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'Leiden des jungen Werthers' und die christliche Religion

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Werther und die Religion

3. Werther und die Bibel

4. Werther und sein Selbstmord

5. Werther als Kind und Narzisst

6. Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Wolfgang von Goethes ,Die Leiden des jungen Werther‘ ist sein größter literarischer Erfolg gewesen, sowohl in kommerzieller Hinsicht, als auch hinsichtlich seiner Nachwirkung (,Wertherfieber‘), die bis in die heutige Zeit hineinreicht. So gut wie kein anderes Werk hat es, über einen so langen Zeitraum, verstanden die innersten Gefühle der Jugendgeneration, immer wieder aufs Neue, so tief zu berühren und dem Leser einen tiefen Einblick in eine Person, von so großer Euphorie, aber genauso großer Resignation, zu geben.

Doch es gibt auch viele Kritiker (damals, wie heute), die diesem Werk die Verherrlichung des Selbstmords und der Blasphemie unterstellen. Aber ist diese Unterstellung gerechtfertigt? Ist Werther ein Ketzer und Blasphemist?

Dieser Frage soll, in dieser Arbeit, nachgegangen werden, mit Hilfe des Vergleichs von Werthers Handeln und Aussagen, mit den christlichen Lehren, wie sie in der Heiligen Schrift niedergeschrieben worden sind. Als Grundlage wird hier die erste Fassung von ,Die Leiden des jungen Werthers‘ (1774), erschienen im Deutschen Klassiker Verlag (siehe Literaturverzeichnis bzw. Primärliteratur), genutzt – eine Betrachtung der zweiten Fassung wird nicht durchgeführt. Des Weiteren sei vorgemerkt, dass in dieser Arbeit nur ausgewählte - und bei weitem nicht alle - Bezüge zwischen Werther und der Christenheit bearbeitet worden sind. Diese Arbeit versteht sich daher nicht als eine völlig Klärung des oben genannten Problems, sonder soll Lösungsansätze und Lösungsvorschläge dafür liefern.

2. Werther und die Religion

„Ich ehre die Religion“[1] schreibt Werther in seinem Brief von 15. November 1772 und verweist damit auf seine angeblich tolerante Haltung gegenüber dem Christentum. Doch Werther geht im Brief vom 15. September 1772 mit scharfen Worten gegen die neue Pfarrerin und ihrer „neumodischen moralisch kritischen Reformation des Christentums“[2] vor. Man könnte hieraus schließen, er würde dann nur die ,katholische Religion‘ ehren, doch auch in diesem Punkt äußert er sich kritisch, ja sogar polemisch, gegen die Vertreter dieser Religion. So kritisiert er in seinem letzten Brief (,nach eilfe‘) das Verhalten von (katholischen) Priestern gegenüber bedürftigen bzw. hilflosen Menschen, indem er den Inhalt vom Evangelium nach Lukas 10, 31-34[3] aufnimmt und er sich wünscht, dass auch die Priester ihn segneten. Gleichzeitig ist dies auch als Apell an den ,guten Samariter‘ zu sehen. Als oberste Instanz der christlichen Religion wird Gott vom religiösen Menschen Werther[4] nicht selten erwähnt und sogar auch angesprochen. Der Gott, den Werther durch sein (Gottes) Wirken und seine Werke erfährt und beschreibt ist kein ,christlicher‘ Gott, sondern ein „allgemeinerer Gott als der der Heilsgeschichte“[5], denn hier fehlen diesem die Züge, die speziell auf den Menschen gerichtet sind. Er verteilt weder Barmherzigkeit, Belohnung, Bestrafung, Verheißung, Heimsuchung, Leitung, noch Eingriffe in das Leben der Menschen bzw. das Leben Werthers. Deshalb wird Werther auch klar, dass sein Gott nicht auf Zuruf erscheint und ihm nicht zeigen kann wer er ist („Aber, ach ich fühls! Gott giebt Regen und Sonnenschein nicht unserm ungestümen Bitten“[6]). Trotzdessen bezeichnet Werther ihn als einen „Allmächtigen, der uns all nach seinem Bilde schuf“[7]. Hier zeichnet sich schon die biblische Wortwahl ab, wie sie das gesamte Werk durchzieht, denn dies stammt aus dem ersten Buch Mose 1, 27[8]. Im Verlauf des Werkes, wenn nicht schon von Anfang an, ersinnt sich Werther eine Vater-Sohn-Beziehung zu Gott. Doch das Verhältnis zwischen ,Vater‘ und ,Sohn‘ ist ein doch eher distanziertes, wie „Vater, den ich nicht kenne! Vater, der […] nun sein Angesicht von mir gewendet hat!“[9] (Brief vom 30. November 1772) oder „Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen?“[10] (Brief vom 15. November 1772) zeigen. Werther erkennt aber auch die ,Liebe‘ seines ,Vaters‘ zu ihm: „Wenn ich ihm [Jesus] nun nicht gegeben bin! Wenn mich nun der Vater für sich behalten will, wie mir mein Herz sagt!“[11]. Er spielt hier auf das Evangelium nach Johannes 17, 6-9 und 24[12] an und eröffnet damit gleichzeitig die Möglichkeit einer Erlösung direkt durch Gott ohne den ,Umweg‘ über Jesus, was Werther in eine gegen Jesus gerichtete Position bewegt, da Jesus laut dem Johannes-Evangelium 14, 6 sagte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“[13] und nach 10, 9: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“[14]. Ohnehin ist das Verhältnis zwischen Werther und Jesus gespannt. Im gesamten Werk erwähnt Werther Christus so gut wie nie, geschweige denn, dass er ihn anruft oder seine Werke erfährt bzw. erfasst (im Gegenteil zu Gott). Dabei ist die Parallelität der Leiden Werthers mit der des Sohns Gottes offensichtlich. Zum Beispiel wollen beide ihr Leben aus Nächstenliebe aufgeben[15]. So wäre Christus eher Werthers Leidensgenosse, als sein Gegenspieler, doch Werther erkennt die göttliche Natur Christi nicht an und vergöttlicht dafür den Menschen[16]. Rolf Christian Zimmermann merkt hierfür an, dass es Goethe nicht daran gelegen war, Werther und Christus gegeneinander auszuspielen, sondern sie mit einander in Beziehung zu setzen[17]. Trotzdessen lässt Goethe Werther keine Verbindung zwischen dem heiligen Geist und Christus ziehen und unterbindet damit die Bildung der Trinität aus dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist (Vgl. Evangelium nach Matthäus 28, 19: „Taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“[18]), welche Fundament des christlichen Glaubens ist. Auch im Brief vom 15. November 1772 wird eine Trinität aller göttlichen Instanzen verneint, da Werther hier beschreibt, dass Gott und dessen Sohn unterschiedliche Pläne für die Menschheit besitzen („Wenn ich ihm [Jesus] nun nicht gegeben bin! Wenn mich nun der Vater für sich behalten will, wie mir mein Herz sagt!“[19]). Die Einigkeit zwischen Gott und dem heiligen Geist hingegen, wird von Werther erfahren. Er (der Heilige Geist) ist das schöpferisch erweisende Prinzip des Lebens der Kreaturen und Gabe Gottes an die Menschen[20]. So erfährt er ihn im Brief vom 18. August 1771 („bis ans Ende des unbekannten Ozeans, weht der Geist des Ewigschaffenden“[21]) und vom 03. November 1772 („als weil ich mit Geduld seinen Geist erwarte“[22]). Diese Stellen sind wiederrum Entlehnungen bzw. Andeutungen auf das ersten Buch Mose 1, 2 („und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“[23]) und das Matthäus-Evangelium 3, 16 („und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.“[24]). Werther benutzt aber nie das Attribut ,heilig‘ in Verbindung mit dem (Heiligen) Geist, was sich gegen den 3. Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses richtet („Ich glaube an den heiligen Geist“[25]). Er kann den heiligen Geist auch in der Natur erfahren („und fühle […] das Wehen des Allliebenden“[26]), doch das ist laut dem ersten Brief an die Korinther 2, 14 nicht möglich, denn hier heißt es: „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen“[27]. Doch „je weniger die Natur in der Lage ist, seine drängenden Fragen zu beantworten, umso mehr scheint Werther sich dem Christentum anzunähern“[28]. Dieses Christentum wird von Werther nach seinen eigenen Vorstellungen gelebt. Werther lässt den gesamten heilsgeschichtlichen Komplex entfallen bzw. wo er angedeutet wird, wird er von ihm abgelehnt[29]. Er lehnt die Vermenschlichung Gottes ab und bindet sich nicht an die Kirchen des Christentums (oder an eine von beiden). Werther ist in seinem Verhalten pietistisch geprägt; er ist verärgert über die Tendenzen von bestimmten Theologen – neuerungssüchtigen Deisten und rationalisierenden ,Harmonisten‘[30]. Seine Haltungen und Entscheidungen lassen auf eine konsequente Loslösung von allen christlichen Dogmen schließen und so entsteht, fern jeglicher dogmatischer Enge, eine neuartige religiöse Atmosphäre, in der sich christliche Überlieferungen mit der Genielehre mischen[31]. Herbert Schöffler sieht Werther hier eine pantheistische Gottesidee aufgreifen[32].

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Die Wahlverwandtschaften. Kleine Prosa. Epen. Hrsg. von Waltraut Wiethölter, [u.a.]. In: Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 8. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994 (= Bibliothek deutscher Klassiker, Band 109). S. 180.

[2] Ebd. S. 168.

[3] Vgl. Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Hrsg. von Evangelische Kirche in Deutschland, Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Revidierte Fassung von 1984. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1985. S. 86.

[4] Vgl. Anstett, Jean-Jacques: Werthers religiöse Krise. In: Goethes >Werther<. Kritik und Forschung. Hrsg. von Hans Peter Herrmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994 (= Wege der Forschung, Band 607). S. 163.

[5] Graefe, Johanna: Die Religion in den „Leiden des jungen Werther“. Eine Untersuchung auf Grund des Wortbestandes. In: Neue Folge des Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft 20 (1958). S. 93.

[6] Goethe. Werther. S. 178.

[7] Ebd. S. 14.

[8] Vgl. Die Bibel. Altes Testament. S. 4.

[9] Goethe. Werther. S. 190.

[10] Ebd. S. 180.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Die Bibel. Neues Testament. S. 134.

[13] Ebd. S. 130.

[14] Ebd. S. 124.

[15] Einzig mit dem Unterschied, dass der Tod Jesus von Gott vorherbestimmt ist, während sich Werther selbst tötet. Weitere Abweichungen wären, dass Werther, durch seinen Tod, keine Erlösung über die Menschheit bringt und nach seinem Tod auch nicht wieder aufersteht.

[16] Vgl. Anstett. S. 168.

[17] Vgl. Zimmermann, Rolf Christian: Das Weltbild des jungen Goethe. Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts. München: Fink 1979. S.181.

[18] Vgl. Die Bibel. Neues Testament. S. 43.

[19] Goethe. Werther. S. 180.

[20] Vgl. Graefe. S. 84.

[21] Goethe. Werther. S. 106.

[22] Ebd. S. 178.

[23] Die Bibel. Altes Testament. S. 3.

[24] Die Bibel. Neues Testament. S. 5.

[25] Evangelisches Gesangbuch. Für Gottesdienst, Gebet, Glaube, Leben. Hrsg. von Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. München: Evangelischer Presseverband für Bayern e.V.. S. 1550.

[26] Goethe. Werther. S. 14.

[27] Die Bibel. Neues Testament. S. 197.

[28] Anstett. S. 167.

[29] Vgl. Graefe. S. 93.

[30] Vgl. Anstett. S. 167.

[31] Vgl. Fischer-Lamberg, Hanna: Das Bibelzitat beim jungen Goethe. In: Gedenkschrift für Ferdinand Josef Schneider. Hrsg. von Karl Bischoff. Weimar: Böhlau 1956. S. 211.

[32] Vgl. Schöffler, Herbert: Die Leiden des jungen Werther. Ihr geistesgeschichtlicher Hintergrund. In: Goethes >Werther<. Kritik und Forschung. Hrsg. von Hans Peter Herrmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994 (= Wege der Forschung, Band 607). S. 86.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640397389
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132973
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Goethe Leiden des jungen Werthers Christentum Jesus Religion Selbstmord

Autor

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