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Die Rezession und ihre Auswirkungen auf umlagefinanzierte und kapitalgedeckte Rentensysteme am Beispiel der Wohlfahrtsstaaten USA, Deutschland und Schweden

Hausarbeit 2009 33 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Methodisches Vorgehen

3. Die Charakteristika von Rentensystemen und der Einfluss der Rezession
3.1. Die Ausgestaltung der Rentenvorsorge in den USA, Deutschland und Schweden
3.2. PAYG, Funding, defined benefit und defined contribution
3.3. Die Auswirkungen der Rezession auf die Rentenvorsorge
3.3.1.Auswirkungen auf die gesetzliche Absicherungsbasis (1. Säule)
3.3.2.Auswirkungen auf die (betriebliche) Zusatzvorsorge (2. Säule)
3.3.3.Auswirkungen auf das freiwillige Vorsorgesparen (3. Säule)
3.4. Bewertung des Einflusses der Krise auf die Säulen der Rentensysteme

4. Zusammenfassung und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Charakteristika der Rentensysteme in den USA, Deutschland und Schweden

Abbildung 2: Nominale und reale Erträge aus Pensionsfonds in ausgewählten OECD- Ländern im Zeitraum Januar- Oktober 2008

Abbildung 3: Interne Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland

Abbildung 4: Durchschnittliche hochgerechnete obligatorische Rente und prozentuale Abdeckung durch private Vorsorge

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung und Fragestellung

Während die amerikanische Regierung die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac mit staatlichen Interventionen vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrte und die Investmentbank Bear Stearns vom US- Federal Reserve System mit einem Überbrückungskredit gestützt und schließlich von JPMorgan Chase & Co. übernommen wurde, blieben dem Finanzdienstleister Lehman Brothers diese Maßnahmen für den Weiterbetrieb des Geschäfts versagt. Ob aus Sorge weiterer notwendiger monetärer Hilfe, der fehlenden Beteiligung anderer Banken oder dem Unterschätzen der strukturellen Bedeutung und Funktion heraus, der Insolvenzantrag der Lehman Brothers Corporation Mitte September 2008 führte zu einer Reihe anderer Insolvenzen unter Finanzinstitutionen.

Die folgende Arbeit konzentriert sich auf die Auswirkungen der- umgangssprachlich als Finanzkrise bezeichneten- Rezession auf die Altersvorsorge in den Wohlfahrtsstaaten USA, Deutschland und Schweden. Das methodische Vorgehen wird im zweiten Kapitel erläutert.

Der Hauptteil der Arbeit gliedert sich in vier Bereiche: erstens folgt der Erläuterung des methodischen Vorgehens eine Übersicht der Rentenmodelle der drei Wohlfahrtsstaaten, in welcher die relevanten Charakteristika veranschaulicht werden. Zweitens wird auf die grundlegenden Eigenschaften der beiden Hauptfinanzierungsarten, ULV und KDV, sowie auf den Unterschied zwischen defined benefit und defined contribution eingegangen. Drittens werden die Auswirkungen der Rezession auf die Rentenvorsorge in den USA, in Deutschland und in Schweden untersucht. Jedes Vorsorgesystem unterliegt bezüglich Outcome und Nachhaltigkeit determinierenden Faktoren wie respektive demografischen Veränderungen oder Abhängigkeit von einem stabilen Kapitalmarkt. Es soll gezeigt werden, welche Ausgestaltung der Zusammensetzung der drei Säulen (public private mix) des Rentensystems anfälliger für Schwankungen am Finanzmarkt ist. Diese Ergebnisse werden viertens in die anschließende Bewertung miteinbezogen. Dabei soll gezeigt werden, in welchem Wohlfahrtsstaat die Auswirkungen am stärksten ausfallen und welche Personen (-gruppen) davon betroffen sind.

Abschließend werden im vierten Teil die Hauptergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.

2. Methodisches Vorgehen

Die nachfolgende Untersuchung analysiert drei Fälle unter Betrachtung einer Variablen. Den Rentensystemen1 als abhängiger Variable steht die unabhängige Variable Rezession gegenüber: die Rentenvorsorgesysteme der einzelnen Wohlfahrtsstaaten werden von mehreren Faktoren deteminiert, von denen die Rezession2 herausgegriffen und deren Wirkungen eingehend betrachtet werden. Andere relevante Faktoren betreffen insbesondere demografische Veränderungen, budgetbedingten Druck in den Wohlfahrtsstaaten und den gestiegenen internationalen Wettbewerb. Auf den generellen Wandel der Wohlfahrtsstaaten zurückgehende und einwirkende endogene Faktoren wie der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft und die damit verbundene geringere Produktivität (im Vergleich zum Industriesektor3) sowie die Reifung der Sozialsysteme auf Basis vorhandener Verpflichtungen wird neben exogenen Faktoren wie abgeschafften Kapitalverkehrskontrollen, abgebauten Handelsbarrieren und europäischen Konvergenzkriterien4 ausgeklammert.

Jedes Alterssicherungssystem kann anhand des 3- Säulen- Modells klassifiziert werden (siehe 3.2.). Je nach landesspezifischer Ausgestaltung und verschiedenen Anteilen ergeben sich durch die Rezession unterschiedlich schwere Auswirkungen. Die Arbeit soll zeigen, ob ein hochgradig umlagefinanziertes System weniger durch die Rezession beeinflusst wird als ein kapitalgedecktes. These ist, dass die Rezession Wohlfahrtsstaaten mit ausgeprägter kapitalgedeckter Rentenvorsorge stärker betrifft als Regime, welche Renten über das ULV finanzieren.

Die Fallauswahl erfolgte unter dem Gesichtspunkt der Divergenz der Rentenschemata in den drei Wohlfahrtsstaaten: der Klassifikation Gøsta Esping- Andersens nach entwickelten sich in diesen drei wohlfahrtsstaatlichen Idealtypen5 unterschiedliche politische Arrangements und Sozialpolitiken, woraus verschiedene Arten von Rentenvorsorgesystemen resultierten.6 Ein Vergleich der Auswirkungen auf das dänische und das schwedische Rentensystem ist durch die Ähnlichkeit der Anteile in den drei Säulen7 daher sicher weniger ergiebig. Trotz der Vielzahl an Varianten kann jeder OECD– Staat und dessen jeweiliges Rentensystem einem der nachfolgend erläuterten Grundtypen zugeordnet werden und besitzt eine deutlich weiter entwickelten Outcome im Vergleich zu weniger entwickelten Ländern8.

In der Analyse werden normative Wertvorstellungen (wie beispielsweise egalitärer Zugang zum System oder Höhe der Leistungen) neutral behandelt. Da der Vergleich der drei Wohlfahrtsstaaten eine Momentaufnahme darstellt, handelt es sich um einen Querschnittsvergleich9. Das Analyseraster entspricht demnach einem most similar systems design: die ähnlichen Untersuchungsfälle- hier die pension schemes der OECD- Staaten USA, Deutschland und Schweden sowie deren zukünftiger Outcome- sollen anhand der auf sie einwirkenden Kontextfaktoren beleuchtet werden. Idealtypisch sollten sich die ausgesuchten Fälle in Betracht der erklärungsbedürftigen Varianz der abhängigen Variable nur in Bezug auf eine unabhängige Variable unterscheiden. Allerdings stehen dieser Vorgehensweise in der Regel Interdependenzen und Komplexität entgegen.10

Ein Vergleich von Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren unter Einwirkung einer Rezession setzt voraus, dass in beiden Systemen identische Risiken abgedeckt werden, alle nicht die Alterssicherung betreffenden Risiken werden vernachlässigt.11

3. Die Charakteristika von Rentensystemen und der Einfluss der Rezession

3.1. Die Ausgestaltung der Rentenvorsorge in den USA, Deutschland und Schweden

Das Rentensystem Schwedens, Deutschlands und der USA wird nachfolgend anhand mehrerer Kriterien untersucht und abschließend in einer Übersicht zusammengefasst. Grundlegend existieren vier Ausgestaltungsformen der Alterssicherung12: im ältesten Modell war Versorgung im Alter Aufgabe des familiären Umfelds oder des Freundeskreises.13 Dem Bismarck’schen Sozialversicherungsmodell liegen lohnbezogene Beitragszahlungen zugrunde, aufgrund derer (Rechts-) Ansprüche für zukünftige Leistungen entstehen. Während der Erwerbsarbeit eingezahlte Beiträge werden auf die aktuelle Rentnergeneration umgelegt.14 Im dritten Modell steht die meist steuerfinanzierte Versorgung Bedürftiger im Vordergrund, falls diese sich nicht selbst helfen können. Vorrang vor staatlicher Hilfe haben- dem Subsidiaritätsprinzip folgend- private Vorsorgemöglichkeiten. Das als Alternative diskutierte Modell der Grundsicherung zielt auf von früheren Leistungen entkoppelte Auszahlungen zur Sicherung einer menschenwürdigen Existenz, und auf Vermeidung von Exklusion.15

In der folgenden Abbildung werden die Grundtypen der drei Länder anhand verschiedener Charakteristika vorgestellt. Außerdem relevant sind die erwerbszentrierte Beitragsrate sowie die Einkommensersatzrate bezogen auf das durchschnittliche Einkommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Inwieweit überhaupt von Systemen gesprochen werden kann ist strittig. Marktsysteme (hier: Kapitaldeckungssysteme) sind im Allgemeinen einer geringeren Strukturierung unterworfen. Trotzdem wird im Verlauf der Untersuchung dieser Begriff zur Unterscheidung der verschiedenen Strukturen der Altersvorsorge verwendet.

2 Zur Definition und Berechnug einer Rezession (am Beispiel Deutschlands) vgl. Sachverständigenrat (2008): S. 102 (Internetquelle).

3 Zur geringeren Produktivität im Dienstleistungssektor machen Reichwald und Möslein zwei grundsätzliche Ursachen aus: erstens kann die Leistung der Dienstleister tatsächlich unbefriedigend sein, oder es besteht eine versteckte Produktivität der Dienstleister (hidden productivity), welche durch vorhandene betriebswirtschaftlichte Messmethoden nicht ädäquat erfasst werden kann. Vgl. Reichwald und Möslein (1995), S. 15 (Internetquelle).

4 Vgl. Lütz 2004: S. 13 ff.

5 Zur Einordung der drei Staaten anhand des De- Kommodifizierungsindexes siehe Esping- Andersen (1990), S. 52. Der Grad der De- Kommodifizierung und die Klassifizierung danach stimmt mit dem De-Kommodifizierungsgrad der Renten überein: während die USA mit einem Wert von 7,0 sowie Deutschland

mit 8,5 unterhalb des Durchschnitts (10,7) liegt, nimmt Schweden mit 17,7 den höchsten Rang ein. Vgl. ebd., S. 50. Die drei betrachteten Länder können als Idealtypen bezechnet werden. Vgl. Arts und Gelissen (2002): S. 148.

6 Nach Esping- Andersen gehen die unterschiedlichen Ausprägungen von Wohlfahrtsstaaten auf die Art der Klassenmobilisierung, politische Koalitionen zwischen Klasseninteressen und das hisorische Erbe zurück (vgl. ebd., S.29). Die Gewährung sozialer Rechte als Hauptkriterium des Wohlfahrtsstaatsvergleichs („Above all, it must involve the granting of social rights“, S. 21) wendet er auf die Rente wie folgt an: die Untersuchung von Rentenausgaben bezieht sowohl öffentliche wie auch private Mittelaufwändungen mit ein. Dabei bestätigt er als treibende Kraft auf die akkumulierten Ausgaben die Alterung der Bevölkerung. Als einzig identifizierbare Kraft auf die Ausrichtung der social security benennt er die an der Macht teilhabenden labor parties (vgl. Esping- Andersen (1990), S. 118 ff.).

7 Siehe Anhang A4.

8 In Entwicklungsländern sind Vorsorgesysteme oft mangelhaft ausgestattet und erreichen grol3e Teile der Bevölkerung nicht, da diese im informellen Sektor arbeiten und/ oder nicht genügend Eigenmittel für eine eigene private Vorsorge aufbringen können.

9 Die Einordnung ist Lijphart nachempfunden, vgl. Siegel (2007), S. 97 ff.

10 Vgl. Siegel (2007), S. 106.

11 Vgl. Bach und Wiegard (2002), S. 62. Aul3erdem wird angenommen, dass beide Verfahren einen Risikoausgleich im Hinblick auf die individuelle Lebensdauer enthalten. Folglich ist durch die Identität beider Verfahren das Problem des Risikoausgleichs nicht mehr gegeben (vgl. ebd.). Zu den internen Verzinsungen beider Verfahren siehe auch Unterpunkt 3.3.3.

12 Vgl. Opielka (2004), S. 7.

13 Allerdings wird das Modell der Versorgung durch Familie und Freunde in der Praxis kaum vertreten, da es auf eine vorsozialpolitische Zeit zurückgreift und heute zwar in weiten Teilen der Welt eine Rolle spielt (vgl. ebd.), aufgrund geringer Relevanz für das untersuchte OECD- Ländersample hier nicht weiter betrachtet wird.

14 Zur Berechnung der Finanzierung und der Ersparnis im KDV und im ULV vgl. Nguyen (2000), S. 51 ff.

15 Vgl. Opielka (2004), S. 7.

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Titel: Die Rezession und ihre Auswirkungen auf umlagefinanzierte und kapitalgedeckte Rentensysteme  am Beispiel der Wohlfahrtsstaaten USA, Deutschland und Schweden