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Ödön von Horvaths 'Jugend ohne Gott': Ein kritischer Blick auf den Widerstand

Hausarbeit 2008 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Einleitung
1.2 Exkurs: weitere Aspekte des Werkes

2 Ödön von Horváth Entstehungsgeschichte von Jugend ohne Gott
2.1 Ödön von Horváth – Werdegang eines heimatlosen Dramatikers
2.2 Exkurs zur Exilschreibsituation
2.3 Ödön von Horváth – Schaffen im Exil

3 Textstruktur
3.1 Allgemeines zu JoG
3.2 Die 4 Handlungsabschnitte
3.3 Überschriften- und Kapitel-Funktion
3.4 Theaterelemente in JoG

4 Der Widerstand in JoG
4.1 Der leidvolle Weg zur kritischen Auseinandersetzung
4.2 Der stille Widerstand
4.3 Wie die Stille bröckelt

5 Fazit

6 Quellenangaben
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1 Einführung

1.1 Einleitung

Diese Hausarbeit widmet sich dem Thema des Widerstandes im Roman Jugend ohne Gott von Ödön von Horvath, welcher 1937 erschien. Ich werde klären, in wie weit der Roman zur antifaschistischen Literatur gezählt werden kann und dabei näher auf die Form des Widerstandes eingehen. Anhand meiner Untersuchungen versuche ich festzustellen, was Horvath dazu bewegt hat ausgerechnet einen persönlich moralischen Protest zum Thema zu machen in einer Zeit, in der andere Autoren offensiv und in aller Deutlichkeit gegen den Nationalsozialismus schrieben. Dazu werfe ich zunächst unter 2.) einen Blick auf Horvath als Künstler und Exilanten, mit besonderer Berücksichtigung der damaligen Entstehungsbedingungen von JoG (fortläufige Bezeichnung des Werkes), bevor ich allgemein auf den Werkaufbau und die Textstruktur zu sprechen komme.

Anschließend werde ich die Form des Widerstandes interpretieren und in den zeitlichen Diskurs einordnen unter zu Hilfenahme der von Horvath verwendeten Stilmittel. Dabei soll anhand der geistigen Wandlung des Erzählers, aber auch die Kritik an der beschriebenen Gesellschaft sowie die vorkommenden Typen des Protestes deutlich zum Vorschein kommen. Abschließend zeige ich die sich daraus ergebenen Möglichkeiten für eine hypothetische Entwicklung des Widerstandes auf.

1.2 Exkurs: weitere Aspekte des Werkes

Aufgrund der begrenzten Seitenzahl dieser Arbeit werde ich unweigerlich auf einige wichtige Aspekte des Romans verzichten müssen. Da einige von diesen dennoch für den Gesamtzusammenhang der Arbeit erwähnenswert sind, versuche ich an dieser Stelle zwei der vernachlässigten Motive in aller Kürze abzuhandeln.

Das Frauenbild

In JoG ist das Bild der Frau stark negativ besetzt. Sie wird als „rucksacktragende Venus“ (S:26)1, als ein reizloses Instrument des Faschismus entworfen. Bis auf wenige Ausnahmen ist sie als Opfer der Männer erkennbar. Das Gegenmotiv der „mißleitete[n] Töchter“ (S:37) bietet ausschließlich die Figur der Eva, die aber nur bedingt als emanzipiert und eigenständig gelten kann.

Die Götter

JoG hat eine stark ausgeprägte religiöse Sendung. Dabei werden im Verlauf der Handlung drei verschiedene Gottesbegriffe eingeführt. Zu Beginn präsentiert sich Gott dem Erzähler verkommen zur Worthülse, hinter der keine echte Religiosität steckt. Der Erzähler wendet sich von diesem Gott ab. Später wird vom Pfarrer der strafende Gott eingeführt, der den schuldigen Menschen im Faschismus straft. Der Lehrer glaubt zeitweilig an diesen Gott, was sich merklich in der Häufigkeit der religiösen Begrifflichkeiten widerspiegelt. Der letzte Gottesbegriff ist der der Wahrheit, auf den ich noch im Hauptteil näher eingehen werde.

2 Ödön von Horváth Entstehungsgeschichte von Jugend ohne Gott

2.1 Ödön von Horváth – Werdegang eines heimatlosen Dramatikers

Ödon von Horváth, dessen Vater ein Diplomat aus dem ungarischen Kleinadel und dessen Mutter eine Ungarn-Deutsche war, verbrachte seine Jugend in den unterschiedlichsten Ländern, immer auf dem Sprung, nirgendwo zu Hause. Geboren wurde er in Susak, Kroatien, dem heutigen Rijeka. Stationen seines Lebens waren: Belgrad, Budapest, München, Pressburg, wieder Budapest, bis Horváth schließlich in Wien sein Abitur machte. Sein Studium der Theaterwissenschaften bestritt er in München, wo auch sein künstlerisches Schaffen seinen Anfang nahm. Schließlich bezog er seinen festen Wohnsitz in Berlin, hielt aber auch regelmäßigen Kontakt zu seinem Elternhaus im bayrischen Murnau.

Mehr oder weniger durch Zufall zum Schreiben gekommen, begann sich Horváth schnell als Dramaturg einen Namen zu machen. Sein Werk wird mit den fortscheitenden Jahren immer kritischer und setzt sich unter anderem satirisch mit dem deutschen und österreichischen Spießbürgertum auseinander, das er als Grundlage des Faschismus in Deutschland sah. Noch relativ unpolitisch, jedoch mit dem scharfsinnigen Blick des Humanisten, macht Horváth sich mit Stücken wie „italienische Nacht“, indem deutlich die von den „Stammtischen, den Biergärten, den Sitzecken, dem Urterrain des Spießers...“ (Dieter Hildebrandt, Horváth, Rowohlt Taschenbuch Verlag, München, 1975; S:66) ausgehende Gefahr beschrieben wird, bei den Nationalsozialisten unbeliebt. 1931 erhielt er zusammen mit Erik Reger den hochrenommierten Kleistpreis und war dank zahlreicher Aufführungen auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit in Berlin angekommen. Dass dies von den Nazis kaum hingenommen werden konnte, versteht sich fast von selbst. Horváth und sein Mitpreisträger wurden in braungefärbten Zeitungen diffamiert und beschimpft. Es wird auf typische Propagandabegriffe zurückgegriffen: undeutsch, sollen sie sein, als Juden werden sie bezeichnet (Da beide Schriftsteller keine Juden waren, passt dieses Bild wunderbar zu dem der Neger in JoG, die die Außenseiter repräsentieren). In einem Kommentar zur Verleihung heißt es, „dass Horváth deutschen Mensch nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat“ (Dieter Hildebrandt, Horváth, Rowohlt Taschenbuch Verlag, München, 1975; S:68)

Horváth, der sich offensichtlich beleidigt fühlte, versuchte sich zunächst zu rechtfertigen, Paroli zu bieten, gerät sogar persönlich mit einem SA-Mann in Streit, da er seine Äußerungen nicht hinnehmen konnte. Auch arbeitete er unerschrocken in Berlin weiter an anderen Projekten. Horváths standhaftes Verhalten den Nazis gegenüber änderte sich aber schwungartig bei der Machtübernahme Hitlers. Schon früh wurde Horváths Schaffen misstrauisch beäugt. Nun, da alle rechtlichen Mittel auf ihrer Seite waren, raubten die Nationalsozialisten Horváth die Existenzgrundlage, indem kurzerhand seine Theaterstücke nicht länger inszeniert werden durften. Geschlagen zieht er sich aus Berlin zurück, um in Murnau bei seinen Eltern Ruhe zu finden.

Trotz seines Aufführverbotes begann er dort 1934 mit den Aufzeichnungen zu einem Theaterstück, das „Der Lenz ist da! Ein Frühlingserwachen in unserer Zeit“ heißen sollte. Er machte sich in seinem Heimatdorf an die Sammlung von Materialien und fertigte schließlich mehrere Seiten Notizen an. Inhaltlich in einem Dorf, verdächtig ähnlich an Murnau, angesiedelt, trug sich der Konflikt des Stücks zwischen einer städtischen Schulklasse in den paramilitärischen Ferien und einer in den Wäldern lebenden Jugendbande aus. Die allgemeine Verrohung und Gefühlskälte der Jugend, einer Mädchenklasse mit ihrer Lehrerin, die den verschollenen Flieger sucht, sowie die Gegenüberstellung von marschierender Venus und verhältnismäßig emanzipierter Weiblichkeit, sind ebenfalls in den Aufzeichnungen vermerkt. Tragendes Motiv sollte der Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft sein, einer deutlich militaristisch-autoritären Gesellschaft. Alles auch Grundmotive von Jugend ohne Gott. Doch das Stück wurde nie vollendet.

Denn als schließlich die SA Horváth eine eindeutige Warnung zukommen ließ, indem sie das elterliche Haus durchsuchte, tat er es vielen seiner Freunde gleich und emigrierte.

2.2 Exkurs zur Exilschreibsituation

In der Anfangsphase des Faschismus, als die NSDAP immer mehr an Einfluss gewann, war die linke und sonstige Konterliteratur noch explizit und eindeutig. Sie verurteilte scharf die politische Marschrichtung und warnte ausdrücklich vor einem Machtgewinn der Nationalsozialisten. Widerstand in der Literatur war ausschließlich offen und aktiv.

Zunächst hatten aber auch viele Schriftsteller angenommen der NS sei nur eine Phase, eine politische Welle, die ebenso schnell wieder abflaute, wie sie aufgetaucht war. Sie wollten dem Faschismus keine Beachtung schenken, missachteten die Vorzeichen und arbeiteten unbehelligt weiter. Früher oder später würden die Nazis schon noch an ihren eigenen ideologischen Widersprüchen zugrunde gehen, so der allgemeine Tenor.

Als dies nicht eintrat und ein Großteil der deutschen Schriftsteller nach der Zuspitzung der Verhältnisse im Heimatland ins Exil ging, veränderte sich die Auseinandersetzung mit dem Faschismus.

Die Widerstandsliteratur, die im Exil entstand war zumeist düsterer und pessimistischer als noch in ihrer Anfangsphase. Da die Hoffnung auf einen schnellen Sturz des Hitlerregimes nun nicht mehr bestehen konnte, musste ein neues Ziel definiert werden: Die Warnung an andere Länder den Faschismus nicht soviel Einfluss gewinnen zu lassen (nicht zuletzt deshalb, da die Schriftsteller es selbst einfach hatten geschehen lassen und dabei hilflos zusahen, wie ihr Land überrannt wurde). Wie viele andere seiner Kollegen, fragte sich auch Horvath, wie man in so einer Zeit schreiben könne. Jedenfalls nicht mehr wie bisher, war seine Antwort.

Sein Blick, wie der anderer Exilautoren, richtete sich nicht mehr so explizit wie bisher auf die Demagogen, wendete sich nun den Menschen zu, die von diesen verführt, verhetzt, ge- und verjagt worden waren. Es war die Darstellung des „alltäglichen Faschismus“ und die literarische Analyse der verschiedenen Bevölkerungsschichten, die Opfer des Faschismus wurden, oder die diesen begünstigt hatten, die zentraler Bestandteil dieser veränderten Auseinandersetzung wurde.

Kritik musste nun nicht mehr unbedingt explizit getätigt werden, da ohnehin alle derzeitige Literatur immer auch im Kontext des Faschismus rezipiert wurde. Dies ist die Wegbereitung für subtilere Formen der literarischen Gegnerschaft zum Dritten Reich, somit auch für JoG.

2.3 Ödön von Horváth – Schaffen im Exil

Erste Station von Horváths Exil war Österreich, genauer Wien, in dem er immerhin kein völlig Fremder war. Auf kleinen Bühnen wurden weiterhin seine Stücke, die er unablässig produzierte, gespielt, jedoch nur mit mäßigem Erfolg.

Österreich bedeutete für ihn aber nur Provisorium, ein gehetztes Leben ohne Heimat. Noch im selben Jahr ließ er seine ungarische Staatsbürgerschaft erneuern und ging in einer waghalsigen Aktion zurück nach Berlin, mittlerweile Hochburg des Faschismus. Seine Bücher waren unterdessen bereits verbrannt, an sein Andenken als einst gefeierter Dramatiker erinnerte nichts mehr. Er kam in der guten Hoffnung, dass eine Stadt aller Propaganda zum Trotz nicht das ihr eigene Milieu verliert, indem er sich Zuhause fühlt. Und er kehrte bereits ein Jahr später desillusioniert und verbittert nach Wien zurück. Er war zwar in der Zeit fast unbehelligt von den Nazis seinen Tätigkeiten, meist Filmen, nachgegangen, doch schienen ihn die dortigen Umstände und Ereignisse tief geprägt zu haben. In der Folge änderte sich sein Schaffen. Seine Stücke waren nicht mehr derart weltbezogen wie einst, wurden autobiographischer, persönlicher. Auch begann er sich allmählich mit dem österreichischen Milieu zu identifizieren oder wenigstens auseinander zusetzen. Denn hatte er zuvor in Wien geschrieben wie in Berlin, passte sich sein Schreiben nun der Wiener Wesensart an. Die folgenden Stücke sind eindeutig im Wiener Raum angesiedelt. Doch war sein weiteres Werk auch bestimmt von einer neuen Rastlosigkeit, die sich auch in JoG an der Person des Lehrers wiederspiegelt: Horváth fühlte sich innerlich zerrissen: Er ist gezwungen seine Wahlheimat, in der er all seine Erfolge feierte, als nicht länger bewohnbaren Ort zu sehen, schafft es aber nie sich völlig von Deutschland zu lösen. In dem Stück „Figaro lässt sich scheiden“, legt der dem Figaro einen Satz in den Mund, der auch ebenso für Horváth gelten könnte: „Ein Emigrant ist immer ein Hergelaufener und hat auch kein Zuhause, denn er hat es verraten.“ (Dieter Hildebrandt, Horváth, Rowohlt Taschenbuch Verlag, München, 1975, S:98)

Das letzte Lebensjahr Horváths ist abermals geprägt von einem radikalen Umdenken: Er zweifelt an seinem bisherigen Schaffen und will keines seiner alten Werke noch gelten lassen, distanziert sich von seinen Arbeiten. Einzig „ein Dorf ohne Männer“ hat unter seiner eigenen Kritik Bestand. Vielmehr sollen seine Stücke von jetzt an unter dem Credo die Komödie des Menschen erscheinen. Seine Wandlung begründet er wie folgt: „Denn ich bin überzeugt, dass es [In dieser Zeit Anm. d. V.] nur Sinn hat, sich ein großes Ziel zu stecken. Zur Rechfertigung und Selbstermunterung.“ (ebenda, S:106) Noch einmal werden Selbstzweifel, Skepsis dem eigenen Schaffen gegenüber deutlich.

An äußeren Erfolgen gemessen aber war das Jahr 37 ein erfolgreiches für Horváth. Allein vier Uraufführungen hatte er zu verbuchen und auch seine Prosaprojekte trieb er mit unvergleichlicher Schnelligkeit voran. Zu diesem Zweck diente ihm das lange vernachlässigte Fragment zu „Der Lenz ist da!“ zusammen mit Entwürfen zu einem Roman (Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit), die auf 1935 zurückgehen, als Grundlage von Jugend ohne Gott, seinem dritten Roman. Das sich die Erscheinungsform des Werkes von Drama zu Prosa änderte, ist höchstwahrscheinlich mit der Exilsituation zu begründen. Bühnen, die deutsche Stücke spielten, gab es wenige, zudem kleine. Horváth selbst bringt es in einem Satz auf dem Punkt: „... das Stückeschreiben ist für uns Spielschreiber deutscher Sprache vorderhand sinnlos geworden, weil wir kein Theater mehr haben, das uns bringt“ (ebenda, S:107) Dieses Argument klingt aber auf den ersten Blick bei einer Anzahl von vier Uraufführungen allein in einem Jahr ein wenig paradox.

Ein weiterer Aspekt, der sich nicht verleugnen lässt, wäre ein enormer Geldmangel. Im August 1937 schrieb Horváth: „Ich muss dies Buch schreiben. Es eilt, es eilt! Ich habe keine Zeit, dicke Bücher zu lesen, denn ich bin arm und muss arbeiten, um Geld zu verdienen, um essen zu können, zu schlafen. Auch ich bin nur ein Kind unserer Zeit.“ (Traugott Krischke (Hrsg.), Ödön von Horváth, Frankfurt a. M. 1981, S:234) Zwar galt dies Zitat seinem darauffolgenden Werk (Ein Kind unserer Zeit), es ist aber anzunehmen, dass es dieselbe Lage war, die ihn kurz zuvor JoG innerhalb von zwei Wochen niederschreiben ließ.

[...]


1 Alle Seitenzahlen folgen, wenn nicht anders vermerkt, folgen: Ödön von Horvath, Jugend ohne Gott, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 1988

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640415731
ISBN (Buch)
9783640406425
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133811
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Horvaths Jugend Gott Blick Widerstand

Autor

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Titel: Ödön von Horvaths 'Jugend ohne Gott': Ein kritischer Blick auf den Widerstand