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Die Frage nach der Wirksamkeit erlebnispädagogischer Angebote

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Grundlagen und Prinzipien der Erlebnispädagogik

3. Das Transferproblem

4. Wirkungs- und Transfermodelle
4.1. Stephen Bacons Unterscheidung drei verschiedener Wirkungs- und Transfermodelle
4.1.1 The Mountains Speak for Themselves
4.1.2 Outward Bound Plus
4.1.3 Das metaphorische Modell
4.2. Simon Priests „unterstützende Prozessbegleitung“

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man heutzutage einen geliebten Menschen ein ganz besonderes Geschenk machen will (und genügend Geld hat), verschenkt man einfach eine außergewöhnliche Erfahrung, wie einen Bungeesprung, eine Ballonfahrt, eine Fahrt am Steuer des Traumautos usw.

Wodurch lässt sich dieser Trend, diese Sehnsucht nach aktivem Erleben, Abenteuer und Spaß erklären? Einerseits sind in unserer modernen Industriegesellschaft individuelle Risiken so gut wie ausgeschlossen. Wer nicht aktiv erleben will oder kann, und seine Freizeit eher passiv gestaltet, aus finanziellen, zeitlichen oder anderen Gründen, hat in der Regel keine existenziellen Probleme. Das aktive Erleben ist in den Hintergrund getreten. Andererseits sind die Menschen in unserer Gesellschaft von globalen Gefahren und Problemen bedroht, welche für den Normalbürger weder berechenbar noch sinnlich wahrnehmbar erscheinen. Aus diesem Grund gewinnt der Erlebniswert von Dingen, sozialen Milieus und Aktivitäten immer größere Bedeutung für uns (vgl. Reiners 1995, S. 9).

Erlebnispädagogik liegt also voll im Trend. Jeder hat diesen Begriff schon einmal gehört aber die wenigsten wissen, was dahinter steckt. „Erlebnispädagogik“ zu definieren ist sehr schwierig und der Versuch würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen.[1] Es gibt keine einheitliche Theorie. Nur soviel: hinter dem Begriff steckt im pädagogischen Sinne mehr als purer Aktionismus. Heckmair und Michl verstehen darunter nicht wie Jörg Ziegenspeck, eine Teilwissenschaft der Pädagogik, sondern eine Methode, die in der Pädagogik angewandt wird (vgl. ebd. S. 18f; Dies. 2003, S. 13). Dieser Ansicht schließe ich mich an. Das Angebot von erlebnispädagogischen Programmen ist sehr groß und es scheint, als könne diese Methode sämtliche Zielgruppen bedienen. Egal, ob für Schüler, Jugendliche, Behinderte, Auszubildende und Manager oder Menschen mit dissozialem Verhalten (z.B. Straffällige, Langzeitarbeitslose oder „problematische“ Jugendliche)- für alle ist etwas dabei. Das ist so, weil es sich hier um einen ganzheitlichen und handlungsorientierten Ansatz handelt, der auf den ganzen Menschen wirkten soll. Die Zielsetzungen sind somit sehr allgemein gehalten und vielfältig. So können für ziemlich alle Zielgruppen passende Lernziele formuliert werden. Deshalb hat die Erlebnispädagogik unzählige Gesichter und kann einen präventionalen, sowie einen therapeutischen Charakter haben. Das alles hört sich auf den ersten Blick eigentlich sehr viel versprechend an…

Dennoch hängt die Frage nach der Wirksamkeit wie ein Damoklesschwert über dieser Methode. Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, warum diese Frage ausgerechnet bei der Erlebnispädagogik solch eine große Rolle spielt. Der Mensch ist ein inter- und intraindividuelles Wesen und die Antwort auf die Frage nach Erfolgsgarantien und –Kontrollen sowie nach der Wirksamkeit ist schließlich überall da, wo pädagogisch gehandelt wird, ein Problem. Die Überprüfbarkeit des Erfolges kann (wenn überhaupt) erst nach dem Handeln stattfinden und ist „[…] nur selten linear und kausal auf das pädagogische Handeln zurückzuführen“ (Reiners 2003, S.19).

Um mein Ziel zu erreichen, möchte ich zu Beginn meiner Arbeit kurz auf die Grundlagen und Prinzipien der Erlebnispädagogik eingehen. Danach komme ich in Punkt 3 darauf zusprechen, wann ein erlebnispädagogisches Programm von den Experten als wirkungsvoll angesehen wird. Hier steht vor allem der Transfer im Mittelpunkt der Diskussion. Schließlich stelle ich im vierten Punkt verschiedene Wirkungs- und Transfermodelle vor, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben und versuchen sich des Problems und der Kritik bezüglich der Wirksamkeit der Erlebnispädagogik anzunehmen.

2 Grundlagen und Prinzipien der Erlebnispädagogik

Erlebnispädagogik soll Spaß machen, setzt auf die freiwillige Teilnahme des Lernenden und arbeitet ressourcenorientiert. Sie ist, wie in der Einleitung bereits erwähnt, eine ganzheitliche und handlungsorientierte Methode.[2]

Da der Mensch als ganzheitliches Wesen gesehen wird, dass aus mehr besteht als nur aus der Summe seiner Teile, fordert diese Methode, den „Mensch[en] auf allen Ebenen- seelisch, geistig und körperlich- anzusprechen“ (Heckmair/ Michl 2008, S. 308). Handlungsorientierung (Learning by doing), distanziert sich deutlich von der Vorstellung rein theoretischer Lernarrangements. Sie macht den Lernstoff erfahrbar und ermöglicht so ein Lernen mit „Kopf Herz und Hand“ (ebd., S.127f/307f). Diesem Ansatz geht es grundsätzlich um mehr, als nur um den Erfolg nach dem Lernen. Der Fokus liegt auch auf dem Lernprozess, also der aktiven Suche nach einer Möglichkeit, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen (vgl. ebd. S. 54- 59). Die Erlebnispädagogik schafft demnach Räume, in denen sich ein Individuum handelnd ausprobieren und weiterentwickeln kann, und ermöglicht ihm in einem großen Maß selbstwirksam und durch alle Sinne zu Lernen.

„Mithilfe der [erlebnispädagogischen] Medien werden komplexe Problemstellungen evoziiert, die ein hohes Maß an Strategie, Flexibilität, Entscheidungskompetenz und Konfliktfähigkeit fordern. Neben der Zielerreichung steht vielmehr der Prozess der Problemlösung im Mittelpunkt des Interesses.“ (Reiners 2003, S.14)

Oberstes Ziel der Erlebnispädagogik ist die Entwicklung der ganzen Persönlichkeit durch Förderung der Selbstwahrnehmung, Reflexionsfähigkeit, (Selbst-) Verantwortung, (Selbst-) Vertrauen, Leistungsbereitschaft, Kreativität, Spontaneität, Kommunikations-, Kooperations-, Konflikt- und Kritikfähigkeit (vgl. Harz 2007, S. 41ff). Wie sollen diese Ziele erreicht werden?

Unter anderem dadurch, dass dem erlebnispädagogischen Programmen ein Ernst- Herausforderungs- Erlebnis- und Aufforderungscharakter verliehen wird. Die Lernenden müssen gemeinsam in der Gruppe mit den Besonderheiten der Programmgestaltung zurechtzukommen (vgl. ebd. S. 39f). An diesem Punkt möchte ich auf das Erlebnis eingehen, denn es ist, wie der Begriff „Erlebnispädagogik“ schon vermuten lässt, ein wichtiger Bestandteil- ich möchte behaupten die Schlüsselstelle- eines jedes Programms. „Die Erlebnispädagogik hat die besondere Bedeutung von Erlebnissen für die Menschen erkannt[…]“ (vg. Harz 2007, S.31) und versucht den großen Einfluss, den sie auf das Individuum ausüben können für sich zu nutzen.

Was ist ein Erlebnis? Der Begriff wird in der psychologischen Fachsprache verwendet.

Heckmair und Michl kommen in diesem Zusammenhang auf die „innere Erlebniswelt“ und die „äußere Ereigniswelt“ des Menschen zu sprechen. Die innere Erlebniswelt wird durch die Träume und Phantasien des Subjekts bestimmt. Ein nicht spektakuläres Ereignis, also das Alltägliche kann somit durch Selbsterfahrung zum Abenteuer werden. Die äußere Ereigniswelt (also die Umwelt) bietet Möglichkeiten für ein Erlebnis (außergewöhnliche Ereignisse) an. Wenn ein Erlebnis stattfindet, treten diese beiden Welten, zwischen denen im Übrigen ein sehr enger Zusammenhang besteht, in eine Wechselwirkung. „Erlebnis wird als innerer, mentaler Vorgang gesehen, bei dem äußere Reize aufgrund von Wahrnehmung, Vorwissen und Stimmung subjektiv zu einem Eindruck verarbeitet werden.“ (Heckmair/Michl, S.113) Reflexion spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Sie findet durch das Ergriffen sein des Erlebenden statt und verankert das Erlebnis als Erfahrung (positiv oder negativ) im Gedächtnis. Dem Erleben wird somit eine rein individuelle Erfahrungsqualität zugeschrieben, die wesentlich vom Standpunkt des Subjekts abhängt. Philosophisch gesehen sind Erlebnisse nichts anderes als besondere Ereignisse, die sich vom Alltag abheben (Vgl. ebd. S.113f; Harz 2007, S.29ff). Was bedeutet das für die Erlebnispädagogik?

Zunächst einmal, dass sich Erlebnisse nicht pädagogisieren lassen. „Eine Schluchtüberquerung kann ein, tiefgreifendes und förderndes Erlebnis’ sein, aber auch ,verunsichernde Überforderung oder’… eine ,spaßige, letztlich aber belanglose sportliche Übung’.“ (Oelkers zit.n. Heckmair/Michl 2008, S.103) Es können also keine Erlebnisse von jemanden für jemanden geschaffen und vorausgeplant werden, die auch noch so wirken, wie sie wirken sollen und den Einfluss haben, den sie haben sollen. Es ist aber machbar „ein pädagogisches Setting so zu gestalten, dass bestimmte erwünschte Lernziele und Wirkungen möglich sind oder zumindest wahrscheinlicher werden“[3] (Harz 2007, S. 32). Wie? Indem man Situationen mit Ernst[4] - und Erlebnischarakter[5] schafft (vgl. Raithel/ Dollinger/ Hörmann 2000, S. 216). Das spektakuläre Ereignis, das in erlebnispädagogischen Programmen konstruiert wird und im Vordergrund steht dient also als Medium, um die angestrebten Lernziele zu erreichen.

„Sie [die Ereignisse, Aktionen] sind also nicht die Instanz, von der Erzieherische Wirkung ausgeht, sondern einem erlebnispädagogischen Gesamtkonzept unterstellt, was bedeutet, dass nicht das Er[eig]nis die Wirksamkeit ausmacht, sondern die Art und Weise, wie das Setting arrangiert und reflektiert wird. […] Aufgabe der Erlebnispädagogik [ist es also] durch eine zielgerichtete, methodische, [an der Zielgruppe orientierte] und didaktische Gestaltung der Lernsituationen, Erlebnisse zu ermöglichen und deren Weiterverarbeitung zu begleiten.“

3. Das Transferproblem

Bevor ich auf das Transferproblem zu sprechen komme möchte ich klären, was mit „Transfer“ eigentlich gemeint ist. Reiners definiert diesen Begriff folgendermaßen: „Als Transfer wird hier ganz allgemein das Fortschreiten des Lernenden vom Konkreten zum Abstrakten verstanden, indem er neue Verhaltensweisen in der konkreten (Kurs-) Situation entdeckt, diese Lernerfahrungen generalisiert und auf andere (Alltags-) Situationen überträgt.“ (Reiners 2003, S. 19) Genau darum geht es der Erlebnispädagogik. Die Teilnehmer sollen ihre Lernerfahrungen schließlich nicht nur für den Erfolg im Programm sammeln. Ich möchte daran erinnern, dass es das Ziel der Erlebnispädagogik ist, positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung zu wirken.

[...]


[1] weiterführende Literatur: Heckmair/Michl 2008, S. 102- 106; Reiners 1993, S. 17-20;

[2] weiterführende Literatur: Harz 2007, S. 29 -43; Reiners 2003, S. 12- 15; Heckmair/ Michl S. 106- 117; 122-129, 307 ff;

[3] Reiners 2003, S.14 stellt Leitfäden für die praktische Umsetzung vor

[4] Lernprozesse entwickeln sich zwangsweise aus den Sachzwängen der Gegebenheit. Feedback ist durch die Situation unmittelbar, also sicht- und spürbar, was sich förderlich auf den Lernprozess auswirken kann.

[5] Lernsituationen mit außergewöhnlichen, vom Alltag distanzierten Charakter. Sie sollen Grenzerfahrungen schaffen, in denen die alten Verhaltensstrategien nicht greifen und den Teilnehmer, auffordern neue zu entwickeln und anzuwenden, wenn er erfolgreich Handeln will.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640404612
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133655
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Pädagogik
Note
B
Schlagworte
Wirksamkeit Erlebnispädagogik Pädagogik

Autor

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