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Die politikwissenschaftliche und politikdidaktische Bedeutung der Beschäftigung mit Politikerbiographien und den Biographien von „Namenlosen“

Examensarbeit 2008 112 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Zielstellung der Arbeit
1.1 Erhobene Daten/ Erhebungsmethoden
1.1.1 Experteninterview
1.1.2 (Auto)biographisch-narratives Interview
1.2 Verwendete Literatur

2 Die Biographie als wissenschaftliches Konzept
2.1 Lebenslauf, Memoire, Autobiographie und Biographie – Definitionen und notwendige Abgrenzungen
2.1.1 Memoiren, Autobiographie und Biographie als Textsorten
2.1.2 Die Biographie als soziologisches Konzept
2.2 Zur Bedeutung der Biographie in der deutschen Politikwissen- schaft
2.2.1 Die Person als Politiker – politische Führung und politischer Stil
2.2.2 Gründe für die Vernachlässigung/ Vermeidung der Bio- graphie innerhalb der deutschen Politikwissenschaft – Drei Thesen
2.3 Die Biographie in der deutschen Geschichtswissenschaft
2.3.1 Die historisch-politische Biographie „großer Persönlich- keiten“ als konstitutiver Bestandteil der Historiographie
2.3.2 Oral History und die Biographien von „Namenlosen“

3 Die politikdidaktische Bedeutung der Beschäftigung mit Politiker-biographien und den Biographien von „Namenlosen“ oder: Zur Be-gründung des biographisch-personenbezogenen Ansatzes in der politischen Bildung
3.1 Das Verhältnis zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik
3.2 Das Ziel der politischen Bildung
3.3 Demokratisch-politisches Bewusstsein
3.4 Politische Sozio- und Deutungskultur sowie politisches Ordnungs- und Deutungswissen
3.5 Demokratisch-politische Identität
3.6 Zur politikdidaktischen Begründung des biographisch-personenbezogenen Ansatzes
3.6.1 Exemplarität
3.6.2 Kategoriale Bildung
3.6.3 Alltagsweltbezug
3.6.4 Betroffenheit und Bedeutsamkeit
3.6.5 Zukunftsbedeutung/ -orientierung und Handlungsorientierung I
3.6.6 Chancen für die Ausbildung eines demokratisch-politischen Bewusstseins/ einer demokratisch-politischen Identität
3.6.7 Methodische Implikaturen – Handlungsorientierung II
3.6.7.1 Textanalyse
3.6.7.2 Entdeckendes/ Forschendes Lernen
3.7 Grenzen und mögliche Probleme bei der Beschäftigung mit Biographien im Rahmen politischer Bildung

4 Politikdidaktische Autobiographie- und Biographieforschung
4.1 Beispiel 1: Perspektive einer Herrschaftsunterworfenen – (Kurz-)Biographie von Angelika Fischer
4.2 Beispiel 2: Perspektive einer Entscheidungsträgerin – (Kurz-)Biographie von Tina Müller

5 Fazit

6 Literaturangabe

Anhang

„Die Branche der Biographik erfreut sich einer Dauerblüte.‘Man könnte meinen‘, kommentierte Ulrich Raulff vor einigen Jahren,‘es gäbe keine andere Textart mehr, keine Geschichte und keine Philosophie. ‘Biography‘ ist zur tragenden Säule des Buchmarkts geworden; sie unterwandert und resümiert das Beste, was die Sachbücher zu bieten haben. Es ist, als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus.‘“[1]

1 Einleitung und Zielstellung der Arbeit

Nicht nur die jährlich stattfindenden Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt, sondern auch die Spalten der Feuilletons namhafter Tageszeitungen sowie die Bei-träge der Kultursendungen in Rundfunk und Fernsehen belegen auf eine eindrucks-volle Art und Weise, dass das oben stehende Eingangszitat nach wie vor nichts in der Tragweite seines Gültigkeitsanspruches eingebüßt hat. Es kann und müsste sogar noch um die Begriffe „Memoiren“ und „Autobiographien“ erweitert werden.

Wie sich dieser „literarische Kannibalismus“ (RAULFF) allerdings erklären lässt, darüber können und sollen – zumindest in dieser Arbeit – keine validen Aus-sagen getroffen werden. Wissensdurst oder reiner Voyeurismus seitens der Rezipienten, ökonomische Interessen seitens der Autoren von Biographien oder vielleicht der Glaube von Autobiographieproduzenten, der Nachwelt unbedingt etwas vom eigenen Leben hinterlassen zu müssen, selbst dann, wenn sie nicht das „Lebens-alter erreicht [haben], das eine bedeutsame Retrospektive rechtfertigen würde“ (LAMNEK 42005: 680) – ich begäbe mich unweigerlich in das seichte Fahrwasser der Spekulation, wollte ich diese Fragen hier zugunsten der einen oder der anderen Möglichkeit beantworten wollen. Fest steht allerdings, dass einerseits das „bio-graphische Verlangen“ (BARTHES, zit. in: GALLUS 2005: 40) stetig wächst, anderer-seits und möglicherweise damit verbunden ein inflationärer Gebrauch des Begriffes „Biographie“ zu verzeichnen ist. So werden neuerdings selbst prähistorische Fossilien „mit einer ‚Kurzbiographie‘“ (BREHM 2008: 51) bedacht.

Zunächst nur zu vermuten bleibt auch, dass sich dieses schier grenzenlose Verlangen v.a. auf den alltagsweltlichen Bereich erstreckt, zumal viele der er-scheinenden Biographien eher journalistisch-publizistischer denn wissenschaftlicher Provenienz sind. Gleichwohl heißt dies nicht, dass deshalb die Biographie der akademischen Welt unbekannt ist. Allen voran ist sie der Literaturwissenschaft ein wohl vertrautes Sujet. Aber auch in der Geschichtswissenschaft, der Volkskunde, der Kulturanthropologie, der Kulturgeschichte, der Pädagogik, der Psychologie und nicht zuletzt in der Soziologie hat sie einen mehr oder weniger hohen Stellenwert. Für alle diese Wissenschaftsbereiche gilt zudem, dass dort nicht nur die Biographien „großer Persönlichkeiten“ relevant sind, sondern dass – spätestens mit der Etablierung der soziologischen Biographieforschung und der Oral History – auch und z.T. sogar aus-schließlich die Biographien von s.g. „Namenlosen“[2] wichtige Gegenstände der Forschung darstellen.

Im Kontext dieser einleitenden Bemerkungen findet sich auch der Titel der hier vorliegenden Arbeit wieder, der aber einer weiteren Konkretisierung bedarf. Die von mir intendierte Lesart enthält nämlich sowohl eine These als auch eine Frage. Die These, deren Beleg im Zentrum meiner Ausführungen stehen soll und auf die sich die gesamte Arbeit hin ausrichtet, lautet: Die Beschäftigung mit Politikerbio-graphien und den Biographien von „Namenlosen“ kann einen entscheidenden Beitrag zum Leitziel der politischen Bildung – „der aktiven Wahrnehmung der Bürgerrolle“ (DEICHMANN 2004a: 22) – leisten. Oder anders formuliert: Es gibt eine (bisher weit-gehend übersehene) politikdidaktische Bedeutung der Beschäftigung mit Politiker-biographien und den Biographien von „Namenlosen“. Um den Beweis dazu zu führen, ist es zunächst einmal Voraussetzung, sich über unterschiedliche (bei Weitem aber nicht alle) Definitionen des Begriffes „Biographie“ zu verständigen (Kap. 2.1). Weil eine politikdidaktische Beweisführung jedoch nicht ohne politikwissenschaft-liche Aspekte vollzogen werden kann, muss selbstverständlich eruiert werden (Frage), welche Bedeutung der Beschäftigung mit Politikerbiographien und den Biographien von „Namenlosen“ innerhalb der deutschen Politikwissenschaft, als der unmittelbarsten Bezugswissenschaft der Politikdidaktik, beigemessen wird (Kap. 2.2). – Man könnte ja meinen, Politikwissenschaftler hätten ein besonders großes Interesse an (Politiker-)Biographien. Denn immerhin ständen durch die Verbindung von Person und Politik zwei Gegenstände im Fokus des Interesses, von denen wenigstens der zweite der exklusive der eigenen Wissenschaft ist, der sich noch dazu durch den ersten eventuell besser analysieren und beschreiben ließe. – Bereits an dieser Stelle kann allerdings vorweggenommen werden, dass Biographien in der deutschen Politikwissenschaft über eine nur marginale Stellung nicht hinauskommen, was es erforderlich macht, nach den Gründen für diese Tatsache zu suchen (Kap. 2.2.2). Da die politikwissenschaftliche Literatur folglich nur bedingt dazu geeignet ist, meine These theoretisch umfassend untermauern zu können, wird sich auch in der Geschichtswissenschaft, als einer der unmittelbaren Nachbar- bzw. Bezugs-disziplinen der Politikwissenschaft und -didaktik, umzusehen sein (Kap. 2.3).

Im dritten Teil der Arbeit (Kap. 3) erfolgen vor dem Hintergrund der bis dahin getroffenen Aussagen die (theoretische) Beweisführung zur Konsolidierung meiner These und damit die politikdidaktische Begründung des biographisch-personen-bezogenen Ansatzes.[3] Auch hierfür sind einige Vorbemerkungen unerläss-lich. So muss das Verhältnis von Fachwissenschaft und Fachdidaktik (Kap. 3.1) ebenso geklärt werden wie das der politischen Bildung zugrunde liegende Ziel (Kap. 3.2). Gerade letzteres Teilkapitel erfordert weiterhin Ausführungen zum demo-kratisch-politischen Bewusstsein (Kap. 3.3), zum politischen Ordnungs- und Deutungswissen (Kap. 3.4) sowie zur politischen Identität (Kap. 3.5). Nur auf diesem Wege kann die Bedeutung der Beschäftigung mit Biographien aus politikdidaktischer Sicht wirklich hinreichend aufgezeigt und damit der biographisch-personenbezogene Ansatz umfassend legitimiert werden (Kap. 3.6). Weil sich dieser aber freilich nicht als Patentrezept für alle Probleme der politischen Bildung verstehen lässt, werden auch seine Grenzen und die mit ihm möglicherweise verbundenen Probleme dis-kutiert (Kap. 3.7).

Implizit schwingt in Kapitel 3 bereits mit, welche (neuen) Anforderungen sich durch die Begründung dieses Ansatzes für die Politikdidaktik ergeben könnten. Eben jene Anforderungen werden in Kapitel 4 expliziert. Außerdem wird an zwei Beispielen (Kap. 4.1; Kap. 4.2) genauer zu verdeutlichen versucht, wie ein Teil-bereich des daraus entstehenden (neuen) Arbeitsfeldes der Politikdidaktik aussehen könnte, welche Arbeitsschritte es verlangt und welche Ergebnisse es erzielen könnte.

Im letzten Kapitel (Kap. 5) erfolgt eine resümierende Schlussbetrachtung.

Schließlich finden sich im Anhang alle Abbildungen, die im reinen Fließtext nicht berücksichtigt werden konnten, die für den Nachvollzug aber dennoch bedeut-sam sind.

Danken möchte ich an dieser Stelle Herrn PD Dr. TORSTEN OPPELLAND für die Bereitschaft zur Durchführung eines Experteninterviews. Nicht nur, dass er dafür kostbare Zeit opferte, das Interview half mir wiederum entscheidend dabei, meine eigene Zeit noch gezielter einsetzen zu können. Dank gilt weiterhin auch meinen beiden Interviewpartnerinnen, die sich spontan zu einem autobiographisch-narrativen Interview bereit erklärten, was bei dem z.T. tief in die Privatsphäre eindringenden Charakter dieser Interviews nicht zwingend selbstverständlich ist.

1.1 Erhobene Daten/ Erhebungsmethoden

1.1.1 Experteninterview

War es in Bezug auf die Frage nach der politikwissenschaftlichen Bedeutung der Beschäftigung mit Politikerbiographien und den Biographien von „Namenlosen“ schon einigermaßen schwierig, aus der einschlägigen Literatur mögliche Antworten herauszufiltern, so wäre es hinsichtlich der Gründe, die für die Vernachlässigung bzw. Vermeidung dieser Textsorte innerhalb der deutschen Politikwissenschaft ver-antwortlich sind, eigentlich unumgänglich gewesen, eine Befragung einer repräsentativen Anzahl deutscher Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissen-schaftler durchzuführen. Das konnte jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Daher habe ich mich dazu entschlossen, ein Experteninterview[4] mit Herrn PD Dr. TORSTEN OPPELLAND zu führen. OPPELLAND ist Politikwissenschaftler am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena und hat sich mit einer politischen Biographie über Gerhard Schröder (CDU) habilitiert (OPPELLAND 2002). Darüber hinaus legte er bereits drei Jahre zuvor eine andere Publikation vor, die ihn als einen Experten auf dem Gebiet der Biographik ausweist (OPPELLAND 1999), denn er verfügt über ein umfassendes Sonderwissen zur Thematik und besitzt qua Position eine „institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit“ (HITZLER u.a. zit. in: MEUSER/ NAGEL 2003: 57).

Anders als es bspw. MICHAEL MEUSER und ULRIKE NAGEL (2003: 57f.) fordern, habe ich im Rahmen dieser Arbeit aber nur ein solches Experteninterview geführt. Das war zu verantworten, da ich weder auf der Suche nach der „fundierende[n] Logik des Entscheidens und der Routinen des Expertenhandelns“ (ebd.: 58) gewesen bin, noch die Erarbeitung „überindividuell-gemeinsamer Wissensbestände“ beabsichtigt habe. Vielmehr sollte das Interview v.a. dazu dienen, vorläufige Thesen zu evaluieren und meine Suche nach den o.g. Gründen kanalisieren zu können. Insofern ist es bei meinen eigenen Ausführungen auch nie – wie z.B. nach alter scholastischer Manier – das einzige Referenzobjekt, auf das ich mich beziehen werde.[5]

1.1.2 (Auto-)Biographisch-narratives Interview

Um einen Teil der anstehenden Arbeit des durch den biographisch-personen- bezogenen Ansatz zu begründenden Teilgebietes der Politikdidaktik – der politik- didaktischen (Auto-)Biographieforschung – beispielhaft verdeutlichen zu können, habe ich weiterhin zwei (auto-)biographisch-narrative Interviews[6] geführt. Eines mit einer „namenlosen“ Frau aus Leipzig (Perspektive einer Herrschaftsunterworfenen), das andere mit einer Landespolitikerin in gehobener Position (Perspektive einer Ent-scheidungsträgerin). Die Wahl der Interviewpartnerinnen orientierte sich dabei nicht an strengen Auswahlkriterien wie z.B. dem theoretischen Sampling.[7] Lediglich zwei Kriterien können als Vorabbegrenzung gelten: weiblich und aufgewachsen in der ehemaligen DDR. Dieses Vorgehen erschien mir aus zwei Gründen legitim: Zum einen weil weder der Zeitrahmen noch die bei aller Ausführlichkeit gebotene Kürze die dann erhobene Datenfülle erlaubt und gerechtfertigt hätten. Zum anderen versteht sich diese Arbeit in erster Linie als theoretische Grundlegung – Typenbildung, bei der die o.g. Kriterien freilich hätten erfüllt sein müssen, war also von vornherein nicht beabsichtigt.

Als Vater des autobiographisch-narrativen Interviews gilt FRITZ SCHÜTZE. Diese Interviewform stellt eine Weiterentwicklung des vom selben Autor ent-wickelten narrativen Interviews[8] dar und zeichnet sich dadurch aus, dass SCHÜTZE „der erzähltheoretischen Fundierung seines Erhebungsverfahrens eine biographie-theoretische Methodologie beigefügt [hat]“ (NOHL 2006: 23). Als der Dreh- und Angelpunkt des Interviews kann die hinter ihm stehende und eigens dafür entworfene Erzähltheorie gelten.[9] Durch die Aufforderung des Interviewers an den Interviewten, ihm seine persönliche Lebensgeschichte zu berichten („Stehgreiferzählung des selbsterfahrenen Lebenslaufs“ – SCHÜTZE 1984: 78; dort kursiv), kommt, so SCHÜTZE, der Befragte unweigerlich in die drei „Zugzwänge des Stehgreiferzählens“ (ebd.: 78).[10] Diese Zugzwänge sollen dazu führen, „daß zwischen der Darstellung in der Erzählung und dem erzählten Erleben eine enge Homologie besteht“, womit „die Validität der erhobenen Daten begründet [wird]“ (FLICK 1996: 138).[11] Dass diese Prämissen in der Folgezeit einer z.T. sehr harschen Kritik ausgesetzt waren, ist freilich nicht besonders verwunderlich.[12] Trotzdem habe ich mich entschlossen, die Daten auf diese Art und Weise zu erheben. Nicht zuletzt zahlreiche Publikationen der Oral History, die ebenfalls mit dieser Methode arbeitet[13] – auch solche neueren Datums[14] –, haben mich darin bestätigt.

In beiden Interviews folgt „auf die autobiographisch orientierte Erzählauf-forderung“ (SCHÜTZE 1983: 285), die allerdings aus Zeit- und Platzgründen nur eine bestimmte Phase im Leben der Befragten betraf und die unter der Perspektive Be-deutung der Politik für das persönliche Leben stand, „als erster Hauptteil die auto-bio-graphische Anfangserzählung“ (ebd.: 285). Zumindest für das erste Interview gilt ohne Einschränkung, dass erst „nachdem eine Erzählkoda (...) erfolgt ist“ (ebd.: 285), die Nachfragephase eingesetzt hat, mit der das „tangentielle Erzählpotential“ (ebd.: 285) der Anfangserzählung ausgeschöpft werden sollte.[15] Ebenfalls aus Zeit-gründen musste auch die explizite Bilanzierungsphase, in der die Interviewten unter einen gewissen „Argumentationsdruck“ (NOHL 2006: 25) gestellt werden sollen, ausgelassen werden. Das konnte jedoch verantwortet werden, weil „argumentative Nachfragen“ bereits „in den ersten beiden Interviewteilen (...) immanent sein [können]“ (ebd.: 26). Diese Möglichkeit wurde zu realisieren versucht.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen konnten die Transkripte der Interviews nicht in die hier vorliegenden Arbeit aufgenommen werden, sodass „nur“ die Ergeb-nisse präsentiert werden.

1.2 Verwendete Literatur

Der Zielstellung der Arbeit und der damit verbundenen Vielschichtigkeit des Themas ist es geschuldet, dass das Literaturverzeichnis einen recht großen Umfang aufweist. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass überwiegend auf Aufsätze zurückgegriffen werden musste, da umfassende Gesamtdarstellungen kaum verfüg-bar waren. Zur besseren Orientierung seien daher die wichtigsten Autoren an dieser Stelle genannt: Die für Kapitel 1 und teilweise auch für Kapitel 4 signifikanten Autoren stehen bereits weiter oben im Fließtext. Für Kapitel 2 waren insbesondere NEUMANN, LEJEUNE, SCHIMANK (Kap. 2.1.1); FUCHS-HEINRITZ (Kap. 2.1.2); EDINGER, WEINACHT (Kap. 2.2); KORTE/ FRÖHLICH, KORTE, HELMS (Kap. 2.2.1); BLEEK (Kap. 2.2.2); HÄHNER (Kap. 2.3.1) sowie NIETHAMMER und VON PLATO (beide Kap. 2.3.2) von zentraler Bedeutung. In Bezug auf Kapitel 3 gilt dies für GAGEL (Kap. 3.1); DEICHMANN (Kap. 3 insgesamt); LANGE (Kap. 3.3); KLAFKI (Kap. 3.6) sowie für HOPPE und BERGMANN (Kap. 3.7). Wo möglich, habe ich versucht, die jeweils aktuellsten Auflagen zu verwenden. Gerade im historischen Teil der Arbeit war es mir aber wichtig, die Originaltexte zu konsultieren, was die älteren Jahresan-gaben erklärt. Sehr ergiebig war auch die Lektüre der Aufsätze des Periodikums BIOS, das durch seinen interdisziplinären Charakter ein umfangreiches Reservoir an Beiträgen zum Thema bildete.

2 Die Biographie als wissenschaftliches Konzept

2.1 Lebenslauf, Memoire, Autobiographie und Biographie – Definitionen und notwendige Abgrenzungen

2.1.1 Memoire, Autobiographie und Biographie als Textsorten

Wie bereits in der Einleitung deutlich geworden ist, hat die Biographie als Textsorte/ Gattung[16] seit längerer Zeit eine ausgesprochene Konjunktur. Nicht nur deshalb, sondern auch, weil in einer wissenschaftlichen Arbeit bewährte Standards eingehalten werden müssen, steht zu Beginn der weiteren Ausführungen ein Definitionsversuch. Dazu wird die Biographie in einen größeren Gesamtrahmen ge-stellt und gegenüber der Memoire und der Autobiographie abgegrenzt – eine Unter-scheidung, die nicht immer gezogen wird, die m.E. gleichwohl dringend notwendig erscheint. Dabei erfolgen weitere Differenzierungsversuche (beispielsweise gegen-über dem biographischen Roman, dem Individual-, dem Bildungsroman, dem psychologischen Roman oder dem biographischen Essay) nicht, weil sich nicht in allzu spezifischen (v.a. literaturwissenschaftlichen) Definitionen verloren werden soll.

Grundlage aller drei Textsorten ist zunächst das Individuum, verstanden als eine Entität, die mit den Merkmalen konkret, real existent, lebend, menschlich sowie verfügt über ein (Selbst-)Bewusstsein von anderen Entitäten unterschieden wird. Auch wenn der genaue Zeitpunkt umstritten ist, ab wann bei einem Individuum von Leben gesprochen werden kann, so ist sinnfällig, dass ab diesem z.B. individuell, religiös oder gesetzlich festgelegten Moment der Lebenslauf eines Individuums beginnt. Allzu oft wird der Lebenslauf eines Individuums – auch in einigen wissen-schaftlichen Werken (HAHN 1988: 93; KLEIN 2002: 71) – mit seiner Biographie gleichgesetzt, weshalb es bereits an dieser Stelle einer eindeutigen Klärung bedarf: Der Lebenslauf eines Individuums „ist ein Insgesamt von Ereignissen, Erfahrungen, Empfindungen usw. mit unendlicher Zahl von Elementen. Er kann über dies (...) sozial institutionalisiert sein, z.B. indem Karrieremuster oder Positionssequenzen normiert werden (man muß erst Ehefrau sein, bevor man Mutter werden darf; erst Student der Medizin, dann Arzt; erst alt, dann Weiser usw.)“ (HAHN 1988: 93).[17] Neben die von HAHN postulierte soziale Institutionalisierung tritt aber noch eine zeit-liche Determinante, denn bereits in der Lauf-Metapher sind zumindest Anfang und Ende des Lebens genannt (FISCHER/ KOHLI 1987: 28). Und auch wenn es mehrere Ereignisse, Erfahrungen und Empfindungen gibt, die synchron verlaufen können, so ist dieses Insgesamt doch von einer gewissen Chronologie geprägt und determiniert. Bestritten werden soll aber nicht, dass die soziale Institutionalisierung von größerem Gewicht ist. U.a. MARTIN KOHLI hat sich hier sowohl historisch als auch theoretisch verdient gemacht.[18] Der Lebenslauf als solcher ist sogar so relevant, dass sich ein ganzer soziologischer Forschungszweig mit ihm beschäftigt und sich für die „ge-sellschaftliche Prägung von Lebensläufen, der Verteilung und Ungleichheit von Lebensläufen innerhalb einer Gesellschaft sowie deren Veränderungen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels“ (MEYER 1987: 54) interessiert.[19] Anders als in der soziologischen Biographieforschung, auf die weiter unten noch eingegangen wird, stehen bei der Erforschung des Lebenslaufes allerdings „objektive Daten“ im Vordergrund der Untersuchungen, also solche Informationen, die gegenüber den „biographischen Eigenperspektiven der untersuchten Menschen“ einen äußerlichen Charakter haben (FUCHS-HEINRITZ 1998: 7).[20]

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass Lebenslauf und Biographie (aber auch Memoire und Autobiographie) nicht dasselbe darstellen. Vielmehr machen Memoire, Autobiographie und Biographie den Lebenslauf eines Individuums zu ihrem Thema (HAHN 1988: 93) und das mit einer unterschiedlichen Zugriffsdirekt-heit/ Unmittelbarkeit und einem unterschiedlich hohen Grad an Komplexität bzw. einer unterschiedlichen Dauer der erzählten Zeit[21]. Richtig ist zunächst, dass die All-tagswelt, die für den Einzelnen eine „vortheoretisch gegebene, bereits geordnete und das heißt auch sich ihm entgegenstellende Wirklichkeit“ (FISCHER/ KOHLI 1987: 27) darstellt, „Präskripte biographischer [und autobiographischer; Anm. d. Verf.] Art“ (ebd.: 29) enthält. Jedoch kann nie das ganze Leben (in keiner der drei Textsorten) thematisiert werden, weil jede Thematisierung des Lebens bereits eine Selektion impliziert (ebd.: 29). Für alle drei Beschreibungen des Lebens gilt zudem, dass sie „operativ erzeugte Beobachtungen [sind], die in einer operativen Gegenwart ein Bild von einer Person in der Vergangenheit erzeugen“ (NASSEHI 1994: 53). Sie sind „Produkte von Beobachtungen, (...), mithin sind sie von dem, was tatsächlich ge-laufen ist, (...) vergleichsweise unabhängig, weil sie in der Kontingenz ihrer Möglichkeiten sowie in der selektiven Vergegenwärtigung von Vergangenem relativ frei sind. (...) Was sie in der Vergangenheit eines Lebenslaufs beobachten, sind keine Reproduktionen von Vergangenem, sondern stets Neuproduktionen einer operativen Gegenwart“ (ebd.: 53). Insofern stellt der in diesen Texten verbürgte Sinnzusammenhang eine eigenständige Realität dar, eine Realität sui generis.

Memoiren sind narrative Texte, wobei sowohl der Autor (A.) und der Erzähler (E.) als auch das Subjekt der Äußerung (S.Ä.) und das Subjekt der Aussage (S.A.) identisch sind. Sie zeichnen sich v.a. dadurch aus, dass sie auf die umfassende Wiedergabe innerer Vorgänge der beschriebenen Person verzichten und „vornehm-lich über (häufig historiographisch relevante) Erlebnisse in Beruf und Gesellschaft“ (LEHMANN 31997: 169) berichten. BERND NEUMANN (1970: 12f.), ein Literatur-wissenschaftler, der allerdings auch in der Soziologie rezipiert wurde,[22] nennt über-dies die folgenden markanten Merkmale für Memoiren:

- Vernachlässigung der Geschichte des Individuums zugunsten der Geschichte der Zeit des Individuums;
- Keine Darstellung des Werdens und Erlebens des Individuums;
- Darstellung des Individuums als Träger einer sozialen Rolle;
- Trennung von Öffentlichem und Privatem;
- Existenz des Subjektes der Memoiren nur solang, wie es als Träger der jeweils be-schriebenen Rolle integrierter Bestandteil der Gesellschaft ist.

Autobiographien sind demgegenüber Textsorten, von denen behauptet werden kann, dass sie da anfangen, wo die Memoiren aufhören, nämlich im privaten Bereich (ebd.: 13). Im Gegensatz zu den Memoiren „beschreibt die Autobiographie das Leben des noch nicht sozialisierten Menschen, die Geschichte seines Werdens und seiner Bildung, seines Hineinwachsens in die Gesellschaft. Memoiren setzen eigentlich erst mit dem Erreichen der Identität, mit der Übernahme der sozialen Rolle ein, die Autobiographie endet dort“ (ebd.: 25). Das gilt allerdings nur idealtypisch. NEUMANN tritt selbst ein Stück hinter seine Argumentation zurück, wenn er zugibt, dass dies kein allzu starkes Merkmal der Differenzierung ist. So führt er mehrere Beispiele an (ebd.: 32-38), bei denen die Lebensbeschreibung nicht mit dem Er-reichen der persönlichen Identität abbricht, sondern daran anschließend „über das weitere Ergehen des zum Rollenträger gewordenen Individuums Rechenschaft ab-legt“ (ebd.: 33). Auch die entgegengesetzte Form ist – allerdings in weit weniger Fällen – möglich, nämlich dann, wenn die eigene Lebensgeschichte nicht mit der Adoleszenz endet, „sondern ihren autobiographischen Charakter voll beibehält“ (ebd.: 39).[23] Insofern soll hier für die Autobiographie prototypisch angenommen werden, dass die inhaltliche Ausdifferenzierung komplexer bzw. die Dauer der erzählten Zeit länger ist als bei den Memoiren. Wie bei letzteren gilt aber auch für die Autobiographie, dass die beschriebene Person identisch mit dem Autor ist. Zudem ist auch das S.Ä. kongruent zum S.A. Differenzierter legt diese an-genommene Identität PHILIPPE LEJEUNE (1994) in seiner Monographie Der autobio-graphische Pakt dar. Ausgangspunkt dieses Paktes ist die Frage, was von der Echt-heit der autobiographischen Erzählung überzeugen kann, wenn alle Verfahren, derer sich die Autobiographie für dieses Unterfangen bedient, vom Roman imitiert werden können und sie es oft auch schon wurden (LEJEUNE 1994: 27). Gelöst wird dieses Problem durch den Rückgriff auf den Eigennamen als Teil der übergeordneten Namentheorie. Nur wenn man, so LEJEUNE, die Titelseite zum eigentlichen Text hinzuzähle, verfüge man über „ein allgemeines textuelles Kriterium, nämlich über die Namensidentität (Autor-Erzähler-Protagonist). Der autobiographische Pakt ist die Behauptung dieser Identität im Text, die letztlich auf den Namen des Autors auf dem

Umschlag verweist“ (ebd.: 27).[24] Dennoch kann auch LEJEUNE das Problem der Definition nicht gänzlich lösen. Zwar legt er eine eigene Begriffsbestimmung vor (ebd.: 14), die im Übrigen der von NEUMANN sehr nahe kommt, doch auch diese hat ihre „Haken“ (HOLDENRIED 2000: 19). Aufgrund der vorhandenen Gattungsaffini-täten der selbst hybriden Gattung Autobiographie, die insbesondere MICHAELA HOLDENRIED (2000) verdeutlicht, erscheint es am sinnvollsten, sich der Definition GEORG MISCHS anzuschließen, die „die offenste und zugleich brauchbarste Definition“ (ebd.: 21) darzustellen scheint. Dem Schwiegersohn WILHELM DILTHEYS zufolge „zeigt das autobiographische Schrifttum, als Ganzes betrachtet, einen protëischen Charakter. Diese Literaturgattung entzieht sich einer Definition noch hartnäckiger als die gebräuchlichsten Formen der Dichtung. Sie läßt sich daher kaum näher bestimmen als durch Erläuterung dessen, was der Ausdruck besagt: die Be-schreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto)“ (MISCH 31949: 7). HOLDENRIED (2000: 44) scheint sich, auch wenn sie selbst angibt, der Definition MISCHS zu folgen, damit nicht zufrieden geben zu können. So führt sie sogenannte „innovative Strukturmerkmale“ auf, die „als ein Gerüst einzelner frei miteinander kombinierbarer Elemente“ zu verstehen seien, die „in ihrer Gesamtheit nur auf eine idealtypische Form zutreffen würden.“[25] Da diese Arbeit keine literaturwissenschaftliche Abhandlung darstellt, werden die einzelnen Punkte hier nicht in extenso behandelt. Lediglich auf die Selbstreferentialität[26] wird – da sich hier eine gemeinsame Schnittmenge zur soziologischen Biographieforschung ergibt und dies auch für die weiteren Ausführungen von zentraler Bedeutung ist – näher ein-gegangen. Biographie als Autopoiesis – so lautet der Aufsatztitel UWE SCHIMANKS (1988), dessen LUHMANN‘sche Prägung sicher nur schwer geleugnet werden kann. SCHIMANK begreift die Autobiographie[27] einer Person als Autopoiesis, also als Teil derjenigen Systeme, „die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren“ (LUHMANN 1985: 403; dort kursiv). Eben diese Systemeigenschaft kann als der selbstreferenzielle Aspekt der Autopoiesis bezeichnet werden. Und auch wenn man die Autobiographie einer Person nicht gänzlich als autopoietisches System begreift und damit einem radikal konstruktivistischen Verständnis nicht das Wort redet,[28] so bleibt sie dennoch „das Produkt der Selbstreferentialität ihres Bewußtseins“ (SCHIMANK 1988: 59). Neben dieser Selbstreferentialität sind autopoietische Systeme aber zugleich auch immer transitorisch, unterliegen also einem permanenten Werden (ebd.: 60). „Personen als autopoietische Systeme zu betrachten, bedeutet somit auch, die Transitorität des je persönlichen Bewußtseins hervorzuheben“ (ebd.: 60), denn falls jeder Gedanke im Bewusstsein stehen bleiben würde, „wäre die Ordnungskapazität des Systems in Minutenschnelle überfordert“ (LUHMANN 1985: 404). Insofern kann zwischen einem Standby- und einem Online-Zustand des Bewusstseins unterschieden werden, den SCHIMANK (1988: 61) als „basales“ vs. „aktives reflexives Selbstbewußtsein“ be-zeichnet.[29] Dieses „reflexive Selbstbewusstsein“ sei eine Metaebene, die zwar steuere, wie und eventuell auch welche Lebenserfahrungen zukünftig gemacht werden würden. Bei konventionellen identitäts- und (auto-)biographie-theoretischen Konzepten greife dieses Verhältnis laut SCHIMANK (ebd.: 62) jedoch dahin gehend zu kurz, als die „vom reflexiven Selbstbewußtsein konstruierten Selbstbeschreibungen (...) immer nur vorläufige Näherungsformeln sein [können], die dem basalen Selbstbewußtsein letztlich hoffnungslos hinterherhinken.“ So seien sie nicht etwa einmal konstruiert und danach unabänderlich, denn dann, „wenn ich in bestimmten Hinsichten endlich weiß, wer ich bin, bin ich das häufig schon nicht mehr. Genaugenommen weiß ich die meiste Zeit nur, wer ich war “ (ebd.: 62).

Für die Biographie als Textsorte bedeutet das wiederum, dass sie eben nicht als ein solches autopoietisches System verstanden werden kann. Hier fehlt das Auto- des Kompositums und insofern greift auch nicht mehr der auto biographische Pakt LEJEUNES. Zwar kann der Autor auch der Erzähler sein, das Subjekt der Äußerung aber nie zugleich auch das der Aussage. Somit ist die zu Papier gebrachte Selbstreferentialität kategorisch ausgeschlossen. Jene „zu schriftstellerischem Aus-druck gebrachte Selbstbesinnung des Menschen über seinen Lebensverlauf“, die DILTHEY (81992: 200) als genuines Merkmal der Autobiographie formulierte, greift für die Biographie also gerade nicht. Eben das ist mit dem zweiten Unter-scheidungsmerkmal, der Zugriffsdirektheit/ Unmittelbarkeit, gemeint: Der Verfasser einer Biographie hat keinen direkten Zugriff auf das Bewusstsein des zu Be-schreibenden, „denn das hieße: sich in dessen bewußte Operationen bewußt ein-schalten zu können“ (LUHMANN 1985: 404), was nicht nur der autopoietischen An-nahme zuwiderläuft, sondern auch unter anderen Vorzeichen (von Hypnose einmal abgesehen) relativ unwahrscheinlich ist. Der Biograph muss mithin versuchen, über andere, mittelbare Wege Zugang zum zu beschreibenden Individuum zu finden, bei-spielsweise durch Archivarbeit, Gespräche mit Familienangehörigen, Freunden und Bekannten oder durch die Analyse von s.g. Ego-Dokumenten[30]. Für JAN ROMEIN (1948: 63) qualifiziert er sich daher v.a. durch seine „Unbefangenheit“, „sein psycho-logisches Einfühlungsvermögen“ und durch „die komplizierte Struktur des seelischen Bildes“, das in der Biographie gezeichnet wird. Insofern ist jede Bio-graphie hinsichtlich ihres Konstruktionscharakters auf einer höheren Ebene als die Memoire und die Autobiographie angesiedelt, weil der Biograph immer die Deutungshoheit über das zu beschreibende Leben einer Person beansprucht, welche ihrerseits wiederum selbst Deutungen ihrer Realität vornahm, für die sie die Hoheit beansprucht hat.[31] Was das zweite Merkmal, Grad der Komplexität/ Dauer der erzählten Zeit, betrifft, so kann prototypisch angenommen werden, dass es stärker als bei den Memoiren und Autobiographien ausgeprägt ist, denn in der Regel brechen die zuletzt Genannten immer offen ab und haben daher fragmentarischen Charakter. Biographien werden hier aber als Textsorten verstanden, die üblicherweise das ganze Leben einer Person zum Inhalt haben. Die folgende Abbildung soll die Differenzen zwischen den drei Textsorten noch einmal zusammenfassend veranschaulichen.

Abb. 1: Memoire, Autobiographie und Biographie als Textsorten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung. Anmerkungen: Grundlage ist das Individuum. Dieses hat einen Lebenslauf. Falls es nicht an Schizophrenie leidet, ist es in der Lage, mehrere Rollen (Rolle 1 – Rollen) wahrzunehmen (also Vater, Ehemann, Bruder, Onkel, Politiker usw. zu sein) und diese zu einer Identität zu integrieren (K RAPPMANN 7 1988: 132-198). Wird eine der Rollen, die nicht in den privaten Bereich fällt (also z.B. die des Politikers), selbstreflexiv rekonstruiert (Doppelpfeile = aktives, reflexives Selbst-bewusstsein) und niedergeschrieben, entstehen die Memoiren der Person, wobei der Autor (A.) gleich dem Erzähler (E.) und das Subjekt der Äußerung (S.Ä.) gleich dem Subjekt der Aussage (S.A.) ist. Dasselbe passiert auch bei der Autobiographie, wobei das Private hier nicht außen vor bleibt, sondern selbstreflexiv auf die gesamte Identität Bezug genommen wird. Das Maß an Zugriffsdirektheit/ die Unmittelbarkeit ist bei beiden Textsorten gleich, da die Person in beiden Fällen auf ihr eigenes Bewusstsein zugreift. Der Grad der Komplexität ist allerdings unterschiedlich hoch. In Bezug auf die Biographie gilt A. =/ # E., S.Ä. # S.A. Daher kann auch kein direkter Zugriff auf die zu beschreibende Person angenommen werden. Lediglich über andere Möglichkeiten (X) kann versucht werden, eine Biographie zu erstellen. Damit nimmt der Grad an Zugriffsdirektheit gegenüber den beiden anderen Textsorten also rapide ab, der Grad an Komplexität hingegen zu.

2.1.2 Die Biographie als soziologisches Konzept

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass auch die Soziologie über einen Forschungszweig verfügt, der sich der Biographie wissenschaftlich zuwendet: die s.g. Biographieforschung. Beschäftigt man sich intensiver mit ihr, kommt man nicht an WILLIAM I. THOMAS und FLORIAN ZNANIECKI vorbei, die mit The Polish Peasant in Europe and America den Grundstein für sie gelegt haben (biographische Methode) und die sich im Anschluss daran weniger kontinuierlich als vielmehr in eruptiven Schüben weiterentwickelte.[32] In dem Werk der beiden Autoren, das neben einer (wissenschafts-)theoretischen Begründung des Vorgehens eine Untersuchung der Geschichte der Sozialorganisation in Polen (insbesondere der bäuerlichen Gemein-schaft mit ihrer bestehenden Familienordnung und der Auflösung dieser Gemein-schaft in der Gegenwart) enthält, stellt neben Briefsammlungen, Leserbriefen und Presseartikeln v.a. die selbst geschriebene und sehr umfangreiche Lebensgeschichte von Wladek W. das zu analysierende Material dar (FUCHS-HEINRITZ 32005: 88f.). Ausgehend von der Prämisse, dass das Allgemeine im Besonderen sichtbar zu machen sei, sind sich die beiden Autoren darin einig, dass „persönliche Lebens-berichte – so vollständig wie möglich – den perfekten Typ von soziologischem Material darstellen“ (THOMAS/ ZNANIECKI zit. in: FUCHS-HEINRITZ 32005: 90). Es liegt nicht zuletzt in der Verantwortung jener Prämisse, welche Methoden heute in der Biographieforschung ihre Anwendung finden.[33] Offenkundig wird die Biographie hier aber (anders als in alltagsweltlichen Kontexten) „nicht als individuell-psychologische Kategorie, sondern als soziales Konstrukt verstanden, das Muster der individuellen Strukturierung und Verarbeitung von Erlebnissen in sozialen Kontexten hervorbringt, aber dabei immer auf gesellschaftliche Regeln, Diskurse und soziale Beziehungen verweist, die ihrerseits u.a. mit Hilfe biographischer Einzelfall-analysen strukturell beschrieben und rekonstruiert werden können“ (VÖLTER u.a. 2005: 7f.).[34] Die soziologische Biographieforschung stellt sich demnach dem An-spruch, die Aspekte von Erfahrung, Handlung und Struktur und deren Beziehungen zu- und untereinander aufzudecken.[35] Dabei spielen v.a. unterschiedliche Zeit-dimensionen eine Rolle. Vor dem Hintergrund eines f.ir das Individuum nur begrenzt zur Verf.igung stehenden Zeitkontingentes gestaltet und bewertet es seinen Lebens-lauf „entsprechend der abgelaufenen bzw. potentiell zur Verf.igung stehenden Lebenszeit. Das Korrelat dieser Zeitebene bildet die Biographie“ (VOGES 1987a: 128). Wie KOHLI (1988: 37) deutlich macht, bildeten sich im Zuge des historischen Prozesses der Institutionalisierung des Lebenslaufes eine Vielzahl von „spezifisch biographischen Alternativen“ heraus, zugleich aber entstand „ein Programm, das eine allgemeine Struktur der Lebenszeit [vorgab] und erwartbar macht[e] und damit die Grundlage für eine ,Allgemeinheitsindividualität‘ [wurde].“ Charakteristisch für diese auch als „Normalbiographie“ zu bezeichnende „Allgemeinheitsindividualität“ ist, dass sie „zwischen autonomer Lebensführung und heteronomer Standardisierung oszilliert“ (NASSEHI 1994: 47).

Methodisch geht die soziologische Biographieforschung v.a. mit dem Einsatz s.g. biographisch-narrativer Interviews[36] vor. Und spätestens jetzt erkennt man auch ihr terminologisches Problem: Der Begriff „Biographieforschung“ legt nämlich als solcher zunächst nahe, man würde Biographien (also geschriebene Texte, die das Leben Einzelner zum Inhalt haben, wobei S.Ä. ≠ S.A.) erforschen. Allerdings ist diese intuitive Lesart schlichtweg falsch, weshalb auch die gemeinsame Schnitt-menge zwischen Literaturwissenschaft und Soziologie eher im Bereich der Auto bio-graphie und eben nicht im Bereich der Biographie zu finden ist. „Um es zunächst vereinfachend zu sagen: Unter Biographie verstehen Soziologen nicht die künst-lerische oder wissenschaftliche Darstellung eines Lebens, sondern das Leben selbst “ (KLEIN 2002: 71; dort nicht kursiv).[37] Wie WERNER FUCHS-HEINRITZ (1998: 6) ver-deutlicht, ist die soziologische Bezeichnung deshalb so „irreführend“, weil ansonsten angeblich die Verwechselung mit der literaturwissenschaftlichen Gattung Autobio-graphie provoziert werden würde. Dass dieses Argument allerdings nicht über den Status des abstrusen hinauskommt, belegt allein schon die Tatsache, dass auch die Biographie eine Textsorte ist, die literaturwissenschaftlichen Interessen und Frage-stellungen ebenso unterworfen ist wie die Autobiographie.[38] Und im Übrigen sprach ja auch SCHÜTZE (1983: 285), der, wie gezeigt, der Begründer der o.g. Interviewform war, nicht vom „biographisch-“, sondern vom „autobiographisch-narrativen“ Inter­view (vgl. Kap. 1.2.2). Das s.g. biographisch-narrative Interview der soziologischen Biographieforschung fungiert demnach also gerade nicht als „Biographiegenerator“

(HAHN 1988: 93),[39] sondern vielmehr als Instrument zur Produktion einer Auto bio-graphie. Denn nachdem selbstreferenziell/ selbstthematisierend erzählt wurde, wie sich das eigene Leben vollzogen hat, wird in der Regel ein nicht interpoliertes Transkript des Interviews erstellt. Dadurch wird aber (bei möglichst wortgetreuer Übertragung) der Produzent des Transkriptes (in der Regel der Wissenschaftler selbst) nicht zum Autor einer Biographie,[40] sondern transformiert lediglich einen mündlichen in einen schriftlichen auto biographischen Text.[41] Das mag mancher sicher (unreflektiert und daher vorschnell) als semantische Spitzfindigkeit abquali-fizieren. Ich erachte eine solche Differenzierung aber für dringend notwendig, weil es meinem Eindruck nach innerhalb der soziologischen Biographieforschung eine nur ungenügende Reflexion hinsichtlich dieses Tatbestandes gibt. So scheint FUCHS-HEINRITZ (32005: 147; dort nicht kursiv) der einzige Soziologe zu sein, der konstatiert, dass das Resultat soziologischer Biographieforschung „nicht in der Präsentation eines wie immer bereinigten oder interpretierten biographischen Textes [besteht], sondern aus knapperen, interpretativ gewonnenen Aussagen über Lebens-geschichte bzw. über die in ihr auffindbaren Merkmale des Erzählers.“[42] Ob es der bloße Einbezug von Subjektivität und die „Konstruktion [wobei hier das S.A. nach wie vor das S.Ä. ist; Anm. d. Verf.] (oder Rekonstruktion [wobei hier nach FUCHS-HEINRITZ gar keine Biographie vorliegt; Anm. d. Verf.]) von Ereigniszusammen-hängen in einer (...) faßbaren (‚niedergelegten‘) Form“ (KRÖLL u.a. 1981: 15), also tatsächlich rechtfertigen, von „Biographie“ zu sprechen, wage ich hier ernsthaft zu bezweifeln.

Nachdem nun geklärt ist, wie die Textsorten Memoire, Autobiographie und Biographie, aber auch das soziologische Konzept der „Biographie“ definiert bzw. modelliert sind, kann der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung der Be-schäftigung mit Biographien in der deutschen Politikwissenschaft beigemessen wird.

2.2 Zur Bedeutung der Biographie in der deutschen Politikwissenschaft

1965 – also in der Zeit der Expansion der Politikwissenschaft in Deutsch-land[43] – prangerte LEWIS J. EDINGER (1965: 477) die Sozialwissenschaftler an, dass sie es entweder weitgehend vermieden oder versäumt hätten, „sich mit der (...) so wichtigen Frage eingehend zu beschäftigen, wieso gewisse Persönlichkeiten einen (...) bestimmten Einfluß auf die Politik ausübten, oder auch noch heute ausüben, und warum es wiederum anderen mit politischen Ambitionen nicht gelang, eine solche Schlüsselstellung zu erlangen.“ Er forderte daraufhin v.a. von Politikwissenschaft-lern, nicht den Journalisten und Historikern die Beantwortung dieser Frage zu über-lassen und jene im Anschluss daran ob ihrer mangelnden Wissenschaftlichkeit zu kritisieren. Vielmehr sei die Beschäftigung mit politischen Persönlichkeiten und damit eben auch die Produktion (und Rezeption) von deren Biographien hilfreich, um nicht nur verstehen zu können, was eine Person zu einer bestimmten Zeit getan hat, sondern auch warum sie es getan hat (ebd.: 485). Sozialwissenschaftlichen Charakter könne dies allemal haben, nämlich dann, wenn man darüber hinaus modellhaft versuche, „vergleichende Verallgemeinerungen über den Erfolg oder Mißerfolg sich ähnelnder Persönlichkeiten in verschiedenen Situationen und ver-schiedener Persönlichkeiten in ähnlichen Situationen anzustellen“ (ebd.: 485). Wenn PAUL-LUDWIG WEINACHT genau dreißig Jahre danach – also zu einer Zeit, in der die deutsche Politikwissenschaft als konsolidiert gelten darf[44] – dem „dominanten Typus des Sozialwissenschaftlers“ attestiert, er habe ein „Realitätsproblem“, weil ihn das „Persönliche an der Politik“ nicht interessiere (WEINACHT 1995: 56),[45] dann kann vermutet werden, dass sich das frühe Postulat EDINGERS hinsichtlich der politik-wissenschaftlichen Bedeutung der Beschäftigung mit Biographien (v.a. in Bezug auf die Produktion) nicht hat durchsetzen können. – Der Blick in den Online-Katalog der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena bestätigt diese Vermutung, wenn von den einhundertvier angegebenen Treffern, die unter dem Titelstichwort politische Biographie gefunden wurden, nur knapp über zwanzig Titel aufgeführt sind, die sich im Teilbereich Politikwissenschaft finden lassen und von denen zudem ein großer Teil nicht-wissenschaftlicher Provenienz ist.[46] Dieser freilich noch nicht allzu valide Befund wird erhärtet, wenn man die gängigen Wörterbücher[47] und Ein-führungswerke[48] der deutschen Politikwissenschaft nach einem solchen Eintrag durchforstet und findet letztlich seine Bestätigung durch die Aussagen von OPPELLAND und GALLUS (2005)[49]. Die Fragen, die es zu klären gilt, sind also: a) ob trotzdem und wenn ja, welche politikwissenschaftlichen Bereiche existieren, in denen die Biographie (oder zumindest die Person) im Fokus des Interesses liegt und b) warum die Biographie innerhalb der deutschen Politikwissenschaft ein solches Schattendasein führt. Hinsichtlich der ersten Frage gibt es laut OPPELLAND nur drei Bereiche, in denen die einzelne Person (und teilweise auch ihr Leben[50] ) eine hervor-gehobene Rolle spielt: die Ideengeschichte/ politische Theorie; bedingt die Inter-nationalen Beziehungen und besonders die Leadership-Forschung. Im Rahmen dieser Arbeit soll aus Platzgründen nur auf den letzten Bereich eingegangen werden.

2.2.1 Die Person als Politiker – politische Führung und politischer Stil

Nach KARL-RUDOLF KORTE und MANUEL FRÖHLICH (22006) sind politische Führung und politischer Stil Teile des s.g. „Politikmanagements“.[51] Folglich lassen sie sich im Verbund der „Steuerbarkeit des politischen Systems mit der Steuerungs-fähigkeit der wichtigen politischen Akteure“ (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 14) verorten, wobei „Sach- und Machtfragen stets miteinander verwoben [sind]“ (ebd.: 14). Darüber hinaus ist Führung als Teil des Regierens zu verstehen, was zunächst die Fragen aufwirft, was regieren ist, wer regiert und wer damit überhaupt einen be-stimmen Stil aufweisen kann.

Regieren kann zunächst als „die Herbeiführung und die Durchsetzung ge-sellschaftlich verbindlicher Entscheidungen“ (ebd.: 15) verstanden werden.[52] Es meint also in erster Linie Entscheiden und hängt insofern (mehr oder weniger stark) vom jeweils handelnden Akteur ab. Dabei wird das „Regierungshandeln als politisches Handeln (...) stets von einer Kombination von Entscheidungsstilen (...) und Steuerungsformen (...) bestimmt“ (ebd.: 23). Als mögliche Antworten auf die Grundsatzfrage, ob die Struktur das Handeln oder das Handeln die Struktur be-stimmt, haben sich bei dem angenommenen Dualismus zwischen diesen beiden Größen[53] (ebd.: 23) die folgenden Erklärungsansätze[54] herauskristallisiert:

1. Akteurszentrismus im Sinne HEINRICH VON TREITSCHKES (vgl. Kap. 2.3.1): Nach diesem Ansatz, der z.T. auf MAX WEBERS charismatischen Herrschaftstypus[55] zurückgeführt werden kann, machen Männer (und inzwischen auch Frauen[56] ) Geschichte. Damit nehmen sie ebenso die gestaltende Rolle in der Politik ein. Nach FRITZ W. SCHARPFS (2000) akteurszententriertem Institutionalismus haben allerdings nicht nur individuelle, sondern auch kollektive und korporatistische Akteure[57] Hand-lungsqualität und handeln „entsprechend ihrer unterschiedlichen Wertorientierungen, Ziele, Präferenzen und situationsspezifischen Möglichkeiten“ (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 24). Dass sie sich dabei allerdings stets in bereits vorgefundenen, ihnen ge-genübertretenden Rahmenbedingungen bewegen, übersieht dieser Ansatz, worin seine deutliche Schwäche liegt. „Der individuelle Anteil an der Politikgestaltung, die Handlungsautonomie der Akteure, wird ebenso überschätzt wie die generellen Möglichkeiten der planerischen politischen Gestaltung“ (ebd.: 24).

2. Struktur-/ Systemzentrismus: Wird beim ersten Ansatz die Rolle der Akteure notorisch überhöht, so kann dieser Erklärungsversuch als das exakte Pendant dazu gelten (HELMS 2000: 419). Nicht die Akteure stehen hier im Mittelpunkt, sondern die ihnen gegenübertretenden Verhältnisse und Strukturen. Die Akteure, ganz gleich welcher Couleur, besitzen also nur wenige Möglichkeiten zur Einfluss-nahme. Auch wenn dieser Ansatz eine Zeit lang, v.a. in der vergleichenden Politik-wissenschaft, einen großen Einfluss hatte, lässt sich konstatieren, dass er heute kaum noch ernsthaft mit einem deterministischen Anspruch vertreten wird. Inzwischen „teilt die strukturelle Richtung mit der primär auf den Einfluss personeller Faktoren orientierten Variante der leadership -Forschung [die Anerkennung von und prinzipielle Offenheit gegenüber anderen (potentiellen) Einflussfaktoren]“ (ebd.: 420).

3. Interaktionistische Ansätze: Eine synergetische Verbindung aus den ersten beiden Ansätzen versucht der dritte Ansatz, indem er den handelnden Akteur ins Zentrum stellt, ihn aber stets in Beziehung zum institutionellen Kontext setzt. Dahinter steht der Gedanke, dass „sowohl die Institutionenordnung auf den Akteur einwirkt als auch der Akteur sich aktiv der Routinen, Regeln und Geschäfts-ordnungen dieser Institutionen bedient bzw. diese erweitert, um so seine Hand-lungsmöglichkeiten auszuschöpfen“ (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 24). Diese Möglich-keiten der Gestaltung innerhalb institutionell festgelegter Grenzen nennen KORTE/ FRÖHLICH (ebd.: 232) „Handlungskorridore des Regierens“.[58] Hinzu kommen Hand-lungsoptionen, die aufgrund situativer Umstände entstehen, s.g. „ windows of opportunity “ (HELMS 2000: 421). Auf viele der handelnden Akteure, die den hand-lungsrestringierenden institutionellen Größen unterworfen sind, kommt man aber erst, wenn man nicht das abstrakte Modell des politischen Systems als Analyse-grundlage verwendet, sondern neben dem „Policy-Zyklus“ und den „Netzwerken“ auch mögliche „Veto-Spieler“ mit in die Analyse einbezieht.[59]

Es sollte nun deutlich geworden sein, welche Akteure überhaupt regieren bzw. führen können und welches spezifische Gewicht ihnen – je nach Ansatz – dabei im o.g. Dualismus zugeschrieben wird. Erst jetzt kann man die Fragen beantworten, welches Erkenntnisinteresse hinter der Beschäftigung mit politischer Führung und Politikstilen als politikwissenschaftlichen Problemen liegt und zu welchen Ergeb-nissen die Politikwissenschaft dabei kommt. – Auch wenn beide auf eine längere Tradition im Fach zurückblicken können (HELMS 2000), so muss konstatiert werden, dass sie erst im Zuge der immer größer werdenden Personalisierungstendenzen innerhalb der Politik ihre eigentliche Renaissance erlebt haben. Laut AXEL MURSWIECK (1991: 81) versucht die Leadership-Forschung „mit dem Problem um-zugehen, wie sich die Persönlichkeitsqualitäten eines Führers auf den politischen Gestaltungs- und Entscheidungsprozess auswirken.“ Oder in den Worten ARND MORKELS (1966: 121): „Wie jeder Mensch eine eigene Art hat, seinen Griffel zu führen, so kann jeder Politiker (jede Institution, jedes System) einen eigenen Stil entwickeln, der ihn auszeichnet und von anderen unterscheidet. Aufgabe der politischen Stilanalyse ist es, diesen Stil in seiner jeweiligen Eigenart sichtbar zu machen.“ Grundsätzlich kann man dabei zwischen zwei Richtungen der Analyse unterscheiden: den normativen und den empirisch-analytischen Ansätzen,[60] wobei immer drei Hauptvariablen eine Rolle spielen, die in Beziehung zueinander zu setzen sind: a) persönliche Faktoren, b) politisch-institutionelle Faktoren und c) zeitbedingt-strukturelle Umweltfaktoren (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 188; MURSWIECK 1991: 82). Opinio communis ist weiterhin, dass die Stilanalyse die folgenden Beiträge zur Kenntnis der politischen Wirklichkeit liefern kann:

- Sie veranschaulicht die politische Praxis;
- Sie macht die Wirklichkeit der Verfassungsordnung deutlich, beleuchtet also den Unter-schied zwischen de jure und de facto;
- Sie sagt etwas über die wirksamen Kräfte in der Politik aus;
- Sie legt einige der allgemeinen, politikprägenden Faktoren bloß;
- Sie eröffnet den Blick auf „die Bedingtheit der Politik durch den jeweils zugrunde liegenden Kulturstil“;
- Sie macht „die politischen Personen sichtbar, verrät etwas von ihrem Selbstverständnis, ihrer politischen Einstellung, ihrer Haltung gegenüber den Institutionen und gegenüber den Bürgern“ (vgl. insgesamt MORKEL 1966: 125).

Als ein Ergebnis der Analysen kann formuliert werden, dass der „Repräsentations-“, der „Verfahrens-“ und der „Verhaltensstil“ als mögliche Er-scheinungsformen des politischen Stils unterschieden werden können (MORKEL 1966: 122), wobei der erste auf die Darstellungspolitik und der zweite auf die Ent-scheidungspolitik bezogen ist. Mithin muss sich auch die Stilforschung auf diese beiden Ebenen der Politik einlassen, zumal den Medien inzwischen eine immense Bedeutung (z.B. in Wahlkämpfen) beigemessen wird. Das geht sogar soweit, dass die in ihnen bzw. durch sie übermittelten Führungsstile einzelner Politiker wahl-entscheidenden Charakter haben können (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 187). Nicht zu-letzt deshalb wird auch immer öfter von „Mediendemokratie“ (MASSING 22004a), bisweilen sogar von „Mediokratie“ (MEYER 2001) gesprochen. Festzuhalten ist weiterhin, dass „eine Führungsstilanalyse weder auf feste Großkategorien (...) noch auf nationale Politikstile (...) oder Typologien (wie patriarchalisch, populistisch etc.) zielt. Vielmehr verbindet die Führungsstilanalyse spezifische Verfahrens- und Repräsentationsmerkmale der Kanzlerschaften, die ein dauerhaftes Handlungsmuster abbilden“ (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 193). Dass dies auch nur so sein kann, wird sinnfällig, wenn man sich noch einmal in Erinnerung ruft, dass der Stil keine statische Größe ist, sondern von zahlreichen anderen Variablen abhängt. So kann nach KORTE (1998: 387) nur in der bereits weiter o.g. Trias von personalen, politisch-institutionellen und zeitbedingt-strukturellen Faktoren (und den sich damit verändernden Machtverhältnissen) „gewichtet werden, was system- und was personbedingt am Führungsstil der jeweiligen Kanzler ist“.[61] Je nach spezifischen Konstellationen, Mitteln bzw. Instrumenten sowie Interaktionsformen sind die folgenden Rollenprofile des Kanzlers denkbar, wobei die Auswahl aus den ver-schiedenen Rollenprofilen den eigentlichen politischen Führungstypus darstellt:

Abb. 2: Führungsstile individueller Akteure

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: KORTE / FRÖHLICH (2 2006:196).

Noch differenziertere Aussagen über den Stil (zum einen stil determinierende, zum anderen – v.a. in Abhängigkeit der Nutzung der Korridore – noch detailliertere stil anzeigende Aussagen) lassen sich treffen, wenn man darüber hinaus die „Hand-lungskorridore des Regierens“ mit in die Analyse einbezieht. Diese sind:

- Gespielte Kohärenz;
- Machtzentralisierung;
- Stilles Regieren;
- Netzwerkpflege;
- Chefsachenmythos;
- Telepolitik;
- Policy-Akzentuierung;
- Ideenmanagement (vgl. insgesamt KORTE/ FRÖHLICH 22006: 232-258; aber auch KORTE 2000; 2001a u. 2001b).

Was nun nicht nur bei den Rollenprofilen, sondern auch bei den Handlungs-korridoren in theoretischer Hinsicht auffällig und zudem bei einzelnen Beispielen (DEBUS 2007; FRÖHLICH 2001; KORTE 1998) evident ist, ist dass das Leben der jeweiligen politischen Führungspersönlichkeit als solches in Bezug auf ihren jeweiligen politischen Stil eine nur sehr marginale bis gar keine Rolle spielt.[62] Es kann mithin festgehalten werden, dass bei der Stilanalyse vordergründig das Wie entscheidend ist und das Warum zugunsten dieser Frage aufgegeben wurde. Das zeigt sich auch daran, dass m.W. die Prägefaktoren des politischen Stils, die MORKEL (1966: 124f.) noch recht ungeordnet aufgelistet hat, in keiner der neueren Publikation aufgeführt oder gar weiterentwickelt worden sind, gleichwohl es u.a. von MORKEL (aber auch implizit von EDINGER) gefordert wurde. Insofern ist es auch nicht ver-wunderlich, dass es der Politikstilforschung bislang nicht gelungen ist, eine grund-legende „Erweiterung des empirischen Erkenntnisstandes über die Bedingungen und Prägefaktoren politischer Führung in westlichen Ländern“ (HELMS 2000: 422) zu liefern.

[...]


[1] GALLUS (2005: 40; dort nicht kursiv. Darin z.T. zitiert ist RAULFF).

[2] Bei dieser Bezeichnung wurde sich an dem sehr frühen Aufsatz von WERNER (1895) orientiert.

[3] Bei dieser Bezeichnung wurde sich an DEICHMANN (2007a) orientiert. Der biographisch-personen- bezogene Ansatz versteht sich aber nicht nur als terminologische, sondern auch als konzeptuelle Weiterentwicklung des von ihm entwickelten personenbezogenen Ansatzes.

[4] Vgl. dazu umfassend BOGNER u.a. (22005), kompakter MEUSER/ NAGEL (2003: 57ff.).

[5] Wenn ich mich im Folgenden auf das geführte Interview beziehe, nenne ich nur den Namen ohne Jahres- oder Seitenangabe.

[6] Den Grund für die etwas verklausulierte Formulierung klärt Kap. 2.1.2.

[7] Zu den Auswahlstrategien vgl. FLICK (32005: 97-115).

[8] Vgl. dazu KÜSTERS (2006). Zu den Merkmalen dieser Interviews vgl. LAMNEK (2005: 330-346).

[9] Vgl. dazu KÜSTERS (2006: 24-29).

[10] Für diese Zugzwänge – dem Detaillierungszwang, dem Gestaltschließungszwang und dem Relevanzfestlegungs- bzw. Kondensierungszwang – vgl. NOHL (2006: 28f.).

[11] „Das autobiographische narrative Interview erzeugt Datentexte, welche die Ereignisverstrickung und die lebensgeschichtliche Erfahrungsaufschichtung des Biographieträgers so lückenlos re-produzieren, wie das im Rahmen systematischer sozialwissenschaftlicher Forschung überhaupt nur möglich ist“ (SCHÜTZE 1983: 285).

[12] Einen guten und kompakten Überblick gibt FLICK (1996: 139-146). Aktueller ist KÜSTERS (2006: 29-38). V.a. das damit in Verbindung stehende Problem des Wahrheitsgehaltes des berichteten Inhaltes löst RAHKONEN (1991) sehr gut, indem er diesen Erzählungen grundsätzlich den Charakter performativer Sprechakte im Sinne AUSTINS zuschreibt. Damit sind sie grundsätzlich wahr, berichten allerdings nicht, wie die Dinge tatsächlich waren, sondern dass die Menschen „sie so erfahren haben“ (ebd.: 245). Zu diesem Problem vgl. auch WIRTZ (1988). Hoch interessant sind auch die Ausführungen KÜSTERS (2006: 187-191) über die „Internationalität und Kulturabhängig-keit des Verfahrens“.

[13] Vgl. hierzu insbesondere die Beiträge NIETHAMMERS und VON PLATOS.

[14] So z.B. BAUER (2006).

[15] Aufgrund der mir zur Verfügung gestellten Zeit (45min.) war es bei dem zweiten Interview nicht möglich, auf Interventionen zu verzichten. Es wurde also nicht immer auf Erzählkoda gewartet. Streng genommen, hat das natürlich zur Torpedierung der erzähltheoretischen Prämissen SCHÜTZES geführt. Andererseits gab es keine andere Möglichkeit, eine möglichst umfassende Lebensgeschichte in dieser kurzen Zeit zu erfassen; gerade wenn man bedenkt, dass sich diese Interviews in der Regel auf mehrere Stunden, meist sogar auf mehrere Sitzungstermine, er-strecken.

[16] Im Rahmen dieser Arbeit kann es verantwortet werden, beide Begriffe synonym zu gebrauchen. Für eine Ausdifferenzierung bzgl. der Textsorte vgl. ADAMZIK (2007); SOMMERFELD/ SCHREIBER (2001); FRICKE/ STUCK (32003); SOMMERFELD (2003) u. NEULAND/ ADAMZIK (2005). Bzgl. der Gattung vgl. MÜLLER-DYES (1978) u. HEMPFER (31997). Bzgl. der Gattungsgeschichte vgl. VOßKAMP (31997). Bzgl. der Gattungstheorie vgl. LAMPING (31997); HORN (1998) u. ZYMNER (2003).

[17] Zum Lebenslauf vgl. auch LUCKMANN (1988).

[18] Vgl. KOHLI (1985; 1986 u. 1988).

[19] Vgl. KOHLI (1978); VOGES (1987b) u. BERTELS/ HERLYN (1990).

[20] „Der Lebenslauf dokumentiert die Folge faktischer Lebensereignisse“ (LAMNEK 42005: 668).

[21] Zu dieser erstmalig von GÜNTHER MÜLLER geprägten Unterscheidung vgl. MARTINEZ/ SCHEFFEL (62005: 30-39).

[22] Vgl. ALHEIT/ BRANDT (2006).

[23] Differenzierter zu den Unterschieden vgl. NEUMANN (1970: 60-90).

[24] Und weiter: „Die Formen des autobiographischen Pakts sind sehr vielfältig: Sie zeugen jedoch alle von der Absicht, dieser Signatur gerecht zu werden. Der Leser kann die Ähnlichkeit bekritteln, aber niemals die Identität. Es ist nur allzu bekannt, welch großen Wert jeder auf seinen Namen legt“ (LEJEUNE 1994: 27f.). Diesem autobiographischen Pakt stellt LEJEUNE den „Romanpakt“ gegenüber und kommt dadurch zu einer Klassifikationsmatrix, die sich im Anhang (Abb. 1) wiederfindet. Eine kritische Würdigung seiner Arbeit findet sich bei WAGNER-EGELHAAF (2000: 66-70).

[25] Dabei nennt sie (2000: 44-51): a) Zentralperspektive als ästhetische Objektivierung, b) dissoziierte Chronologie und vitale Zeitordnung, c) Selbstreferentialität, d) Stilisierung und Stilpolarität und schließlich e) Fragmentarität und Schlussproblematik.

[26] Vgl. hierzu auch die Ausführungen zum autobiographischen Gedächtnis von STRUBE/ WEINERT (1987: 151-167). Diese Ausführungen gelten freilich auch für die Memoiren.

[27] SCHIMANK spricht von Biographie. Er schreibt aber aus einer soziologischen Perspektive und meint daher – wie noch zu zeigen sein wird – die Autobiographie. Deutlich wird dies auch daran, dass sich alle von ihm gegebenen Literaturhinweise zur Biographie als literarischer Form auf literaturwissenschaftliche Titel zur Autobiographie beziehen.

[28] Zur Bedeutung des Konstruktivismus für die Biographieforschung vgl. JOST (2005).

[29] Dazu SCHIMANK (1988: 61): Das „basale Selbstbewußtsein einer Person (...) ist ihre episodisch fortschreitende unmittelbare Erfahrung der je eigenen Biographie. (...) Die Einheitslosigkeit des basalen Selbstbewußtseins ruft dann ein nur zeitweise aktives reflexives Selbstbewußtsein hervor. Das reflexive Selbstbewußtsein einer Person besteht aus den denjenigen Bewußtseinsvorstellungen, die als Gegenstand nicht die äußere Wirklichkeit, sondern wiederum Bewußtseinsvorstellungen haben – ausgehend von primären Reflexionen irgendwelcher Er-fahrungen des basalen Selbstbewußtseins bis zu höherstufigen Reflexionen über die eigene Reflexion. Nicht die selbstreferentielle Umweltbeobachtung, das Konstruieren einer Innenwelt aus Materialien der Außenwelt, sondern die selbstreferentielle Selbstbeobachtung, also das Konstruieren einer besonderen Innenwelt aus Materialien der Innenwelt, bringt das reflexive Selbstbewußtsein hervor.“ Zum Bewusstsein und Selbstbewusstsein aus philosophischer Perspektive vgl. GLOY (1998).

[30] Vgl. dazu SCHULZE (1996). Zur Vorgehensweise des Biographen vgl. auch OPPELLAND.

[31] Dass der Biograph gar nicht anders kann, als Deutungshoheit zu beanspruchen, liegt im Übrigen schon in den Spezifika der Sprache selbst und ihren Verwendungszusammenhängen begründet. Vgl. dazu SCHWARZ-FRIESEL (2007a), wo dies besonders deutlich zum Ausdruck kommt.

[32] Eine sehr gute und ausführliche Übersicht zur Geschichte der Biographieforschung gibt FUCHS-HEINRITZ (32005: 85-213). Kompakter ist LAMNEK (42005: 655-667).

[33] Vgl. dazu v.a. VOGES (1987b).

[34] Das soll nicht heißen, dass die Biographie als Textsorte nicht auch im Sinne des sozialen Kon-strukts gelesen werden kann. Aufgrund der fachlichen Profilunterschiede zwischen Literatur-wissenschaft und Soziologie ist aber anzunehmen, dass die Schwerpunkte des wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses unterschiedlich gelagert sind. Kritisch zur Vorstellung des sozialen Konstrukts vgl. BOURDIEU (1990: 76; 80): „Eine Lebensgeschichte zu produzieren, das Leben als eine Geschichte zu behandeln, also als eine kohärente Erzählung einer bedeutungsvollen und ge-richteten Abfolge von Ereignissen, bedeutet vielleicht, sich einer rhetorischen Illusion zu unter-werfen (...) Die kritische Analyse der schlecht analysierten und schlecht beherrschten sozialen Prozesse, die sich gegen den Willen und doch mit der Komplizenschaft des Forschers bei der Konstruktion des perfekten sozialen Artefakts abspielen, das da ‚Lebensgeschichte‘ heißt (und hier besonders bei der Privilegierung, die der longitudinalen Abfolge der konstitutiven Ereignisse im Blick auf den sozialen Raum gewährt wird, in dem sie geschehen sind, wenn das ganze Leben als Geschichte betrachtet wird), hat ihr Ziel nicht in sich selbst. Sie f.ihrt dazu, den Begriff der Lauf-bahn (...) als eine Abfolge von nacheinander durch den selben Akteur (...) besetzen Positionen zu konstruieren, in einem (sozialen) Raum, der sich selbst ständig entwickelt und der nicht endenden Transformationen unterworfen ist. Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und f.ir sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindungen als die an ein Subjekt, dessen Konstanz zweifellos lediglich in der des Eigen-namens besteht, ist beinahe genauso absurd wie zu versuchen, eine Metro-Strecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen, also die Matrix der objektiven Beziehungen zwischen den verschiedenen Stationen.“ Kritisch dazu vgl. LIEBAU (1990); NIETHAMMER (1990) u. RAHKONEN (1991).

[35] Umfassender zu ihrer Motivation und den charakteristischen Forschungszielen vgl. BUDE (1984); FUCHS-HEINRITZ (1998 u. 32005: 128-147). Zu den mit ihr verbundenen Problemen vgl. GER-HARDT (1985); LÜDERS/ REICHERTZ (1986) u. FUCHS-HEINRITZ (32005: 147-186).

[36] Die ursprüngliche Bezeichnung SCHÜTZES wurde also aufgegeben. Ich führe sie aus termino-logischen Gründen aber dennoch fort.

[37] KLEIN versucht übrigens, nach weiteren gemeinsamen Schnittpunkten zwischen literaturwissen-schaftlichem und soziologischem Konzept von Biographie zu suchen. Das scheint am Anfang noch ernsthaft, bekommt aber leider während der fortlaufenden Ausführungen einen unüberseh-baren Anstrich von Polemik. Gerade weil er BOURDIEUS Konzept des Habitus präferiert, das sich in der soziologischen Biographieforschung – trotz oder gerade wegen des sarkastischen Aufsatzes BOURDIEUS – nicht hat durchsetzen können, scheint er (noch dazu aus literaturwissenschaftlicher Sicht) die soziologische Biographieforschung ob dieser Ablehnung schelten zu wollen, weil sie seiner Meinung nach weiter an dem „Kartenhaus“ der biographischen Illusion baut. Wesentlich ergiebiger ist da SILL (1995). Zur Theorie literaturwissenschaftlicher Biographik vgl. auch SCHMITZ-EMANS (1995) und ALT (2002).

[38] So legte u.a. SCHEUER (1979) eine literaturwissenschaftliche Publikation zur Biographie vor, deren Qualität bis heute unbestritten ist.

[39] HAHN versteht diese Generatoren als soziale Institutionen, durch die (auto-)biographische Selbst-reflexionen in ihrer Totalität überhaupt erst möglich werden. Er negiert allerdings damit nicht das reflexive Selbstbewusstsein, weil auch er die Möglichkeit einer bloß fallweisen, situativen Selbst-thematisierung einräumt.

[40] Anders verhält es sich, wenn keine wortgetreuen Transkripte, sondern eigenständige Texte auf der Grundlage der Interviews produziert werden (vgl. dazu z.B. KLINGER/ KÖNIG 2006). Nicht nur, dass dann S.Ä. ≠ S.A. Durch die je spezifische Verwendung von Sprache durch ihren je spezi-fischen Träger werden automatisch Perspektivierungen (und damit eben auch Deutungen) durch einen anderen vorgenommen, was die Bezeichnung Autobiographie nicht mehr rechtfertigt.

[41] Zu Text und Texttheorie vgl. DE BEAUGRANDE/ DRESSLER (1981) u. SCHWARZ-FRIESEL (2007b). Man könnte meinen, in der Differenz zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit läge ein zentraler Unterschied zwischen den beiden Konzepten von Biographie. SILL (1995) entzieht diesem ver-meintlichen Unterschied aber zu Recht den Boden. Gerade durch die spätere Transkription des Interviews, werde der Dialog zwischen Interviewer und Interviewten zu einem zwischen Rezipient und Text, was letztlich heißt: „Der Interpret eines narrativen Interviews befindet sich in derselben Situation wie der Interpret einer von vornherein schriftlich verfaßten lebensgeschichtlichen Erzählung. Der reale Kommunikationsprozeß in der Gesprächssituation wird (...) überformt durch einen Kommunikationsvorgang, der durch die zeitliche Distanz zwischen der Redesituation A und der Rezeptionssituation A' gekennzeichnet ist“ (ebd. 39).

[42] Zu der für die soziologische Biographieforschung bestehenden „Paradoxie der Daten“ vgl. FUCHS-HEINRITZ (1998: 17): „Biographische Interviews, autobiographische Dokumente usw. geben nicht über das Auskunft, was der Soziologe sucht, geradezu im Gegenteil: Es handelt sich um Selbst-identifikationen, nicht um Beschreibungen von sozialen Verhältnissen oder Ereigniszusammen-hängen, nicht um Protokolle von sozialen Abläufen oder von zeitgeschichtlichen Konstellationen. Im autobiographischen Text will der Sprecher, der gleichzeitig der ‚Biographieträger‘ ist, seine Lebensführung und seine Lebenserfahrungen gerade nicht als ‚Mitglied der Gesellschaft‘ dar-stellen, sondern im Hinblick darauf, daß er noch mehr und anderes ist als nur ein Rollenträger. Insofern steckt in den Daten der Biographieforschung ein ‚antisozialer‘ Gestus. Die soziologische Biographieforschung hat es mit einem Gegenstand (und mit Daten) zu tun, der gewissermaßen ‚unsoziologisch‘ ist, denn mit und in ihrer Autobiographie widersprechen die Individuen ihrer Ge-sellschaftsmitgliedschaft.“

[43] Vgl. dazu BLEEK (2001: 308-370).

[44] Vgl. dazu BLEEK (2001: 371-425).

[45] WEINACHT (1995) geht soweit, dass er die übliche Trias polity, policy, politics um eine vierte Dimension (politican/ citizen) erweitert wissen will, denn: „Politik auf Sachdimension beschränkt, ist nicht eigentlich vermittelt: Die Mittlerebene ist allemal die persönliche. Und die blo13e Kon-flikt-Dimension des sozialen Prozesses reicht schwerlich aus, um das Persönliche an der Politik zu repräsentieren. Ein Politik-Begriff, dem die Dimension der Person fehlt, ist unfähig, die dem Grundverhältnis von Befehl und Gehorsam, Führung und Fügsamkeit Raum zu geben; die Wahl von Personen, deren Eignung und Nichteignung für politische Ämter nicht nur nach Sachaufgaben, sondern auch nach Entsprechungen im Bereich des Persönlichen zu diskutieren; den Einflu13 zu verstehen, den ein Leiter eines politischen Verbandes (Partei, Territorialkörperschaft, Staat) für dessen innere Kohärenz und seine Ausstrahlung besitzt und mehr oder weniger geltend zu machen wei13; vom Politiker her die Bedingungen zu sehen, unter denen er seine Aufgaben wahrzunehmen hat und von daher dann auch Fragen der Akzeptanz von oder des Verdrusses über Politik an-gemessen zu erörtern. Politik mu13 Personen und Personengruppen in ihrem Mit- und Gegeneinander als Freund, Gegner, Feind zum Thema haben können, zumal sie sich in ‚individuellen‘, in ‚emotional besetzen‘, in ‚sittlichen‘ Beziehungen vorfindet und das sowohl in den Grundeinheiten des politischen Prozesses (als Bürger) als auch insbesondere in den repräsentativen bzw. amtsgebundenen Formen (als Politiker oder als Staatsmann)“ (ebd.: 62f.).

[46] Die folgende Verteilung wurde vorgefunden: Geographie (1), Anglistik (1), Rechtswissenschaft (1), Pädagogik (1), Kommunikationswissenschaft (1), Soziologie (1), Philosophie (1), Germanistik (4), Politikwissenschaft (26), Geschichtswissenschaft (67). Erhebungsdatum war der 15.06.2008.

[47] Nach dem Eintrag „Biographie“ wurden die folgenden Wörterbücher durchsucht: MICKEL (1986); GÖRLITZ/ PRÄTORIUS (1987); VERLAG HERDER (51988); NOHLEN (1991); HOLTMANN (32000); SCHMIDT (22004) u. SCHUBERT/ KLEIN (42007)

[48] Nach dem Eintrag „Biographie“ wurden die folgenden Einführungswerke im Inhaltsverzeichnis und, falls vorhanden, auch im Sachregister durchsucht: FLECHTHEIM (1958); BURDEAU (1964); FETSCHER (1968); ABENDROTH/ LENK (1968); KRESS/ SENGHAAS (1973); LENK (1975); WEINACHT u.a. (1977); ROHE (1978); ELLWEIN (1987); VON BEYME u.a. (1987); FETSCHER/ MÜNKLER (1990); BERG-SCHLOSSER/ STAMMEN (51992); BELLERS/ KIPKE (1993); NA13MACHER (1994); HARTMANN (1995); MOHR (1995); PELINKA (2000); MÜNKLER (2003); PATZELT (52003); FRANTZ/ KLAUS (2005); THÖNDL (2005); SCHREYER/ SCHWARZMEIER (22005); MOLS u.a. (52006) u. KEVENHÖRSTER (2006/ 32008).

[49] „Wenn die Politologen [was allerdings angezweifelt werden darf; Anm. d. Verf.] auch längst ihre Vorbehalte gegenüber diesem Genre aufgegeben haben, so nimmt die Biographieforschung in ihrem Bereich doch weiterhin kaum mehr als einen randständigen Platz ein“ (GALLUS 2005: 51).

[50] Womit zumindest potenziell die Möglichkeit gegeben ist, dass hier auch Biographien verfasst werden.

[51] Vgl. dazu KORTE/ FRÖHLICH (22006: 173-258). Zum Politikmanagement zählen weiterhin: a) Regierungssteuerung und Strategie, b) Information und Entscheidung, c) Akteursstrategien und politische Rationalität, d) Arenen des Politikmanagements und e) Handlungskorridore des Regierens.

[52] Kritisch zu dieser Definition vgl. HELMS (2005: 12).

[53] Zu den Strukturmerkmalen d. Regierens vgl. z.B. KORTE (2001a) u. KORTE/ FRÖHLICH (22006: 71­101).

[54] Umfassender dazu vgl. HELMS (2000 u. 2005: 29-49 – hier ist auch eine Erweiterung um den neu-eren government/ governance-Ansatz enthalten).

[55] Vgl. dazu WEBER (51980: 122-148). Als ältere Vorläufer können MACHIAVELLI und ARISTOTELES gelten.

[56] Vgl. dazu PELINKA (1997). Kritisch zu PELINKA vgl. zu Recht HELMS (2000: 417).

[57] Vgl. dazu SCHARPF (2001: 101-107).

[58] Zwar noch nicht durchgehend mit diesem Überbegriff gefasst und auch noch nicht in dieser Aus-differenzierung finden sich diese Handlungskorridore u.a. auch in KORTE (2000; 2001a u. 2001b).

[59] Vgl. dazu KORTE/ FRÖHLICH (22006: 29-37). Zu der hinter dem interaktionistischen Ansatz stehenden Theorie des Neo-Institutionalismus vgl. KAISER (22006).

[60] Nach KORTE/ FRÖHLICH (22006: 192) liefern nur letztere ein brauchbares analytisches Konzept. HELMS (2005: 32-34) hingegen spricht auch ersteren ihre Wissenschaftlichkeit nicht ab und ver-weist darauf, dass die politikwissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen des Regierens ohne einen normativen Einschlag „undemokratisch und szientistisch“ (ebd.: 33) bliebe.

[61] Laut MORKEL (1966: 124) wird dabei aber den überindividuellen und objektiven Faktoren gegen-über den individuellen und subjektiven Faktoren der Vorzug eingeräumt.

[62] Es gibt Beispiele, bei denen dem subjektiven Lebensweg mehr Raum eingeräumt wird. Eher memoirenhaften Charakter hat WALTER (1997), eher biographischen MÄRZ (2002; hier geht es allerdings nicht vordergründig um eine Stilanalyse). Dass zum Teil auch mit den Techniken des Biographen/ Historiographen gearbeitet wird, zeigt KORTE (2002), wenn er die Großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler (als Ego-Dokumente) analysiert, weil er ihnen zugesteht, dass das, was in diesen Reden steht, „bis ins letzte Detail die Handschrift des Kanzlers [trägt]“ (KORTE 2002: 14). Eben diese „personale Handschrift“ (KORTE 1998: 400) ist es ja, die es u.a. ermöglicht „ein dauerhaftes, auf die Person des Kanzlers bezogenes Handlungs-muster herauszuarbeiten, das den persönlichen Stil relativ unverwechselbar macht“ (KORTE/ FRÖHLICH 22006: 193).

Details

Seiten
112
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640400270
ISBN (Buch)
9783640400089
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133258
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0 (mit Auszeichnung)
Schlagworte
Bedeutung Beschäftigung Politikerbiographien Biographien Auszeichnung)

Autor

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Titel: Die politikwissenschaftliche und politikdidaktische Bedeutung der Beschäftigung mit Politikerbiographien und den Biographien von „Namenlosen“