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Third Stream Interkulturelle Begegnungen zwischen Kunstmusik und Jazz

Hausarbeit 2003 22 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Der Begriff
1. Im weiteren Sinne
2. Im engeren Sinne

II. Die Sache
1. Vor dem Schuller-Lewis-Zirkel
a. Vorbemerkung
b. Die Entstehung des Jazz
c. Paul Whiteman
d. Einfluss des Jazz auf klassische Komponisten
e. Swing (Duke Ellington)
f. Westcoast Jazz
g. „Modern Jazz Quartett“ in den 50er Jahren
h. Sonstiges
i. Musiktheorie
2. Gunther Schuller und John Lewis
a. Vorbemerkungen
b. Kurzbiografien
c. Nacheinander der Bestandteile
d. Jazzausdruck und klassische Motivverarbeitung
e. Angleichung der Tonsprachen
f. gleiche Motivik in andere Tonsprache transformieren
g. Motivik verwenden und Tonsprache angleichen
h. „Modern Jazz Quartet“
i. Ornette Coleman
3. Die Idee des Third Stream nach Schuller und Lewis
a. Cecil Taylor
b. Clara Bley
c. Klaviermusik
d. Anthony Braxton
e. Postavantgarde – die vergangenen 20 Jahre

III. Zukunftsperspektiven – Versuch einer eigenen Wertung
1. Third Stream
2. die Idee des Third Stream

IV. Quellenverzeichnis
1. zitierte Literatur
2. Noten
3. Aufnahmen

I. Der Begriff

1. Im weiteren Sinne

Der Begriff Third Stream wird in der (Jazz)literatur nicht einheitlich verwendet. Die Bedeutung dieses Begriffs reicht von Vermischung unterschiedlicher Musikkulturen ganz allgemein bis hin zu der sehr speziellen Bedeutung der Verbindung zwischen modernem Jazz der 60er Jahre und avantgardistischer Kunstmusik.

Allgemein gesprochen wird unter Third Stream eine Art des Musizierens verstanden, bei der authentische Jazzimprovisation mit komponierten klassischen Formen kombiniert werden. Wenn man davon ausgeht, müsste man bereits die in klassischen Formen komponierte Big Band Musik mit ihren improvisierenden Jazzmusikern der 30er Jahre als Third Stream bezeichnen. Es stellt sich hierbei die Frage, ob Improvisation und klassische Form tatsächlich das entscheidende Wesensmerkmal von Jazz- bzw. Kunstmusik sind.

Eine Beispiel für eine eher weit gefasste Bedeutung des Begriffs „Third Stream“ gibt der “New Grove Dictionary of Jazz” in seinem Artikel über Third Stream: „A term [...] for a type of music which, through improvisation or written composition or both, synthesises the essential characteristics and techniques of contemporary Western art music and various ethnic or vernacular musics.“[1] Schuller beschränkt sich hier auf der Seite der westlichen Kunstmusik auf zeitgenössische Musik, was sicherlich daran liegt, dass Schuller, der in seiner Musik v.a. neue Musik mit Jazz zusammenzuführen versuchte, die Bedeutung seiner eigenen Musik am Third Stream betonen wollte. Allerdings lässt er auf der anderen Seite offen, mit welcher Musik der Third Stream zeitgenössische Musik überhaupt verbinden will.

Die MGG 2 verallgemeinert in ihrem Artikel über Jazz die Bedeutung des Begriffs Third Stream noch weiter: „Der Terminus [...] bezeichnet eine bewußte Vermittlung zwischen Traditionen europäischer und afro-amerikanischer Musik bzw. in seinem späteren Verständnis allgemein zwischen unterschiedlichen Musiktraditionen und Kulturen“[2].

Wenn man den Begriff so versteht, müsste man eigentlich sämtliche Musik, die in diesem Seminarthema „interkulturelle Aspekte des Jazz“ behandelt wurde, als Third Stream bezeichnen, ja sogar als eine bestimmte Blickrichtung des Third Stream sehen (Vermittlung zwischen Musiktraditionen aus der Blickrichtung des Jazz).

2. Im engeren Sinne

Meist wird aber unter Third Stream die Verbindungen des Jazz mit der westeuropäischen Kunstmusik verstanden. Damit möchte ich mich auch in dieser Hausarbeit beschäftigen und dabei insbesondere auf die Verbindungen dieser beiden Musiktraditionen eingehen, die in den 60er Jahren entstanden sind – der Verbindung des modernen Jazz mit der zeitgenössischen Kunstmusik dieser Zeit, weil in dieser Musik die Grenzen zwischen Jazz und Kunstmusik am meisten verschwinden, sodass erst bei dieser Musik von einem echten Syntheseversuch der beiden Musikkulturen gesprochen werden kann. Genauer gesagt werde ich eine in den späten 50ern und Anfang der 60er Jahre entstandene Musikrichtung, die wesentlich von Gunther Schuller und John Lewis geprägt wurde, in den Blickpunkt nehmen, da im Zusammenhang mit dieser Musik der Begriff Third Stream erst geprägt wurde.

Der Begriff wurde erstmals 1957 von Gunther Schuller in einer Vorlesung an der Brandis University erwähnt. Die Intention der Musik, die mit diesem Begriff bezeichnet werden soll, ist es, die beiden „mainstreams“ der Musikgeschichte (also Jazz und europäische Kunstmusik) zu einem „Third Stream“ zu vereinen. Ich werde mich in diesem Aufsatz im Wesentlichen auf Herbert Hellhunds Aufsatz „Third Stream – Zum Verhältnis eines strittigen Begriffs und einer missverständlichen Sache“[3] beziehen. Hellhund stellt in diesem Aufsatz vier wesentliche Merkmale des Third Streams heraus, wobei er darunter speziell die von Schuller und Lewis geprägte Musik der 50er und 60er Jahre versteht:

Erstens sei dieser Begriff nicht eine von außen vorgenommene Stigmatisierung einer Musik, wie dies zum Beispiel bei den Begriffen Swing oder beim Cool Jazz der Fall wäre. Stattdessen sei der Begriff von den ausübenden Musikern selbst geprägt worden und beinhaltet einen bestimmten musikalischen Anspruch (ähnlich wie z.B. beim „Progressive Jazz“)

Zweitens sei es wesentlich für den Third Stream, dass nicht eine Seite die andere in irgendeiner Weise verbessern wolle, sondern dass die beiden Musikrichtungen in gegenseitiger Beeinflussung miteinander verschmelzen sollen.

Drittens sei der Third Stream nicht aus dem nichts entstanden, sondern die Idee der Vermittlung zwischen verschiedenen Musikkulturen stelle eine Konstante in der amerikanischen Musikgeschichte dar, zu der sich Schuller demnach zugehörig fühle.

Viertens sei diese Fusion in dem Sinne erst in den 60er Jahren möglich gewesen, weil erst zu diesem Zeitpunkt das musikalische Material der beiden Ströme miteinander konvergieren konnte. Erst durch die Loslösung von der Tonalität im Free Jazz der 60er Jahre sei es dem Jazz möglich, sich der Tonsprache der klassischen Moderne anzugleichen. Ebenso sei es erst durch das Aufkommen des Zufallsmomentes in der aleatorischen Musik auch in der klassischen Moderne möglich, auch zu improvisieren.

Aleatorik und Free Jazz sind natürlich eigenständige Entwicklungen der Kunstmusik bzw. des Jazz, die unabhängig vom Third Stream entstanden. Dennoch sind sie von entscheidender Bedeutung für das Bemühen um eine Stilsynthese.

Da die Beeinflussung des Jazz durch die europäische Moderne und andersherum nicht erst in den 60er Jahren stattfand (auch wenn man sich erst zu diesem Zeitpunkt um eine echte Fusion bemühte), sondern bereits seit der Entstehung des Jazz besteht, möchte ich zunächst die Geschichte dieser Idee, die letztlich die Grundlage für den Third Stream in seinem engeren Sinne einer Verschmelzung legt, nachzeichnen.

II. Die Sache

1. Vor dem Schuller-Lewis-Zirkel

a. Vorbemerkung

„Die ältere Literatur konstatiert eine ‚Aura der Vergeblichkeit’ ([J.E.] Berendt) über den Versuchen, Jazz und europäische Konzertmusik einander näher zu bringen.“[4]

Wenn man dieses „einander näher bringen“ ausschließlich als Verschmelzung beider Musikstile betrachtet, müsste man dem Third Stream seine Wurzeln vor Gunther Schullers Musik tatsächlich abstreiten. Andererseits wäre aber Schullers Musik gar nicht erst entstanden, wenn es nicht schon vorher eine gegenseitige Beeinflussung gegeben hätte. Und eine Geschichte dieser gegenseitigen Beeinflussung des Jazz durch europäische Kunstmusik ist kaum abstreitbar. Eine scharfe Grenze lässt sich sowieso kaum ziehen, in welcher Musik Elemente der jeweils anderen Musik nur als Fremdkörper erscheinen und wo die von Schuller intendierte wechselseitige Durchdringung in die Authentizität der anderen Musik zu einer echten Synthese führt.

Zwei grundsätzliche Schwierigkeiten sind festzuhalten, die die klassische Musik und die Jazzmusik voneinander trennten:

Zum einen ist dies der unterschiedliche Materialstand; einfach die Verschiedenheit der Musik selbst. So konnten z.B. die klassischen Musiker nicht improvisieren, während Jazzmusiker keine Noten lesen konnten. Zum anderen sind es diverse soziale Faktoren: die Verschiedenheit der Milieus von klassischen Musikern und Jazzmusikern.

b. Die Entstehung des Jazz

Im Prinzip kann man bereits die Entstehung des Jazz als die erste Erscheinung des Third Stream bezeichnen. Vorformen des Jazz (Blues, Gospels etc.) der afro-amerikansichen Schwarzen wurden beeinflusst durch die leichte Musik des 19. Jahrhunderts der oberen amerikanischen Schichten (Operetten, Tanzmusik, Märsche etc.). Dadurch dass einige Schwarze – vor allem in New Orleans – zur Unterhaltung der weißen Oberschicht beitrugen sollten, kamen sie mit beiden Musikstilen in Berührung und sie formten sich eine ganz eigene musikalische Sprache als eine Mischform beider Musikkulturen, aus dem schließlich der Jazz entsprang (auch wenn er damals noch nicht so bezeichnet wurde).

Vereinfacht gesagt trafen klassische Instrumente, klassische Harmonien auf afro-amerikanische Rhythmen, afro-amerikanische Tongebung und afro-amerikanisches Temperament.

Die als authentisch angesehene Jazzmusik ist also im eigentlichen Sinne gar nicht authentisch, sondern selbst bereits eine Art „Third Stream“. Von daher wäre zu bedenken, ob eine weitere Vermischung dieses „authentischen“ Jazz mit Kunstmusik nicht schon zu einer einseitigen europäisch geprägten Sichtweise führt.

c. Paul Whiteman

Darüber, inwiefern es sich beim „Symphonic Jazz“ von Paul Whiteman um eine echte Vermischung von Jazz und Klassik handelt, lässt sich streiten. Schatt schreibt: „Paul Whiteman und seine Musiker dürften nach damaligem Sprachgebrauch und Selbstverständnis dazu zu rechnen sein [zu den Jazzern]“[5], während Hellhund festhält: „[...] lediglich eine partiell am Jazz ausgerichtete durcharrangierte, synkopierte Tanzmusik, bereichert um gelegentliche Soli der wenigen im Orchester sitzenden Jazzmusiker [...]“[6]

Festhalten lässt sich jedoch, dass Schuller und Whiteman völlig andere Absichten in der Verbindung zwischen Klassik und Jazz verfolgten. Whiteman wollte zwischen Jazzmusik und Kunstmusik eine soziale Brücke schlagen. Jazz wurde in seinen Anfängen nur im sozialen Umfeld der Schwarzen gespielt. Von Weißen war diese Musik verpönt und galt als ordinär. Paul Whiteman versuchte nun den Jazz in das soziale Umfeld der klassischen Musik zu bringen – „to make a lady out of jazz“[7], wie er es nannte. Er wollte ihn so von der sozialen Einbindung ins moralisch beargwöhnte und diskriminierte Unterhaltungsgewerbe lösen. Schuller dagegen wollte zwei gleichwertige hochentwickelte Stilrichtungen zusammenführen.

Daher blieb es bei Whiteman auch mehr oder weniger bei der sozialen Komponente. Eine weitergehende Verbindung mit authentischer schwarzer Jazzmusik, z.B. aus New Orleans oder Chicago hätte kaum salonfähig werden können.

d. Einfluss des Jazz auf klassische Komponisten

Auch Werke wie z.B. die (von Paul Whiteman in Auftrag gegebene) berühmte „Rhapsodie in Blue“ von Georges Gershwin kann man als „Symphonic Jazz“ bezeichnen. Hier wird eine an sich klassische Musik mit Jazzelementen angereichert. Anders als bei der Musik von Paul Whiteman ist der Einfluss des Jazz hier jedoch größer. Wesentliche Elemente des Jazz finden sich hier wieder: Charakteristische Tonbildung der Klarinette, gewisse Rhythmuselemente des Jazz. Andere wesentliche Elemente werden nicht einbezogen, so der durchgängige „Beat“, die spontane Soloimprovisation etc., sodass man auch hier noch nicht von einer echten Verschmelzung von Klassik und Jazz reden kann.

[...]


[1] G. Schuller, Art. Third Stream, in: New Grove Dictionary of Jazz, London 1988, S.1199.

[2] W. Knauer, Art. Jazz, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Auflage, Band 4, Kassel 1996, Sp.1407f .

[3] erschienen in Jazz op. 3 – Die heimliche Liebe des Jazz zur europäischen Moderne, Wien 1986.

[4] H. Hellhund, 1986, S.59

[5] P. Schatt, 1995, S.179

[6] H. Hellhund, 1986, S.45

[7] zitiert nach H. Hellhund, 1986, S.38.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640405893
ISBN (Buch)
9783640406067
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133741
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik Detmold – Musikwissenschaftliches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Third Stream Interkulturelle Begegnungen Kunstmusik Jazz

Autor

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Titel: Third Stream  Interkulturelle Begegnungen zwischen Kunstmusik und Jazz