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Das Neue Minnekonzept Walthers von der Vogelweide

Hausarbeit 2007 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2. 1 Die Hohe Minne des traditionellen Minnesangs
2. 2 Walthers Minnesang
2. 2. 1 Neue Akzente und programmatische Züge der Minne
2. 2. 2 Intention des neuen Minnekonzepts
2. 3 Walther-Reinmar-Fehde

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Walther von der Vogelweide, der um 1190 seine Anfangszeit als Minnesänger hatte, wird in der mediävistischen Literaturgeschichtsschreibung nach wie vor zugleich als Reformer, Erneuerer und Vollender des deutschen Minnesangs angesehen.[1] In seinem innovativen Minnekonzept fordert er unter anderem natürliches Empfinden, ein ethnisch fundiertes, partnerschaftliches Verhältnis, in dem ständisch bedingte Rangunterschiede unbedeutend sind, und Gegenseitigkeit der Liebe.[2] Er ist nicht der einzige Lyriker, der sich gegen das „poetische Korsett der Minne“[3] auflehnt: Auch Hartmann von Aue, Neidhart von Renenthal und Tannhäuser verfassen Unmuts- und Hohnlieder, die sich gegen die einengenden Zwänge der Hohen-Minne-Thematik richten. Walther kann sich jedoch unter diesen durch einen „Durchbruch zur volksliedhaft-schlicht erscheinenden, von höchster Kunstvollendung zeugenden echten Liebeslyrik“[4] profilieren.

Die neuzeitliche Rezeptionsgeschichte des dichterischen Werkes Walthers von der Vogelweide beginnt um die Jahrhundertwende zum 17. Jahrhundert mit der Wiederentdeckung der berühmten Manessischen Liederhandschrift durch den Rechtshistoriker Goldast. Die philologisch-historische Forschung wird durch Uhland fortgesetzt, der durch sein Buch „Walther von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichter“ (1822) das Walther-Bild des 19. Jahrhunderts begründete. Weiteren Publikumskreisen wurde Walthers Werk durch die Textausgabe Karl Lachmanns (1827), durch Burdach (1880) und Kraus (1935) nahe gebracht. Im 20. Jahrhundert beeinflussten unter anderen Schweikle und Wapnewski die Forschung um Walther, die sich besonders mit seinem Neuen „Typ“ des Minnesangs beschäftigten.[5] Zu dem Thema der Hausarbeit findet man sowie in der älteren als auch in der neuen Forschung ein zahlreiches Repertoire an Forschungsergebnissen, welche auf folgenden Seiten erörtert werden.

Diese einführenden Zeilen stellen das Thema der folgenden Seiten vor: Das neue Minnekonzept des Minnelyrikers und Sangspruchdichters Walther von der Vogelweide. Die Thematik wird systematisch dargestellt unter Zuhilfenahme von Forschungsergebnissen der älteren sowie neuen Forschung und einigen Minneliedern, insbesondere die Lieder L 46,32 und L 69,1, die Walthers neue Minnekonzeption aufzeigen. Als erstes wird zur Unterscheidung das konventionelle Minneverständnis der Zeit erläutert, in der Walther von der Vogelweide sein neues Minnekonzept vorlegte. Im zweiten Teil werden die Fragen beantwortet, wie das neue Minnekonzept Walthers aussieht, welche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten die Neue Hohe Minne im Vergleich zu der traditionellen Minne aufweist, und was Walther mit der Kritik der Hohen Minne intendiert. Zuletzt wird mit der Erörterung der These der „Walther-Reinmar-Fehde“ die Fragestellung beleuchtet, in wiefern die angebliche Fehde das Herausbilden der neuen Minnekonzeption Walthers beeinflusste.

2. Hauptteil

2. 1 Die Hohe Minne des traditionellen Minnesangs

Zu dem Zeitpunkt als Walther von der Vogelweide die Gattung Minnesang aufgriff, hatte der Minnesang schon die wesentlichen Phasen seiner Entwicklung hinter sich.[6]

Ab etwa 1150 trat im südöstlichen Deutschland eine ritterlich-höfische Liebesdichtung auf, die uns allgemein als der Donauländische Minnesang bekannt und mit den Strophen des Kürenbergs greifbar ist. Der Donauländische Minnesang repräsentierte in der Volkssprache das laikal-weltliche, adelige Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, das aus Leid und Glück selbstgewählter Liebesverbindungen zwischen Frau und Mann gewonnen wurde.[7] Diese erste Phase des Minnesangs war einfach in ihrer Form und führte Beziehungen einer freien Partnerwahl- und bindung vor. Um 1170 kam entlang der Rheinlinie die völlige Ablösung des Donauländischen Minnesangs durch das romanische Modell der höfischen Liebe der Trobador- und Trouverlyrik. Die deutschen Minnesänger kopierten nicht nur die Liebesdichtung der französischen Trouvers und der provenzalischen Trobadors, sondern haben „sogleich über die Sprachgrenze hinweg das Prinzip der Variation von Grundmotiven angewendet, das die Gattung ausmacht.“[8] Diese Variation des Minnesangs mit den ersten Vertretern Friedrich von Hausen und seinem staufischen Kreis in der Mitte des deutschen Raumes, Heinrich von Veldecke im Norden und dem Grafen Rudolf von Neuenburg im Süden wird in der philologisch-historischen Forschung als Lyrik der Hohen Minne bezeichnet.[9]

Die Hohe Minne wird als eine besondere Form der Mann-Frau-Beziehung verstanden, die nicht die sexuelle Erfüllung des Minnedienstes in den Vordergrund stellt, sondern den Wunsch nach Nähe, das Gefühl der Sehnsucht und das Verlangen nach der Akzeptierung durch die adlige Frau.[10] Die Minne „schwebt über allen der Zeit vorgegebenen sozialen und religiösen Institutionen und Tabus als die stärkste physische und personale Triebkraft“[11] der adligen Gesellschaft. Der Minnesang der Hohen Minne fungierte als höfische Repräsentationskunst, die als bzw. zur Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung der höfischen, adlig-ritterlichen Schicht diente.[12] Schweikle definiert diese Form des Minnesangs als „literarischer Entwurf einer realitätsüberhobenen hermetischen Welt, die Fiktion eines abstrakten Spiels mit feststehenden Rollen und motivischen, thematischen Stereotypen, die innerhalb des fiktionalen Raums und vorgegebenen Themas vielfältig variiert, auch erweitert und überboten werden konnte.“[13]

Die Zentralfigur des Konzepts der Hohen Minne ist die frouwe (auch: frowe, vrouwe), was mit „Herrin“ oder „Dame“ übersetzt wird. Diese ist verheiratet, adelig und vollkommen in ihrer Inner- und Äußerlichkeit: Sie ist guot und schoene, wobei ihr Gutsein durch ihr Schönsein hervorgebracht wird. Im Sinne der Spielregeln der Hohen Minne, die realitätsfern sind, gelten in ihr die höfischen Normen, Werte, Verhaltensformen als verwirklicht und ideal verkörpert. Die Dame wird mit keinem Namen benannt, trägt auch keine spezifizierenden Merkmale, da ihre Rolle für eine allgemeine Identifikation offen bleiben muss. Die männliche Rolle wird in der Ich-Form vorgeführt und definiert sich aus der Beziehung zu seiner frouwe. Seit dem Zeitpunkt als der Minnende die Dame gesehen oder von ihr gehört hat, hat er diese als sein neues Lebensziel und bietet ihr seinen Minnedienst an. In diesem Dienst können zwei Werte der feudalen Gesellschaft geübt und bewiesen werden: Die unverbindliche Treuebindung und Beständigkeit (triuwe und staete) sowie die Wohlerzogenheit und Angemessenheit des Verhaltens (zuht und maze). Nach den Minneregeln muss der Minnende versagen, d.h., er muss auf die Erfüllung seiner Leidenschaft verzichten, damit die Tugendhaftigkeit seiner vrouwe bestehen bleibt. Doch das dadurch ausgelöste truren (Trauer) bzw. swaere (Bedrucktsein) wird durch die Möglichkeit zur Wertsteigerung und Selbstachtung belohnt. Somit skizziert die Hohe Minne das Verhältnis der Minnepartner „nach der gesellschaftsbildenden Grundformel der feudalen Zeit“[14]: dienest und lon.[15] Die dritte Rolle im Minnesang nimmt die Gesellschaft ein: Sie fungiert als Kontrollinstanz der Hohen Minne (merkere, huote), die im Lied die Minne als Kunst fordert und sie zugleich durch immer neue Aktualisierungen ihrer Aufsicht verhindert.[16]

[...]


[1] Bennewitz, Ingrid: „vrouwe/maget“, Überlegungen zur Interpretation der sogenannten Mädchenlieder im Kontext von Walthers Minnesang-Konzeption. In: Walther von der Vogelweide. Beiträge zu Leben und Werk. Hrsg. von Hans-Dieter Mück. Stuttgart: Stöffler und Schütz 1989 (= Kulturwissenschaftliche Bibliothek 1). S. 237.

[2] Kasten, Ingrid: Der Begriff der „herzeliebe“ in den Liedern Walthers. In: Walther von der Vogelweide. Beiträge zu Leben und Werk. Hrsg. von Hans-Dieter Mück. Stuttgart: Stöffler und Schütz 1989 (= Kulturwissenschaftliche Bibliothek 1). S.253.

[3] Spiewok, Wolfgang: Walther von der Vogelweide. Leben – Dichtung – Wirkung. In: Greifswalder Beiträge zum Mittelalter 39. (1995). S. 22.

[4] Ebd., S. 22.

[5] Ebd., S. 16 – 17.

[6] Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. München: Beck 1996. S. 74.

[7] Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. München, Zürich: Artemis 1986 (= Artemis Einführungen 22). S. 30.

[8] Ebd., S. 31.

[9] Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide. Stuttgart: Metzler 1999 (= Sammlung Metzler 316). S. 96.

[10] Nolte, Theodor: Walther von der Vogelweide. Höfische Idealität und konkrete Erfahrung. Stuttgart: S. Hirzel 1991. S. 278.

[11] Kuhn, Hugo: Minnesangs Wende. 2. vermehrte Auflage. Tübingen: Max Niemeyer 1967 (= Hermaea 1). S. 189.

[12] Schweikle, Günther: Walther von der Vogelweide. Werke. Bd. 2: Liedlyrik. Stuttgart: Reclam 1998 (= Universal-Bibliiothek 820). S. 27.

[13] Ebd., S. 26.

[14] Hahn, G.: Walther von der Vogelweide. S. 36.

[15] Ebd., S. 34 – 37.

[16] Kuhn, H.: Minnesangs Wende. S. 190.

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640399581
ISBN (Buch)
9783640399413
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133292
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
gut
Schlagworte
Neue Minnekonzept Walthers Vogelweide

Autor

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Titel: Das Neue Minnekonzept Walthers von der   Vogelweide