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Identität und Ideal. Zur Ich-Bildung in der Psychoanalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 16 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Eingang

In der Ankündigung zum Seminar fesselte mich der Satz: Identität ist kein Ding.

Was Identität denn sei, fragte ich mich, und fand nach der Lektüre von Lacans Text über das Spiegelstadium, dass es sich dabei wirklich keineswegs um ein Ding, sondern vielmehr um eine Fiktion handeln muss. Lacan beschreibt in seinem Text, wie sich das Subjekt über sein Spiegelbild konstituiert und dabei einer Täuschung unterliegt. Das Kleinkind antizipiert sich auf ein Ideal hin und nimmt eine Macht vorweg, die es nie haben wird - schon gar nicht in diesem frühen Stadium seiner Entwicklung, in dem es motorisch unterentwickelt und abhängig von elterlicher Pflege und Fürsorge ist. Gerade diese Bedürftigkeit des Menschen als Nicht-Tier, seine vorzeitige Geburt, schafft die Not und Notwendigkeit eines überhöhten Ideal-Ich. Was aber zunächst hilfreiche Verdeckung eines Mangels ist, kann sich zu einem Panzer verhärten, in dem es für das Subjekt keine Entwicklungs-möglichkeiten und Spielräume mehr gibt. Das Subjekt hängt dann an seinem Ideal-Ich, es klebt daran fest, wird davon eingeengt. Dieses Verhaftetsein im Imaginären des Spiegelstadiums muss aufgelöst werden; bei Lacan geschieht das über die Vorbildfunktion des Vaters, beziehungsweise eines Dritten, der die narzißtische Versagung erträglich macht, indem er sie versprachlicht und damit ins Symbolische einschreibt. Wie in Freuds Geschichte eines kleinen Jungen, der im Spiel mit einer Garnspule das Weggehen und Wiederkommen seiner Mutter repräsentiert, ermöglicht auch die Sprache das Spiel von An- und Abwesenheit.

Identität ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens auch als ein Spiel zu begreifen, als Rollenspiel, dem allerdings bestimmte Regeln zugrunde liegen - wie jedem Spiel. Diese Regeln sind die jeweiligen kulturellen Gesetzmäßigkeiten und die damit verbundenen Bilder, beziehungsweise Vorbilder. Elisabeth Bronfen fordert dazu auf, sie als das zu erkennen, was sie sind: „Symbolische Fiktionen, die zwar notwendig aber nicht allumfassend und ausschließlich sind, und mit deren Regeln man demzufolge am besten spielerisch umgehen sollte“.[1]

Die Einhaltung der Regeln oder eben der zivilisatorischen Imperative lässt sich nur erreichen, wenn erfassbarer und verstehbarer wird, dass Identität eben kein Ding ist, sondern ein fließender Prozeß von Ein- und Entbildung. Das lebendige Subjekt lässt sich nicht einfangen, es transformiert sich fortwährend und ist nicht auf etwas Eigentliches zu reduzieren. Diese Erkenntnis liegt vor jeder Erziehung, die im übrigen auf genau diese Bereitschaft und Fähigkeit zu aufnehmender Veränderung, zu Identifikation, angewiesen ist. Ich werde im Folgenden die Zusammenhänge von Ich-Ideal, Ich-Bildung und Identität näher betrachten.

Einen ersten Zugang zur Frage der Identitätsbildung wird Lacans Theorie über das Spiegelstadium bieten. Lacan hat sich bei seiner Arbeit an Freud orientiert, hat seine Theorie aber neu im Sinne einer Sprachwissenschaft interpretiert. Dabei lehnt er sich an die linguistischen Konzepte von Ferdinand de Saussure an und entwickelt daraus seine eigene Theorie der Signifikanten. Lacan eröffnet mit seinen Bezeichnungen für die drei Register des Imaginären, Symbolischen und Realen auch eine sehr viel weitgreifendere Möglichkeit die Position des Subjekts zu bestimmen, als es Freuds Modell von Ich, Es und Über-Ich ermöglicht. Ausserdem hat sich Lacan gerade bei dem an Freud oft kritisierten Begriff des Phallus geschickter aus der Affäre gezogen. So betont Lacan immer wieder, dass der Phallus nichts mit dem männlichen Glied zu tun hat, sondern allein in symbolischer Form überhaupt Bedeutung erlangt. Ob seine Sichtweise allerdings wirklich weniger biologistisch ist, als die Freuds sei zunächst dahingestellt, denn auch Lacan weicht nicht von Freud ab, wenn er sagt, dass die Kastrationsangst Voraussetzung für den Eintritt ins Symbolische ist. Ich werde später darauf zurückkommen. Zunächst werde ich Lacans Schrift über das Spiegelstadium eingehender behandeln. Das Ziel des Lacanschen Subjekts ist der Eintritt in die symbolische Ordnung, die Welt der Signifikanten. Dieser kann aber nur über den Umweg durch das Imaginäre geschehen. „Die Kommunikation muss über die imaginäre Achse laufen“, schreibt Peter Widmer dazu.[2] Als Spiegelstadium bezeichnet Lacan eine Phase in der Entwicklung des Kleinkinds, die er in die Zeit zwischen dem sechsten und achtzehnten Monat legt. Dem Psychologen J. Baldwin fiel zuerst auf, dass Kinder in diesem Alter eine jubilatorische Reaktion zeigen, wenn sie ihr Spiegelbild betrachten. Auffällig ist dies Verhalten vor allem deshalb, weil es bei anderen Säugetieren, die sich vergleichbar entwickeln, nicht zu beobachten ist. Diese verhalten sich desinteressiert gegenüber ihrem Abbild im Spiegel. Das Kleinkind kann aber zunächst nicht entscheiden, was es im Spiegel sieht und versichert sich erst allmählich darüber, dass es sich um das Abbild des eigenen Körpers handelt, indem es sich bewegt, Grimassen schneidet und überprüft, ob der andere im Spiegel diese auch macht. Die Annahme, dass es sich selbst sieht, wird allerdings erst dann zur Gewissheit, wenn ein Dritter dies bestätigen kann, also beispielsweise die Mutter, die das Kleinkind vor dem Spiegel hält. Seine Begeisterung ist vor allem Ausdruck des Begehrens derjenige im Spiegel zu sein, denn er erscheint dem Kind, das die Fähigkeit zur Antizipation besitzt, als vollkommen und ohne jeglichen Mangel. Es nimmt sich selbst in dem anderen im Spiegel als ganzen und ganzheitlichen, als identischen Körper wahr. Kötz schreibt: „Die Sehnsucht (im Spiegelstadium) gilt dem Eigenen, sie begehrt (vergeblich) die so intensiv versprochene, aber dann niemals gefundene Aura der Identität.“[3] An dieser Stelle wird die illusionäre Komponente der Ich-Bildung deutlich, die viel eher eine Ich-Täuschung ist und die nur deshalb funktioniert, weil der anwesende Dritte die Begeisterung des Kindes zunächst teilt und bestätigt und auch durch sein eigenes Begehren ermöglicht.

Hanna Gekle bemerkt in ihrem Buch zu Lacans Spiegel-Theorie, dass es doch vor allem die Eltern seien, die dem Kind zuerst ein Gefühl von Macht und Großartigkeit geben und die damit überhaupt erst die Begeisterung für die imaginäre Vollkommenheit des eigenen Spiegelbildes ermöglichen.

Insofern bildet sich das Ich ihrer Ansicht nach nicht nur narzißtisch, sondern gleichfalls libidinös.[4] Denn woher sollte das Kind die Vorstellung von Macht und Vollkommenheit nehmen, wenn es sie nicht bereits im Kontakt mit den Eltern erfahren hätte. Gekle spricht hier das Begehren des Dritten an, das sich im Kind inkarniert und ihm ermöglicht die Abwesenheit des Anderen, der Mutter, zu ertragen. Auf das Mutterbild der Psychoanalyse und dessen Bedeutung für die Bildung des Subjekts werde ich später ausführlicher eingehen.

Der Mensch ist ein Nicht-Tier

Zunächst beschäftigt mich die Frage, warum es überhaupt notwendig erscheint, dass sich das Kind auf ein machtvolles Ideal hin entwirft. Lacan zufolge sei der Grund dafür die menschliche Hilflosigkeit, die in seiner frühzeitigen Geburt liegt und ihn mit motorischer Unterfunktion auf die Welt kommen lässt. Sein Mangel an Instinkten mache den Menschen zu einem Wesen, das nicht mehr in die Natur eingebettet ist und deshalb auch auf die Sprache, die Kultur, angewiesen sei. Die Sprache erfüllt dann sowohl die Funktion der Verständigung mit dem anderen, als auch mit der Welt an sich, zu der dem Menschen der natürliche Zugang verwehrt sei. Dieses Nicht-Eins-Sein mit der natürlichen Umwelt produziert ein Unbehagen, eine Angst vor Zerstückelung. Pazzini schreibt in „Bilder und Bildung“: „Das Subjekt ist von Geburt an alieniert, nicht ganz bei sich. (...) Es bleibt mehr oder weniger ungebärdig als das beängstigende Spüren von Mannigfaltigkeit, Vielheit, Rissen, Fragmentarisierungen“.[5] Beim Anblick des ganzheitlichen Körpers im Spiegel verliert dies Unbehagen seinen Schrecken, denn der Blick in den Spiegel verspricht Beruhigung. Zweifellos bleibt die ursprüngliche Angst, Lacan spricht von einem primordialen Mangel, immer im Subjekt enthalten, denn Ganzheit oder Einheitlichkeit der Identität ist eine konstruierte, wo hingegen Vielheit ursprünglich ist. Auch wenn das Spiegelbild seine orthopädische Funktion für das Subjekt erfüllt, so wird es doch in seinem Begehren immer wieder auf einen Anderen treffen, der seine Makellosigkeit und vermeintliche Mangellosigkeit in Frage stellt. Über die Sprache als vermittelndes Element lässt sich diese Verunsicherung symbolisieren und für das Subjekt erträglich machen. Das Spiegelstadium ermöglicht dem Kind sich selbst als anderen zu sehen und zu erfahren, dass es auch für den anderen wahrnehmbar und damit objektivierbar ist. Es wünscht sogar von anderen wahrgenommen zu werden. Es begehrt das Begehren der Mutter, ihren liebevollen Blick, in dem enthalten ist, dass das Kind ein schönes und wunderbares ist. Zwischen Mutter und Kind entwickelt sich eine narzisstische Beziehung, die den drohenden Mangel für einige Zeit vergessen lässt und die Illusion von Eins-Sein aufrechterhält.

[...]


[1] Bronfen, E.: Eurydikes starke Schwestern. Gedanken zur Krise der Männlichkeit im Hollywoodkino der 90er Jahre. Online-Text: http://www.gingko.ch/cdrom/Bronfen_20Elisabeth.asp

[2] Widmer, P.: Subversion des Begehrens... Fischer TB, Frankfurt/M, 1990, S. 65

[3] Kötz, M.: Der Traum, die Sehnsucht und das Kino, Syndikat, Frankfurt/M, 1986 zitiert nach Pazzini, K.-J.: Bilder und Bildung, Münster: Lit, 1992, S. 90

[4] vgl. Gekle, H.: Tod im Spiegel... Suhrkamp, Frankfurt/M, 1996, S. 60 ff

[5] Pazzini, K.-J.: Bilder und Bildung... Münster: Lit, 1992, S. 26

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638190466
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13373
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Medien Film Psychoanalyse Pädagogik Bildung Subjekt Identität Lacan Freud Foucault Begehren Spiegelstadium

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