immobilienmarktes im Sommer 2007 hat sich bis heute eine weltweite Finanz- und Bankenkrise entwickelt, die sich nach Einschätzungen der Weltbank und diverser Wirtschaftexperten zur schlimmsten Krise der Weltwirtschaft seit 1929 auswächst. Und auch ein Sündenbock wurde schnell ausgemacht. Quer durch das politische Spektrum ist man sich sicher; Schuld tragen die „gierigen“ Banker und Fondsmanager, die die Bankeinlagen der Sparer an der Börse durch unseriöse Spekulationen „verzockten“. So verkündet die globalisierungskritische Bewegung Attac auf der Homepage ihrer Kampagne ‚Das Casino schließen!’: „Die aktuelle Krise ist keine Naturkatastrophe. Sie ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager […]“ (Attac 2009). Diese Einschätzung der Krisenursachen teilen offenbar sämtliche bürgerlichen Medien vom eher linksliberalen Spiegel: „Finanzkrise: Gier ohne Grenzen“ (Amann 17.08.2007) bis zur konservativen Welt: „Gier und Dummheit führten in die Katastrophe“ (Eigendorf 17.09.2008) sowie Vertreter der christlichen Kirchen und hochrangige Politiker. Im öffentlichen Diskurs wird stark mit moralischen Kategorien argumentiert, selten wird jedoch die Frage nach dem kapitalistischen System und den daraus resultierenden Strukturen, die das Handeln der Akteure determinieren, gestellt. Zwar scheint nach der Krise plötzlich Einigkeit darüber zu herrschen, dass es sich bei den Selbstregulierungskräften des freien Marktes um ein neoliberales Ammenmärchen handelt, auf der anderen Seite wird die Notwendigkeit der staatlichen Regulierung der Finanzmärkte nicht mit einem dem System inhärenten Krisenpotential, sondern mit der Gier und dem menschlichen Versagen einzelner Akteure begründet.

Gleichzeitig spukte Mitte Oktober 2008 die Nachricht durch die Medien, es habe aufgrund der Finanzkrise einen Ansturm auf „das Kapital“ von Karl Marx gegeben, welches kurzzeitig sogar ausverkauft gewesen sei (vgl. Bauckhage 23.10.2008). Sind Marx und seine Analyse des Kapitalismus also mitten in der Krise plötzlich wieder aktuell? In der Öffentlichkeit weit verbreitet scheint die Annahme zu sein, Marx habe einen durch eine Krise ausgelösten Zusammenbruch des kapitalistischen Systems prophezeit. Zwar ist diese Behauptung in Marx Schriften aus der Zeit der Wirtschaftskrise von 1857 enthalten, nach Beendigung derselben verabschiedete sich jedoch auch Marx offenbar wieder von diesem Gedanken (vgl. Heinrich 2008, S. 56). Aber worin besteht dann überhaupt die marxsche Krisentheorie? Können die analytischen Kategorien, die Marx im Kapital vor gut 150 Jahren prägte heute überhaupt noch gewinnbringend angewandt werden? Schließlich gab es in der Zwischenzeit gewaltige Umwälzungen, das Wirtschaftssystem hat sich durch die Globalisierung und die Entwicklung modernster Informations- und Kommunikationstechnologie scheinbar grundlegend verändert. Besonders die Finanzmärkte haben solch eine Bedeutung gewonnen, dass sie für viele zum bestimmenden Part des ökonomischen Systems geworden sind. Dies wurde durch den Krisenausbruch auf den Finanz- und Bankensektor scheinbar bestätigt. Deshalb stellt sich zur Bestimmung der Aktualität der marxschen Krisentheorie vor allem die Frage, inwiefern dieser monetäre Kategorien entwickelt hat, die sich für eine Analyse der heutigen Finanzmarktkrise eignen.

Die vorliegende Arbeit soll sich den soeben aufgeworfenen Fragen widmen. Dabei soll zunächst in aller Kürze die Entstehung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise nachgezeichnet werden. Danach soll die marxsche Krisentheorie eingehend untersucht werden. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den Aspekten liegen, die in der Finanzsphäre angesiedelt sind, also dem Geld und Kreditsystem, da diese besondere Relevanz für die Erklärung der aktuellen Krise zu haben scheinen. Sodann soll der Versuch unternommen werden, die zuvor erläuterten marxschen Begrifflichkeiten auf die aktuelle Krise zu übertragen.

2. Die aktuelle Finanzkrise

Auslöser für die aktuell anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise, war das Platzen einer Spekulationsblase auf dem US-amerikanischen Immobilienmarkt. Doch wie konnte es zu dieser ‚Blase’ kommen? Da die Preise auf dem amerikanischen Immobilenmarkt seit längerem kontinuierlich stiegen, sahen die Banken in der Vergabe von Immobilienkrediten ein sicheres Geschäft. Um nach dem Platzen der Aktienmarktblase Ende der 90er die Wirtschaft mit billigen Krediten anzukurbeln, senkte die US- Notenbank FED den Leitzins kontinuierlich, bis er 2003 die 1% Marke erreichte. Auf diesem Tiefstand blieb er bis Mitte 2004 (vgl. Shiller 2008, S. 61f). Angeregt durch die günstigen Kredite und die Aussicht der weiteren Preissteigerung der Immobilien, gab es einen Boom beim Häuserbau, der die Immobilienpreise weiter nach oben schnellen ließ. Schon seit den neunziger Jahren hatten die Banken den Sektor der Subprime- loans für sich entdeckt. Diese Kredite werden an Schuldner mit geringer Bonität (wenig Einkommen usw.) und einem hohen Ausfallrisiko vergeben. Da diese Schuldner aufgrund des hohen Ausfallrisikos eine Risikoprämie zahlen müssen, lohnen sich die Subprime-Kredite für die Banken trotzdem (vgl. Bloss et al. 2008, S.20f). Aufgrund der Preissteigerungen auf dem Immobilienmarkt schien die Vergabe von Subprime-Krediten den Banken als sicheres Geschäft; wird ein Kreditnehmer zahlungsunfähig, so wird einfach das Haus verkauft und die Bank bekommt ihren Kredit ohne Verlust zurückerstattet. Auch für die Kreditnehmer brachten die steigenden Immobilienpreise Vorteile mit sich. Mit ihren Häusern als Sicherheit konnten sie zu günstigen Konditionen weitere Kredite aufnehmen, die zur Refinanzierung ihres Immobilienkredits oder der Befriedigung von Konsumbedürfnissen diente. Von den Banken wurden unterdessen Mittel konzipiert, um das von den Subprime-Krediten ausgehende Risiko auf mehreren Schultern zu verteilen. Die Kredite wurden von Investmentbanken aufgekauft und zu als Finanzinnovationen angepriesenen Paketen namens Collateralised Mortgage Obligations (CMO) verpackt („verbrieft“) und zum Kauf angeboten. Obwohl diesen CMOs zum größten Teil Subprime Kredite zugrunde lagen, erreichten sie durch die Segmentierung in unterschiedliche Risikokategorien – so genannte Tranchen – je nach Segment die Bestnote der Rankingagenturen (vgl. Bloss et al. 2008, S. 18f). Da die Renditeerwartung vor allem in den risikoreichen Tranchen überaus hoch war, fehlte es nicht an Investoren, die ihr Geld in CMOs anlegten. Diese stellten vor allem Banken, Investment- und spekulativ orientierte Hedgefonds dar, die nun zu den Hauptverlieren der Krise zählen (vgl. Heinrich 2008, S. 58).

Als der Leitzins in den Jahren 2004 und 2005 schrittweise wieder angehoben wurde, kam es zu immer mehr Kreditausfällen. Grund dafür waren die bei vielen Hypothekenkrediten vereinbarten variablen Zinssätze, die mit dem Leitzins ansteigen bzw. fallen. Dazu kam, dass der Preisanstieg der Immobilien aufgrund der teureren Kreditzinsen stockte. Weniger Menschen konnten sich die Kreditaufnahme und den Hausbau jetzt leisten. Seinen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung Ende 2006 (vgl. Bloss et al. 2008, S. 26f). Die Investmentbanken, die für die Verbriefung der Kredite extra Zweckgesellschaften gegründet hatten – auch bekannt als Special Purpose Vehicle (SPV) – mussten die ausgelagerten Kredite aufgrund von Garantieversprechen wieder in ihre Zahlungsbilanzen aufnehmen und fuhren so herbe Verluste ein (vgl. Stockhammer 2008b, S. 17). Bei mehreren Banken stellten sich Liquiditätsprobleme ein. Mit der Erhöhung der Zinsen am Interbankenmarkt – dem Markt der für die kurzfristige Kreditvergabe zwischen den Banken verantwortlich ist – war Mitte 2007 eine internationale Bankenkrise erreicht (vgl. Stockhammer 2008b, S. 13). Das Vertrauen der Banken untereinander war gestört, die Kreditvergabe wurde eingeschränkt. In Folge dessen gingen im Jahr 2008 diverse Banken Pleite (z.B. Investmentbank Lehmann Brothers) oder wurden in letzter Sekunde von staatlicher Seite durch enorme Finanzmittel unterstützt. Im Laufe des Jahres 2008 kam es dann vermehrt zu Meldungen, dass sich die Finanzkrise jetzt auch negativ auf die Realwirtschaft auswirken würde (z.B. Wirtschaftswoche 15.10.2008). Das Paradebeispiel stellte dabei, vor allem in Deutschland, die Autoindustrie dar. Zur Rettung der angeschlagenen Banken und um den Konsum anzuregen, haben sich so ziemlich alle westlichen Regierungen offenbar an den Keynesianismus erinnert und die neoliberalen Überzeugungen der letzten Jahrzehnte über Bord geworfen. Denn sowohl in den USA als auch in Europa wurden enorme staatliche Rettungs- und Konjunkturmaßnahmen eingeleitet.

3. Krisentheorie bei Marx

Im Gesamtwerk von Karl Marx lässt sich keine einheitliche Krisentheorie finden. Obwohl er Krisen in vielfältiger Weise bespricht, gibt es kein eigenes Kapitel in dem eine kohärente Krisentheorie dargelegt wird. Zusätzlich war Marx offenbar, sowohl was den theoretischen Rahmen als auch die inhaltlichen Begründungen der Krise angeht, sehr wechselhaft in seinen Annahmen (vgl. Hahn 1999, S. 159). Zu unterscheiden sind in Marx Werk mindestens vier verschiedene Ansätze zur Krisenerklärung. Dazu zählen das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, die Unterkonsumptions- beziehungsweise Überproduktionstheorie, sowie die so genannte Profit- Squeeze- Theorie, bei der die fallende Profitrate und darauf folgende Krise durch das Steigen der Löhne während der Boomphase erklärt wird (vgl. Sablowski 2003, S.438).

Neben diesen drei im traditionellen Marxismus stark rezipierten Theorieansätzen, die versuchen Krisen aufgrund realwirtschaftlicher Probleme zu erklären, lassen sich bei Marx jedoch auch monetäre Aspekte der Krisenerklärung finden. Da im Rahmen dieser Arbeit versucht werden soll, die marxschen Analysekategorien auf die aktuelle Finanzkrise anzuwenden, ist diese monetäre Dimension der marxschen Theorie hier natürlich von besonderer Relevanz.

Die monetären Bausteine der marxschen Konjunktur- und Krisentheorie sind jedoch von den traditionellen Marxisten ebenso wie von den Gegnern des Marxismus lange Zeit weitestgehend ausgeblendet worden. Erst seit Mitte der 70er Jahre gibt es Anstrengungen, die Bedeutung von Geld und Kredit in der marxschen Theorie herauszuheben, zum Beispiel von Hans- Georg Backhaus. Gegenwärtig hat es sich vor allem Michael Heinrich zur Aufgabe gemacht, die marxsche Werttheorie als monetäre Theorie zu interpretieren (vgl. Hahn 1999, S. 116f).

Die Unterschlagung der monetären Aspekte im marxschen Werk mag vor allem der Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Kapitals geschuldet sein. Da der dritte Band des Kapitals, in dem die monetären Dimension ausführlich behandelt werden, erst 27 Jahre nach dem ersten Band veröffentlicht wurde, hatte sich in der Zwischenzeit schon eine auf den Produktionsprozess und die nicht- monetären Aspekte fokussierte Auslegung der marxschen Theorie gebildet. An diese konnte das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, welches ebenfalls im dritten Band zu finden ist, nahtlos angeschlossen werden, weil es von Marx unmittelbar aus den Produktionsbedingungen abgeleitet wird. Dies gilt jedoch nicht für die Überlegungen zu Zins und Kreditwirtschaft (vgl. Heinrich 2003, S.403f).

3. 1 Realwirtschaftliche Aspekte der marxschen Krisentheorie

Im Folgenden sollen zunächst in aller Kürze die auf der realwirtschaftlichen Sphäre basierenden Auslöser einer Wirtschaftskrise skizziert werden. Im nächsten Kapitel wird sodann auf die monetären Aspekte der marxschen Krisentheorie eingegangen. Auf eine Darstellung der Profit- Squeeze Theorie wird verzichtet, da sie für den Zusammenhang der Arbeit zu vernachlässigen ist.

3.1.1 Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate

Gewinnmaximierung ist nach Marx das grundlegende Ziel der kapitalistischen Produktion. Maßstab der Gewinnmaximierung ist die Profitrate. Diese beeinflusst die Investitionsentscheidungen des Kapitalisten. Wird eine hohe Profitrate erwartet, so wird investiert. Fällt die (erwartete) Profitrate können Investitionen zurückgezogen und Kapital aus der Produktion abgezogen werden, was den Produktionszyklus unterbrechen und zur Krise führen kann (vgl. Kunzmann 2001, S. 11f).

Marx wollte aufzeigen, dass es im Fortschreiten der kapitalistischen Produktion einen grundlegenden Widerspruch gibt. Dieser besteht in der Tendenz des Falls der Profitrate durch die weitere Entwicklung von industrieller Maschinerie. Marx begründet dieses ‚Gesetz’ folgendermaßen: der Gesamtwert einer unter kapitalistischen Produktionsbedingungen entstandenen Ware lässt sich als c + v + m bezeichnen, wobei „c“ das konstante Kapital, also die Rohstoffe und Produktionsmittel, „v“ das variable Kapital, also die Löhne und „m“ den Mehrwert, sprich den Anteil des von den Arbeitern geschaffenen Neuwertes, der ihnen nicht vergütet wird, bezeichnet. Ein Maß für die Ausbeutung der Arbeitskraft stellt dabei die sogenannte Mehrwertrate dar: m / v. Sie gibt an, wie viel Mehrwert im Verhältnis zum Lohn geschaffen wurde (vgl. MEW 23 S.232). Eine weitere Bestimmungsgröße ist die Wertzusammensetzung des Kapitals: c / v, diese zeigt das Verhältnis von variablem zu konstantem Kapital an. Doch die entscheidende Größe für den Kapitalisten ist natürlich die Profitrate m / (c + v). Marx argumentiert nun, dass bei fortschreitender kapitalistischer Produktion die Wertzusammensetzung des Kapitals auf die Dauer steigt, denn aufgrund der dauerhaften Konkurrenz und der technischen Entwicklung wird immer mehr konstantes Kapital in Maschinen usw. investiert und menschliche Arbeitskraft verdrängt. Kürzt man den Ausdruck der Profitrate m / (c + v) um v so wird deutlich, wie Mehrwertrate und Wertzusammensetzung die Profitrate determinieren: (m / v) / ((c / v) + 1). Dies führt nach Marx dazu, dass, falls die Wertzusammensetzung wie von ihm angenommen steigt, die Profitrate automatisch fällt. Dies gilt jedoch nur, wenn die Mehrwertrate konstant bleibt oder sinkt, bei steigender Mehrwertrate kann der Beweis für den tendenziellen Fall der Profitrate nicht erbracht werden, denn dann müsste nachgewiesen werde, dass die Wertzusammensetzung in einem größeren Maße steigt als die Mehrwertrate. Darüber kann jedoch keine allgemeine Aussage getroffen werden (vgl. Heinrich 2005, S.150f). Außerdem scheint es relativ wahrscheinlich zu sein, dass die Mehrwertrate bei fortschreitender Technisierung trotzdem steigt, da durch den Einsatz von Maschinen die Arbeitsproduktivität der verbleibenden Arbeiter gesteigert werden kann (Bsp. Fließband).

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Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640415878
ISBN (Buch)
9783640408467
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133859
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Marx Finanzkrise Krisentheorie Kredit fiktives Kapital Kapital Krise

Autor

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