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Erziehung zum Staatsbürger bei Jean-Jacques Rousseau

Hausarbeit 2008 12 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2. 1 Jean – Jacques Rousseau
2. 1. 1 Leben
2. 1. 2 Werke
2. 2 Rousseaus Staatslehre
2. 3 Erziehung zum Staatsbürger
2. 3. 1 Träger der Erziehung
2. 3. 2 Prinzipien der Erziehung
2. 3. 3 Zielsetzung der Erziehung
2. 4 Gegenüberstellung von Citroyen und Bourgeois

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean – Jacques Rousseau (1712 – 1778) ist eine Schlüsselfigur der europäischen Aufklärung und auch gewaltiger Kritiker der bestehenden Verhältnisse in Gesellschaft, Staat und Religion seiner Zeit. Er gehört schon lange zu den Klassikern der Philosophie, der Pädagogik, der Literatur und vor allem der politischen Theorie, die den berühmten Contrat Social und die Theorie einer staatlichen Erziehung einschließt. Mit seinen Ideen zu einer staatlichen Erziehung stand er nicht alleine: Seine Denkweise gehörte in die jene große Bewegung der Verstaatlichung des Erziehungswesens, die das 18. Jahrhundert durchzog. In dem Entwurf einer Erziehung zum Staatsbürger stellt Rousseau eine Leitfrage, die sich über seine ganze Erziehungstheorie durchzieht: Wie erzieht man einen Staatsbürger, der im Sinne des Contrat Social zu patriotischen Gesinnung durch Gesetz und Sittlichkeit gelangt und den Allgemeinwillen über seine eigene Interessen platziert?

In der vorliegenden Hausarbeit soll diese Frage im Hauptteil revidiert und beantwortet werden: Zunächst wird die Person Jean – Jacques Rousseau in einem Exkurs über sein Leben und seine Werke vorgestellt. In Weiteren wird der Leser mit der Staatstheorie von Rousseau bekannt gemacht, die prägnant für das Verständnis der Theorie der Erziehung zum Staatsbürger erscheint. Als nächstes wird die Erziehungstheorie näher erläutert, die in drei Unterebenen aufgeteilt ist: Träger, Prinzipien und Zielsetzung der staatlichen Erziehung. Als letzten Punkt der Hausarbeit erhält der Leser einen Exkurs über die Unterschiede in der Charakterisierung von Citroyen und Bourgeois, den zwei sich gegenüberstehenden Protagonisten in der Rousseauschen Erziehungstheorie.

2. Hauptteil

2. 1 Jean – Jacques Rousseau

2. 1. 1 Leben

Jean – Jacques Rousseau wird am 28. Juni 1712 in der calvinistisch geprägten Stadt Genf als Sohn eines Uhrmachers geboren. Er stammt einer französischen Familie ab, die infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) nach Schweiz geflüchtet war, da sie ihre Religion nicht mehr unbestraft ausüben konnte.[1] Rousseau wächst in einem „freiheitlich gesinnten“[2] Elternhaus mit einem abenteuerlustigen Vater und einer gefühlvollen Mutter auf. Diese stirbt früh, wonach der Vater sich der Erziehung des Kindes annimmt bis er wegen eines Duells die Stadt verlassen muss. Jean – Jacques kommt in die Obhut seines Onkels, der ihn als Schreiber in einem Büro anstellen lässt, wonach er eine Kupferstecherausbildung anfängt ohne eine ordentliche Schulausbildung genossen zu haben. Mit 16 Jahren begibt sich Rousseau gezwungener Maßen nach Savoyen und lebt dort bei einem katholischen Pfarrer, der ihn mit seiner späteren Geliebten und „maman“[3] Madame de Warens bekannt macht. Durch ihren Einfluss unternimmt Rousseau eine Reise nach Turin, wo er eine Katechumenschule besucht und italienisch lernt. Im Jahr 1732 erfolgt eine Übersiedelung nach Les Charmettes, wo er eine Einstellung als Landgeistlicher übernehmen sollte. Hier genießt Rousseau das Landleben und findet zu Liebe der Wissenschaft Philosophie durch einen Arzt, der ihn in die Philosophie Descartes’ einführt. 1740 nimmt Jean – Jacques eine Hauslehrerstelle in Lyon für ein Jahr an, wonach sein längerer Aufenthalt in Paris stattfindet (1741 – 1756): Er begibt sich nach Paris, um das von ihm neu entwickelte Notensystem vorzustellen, was aber ohne Erfolg bleibt. Jedoch macht er hier Bekanntschaft mit Condillac und Diderot, die ihn beauftragen einige Artikel für das enzyklopädische Wörterbuch zu verfassen. Im Jahr 1744 lernt er Therese Levasseur kennen, mit der er fünf Kinder zeugt, die alle in ein Findelhaus abgegeben werden mit der Begründung, er könne für sie nicht angemessen sorgen.[4] Im Jahre 1749 erfolgt die eigentliche philosophische Erweckung Rousseaus, als er ein Preisausschreiben zum Thema der Künste und Wissenschaften und deren moralischen Einfluss auf die Menschheit in einer Zeitung ließt und daraufhin eine philosophische Schrift verfasst, die großes Ansehen erregt. Von da an verfasst Rousseau mehrere Schriften zu verschiedenen Themen, die vielfach rezipiert werden. Nach seinem Parisaufenthalt zieht Rousseau zu seiner neuen Gönnerin Madame D’Epinay nach Montmorency, wo er seine berühmten Romane und Abhandlungen verfasst. Inzwischen Calvinist geworden, muss Rousseau aufgrund drohender Strafverfolgung im katholischen Frankreich mehrere Jahre im Ausland verbringen, unter anderen bei Hume in England. Er kehrt 1770 nach Paris zurück, wo er „lebensscheu“[5] seine letzten Jahre in Einsamkeit verbringt. Im Jahr 1778 stirbt Rousseau in Ermenonville in einem Landhaus bei Paris.

2. 1. 2 Werke

Obwohl Rousseaus schriftstellerische Schaffenszeit schon in seinen früheren Lebensjahren anfing, erfolgte seine philosophische Erweckung erst mit der Abhandlung des 1. Discours (1750), die von der Forschung als „eine Einführung in die Rousseausche Gedankenwelt“[6] verstanden wird. Diese Abhandlung war eine Antwort auf ein Preisausschreiben zum Thema der Künste und Wissenschaften und deren moralischen Beeinflussung, die die philosophische „Karriere“ Rousseaus begründete. In seinem 2. Discours (1754) beantwortet Jean – Jacques die Frage nach der Ursache und der Befestigung von gesellschaftlicher Ungleichheit, in dem man unter anderem die berühmte Formel des Naturzustandes und die Definition zu perfectibilite findet.[7] Diese zwei gesellschaftskritische Abhandlungen geben eine „philosophierende Geschichte der Menschheit unter pessimistischen Vorzeichen“[8] wieder und verurteilen die ganze Kulturentwicklung der Menschheit.

Seine zwei weiteren philosophischen Hochleistungen erfolgten im Jahr 1762: Der Gesellschaftsvertrag „Contrat Social“ und der Erziehungsroman „Emile oder über die Erziehung“. Der Contrat Social, der Rousseaus Staatslehre vorstellt, verkündet die Lehre von der Souveränität des Volkes, wo hingegen die pädagogische Abhandlung Emile die Grundsätze der Erziehung vorgibt, nach denen der zukünftige Bürger des neuen Staates erzogen werden soll, und somit Rousseaus Erziehungslehre darstellt.[9] In der Forschung werden die beiden Abhandlungen als eine „Konstruktion, die vor allem der Erkennbarkeit, nicht der Verwirklichung des Gedachten dient“[10], verstanden.

Bis zu seinem Lebensende verfasste Rousseau weitere Abhandlungen zu verschiedenen Themen, jedoch waren die oben aufgeführten Werke die wichtigsten und berühmtesten Abhandlungen seiner Schaffenszeit.

2. 2 Rousseaus Staatslehre

Angesichts der Ungleichheit unter den Menschen im absolutistisch regierten Frankreich seiner Zeit suchte Rousseau nach einer Staatsform, welche Würde, Freiheit und Gleichheit des einzelnen respektiere und zugleich ein Zusammenwirken der Menschen in der gesamten Gesellschaft ermöglichen sollte. In einer freien gesellschaftlichen Vereinigung sollte jeder Bürger und das Eigentum jedes Mitgliedes der Gesellschaft den ungeteilten Schutz des Staates genießen. Dieses Ziel wird für Rousseau durch die Republik, in Form der direkten Demokratie, erreicht.[11]

Seine Ansätze zu einer idealen Staatsform findet man vor allem in dem Contrat Social, sowie in seinen weiteren politischen Schriften: Hier beschreibt er unter anderem die Hauptmerkmale des Staates mit den Prinzipien des Souveräns und des volonte generale (Gemeinwille), sowie die Bedingungen, die ein Staatsbürger erfüllen muss, damit die Demokratie funktioniere.

Rousseausche Republik ist vor allem darauf ausgerichtet, die Freiheit jedes einzelnen Staatsbürgers zu verteidigen und hat als das Hauptmerkmal die Einheit von Regierung und Volk als höchste Gewalt inne. Der Staat soll autark sein, jedoch ohne die Absicht zu haben, ungestört Kriege führen zu können, sondern „um Dank seiner Unabhängigkeit als Staat nicht der gleichen verhängnisvollen Entwicklung zu erliegen, die für die Individuen im Gesellschaftszustand kennzeichnend“[12] ist. Die autarken Republiken können sich im Wohlwollen begegnen, weil sie in keinem Wettstreit zu einander stehen sowie einander nicht bedürfen: Sie bilden somit eine „friedliche Koexistenz“.[13]

Die Regierung hat zwei Aufgaben: Sie hat als politische Aufgabe die Gesetzgebung und Verwaltung inne, als pädagogische Aufgabe muss sie die Erziehung zum Staatsbürger ausrichten.[14] Die Regierung bildet der Volkssouverän, der den aus dem Naturrecht abgeleiteten Allgemeinwillen, den volonte generale, vertritt, welcher in der gemeinsamen Beratung aller Bürger in der Volksversammlung ermittelt werden soll. Das Mittel, den Allgemeinwillen zum Ausdruck und Geltung zu bringen, sind die Gesetze, welche vom Volk in einer Volksversammlung beschlossen werden und an welche die Regierung, Verwaltung und alle Individuen gebunden sind. Durch diese Gesetze werden die Menschen „dem Gemeinwillen unterworfen, zugleich aber eben dadurch frei“.[15] In einer idealen Regierungsform sieht Rousseau alle Staatsbürger gemeinsam gleichberechtigt an der Volksversammlung teilnehmen, welche mittels dieser Volksversammlung den Volkssouverän bilden, Gesetze erlassen und Maßnahmen zu ihrer Durchführung bestimmen.

Zum Gelingen dieser Staatsform muss der Staatsbürger folgende Bedingungen erfüllen: Er muss über ein Wissen verfügen, dass ihm ermöglicht Sachverhalte richtig zu beurteilen und sich nicht von gängigen Meinungen leiten zu lassen. Der Staatsbürger bemüht sich um das Allgemeinwohl und stellt seine Sonderinteressen hinter diesem. Er begnügt sich mit einer einfachen Lebensweise, damit er nicht durch einseitige wirtschaftliche Interessen von der Politik abgelenkt wird. Er darf sich nicht parteilich binden, um sich nicht vom Ziel des Gesamtwohls ablenken zu lassen.[16]

[...]


[1] Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. Kopernikus, Bruno, Rousseau, Kierkegaard. Lübeck 1980, S. 128.

[2] Ebd., S. 128.

[3] Hans Platte: Die Erziehung des neuen Menschen – Jean Jacques Rousseau. In: Dortmunder Beiträge zur Pädagogik 24, Bochum 1998, S. 15.

[4] Robert Wokle: Rousseau. Freiburg 1995, S. 13.

[5] Hans Platte: Die Erziehung des neuen Menschen – Jean Jacques Rousseau. S.15.

[6] Hartmut von Hentig: Rousseau oder die wohlgeordnete Freiheit. München 2004, S. 32.

[7] Ebd., S. 36.

[8] Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. S. 132.

[9] Kurt Leider: Ein die Welt revolutionierendes europäisches Philosophenquartett. S. 135.

[10] Hartmut von Hentig: Rousseau oder die wohlgeordnete Freiheit. S. 43.

[11] Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis und Europäische Arbeitsgemeinschaft „Mut zur Ethik“ (Hrsg.): Erziehung zum mündigen Bürger. Die Bedeutung der Schule für die Demokratie. Zürich 1995, S. 31.

[12] Iring Fetscher: Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. Frankfurt am Main 1978, S. 206.

[13] Ebd., S. 206.

[14] Martin Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen. Göttingen 1959, S. 147.

[15] Christoph Lüth: Staatliche und private Erziehung bei Rousseau – zwei sich einander ausschließende Theorien? In: Otto Hansmann (Hrsg.), Seminar: Der pädagogische Rousseau 2, Weinheim 1996, S. 169.

[16] Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis und Europäische Arbeitsgemeinschaft „Mut zur Ethik“ (Hrsg.): Erziehung zum mündigen Bürger. Die Bedeutung der Schule für die Demokratie. Zürich 1995, S.33 – 34.

Details

Seiten
12
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640399604
ISBN (Buch)
9783640399437
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133295
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
gut
Schlagworte
Erziehung Staatsbürger Jean-Jacques Rousseau

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Titel: Erziehung zum Staatsbürger bei Jean-Jacques Rousseau