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Utopia in Dystopia? - Untersuchungen zum utopischen Potenzial von Gegenwelten im dystopischen Roman

Bachelorarbeit 2009 53 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Begriffe
1. Utopie
2. Dystopie
3. Gemeinsame Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien
4. Gegenwelten
4.1. Forschungsüberblick
4.2. Definition

III. Exemplarische Einzeluntersuchungen dystopischer Romane
1. Jewgenij Samjatin: Wir
2. Ray Bradbury: Fahrenheit 451
3. Jean-Christophe Rufin: Globalia

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

A map of the world that does not include Utopia is not worth even glancing at, for it leaves out the one country at which Humanity is always landing. And when Humanity lands there, it looks out, and, seeing a better country, sets sail.[1]

Wenn Oscar Wilde in seinem 1891 erschienenen Essay The Soul of Man under Socialism das utopische Denken als grundlegendes Merkmal des Menschen festhält, so ist eine solche Aussage in der heutigen Gegenwart kaum mehr vorstellbar. Mit dem Ende des Realsozialismus in der Sowjetunion und den Staaten des Ostblocks scheint auch für die Utopie das Ende gekommen zu sein; das Wort ‚utopisch‘ wird nur noch zur Bezeichnung wirklichkeitsfremder Spinnereien verwendet. Der Bedeutungsverlust des utopischen Denkens lässt sich dabei nicht erst seit der Epochenwende Anfang der neunziger Jahre feststellen, sondern beginnt bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Dystopie bildet sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue literarische Gattung heraus, die anstatt des Entwurfs einer vollkommenen Gesellschaft das Schreckbild einer düsteren Zukunftswelt zeichnet, in der kein Platz für eine positive Alternative bleibt.

Dass dies jedoch nur scheinbar der Fall ist, gerade auch in der Dystopie eine positive Utopie angelegt ist, will die vorliegende Arbeit zeigen. Ausgehend vom Begriff der ‚Gegenwelt‘ soll an exemplarisch ausgewählten dystopischen Romanen untersucht werden, inwiefern den in den einzelnen Werken explizit dargestellten oder nur implizierten Alternativentwürfen ein utopisches Veränderungspotenzial zugesprochen werden kann. Als Quellengrundlage wurden dabei die Romane Wir von Jewgenij Samjatin (1920), Fahrenheit 451 von Ray Bradbury (1953) und Globalia von Jean-Christophe Rufin (2004) ausgewählt; im Folgenden soll diese Wahl kurz begründet werden. Wir erscheint für die hier vorgenommene Untersuchung besonders geeignet, da er als der ‚Gründungstext‘ der literarischen Gattung der Dystopie gilt und somit als paradigmatischer dystopischer Roman und Vorbild für die meisten anderen Werke des Genres angesehen werden kann. In Fahrenheit 451 lässt sich ein Wandel von einer dystopischen zu einer utopischen Sichtweise feststellen, sodass der Darstellung der Gegenwelten im Vergleich zu anderen Dystopien mehr Raum eingeräumt wird und der Roman somit für die vorliegende Fragestellung besonders relevant ist. Auch in Globalia findet sich eine ausführliche Darstellung von Gegenwelten, was den Roman ebenfalls geeignet erscheinen ließ. Abgesehen davon liegen zu Globalia im deutschsprachigen Raum bisher noch keine wissenschaftlichen Analysen vor, sodass es lohnenswert erscheint, dieses Werk erstmalig für die Utopieforschung in Deutschland zu erschließen. Abgesehen von der inhaltlichen Relevanz der untersuchten Romane war der zeitliche Abstand ihres Erscheinens ein Auswahlkriterium, da ein Anliegen dieser Arbeit darin besteht, zu zeigen, dass trotz unterschiedlicher zeitgeschichtlicher Bezüge sich die den dystopischen Schreckbildern entgegengesetzten positiven Gegenwelten erstaunlich ähnlich sind.

Methodisch wird die Arbeit stärker literaturwissenschaftlich als kulturhistorisch vorgehen. Der Schwerpunkt liegt auf einer Interpretation, die sich eng am Text des jeweiligen Romans orientiert. Allerdings werden auch über eine werkimmanente Herangehensweise hinaus zeit- und kulturgeschichtliche sowie biographische Bezüge mit einbezogen, wenngleich dies aufgrund des beschränkten Umfangs dieser Untersuchung an den meisten Stellen nur skizzenhaft geschehen kann.

Im ersten Teil der Arbeit sollen zunächst die begrifflichen Grundlagen gelegt werden, die für die weitere Untersuchung wesentlich sind. Nach einer Klärung des in dieser Arbeit verwendeten Utopiebegriffs wird die Entwicklungsgeschichte von der Utopie zur Dystopie skizziert und eine Definition des Begriffs Dystopie erarbeitet. Hier wird die Abgrenzung vom Begriff der Anti-Utopie besondere Beachtung finden. Anschließend wird ein Konstituentenkatalog gemeinsamer Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien entwickelt, wobei die Vielzahl gemeinsamer Charakteristika unter den Kennzeichen Isolation, Statik und Kollektivismus zusammengefasst wird. Daran anknüpfend wird der für diese Arbeit zentrale Begriff der Gegenwelt entwickelt. Der Erarbeitung einer tragfähigen Definition des Begriffs geht ein Forschungsüberblick voraus, der anstelle einer hier geführten einleitenden Forschungsdiskussion stehen soll.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Inhaltsanalyse der ausgewählten dystopischen Romane. Nach einer kurzen Hinführung, in der der zeitgeschichtliche Kontext des jeweiligen Werks skizziert werden soll, wird die textnahe Interpretation im Vordergrund stehen. Vor der Analyse der Gegenwelten wird jeweils eine kurze Charakterisierung der dystopischen Welt des Romans stehen. Abschließend wird versucht, die Frage nach dem utopischen Potenzial dieser Gegenwelten zu beantworten. Die Darstellung wird sich dabei so eng wie möglich am Text orientieren und die Argumentationsführung mit zahlreichen Quellenbelegen stützen, wobei versucht wird, eine ausgewogene Balance zwischen Lesbarkeit und Detailtreue zu halten. Zum Schluss der Arbeit wird ein Fazit gezogen, das die Einzeluntersuchungen mit Hinblick auf die eingangs formulierte Fragestellung vergleichend zusammenführt.

II. Begriffe

1. Utopie

In der Utopieforschung scheint es mittlerweile fast zu einem Gemeinplatz geworden zu sein, die verwirrende Vielfalt unterschiedlicher Definitionen des Begriffs „Utopie“ zu beklagen. So konstatiert eine aktuelle Studie zum Thema, heute sei „wohl das Höchste, was ein Kolloquium zum Thema Utopie hinsichtlich der Begriffsbildung erreichen kann, eine Verständigung darüber, was der Andere mit dem Begriff Utopie meint“.[2] Auch wenn die Anzahl verschiedener Definitionen nahezu unüberschaubar erscheint, ist es gleichwohl für jede Arbeit zum Thema Utopie unerlässlich, den verwendeten Utopiebegriff zu klären.

Da der Begriff Utopie in seiner historischen Entwicklung unzählige Wandlungen und Ausweitungen erfahren hat, soll zunächst geklärt werden, um welchen Utopiebegriff es hier nicht gehen soll. Zum einen ist dies der Begriff, wie er im alltäglichen Gebrauch verwendet wird, nämlich in einem pejorativen Sinne von „wirklichkeitsfremdes Phantasieprodukt, Hirngespinst, Wahnbild oder Schwärmerei“[3]. Zum anderen sollen auch alle Utopiebegriffe außer Acht gelassen werden, die über die fiktionalen Manifestationen utopischen Denkens hinausgehen und das Utopische als eine dem menschlichen Handeln innewohnende Intention auffassen. Dieser intentionale Utopiebegriff, der auf Gustav Landauer zurückgeht und von Karl Mannheim und Ernst Bloch weiterentwickelt wurde, erscheint für eine Analyse literarischer Utopien nur wenig brauchbar, da er den Begriff des Utopischen zu weit ausdehnt, um die nötige begriffliche Schärfe herstellen zu können.[4] Im Rahmen dieser Arbeit soll daher der klassische Utopiebegriff verwendet werden, der sich an dem die literarische Gattung Utopie begründenden Werk Utopia von Thomas Morus aus dem Jahre 1516 orientiert und der vor allem von Richard Saage für die Forschung fruchtbar gemacht wurde.[5]

Eine erste Annäherung an den Begriff lässt sich über die Wortbedeutung von Utopie vornehmen. Der Begriff ist ein Neologismus aus dem griechischem ‚ou‘, ‚nicht‘, und ‚tópos‘, ‚Ort‘, bedeutet also wörtlich ‚Nicht-Ort‘ oder ‚Nirgendwo‘. Im Englischen ergibt sich durch den Gleichklang von griechisch ‚eu‘, ‚gut‘ bzw. ‚schön‘ die Konnotation von Utopie mit ‚Eutopie‘, einem ‚guten bzw. schönen Ort‘.[6] Damit ist bereits im Begriff der Utopie ihr zentrales Element angedeutet: der Entwurf einer alternativen, noch nicht existierenden Gesellschaftsordnung. Richard Saage definiert politische Utopien dementsprechend als Fiktionen innerweltlicher Gesellschaften [...], die sich entweder zu einem Wunsch- oder einem Furchtbild verdichten. Ihre Zielprojektion zeichnet sich durch eine präzise Kritik bestehender Institutionen und sozio-politischer Verhältnisse aus, der sie eine durchdachte und rational nachvollziehbare Alternative gegenüberstellt.[7]

Utopien sind „wirklichkeitsangemessen“ und „zukunftsorientiert“[8], sie gehen von der Annahme aus, dass die menschliche Gesellschaft grundsätzlich gestaltbar ist und die bestehenden Verhältnisse in eine bessere Ordnung transfomiert werden können. Der Gesellschaftsentwurf der Utopien hat normativen Charakter, ihr Ziel ist nicht die Zukunftsprognose, sondern die Beschreibung künftiger Zustände, „wie sie sein oder nicht sein sollen.“[9] Den in Utopien im Modus der Fiktion dargestellten alternativen Gesellschaften wird dabei durch bestimmte literarische Mittel der Anschein von Wirklichkeit gegeben; durch ihre postulierte Machbarkeit geht von Utopien ein „überredender Impuls“[10] aus. Insofern die von Utopien explizit oder implizit kritisierten Gegenwartsgesellschaft als Negation einer möglichen besseren bezeichnen lässt, stellt die Utopie eine „Negation der Negation“[11] dar.

Anhand dieses Utopiebegriffs ist es möglich, die Utopie nach mehreren Seiten abzugrenzen. Von vorrationalen Mythen wie z.B. dem eines ‚Goldenen Zeitalters‘ und Märchen unterscheidet sich die Utopie durch ihre Rationalität; von religiösen Vorstellungen durch ihre Diesseitsbezogenheit; von verwandten literarischen Genres wie dem Bildungsroman oder der Robinsonade durch ihren Bezug auf eine Gesamtgesellschaft, während die genannten Gattungen immer Einzelschicksale thematisieren. Von der ihr am nächsten stehenden und nicht immer scharf zu trennenden Gattung, der Science Fiction, unterscheidet sich die Utopie schließlich darin, dass in jener die Extrapolation des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Vordergrund steht und Sozialkritik sowie utopischer Gesellschaftsentwurf in den Hintergrund rückt.[12]

2. Dystopie

Nachdem nun der Begriff der Utopie charakterisiert worden ist, soll im Folgenden der Begriff der Dystopie definiert werden. Dabei ist es zunächst notwendig, die historischen Voraussetzungen zu umreißen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts und besonders im 20. Jahrhundert zum Niedergang der positiven Utopien und der Herausbildung der Dystopie geführt haben. Anschließend soll versucht werden, über das verwirrend vielfältige Begriffsfeld, mit dem dieses Phänomen in der Forschungsliteratur bezeichnet wird, Klarheit zu erlangen und eine tragfähige Begriffsdefinition herauszuarbeiten.

Während die positiven Fortschrittsutopien des 19. Jahrhunderts Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise im Werk von H.G. Wells eine Weiterentwicklung und Steigerung erfahren, werden sie seit spätestens den 1920er Jahren immer mehr von dystopischen Werken verdrängt. Nach Richard Saage gibt es für diesen Umschlag des Positiven ins Negative hauptsächlich drei Ursachen. Erstens setzt seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine zunehmend kritische Bewertung von Wissenschaft und Technik ein, die gegenüber dem blinden Fortschrittsoptimismus und dem Glauben an die Lösbarkeit der Menschheitsprobleme durch Technik die negativen Folgen der Technik betont. Zweitens ruft die Oktoberrevolution in Russland und die Erfahrungen eines sich vom emanzipatorischen Anspruch der Revolution zur technokratischen Realität der Gewaltherrschaft wandelnden Sozialismus eine Vielzahl von Gegenreaktionen hervor, in denen das Schreckensbild einer totalitären Systems gezeichnet wird; so lässt sich beispielsweise der 1920 erschienene Roman Wir von Jewgenij Samjatin als direkte Reaktion auf die Oktoberrevolution lesen. Drittens führt die Erfahrung einer wachsenden Beherrschbarkeit der Welt, der aber keine gestiegene Fähigkeit zum humanen Umgang mit den technischen Möglichkeiten korrespondiert, zu Zweifeln an der Verantwortungsfähigkeit des Menschen.[13] Besonders die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zeigten deutlich, welch verheerenden Folgen der Einsatz von Technik haben kann, wenn er nicht – wie in den Sozialutopien des 19. Jahrhunderts vorgesehen – zum Wohl der Menschen, sondern zu ihrer Vernichtung erfolgt.

In dem Sinne, dass sie Kritik an negativen Tendenzen der gegenwärtigen Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollen, stellen Dystopien den Entwurf von Gesellschaften dar, in denen solche Entwicklungen verwirklicht worden sind; die dargestellte Welt wird dabei als schlechter als die gegenwärtige beurteilt. Dementsprechend definiert beispielsweise Chad Walsh die Dystopie (allerdings unter Verwendung des Begriffs ‚inverted utopia‘) als „an imaginary society presented as inferior to any civilised society that actually exists“.[14] Eine differenziertere Definition nimmt Birgit Affeldt-Schmidt vor. Für sie ist die Dystopie als der Entwurf einer hypothetischen möglichen negativen Welt zu bezeichnen, der in zeitlicher Projektion und Perfektionierung von kritisch beurteilten, negativen Entwicklungstendenzen der zeitgenössischen Wirklichkeit eine idealtypisch vollendete, negative Modellwelt versinnlicht.[15]

Neben dem Begriff Dystopie, der sich vor allem im angloamerikanischen Raum durchgesetzt hat, finden sich in der Forschung zahlreiche andere Begriffe wie ‚negative Utopie‘, ‚kritische Utopie‘, ‚Mätopie‘, ‚Schreckutopie‘ oder ‚schwarze Utopie‘.[16] Auch wenn eine genaue Auseinandersetzung mit jedem dieser Begriffe sicherlich den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde, so erscheint zumindest eine Abgrenzung des Begriffs der Dystopie vom in der deutschsprachigen Forschungsliteratur häufig gebrauchten Begriff ‚Anti-Utopie‘ unerlässlich. Die beiden Begriffe lassen sich zwar nicht immer trennscharf voneinander abgrenzen, unterscheiden sich jedoch grundlegend darin, dass die Bezeichnung ‚Anti-Utopie‘ eine Kritik an der Utopie selbst impliziert, während der Begriff ‚Dystopie‘ (von griechisch ‚dys‘, ‚schlecht‘, ‚übel‘) eher auf inhaltliche Kategorien verweist.[17] Stephan Meyer definiert den Begriff Anti-Utopie folgendermaßen:

Für die Anti-Utopie kann also festgehalten werden, daß sie eine utopisch verkleidete Utopiekritik darstellt, die in narrativ-erzählerischer und satirischer Form die Realisationen von utopischen Gedanken oder ihren inhaltlichen, sowie formal-erzählerischen Strukturmerkmalen relativiert.[18]

Was in der Anti-Utopie kritisiert wird, sind somit zum einen konkrete literarische Utopieentwürfe, zum anderen angeblich ‚verwirklichte‘ Utopien wie der Realsozialismus in der Sowjetunion. Indem gezeigt wird, dass viele Merkmale der klassischen utopischen Idealstaatsentwürfe in den Schreckensherrschaften des 20. Jahrhunderts verwirklicht worden sind, gerät die Utopie unter den Generalverdacht des Totalitarismus.[19] Am wirkungsmächtigsten dürfte hier die Utopiekritik Karl Poppers gewesen sein, der die totalitären Tendenzen in den klassischen Utopien bis auf Platons Politeia zurückführt.[20]

Im Rahmen dieser Arbeit soll jedoch aus mehreren Gründen weiterhin der Begriff Dystopie verwendet werden. Gegen die Verwendung des Begriffs Anti-Utopie spricht vor allem, dass er eine Ablehnung jeglichen utopischen Denkens impliziert oder zumindest andeutet[21], wohingegen das zentrale Anliegen dieser Arbeit gerade darin besteht, das im positiven Sinne utopische Potenzial von Dystopien nachzuweisen. Auch in Hinblick auf die Auswahl der hier untersuchten Romane erscheint der Begriff unangemessen. So kann man allenfalls von Samjatins Wir sagen, dass es sich gegen konkrete Utopieentwürfe richtet, während Fahrenheit 451 und Globalia sich vor allem gegen negative Entwicklungstendenzen ihrer jeweiligen Gegenwartsgesellschaft wenden. Nur dann, wenn man die in den letztgenannten Werken kritisierten Entwicklungen als ‚utopisch‘ bewertet, könnte die Bezeichnung Anti-Utopie hier noch berechtigte Verwendung finden.[22]

3. Gemeinsame Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien

In der Forschung ist die Ähnlichkeit der Gesellschaftsentwürfe von Utopien und Dystopien häufig betont worden. Der Frage, inwieweit in jeder positiven Utopie bereits ihr Umschlag in die negative Utopie angelegt ist, inwiefern also utopischer Idealstaat und dystopischer Schreckensstaat sich in ihrem Aufbau entsprechen, kann an dieser Stelle nicht nachgegangen werden. Vielmehr soll hier in Anlehnung an Stephan Meyer eine „Typologie anti-utopischen Schreibens“[23] entwickelt werden, die die gemeinsamen Strukturmerkmale utopischer wie dystopischer Gesellschaftsentwürfe betont. Anhand eines solchen Schemas lässt sich dann später zeigen, gegen welche spezifischen Elemente sich die in den untersuchten dystopischen Romanen entworfenen ‚Gegenwelten‘ richten.[24]

Die Methode eines typologischen Analyseverfahrens läuft jedoch Gefahr, Utopien bzw.

Dystopien in ihrer historischen Einzigartigkeit zu verkennen, sie einer transhistorischen Typologie unterzuordnen, die nur eine schematische Analyse liefern kann und das Spezifische des jeweiligen Werks ausblendet. Gegen diese Kritik lässt sich allerdings einwenden, dass nur ein typologisches Verfahren eine schlüssige Interpretation einzelner Werke im Gattungszusammenhang ermöglicht. Weiterhin ist gerade für die Utopie im Vergleich zu anderen Gattungen kennzeichnend, dass sie eine große Zahl historisch invarianter Merkmale aufweist.[25] Eine typologische Analyse bietet sich folglich besonders an, wenngleich auch betont werden muss, dass die hier vorgestellten Strukturmerkmale historisch variabel und von Werk zu Werk unterschiedlich stark ausgeprägt sind.[26]

Aus dem von Stephan Meyer aufgestellten Katalog gemeinsamer Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien sollen hier drei Hauptmerkmale herausgegriffen werden, wobei ihre Auswahl und Gewichtung sicher diskussionswürdig wären: Isolation, Statik und Kollektivismus. Dem Kollektivismus, der Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze, wird dabei die größte Bedeutung zugeschrieben, da sich unter dieses Schlagwort Merkmale wie Konformismus, Homogenität und Uniformität und das utopische Gleichheitsideal subsumieren lassen. Anzumerken bleibt noch, dass, sollte im Folgenden nur von Utopien die Rede sein, in gleichem Maße auch Dystopien gemeint sind, da die Strukturmerkmale beiden Gattungen gemeinsam sind.

Die Isolation ist eines der grundlegenden Merkmale utopischer Gemeinwesen. Als Gründe für die Abgeschlossenheit utopischer Idealstaaten lassen sich das „utopische experimentelle Verfahren, das alle Unwägbarkeiten und das System störende Elemente ausschalten möchte“[27], der Wunsch des Autors nach „absoluter Autarkie und Unabhängigkeit für seinen Idealstaat“[28] sowie der „Modellcharakter der jeweiligen Utopie“[29] anführen. Erst durch die Abschottung von der Außenwelt wird es möglich, das in der Utopie entworfene idealtypische Gemeinwesen zu schaffen, da jeglicher fremde Einfluss dessen Gleichgewicht stören könnte.

Ein weiteres gemeinsames Hauptmerkmal von Utopien ist ihre Statik, der Mangel an gesellschaftlicher Dynamik, welcher durch die Isolation des utopischen Gemeinwesens und das utopische Ideal der Vollkommenheit bedingt wird. Wo es keine störenden Außeneinflüsse gibt und die Gesellschaft perfekt funktioniert, ist jeder Wandel ausgeschlossen. Wo es nichts zu ändern gibt, so könnte man pointiert formulieren, da ändert sich auch nichts. Mit der gesellschaftlichen Statik geht somit auch der Wegfall jeder geschichtlichen Dynamik einher, so dass sich das Zeitverhältnis der Utopie als eines der permanenten Gegenwart bezeichnen lässt.[30] Mit diesem Mangel an Geschichtlichkeit verbindet sich häufig die Einführung einer neuen Zeitrechnung sowie die „Manipulierung des Geschichtsbildes“.[31] Gerade das Element der Statik ist es, das den Utopien den Vorwurf des Totalitarismus eingebracht hat und dementsprechend von den Verfassern dystopischer Werke kritisiert wird. Auch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts haben einen ‚Endzustand‘ angestrebt, in dem es außerhalb der technischen keine weitere gesellschaftliche oder politische Entwicklung mehr geben sollte.[32] Zudem ist die Grundlage der Statik ein – häufig von oben verordneter – gesellschaftlicher Konsens, der jedoch nur mit dem Mittel der Unterdrückung abweichender Meinungen zu erreichen ist; auch darin ähneln sich Utopien und totalitäre Regime.[33]

Gesellschaftlicher Konsens ist nur dann möglich, wenn der Einzelne sich widerstandslos dem gesellschaftlichen Ganzen fügt. Daher erscheint es auch angemessen zu behaupten, dass der Kollektivismus, die Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, das bedeutendste Strukturmerkmal von Utopien und Dystopien darstellt, da er die wesentliche Voraussetzung für das Bestehen der utopischen Gesellschaft ist. Die Tendenz zur Entindividualisierung durchzieht die gesamte Utopietradition. Utopien kennen daher auch keine individuell gezeichneten Charaktere, der Mensch existiert nur als „Gattungswesen“[34] ; erst die Dystopie führt mit der Figur des Außenseiters einen psychologisch differenzierten Charakter ein.[35] Grundlage des utopischen Kollektivismus bildet die Annahme, dass Glück planbar sei, dass dieses Glück jedoch erst durch die Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv ermöglicht wird.[36] Der Kollektivismus wirkt sich dabei auf alle Bereiche des Lebens aus: im Bereich der Wirtschaft geht mit ihm meist eine Abschaffung des Privateigentums einher; im Bereich der Erziehung eine staatliche Kontrolle der kindlichen Sozialisation, häufig verbunden mit der Abschaffung der Familie, teilweise auch mit eugenischen Maßnahmen;[37] im Bereich der Gesellschaft ein starker Konformitätszwang und ein Streben nach Uniformität, das sich beispielsweise „in einheitlicher Kleidung und einem bürokratisch reglementierten Alltag“[38] widerspiegelt. Ziel des Kollektivismus ist die vollkommene Gleichheit aller Bewohner des utopischen Gemeinwesens. Im Hinblick auf das politische System des Idealstaats hat dies jedoch nicht die Verwirklichung demokratischer Gleichheitsvorstellungen zur Folge, sondern meist ein „mindestens Zwei-Klassen- oder Kasten-System“[39], das in den Dystopien deutliche Züge einer totalitären Schreckherrschaft trägt. Das Gleicheitsideal schließt nämlich auch die Bekämpfung abweichenden Verhaltens ein, die in den Dystopien stärker als in den Utopien eine zentrale Rolle spielt. So findet sich in allen dystopischen Romanen ein beinahe perfektes System der Überwachung und Bestrafung durch staatliche Sanktionen, die häufig auch mit direkten „Eingriffen in die Psyche und Physis zu Herstellung eines absoluten Gehorsams“[40] einhergeht.

4. Gegenwelten

Wie bereits bei der Klärung des Begriffs Dystopie – in Abgrenzung zum Begriff der Anti-Utopie – deutlich wurde, wenden sich dystopische Werke nicht grundsätzlich gegen die Möglichkeiten utopischen Denkens, sondern haben selbst utopischen Charakter, insofern sie der von ihnen kritisierten dystopischen Welt ihrerseits eine positiv konnotierte ‚Gegenwelt‘ gegenüberstellen. Im Folgenden soll nach einem kurzen Forschungsüberblick der Begriff der Gegenwelt erläutert und das dialektische Verhältnis von dystopischer Welt und utopischer Gegenwelt gezeigt werden.

4.1. Forschungsüberblick

In der Forschung ist die Bedeutung von Gegenwelten in Dystopien immer wieder betont, wenn auch recht unterschiedlich bewertet worden. Auf die Dialektik von Dystopie und ‚Gegen‘-Utopie[41] macht besonders Hans Ulrich Seeber aufmerksam:

Was die Anti-Utopie[42] zurückweist, sind somit konkrete historische Varianten utopischen Denkens, nicht die Utopie schlechthin. Eine „Anti-Utopie“ setzt eine „Utopie“ voraus und impliziert dialektisch eine andere.[43]

In der Beurteilung dieser Gegenwelten bleibt Seeber jedoch ambivalent. Einerseits stellt er fest, dass das Utopische in den Dystopien „eine schon ins bloß Literarische abgedrängte Variante“[44] sei, die nur einen matten Kontrast zu der vorherrschenden dystopischen Welt biete. Zudem blieben die Gegenwelten ohne gesellschaftliche Bedeutsamkeit:

Sie versuchen zwar positive Werte zu veranschaulichen, aber die erdrückende Dominanz der negativen utopischen Gesellschaft entzieht ihnen den gesellschaftlichen Entfaltungsraum. Was übrig bleibt, sind Bradburys Shakespeare zitierende Akademiker im Grünen. Der pastorale Traum taugt nur noch als literarischer Kontrast, nach dessen gesellschaftstheoretischer Relevanz zu fragen nicht mehr sinnvoll ist.[45]

Andererseits sieht Seeber gerade im Fehlen eines in sich stimmigen Systems das Positive der Gegenwelten: „Während die Sozialutopien in den Schatten des Totalitarismusverdachts gerieten, bewahrten die poetischen Symbole der Idylle ihre utopische Leuchtkraft.“[46]

Ähnlich wie Seeber konstatiert auch Hartmut Weber in den Gegenwelten einen Mangel an gesellschaftlicher Relevanz und bemerkt, dass außerhalb der „Betonung der Rechte des Individuums“[47] im dystopischen Roman keine Entwürfe alternativer Gemeinwesen zu finden seien: „Als positive Alternative zu der dargestellten gesellschaftlichen Ordnung wird im Grund ‚Nicht-Gesellschaftlichkeit‘ gefordert.“[48]

Richard Saage verwendet zwar den Begriff der Gegenwelten[49], schreibt ihnen aber nur indirekt utopisches Potenzial zu:

Allerdings haben die „schwarzen“ Utopien zwar die Richtung gewiesen, in der der Nullpunkt des utopischen Denkens überwunden werden kann. Doch sie selbst artikulierten das Positive nur indirekt; die Radikalität ihrer Kritik erlaubte es nicht, der Alternative zum Schrecken in affirmativen Bildern sinnlichen Ausdruck zu verschaffen.[50]

[...]


[1] Oscar Wilde: The Soul of Man under Socialism. In: The First Collected Edition of the works of Oscar Wilde 1908-1922, hg. v. Robert Ross, Band 6. London 1969, S. 271-335, hier S. 299.

[2] Martin d’Idler: Die Modernisierung der Utopie. Vom Wandel des Neuen Menschen in der politischen Utopie der Neuzeit. Berlin 2007, S. 16. Wie d’Idlers Verweis auf die Definitionsversuche der Bielefelder Forschungsgruppe Utopie Anfang der 80er Jahre andeutet, scheint die Debatte in den letzten Jahren zumindest im deutschsprachigen Raum auch kaum geführt worden zu sein.

[3] Roland Innerhofer: Art. ‚Utopie‘. In: Metzler Lexikon Literatur, hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff. Stuttgart 2007, S. 795f.

[4] Vgl. Richard Saage: Vermessungen des Nirgendwo. Begriffe, Wirkungsgeschichte und Lernprozesse der neuzeitlichen Utopien. Darmstadt 1995, S. 2-5. Vgl. auch d’Idler, S. 17.

[5] Vgl. Saage: Vermessungen des Nirgendwo, S. 7.

[6] Vgl. Hans-Edwin Friedrich: Art. ‚Utopie‘. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, hg. v. Jan-Dirk Müller. Bd. III: P-Z. Berlin/New York 2003, S. 739-743.

[7] Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt 1991, S. 2f.

[8] Ebd., S. 3.

[9] Ebd., S. 4.

[10] Hans Ulrich Seeber: Zur Geschichte des Utopiebegriffs. In: Literarische Utopien von Morus bis zur Gegenwart, hg. v. Klaus L. Berghahn und Hans Ulrich Seeber. 2. Auflage, Königstein/Taunus 1986, S. 7-23, hier S. 17.

[11] Jan Robert Bloch: Utopie: Ortsbestimmungen im Nirgendwo. Begriff und Funktion von Gesellschaftsentwürfen. Opladen 1997, S. 24.

[12] Vgl. d’ Idler, S. 19.

[13] Saage: Politische Utopien, S. 264-269.

[14] Chad Walsh: From utopia to nightmare. Newport 1977, S. 26.

[15] Birgit Affeldt-Schmidt: Fortschrittsutopien. Vom Wandel der utopischen Literatur im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1991, S. 35.

[16] Für einen Überblick siehe Stephan Meyer: Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Frankfurt am Main u.a. 2001, S. 18-32.

[17] Vgl. Meyer, S. 26.

[18] Ebd., S. 32.

[19] Vgl. Saage: Politische Utopien, S. 1.

[20] Vgl. Meyer, S. 33.

[21] Vgl. Hans Ulrich Seeber: Zum Begriff der „Gegenutopie“. In: Literarische Utopien von Morus bis zur Gegenwart, hg. v. Klaus L. Berghahn und Hans Ulrich Seeber. 2. Auflage, Königstein/Taunus 1986, S. 163-171, hier S. 165.

[22] Vgl. ebd., S. 169.

[23] Meyer, S. 33.

[24] Vgl. ebd., S. 33.

[25] Vgl. Meyer, S. 39.

[26] Vgl. ebd., S. 33.

[27] Ebd., S. 39.

[28] Ebd., S. 39f.

[29] Ebd., S. 40.

[30] Vgl. Meyer, S. 40.

[31] Ebd., S. 35.

[32] Vgl. ebd., S. 40.

[33] Vgl. ebd., S. 41.

[34] Ebd., S. 42.

[35] Zur Bedeutung und Funktion des Außenseiters vgl. Hartmut Weber: Die Außenseiter im anti-utopischen Roman. Frankfurt am Main 1979.

[36] Vgl. Meyer, S. 42.

[37] Vgl. ebd., S. 35.

[38] Meyer, S. 49.

[39] Ebd., S. 57. In der Utopietradition findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Regierungsformen, die hier nicht differenziert betrachtet werden kann. Für einen Überblick über die utopische Staatsordnung siehe Meyer, S. 56-74.

[40] Vgl. ebd., S. 36.

[41] Der Begriff darf nicht mit dem der ‚Gegenutopie‘ verwechselt werden, den Seeber synonym mit dem Begriff der Anti-Utopie verwendet.

[42] Was Seeber mit Anti-Utopie bezeichnet, ist synonym mit dem Begriff Dystopie zu verstehen. Aufgrund der häufigen Verwendung des Begriffs Anti-Utopie in der Forschung kann die vorgenommene begrifflich scharfe Abgrenzung leider nicht immer durchgehalten werden.

[43] Seeber: Gegenutopie, S. 165.

[44] Ebd., S. 165.

[45] Ebd., S. 167.

[46] Ebd., S. 167.

[47] Weber: Außenseiter, S. 188.

[48] Ebd., S. 188.

[49] Vgl. Richard Saage: Die konstruktive Kraft des Nullpunkts. Samjatins „Wir“ und die Zukunft der politischen Utopie. In: Utopie Kreativ 64 (1996), S. 13-23, hier S. 14.

[50] Ebd., S. 22.

Details

Seiten
53
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640398362
ISBN (Buch)
9783640398201
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133275
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Utopie Dystopie Anti-Utopie negative Utopie literarische Dystopie Wir Jewgenij Samjatin Zamjatin Fahrenheit 451 Ray Bradbury Bradbury Globalia Jean-Christophe Rufin Rufin Gegenwelt Gegenutopie dystopischer Roman

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Titel: Utopia in Dystopia? - Untersuchungen zum utopischen Potenzial von Gegenwelten im dystopischen Roman