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Das Nibelungenlied: Vorschläge - warum muss Siegfried sterben?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Rolle des Autors

3. Was wäre, wenn Siegfried noch am Leben wäre?

4. Wodurch wurde Siegfrieds Ermordung überhaupt erst möglich? - Wie hat der Autor den Tod Siegfrieds inszeniert?
4.1 Zur Figur Hagens:
4.2 Zur Figur Brünhilds
4.3 Zur Figur Siegfrieds
4.4 Zur Figur Kriemhilds
4.5 Zur Figur Gunthers
4.6 Zu den Figuren Gernots und Giselhers

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Nibelungenlied gehört unangefochten zu den bekanntesten Texten der deutschen Literatur. Kaum ein anderer Stoff hat über Jahrhunderte hinweg eine solche Aktualität bewahren können. Es wird als „Nationalepos der Deutschen“ oder als „Heldenepos“ bezeichnet – wobei man sich hier fragen muss, ob das Nibelungenlied überhaupt als Epos bezeichnet werden darf.

Im Verlauf des Nibelungenliedes wird Siegfried, der bis dahin stattliche Held, von Hagen ermordet. Wie kommt es dazu? Warum muss Siegfried sterben?

Die vorliegende Hausarbeit soll dieser Frage nachgehen und hinreichend begründen. Hierbei werde ich zunächst die Rolle des unbekannten Autors des Nibelungenliedes aufzeigen, der den Held hat sterben lassen. War dies dramaturgisch notwendig und somit unumgänglich? Gab es keine andere Möglichkeit? „Warum musste Siegfried sterben?“ impliziert sogleich die Fragestellung „Was wäre, wenn der Dichter Siegfried am Leben gelassen hätte?“

Aufgrund der Tatsache, dass der Autor Siegfried hat sterben lassen und wir Leser an diesem Faktum nichts ändern können, werden anschließend die Umstände, die zu Siegfrieds Tod führen, näher beleuchtet. Wodurch wurde Siegfrieds Ermordung überhaupt erst möglich? Wie hat der Verfasser den Tod Siegfrieds inszeniert? Die Intention des Autors war es, wie bei einem Puzzle, die Fäden sehr komplex zu ziehen. Erst die Gesamtheit aller Teile bildet ein vollständiges Werk. Daher spielen im Handlungsverlauf bis zur Ermordung Siegfrieds sehr viele verschiedene Umstände sowie Verhaltensweisen einiger Figuren eine Rolle, die näher aufgezeigt werden.

2. Die Rolle des Autors

Ein Grund, warum Siegfried sterben muss, liegt beim unbekannten Verfasser des Nibelungenliedes. Damit die Geschichte ein geradliniges Ende ergibt und Kriemhild im zweiten Teil Rache für den Mord an ihrem geliebten Ehemann nehmen kann, muss zuvor der Held Siegfried sterben. Das Werk wurde quasi „von hinten aufgezogen“. Das Ende, der Untergang der Burgunden, könnte schon von Anfang an beschlossene Sache des Dichters gewesen sein. Der Autor muss Umstände, Gründe und Motive für die Figuren angeben, um kohärente Handlungen im Hinblick auf den Schluss gestalten zu können.

Es ist für den Verlauf des Nibelungenliedes immens wichtig, dass Siegfried stirbt, da am Ende der Untergang der Burgunden steht und die Geschichte darauf hinaus laufen muss.

„Es ist jedoch keineswegs so, daß der letzte Dichter des Epos diese von ihm wiedergegebene harte Herrscher-Wirklichkeit bejahen würde. Seine Verurteilung des Mordes an Siegfried ist eindeutig und bekannt:

876.2

Die starken untriuwe begonden tragen an

887

„Sô wol mich dirre maere“, sprach der künic dô,

als ob er ernstlîche der helfe ware vrô.

In valsche neig im tiefe der ungetriuwe man.

906

Des küniges ingesinde was allez wol gemuot.

Ich waene immer recke deheiner mêr getuot

Sô grôzer meinraete, sô dâ von im ergie,

dô sich an sîne triuwe Kriemhilt diu kuneginne lie.

915

Dô reit zuo sînem wîbe der recke vil gemeit.

Schiere hete Hagene dem künige geseit,

wie er gewinnen wolde den tiwerlîchen degen.

Sus grôzer untriuwe solde nimmer man gepflegen.

971.4

Hagen sîne triuwe vil sêre an Sîfriden brach.

für Kriemhilds unerbittliche Rache hat er oft genug herbe Worte“[1]:

1399

Si dâhte z` allen zîten: „ich will den künec biten“,

daz er ir des gunde mit güetlichen siten,

daz man ir friunde braehte in der Hiunen lant.

Den argen willen niemen an der kuneginne ervant.

1754

„Wie sol ich daz erkennen, daz er sô grimmec ist?“

Dannoch er niene wesse vil manigen argen list,

den sît diu küneginne an ir mágén begie,

daz si mit dem lebene deheinen von den Hiunen lie.

1848

Dô wart der küneginne vil réhté geseit,

daz ir bóten niht enwurben. Von schulden was ir

leit.

Dô fuogte si ez anders; vil grimmec was ir muot.

Des muosen sît verderben helde küene unde guot.

1912

Sô der strît niht anders kunde sîn erhaben

(Kriemhilt ir leit daz alte in ir hérzen was

begraben),

dô hiez si tragen ze tische den Èthélen sun.

Wie kunde ein wîp durch râche immer vreislîcher tuon?

Der Tod Siegfrieds wurde dennoch vom Autor bewusst eingesetzt. Erst der Mord an Siegfried gibt den Anstoß für weitere Problematiken, die sich im zweiten Teil des Nibelungenliedes anschließen. Mit der Kernaussage des Frauenzanks:

315.3

Kriemhilt: „ich hân einen man,

daz elliu disiu rîche ze sînen handen solden stân.“

„versteht sich erst gänzlich, daß dem Dichter des Liedes der Frauenzank die eigentliche Ursache des Untergangs (samt seiner Vorgeschichte, den beiden Werbungen) ist[2] “.

Durch den Mord entsteht durch die damit einhergehende Problematik Dramaturgie. Ab diesem ersten Höhepunkt baut sich im zweiten Teil des mittelalterlichen Heldenepos ein neuer Spannungsbogen auf.

Wenn der Untergang der Burgunden wirklich schon im Vorhinein beschlossene Sache des Verfassers war, dann hatte er keine andere Wahl und so musste der starke Siegfried, der imstande gewesen wäre, das Burgundenreich bei jedem Angriff zu verteidigen, sein Leben lassen.

Der Schreiber des Epos hat die Figuren so angelegt, dass Haltungen, Reaktionen und Entscheidungen von der Handlung abhängen. Beispielsweise leitet sich der Zorn einer Figur nicht von der Person selbst, sondern aus der Situation, in der sie steht, ab[3]. „Heroische Affekte ergreifen häufig wie von außen von den Protagonisten Besitz; sie sind Funktionen der Handlungskonstellation, innerhalb derer sich die Figuren bewegen[4].“

Des Weiteren muss man davon ausgehen, dass der Dichter des Nibelungenliedes in seinem Denken nicht vollkommen frei war. In gewisser Weise können die Poeten nicht, wie sie wollen, sie werden gewissermaßen gelenkt, sie sind vorbeeinflusst und teilweise auch gebunden[5]:

Eine bestimmte Überlieferung war da, sie ließ dem Dichter viel Freiheit und konnte ihm gelegentlich sogar gestatten, einen Dietrich von Bern zum Feigling zu stempeln. Aber die Einheit von Gestalt und Charakter durfte nie verlorengehen, das heldische Urbild nicht verleugnet werden[6]

Hier stellt sich die Frage, was die Dichter von Heldensagen ändern, hinzufügen oder umdeuten durften. Und worin hat die Macht der Überlieferung, die durch das Jahrtausend strömte, sie gebunden[7] ? Die Dichter haben sprachgewaltige Sätze beibehalten und weitergetragen, aber dennoch ihre eigenen Figuren erfunden[8].

Der Figur Siegfried lag eine historische Gestalt zu Grunde und der anonyme Dichter griff auf die nordischen und germanischen Heldensagen zurück[9]. Von den nordischen Sagen mit Sigurd sind zwar nur jüngere schriftliche Aufzeichnungen erhalten als vom Nibelungenlied. Sie gehen aber zum Teil auf ältere Vorlagen zurück:

„Das Verhältnis lässt sich auch folgendermaßen ausdrücken: Am Anfang war nicht nur der Dichter und seine schrankenlose Schöpferkraft, sondern auch eine Überlieferung und der Glaube an heroische Menschen und ihre Taten[10] “.

Wenn es also die Figur Siegfried schon gab, konnte der Dichter sein Urbild nicht verleugnen und nicht völlig frei sein bei der Konzipierung seiner Figur.

Aber der anonyme Autor hat

„den Handlungsverlauf bis ins Einzelne vorgezeichnet und wußte heroisches Denken nachzuempfinden und lebendig zu erhalten. Der Dichter des Nibelungenliedes hat das ältere Epos nicht nur als Stoffquelle benutzt, er hat es bearbeitet, um es einem verfeinerten literarischen Geschmack anzupassen. Der letzte Epiker hat das Werk stofflich erheblich erweitert“[11]:

So war es beispielsweise seine Idee, Siegfried zum ritterlich erzogenen und handelnden Königssohn zu machen und den knappen ersten Teil zu einem Siegfriedepos auszubauen. Er ist es, der die Minnehandlung in Gang setzte, den Streit der Königinnen und schließlich Siegfrieds Ermordung ausarbeitete[12]. „Er unterstreicht das Verbrecherische der Mordtat durch Hagens Mißbrauch von Kriemhilds Vertrauen[13] “. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass der Verfasser auch den zweiten Teil des Nibelungenliedes nicht außer Acht ließ und hier Beachtliches leistete!

Letztendlich kann man zusammenfassen:

Entstehungsgeschichtlich muss man den ersten vom zweiten Teil trennen:

„Der zweite Teil, die „Rache der Schwester“, war vor dem ersten zum Epos gestaltet, und als der Dichter unseres Nibelungenliedes ans Werk ging, fand er bereits ein niedergeschriebenes Gedicht dieses Gegenstandes vor. Der erste Teil dagegen kam ihm noch als ungeschriebenes Lied zu Ohren. Er schuf also sein großes Buch, indem er die Geschichte von Siegfrieds Tod aus der Liedform in die breit ausladende Epenform brachte und das ältere Epos von Kriemhilds Rache oder „Der Nibelunge Not“ in neuer Bearbeitung daranschloß“[14].

„Er hat die festliche Welt königlichen Daseins und ihren tragischen Zusammenbruch vor seinen Hörern ausgebreitet[15] “.

3. Was wäre, wenn Siegfried noch am Leben wäre?

„Warum musste Siegfried sterben?“ impliziert die Frage, was wäre, wenn Siegfried nicht ermordet worden wäre. Nach einigen Überlegungen stößt man auf die Antwort: Würde der Verfasser Siegfried am Leben lassen, müsste das Nibelungenlied bereits gegen Ende des ersten Teils eine ganz andere Wendung nehmen.

Erst durch den Mord kommt der zweite Teil des Nibelungenliedes überhaupt zu Stande. Das Epos ist demzufolge in zwei Teile gegliedert. In seinem Zentrum stehen zwei Stoffkreise: Im ersten geht es um die Geschichte von Siegfried und dessen Ermordung, um die Voraussetzungen und Folgen, im zweiten Teil um Kriemhilds Rache dafür[16]. Wäre Siegfried nicht gestorben, fiele der komplette zweite Stoffkreis weg: Kriemhild würde nicht um ihren geliebten Ehemann trauern. Etzel würde nicht auf die Idee kommen, um Kriemhild zu werben. Es würde nicht zur Hochzeit zwischen Etzel und Kriemhild kommen; dadurch müsste Kriemhild keine Rache an den Burgunden nehmen, da mit diesen alles im Reinen sein könnte. Selbst wenn es nicht zu einer Aussöhnung zwischen Brünhild und Kriemhild käme, hätte es so ein tragisches Ende wie das im Nibelungenlied beschriebene mit Sicherheit nicht gegeben.

Hätte der Dichter Siegfried am Leben gelassen, bleibt die Frage, wie Brünhild und Kriemhild ihren Zank ausgetragen hätten, da dieser Streit noch im ersten Teil stattfindet. Hier hätte der Verfasser „eingreifen“ können und die Handlung im Hinblick auf ein anderes Ende weiterschreiben können.

[...]


[1] Beyschlag, 1961, S. 211.

[2] vgl.: Beyschlag, 1961, S. 207.

[3] vgl.: Müller, 2005, S. 121.

[4] Müller, 2005, S. 121.

[5] vgl.: Schneider, 1961, S. 321.

[6] Schneider, 1961, S. 321.

[7] vgl.: Schneider, 1961, S. 390.

[8] vgl.: ebd.

[9] vgl.: www.dieterwunderlich.de/nibelungenlied.htm 12.01.2009

[10] vgl.: Schneider, 1961, S. 326.

[11] De Boor, 1988, S. XLIV.

[12] vgl.: de Boor, 1988, S. XLIV.

[13] De Boor, 1988, S. XLIV.

[14] Schneider, 1961, S. 5.

[15] De Boor, 1988, S. XLV.

[16] vgl.: Müller, 2005, S. 11.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640406197
ISBN (Buch)
9783640406364
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133665
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für deutsche Sprache 2
Note
3
Schlagworte
Das Nibelungenlied Siegfried Sterben Tod Siegfrieds Ermordung Nibelungen

Autor

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