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Die Funktion der Religion in Benito Pérez Galdós' Roman "Misericordia"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1 Fragestellung

2 Figuren der Romanhandlung und ihre Haltung zur Religion
2.1 Benina
2.2 Doña Paca
2.3 Almudena

3 Die Funktion der Religion in Misericordia
3.1 Religiöse Bilder und biblische Metaphern
3.2 Die Signifikanz Gottes
3.3 Geld und Religion

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Fragestellung

Der Roman Misericordia wurde im Jahre 1897 veröffentlicht und zählt somit zu den Werken der späteren Schaffensphase Benito Pérez Galdós’. Im Gegensatz zu seinen früheren Romanen wie Doña Perfecta, in denen sich Galdós der detaillierten Darstellung und Analyse der sozialen Mittelschicht widmete, beschreibt er in Misericordia die unterste Gesellschaftsschicht, die der Bettler. Der Grund dafür wird schnell ersichtlich, wenn man sich die zeitgenössischen Entwicklungen in Spanien zu jener Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in Erinnerung ruft:

Die traditionelle Gesellschaftsschicht der Bettler, die Galdós beschreibt, entstand zu seinen Lebzeiten als Ergebnis tiefgreifender ökonomischer und sozialer Probleme, die durch die Ballung der Menschen in den Großstädten verschärft wurde1

Galdós galt als scharfer Beobachter der Gesellschaft und vor allem der Menschen dieser Zeit, in der er lebte. Für seinen Roman Misericordia begab er sich in die untersten Gesellschaftsschichten Madrids, so schrieb er selbst über seine Vorgehensweise:

En Misericordia me propuse descender a las capas ínfimas de la sociedad matritense, describiendo y presentando los tipos más humildes, la suma pobreza, la mendicidad profesional, la vagancia viciosa, la miseria, (…). Para esto hube de emplear largos meses en observaciones y estudios directos del natural, visitando las guaridas de gente mísera2

Misericordia gilt als der Roman von Galdós, in dem die Thematik der Religion und des Glaubens, verglichen mit seinen anderen Werken, den wichtigsten Rang einnimmt.

Die vorliegende Arbeit soll der Frage nachgehen, welche Funktion Religion und Glaube in Galdós’ Roman und vor allem im Leben der Hauptfiguren einnehmen und inwiefern der Glaube das Handeln und Denken der einzelnen Romanfiguren beeinflusst und steuert. Dabei werde ich zunächst auf drei Hauptfiguren des Romans, Benina, Doña Paca und Almudena, eingehen und mithilfe von Romanzitaten untersuchen, welche Position der Glauben im Leben dieser Personen einnimmt und wie sie ihren Glauben ausleben. Mein Hauptaugenmerk wird dabei auf Benina liegen, da sie die zentrale Figur des Romans ist und sich daher eine ausführlichere Analyse anbietet. Zudem werde ich auf ihre Herrin Doña Paca und auf Beninas engsten Freund, den blinden Bettler Almudena, eingehen und jeweils ihre Haltung zu den Themen Religion und Glauben näher untersuchen. Beide gehören ebenfalls zu den Hauptfiguren von Misericordia und stehen in direkter Beziehung zu Benina.

Anschließend möchte ich noch auf die Funktion der Religion in einem etwas allgemeineren Sinne zu sprechen kommen, wobei ich zum einen auf religiöse Symbole und biblische Metaphern im Roman eingehen werde, zum anderen aber auch die Bedeutsamkeit Gottes sowie die Thematik des Geldes im Zusammenhang mit dem Glauben untersucht werden soll.

Abschließend wird versucht, Galdós eigene Haltung zur Religion zu klären und sich daraus ergebende Interpretationen seines Werks folgen zu lassen.

Als Sekundärliteratur für diese Arbeit haben mir in erster Linie Correas Werk El simbolismo religioso en las novelas de Pérez Galdós , Rodriguez’ Estudios sobre la novela de Galdós und die von García Lorenzo geschriebene Einleitung zu der mir vorliegenden Ausgabe von Misericordia gedient. Die weitere angegebene Sekundärliteratur diente mir eher als zusätzliche Hintergrundinformation, da die meisten der genannten Autoren nur knapp auf die religiöse Thematik zu sprechen kommen. Meine wesentlichen Erkenntnisse habe ich überwiegend mittels konkreter Textarbeit aus dem Primärwerk selbst ziehen können.

2 Figuren der Romanhandlung und ihre Haltung zur Religion

2.1 Benina

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Benina, die zentrale Figur des Romans Misericordia , wird von Galdós als einfache Frau aus dem Volk dargestellt, die sich selbst für andere aufopfert und trotz ihrer eigenen Armut das Wohl ihrer Mitmenschen für wichtiger hält als ihr eigenes. Somit wird sie auch, bei ihrer ersten Erwähnung im Roman, als gut erzogen, demutsvoll und als Frau, die ihr Leben allein Gott und der praktizierten Nächstenliebe widmet, beschrieben: “(…) era las más callada y humilde de la comunidad, si así puede decirse; bien criada, modosa y con todas las trazas de perfecta sumisión a la divina voluntad.“3 Durch diese erste Beschreibung wirkt Benina auf den Leser nahezu unfehlbar, so dass bereits hier der Eindruck entstehen mag, es handele sich um eine Heilige. Diese Wirkung wird durch die darauf folgende Erklärung ihres Namens verstärkt, denn dieser bedeutet in der Langform Benigna soviel wie gütig. Dadurch wird zum einen ein Bezug zum Titel des Romans hergestellt, denn wie misericordia lässt sich benigna dem Wortfeld der Religion zuordnen. Zum anderen wird bereits hier Beninas vorherrschende Charaktereigenschaft,

3 Pérez Galdós, Benito: S. 76

nämlich die Güte und Barmherzigkeit ihren Mitmenschen gegenüber, benannt. Weiter wird sie beschrieben als komplett in schwarz gekleidet: “Usaba una venda negra bien ceñida en la frente; sobre ella pañuelo negro, y negros el manto y vestido, algo mejor apañaditos que los de las otras ancianas.“4 Die Schlichtheit und schwarze Farbe ihrer Kleidung demonstrieren ihre praktizierte Gottesdemut und das damit verbundene Zurückstellen ihrer eigenen Bedürfnisse. Im Textverlauf wird kurz darauf der Vergleich mit einer Heiligen, der manchen Lesern vielleicht schon bis dato in den Sinn kam, konkret angesprochen: “(…) parecía una Santa Rita de Casia que andaba por el mundo en penetencia.“5 Benina wird mit Santa Rita de Casía, einer italienischen Heiligen verglichen, die büßend durch die Welt zieht. Abgesehen vom fehlenden Kruzifix scheint die Ähnlichkeit nahezu perfekt zu sein. Erst in Kapitel XXIX erfährt der Leser, dass die beiden sich nicht nur in puncto Aussehen gleichen, sondern auch den selben Namen tragen: De Casía.6

Beninas uneigennütziges Denken und Handeln sowie das damit verbundene, nahezu missioniarische Aufopfern zum Wohl ihrer Mitmenschen lassen sich anhand zahlreicher Textstellen erkennen, so zum Beispiel im Gespräch mit Eliseo, für den sie Gott um Reichtum und ausreichend Brandwein bittet:

Sabes que rezo un Padrenuestro por ti todos los días, y le pido al Señor que te haga más rico de lo que eres; (…) ¿Qué importa que Crescencia y yo, y este pobre Almudena, nos desayunemos a las doce del mediodía con un mendrugo, que sirviría para empedrar las santas calles? Yo le pido al Señor que no te falte para el aguardentazo.7

Ihre uneigennützige Rede, in der sie ihrem Freund den Brandwein eher als sich selbst ein ausreichendes Frühstück zugesteht, wirkt schon fast ironisch auf den Leser; und doch wird deutlich, dass Benina diese Barmherzigkeit gegenüber ihren Mitmenschen ernst meint, denn es folgen etliche weitere Textstellen, an denen sie sich selbst zurück nimmt, um anderen zu helfen. So auch in Kapitel XXI, als Benina mit der Absicht, sie um Geld zu bitten, zu Doña Bernarda eilt, doch als sie dort erfährt, dass ihr Bekannter Don Frasquito de Ponte erkrankt ist, vergisst sie unmittelbar ihr eigentliches, dringendes Anliegen und will nur noch herausfinden, was mit ihrem Freund geschehen ist: “Al oír

esto, olvidósele repentinamente a Benina el objeto principal que a tal sitio la llevara, y no pensó más que en averiguar qué había sido al desamparado Frasquito.“

[...]


1 Correa, 1974, S. 198

2 García Lorenzo, in: Pérez Galdós, S. 15-16

4 Ebd. S. 77

5 Ebd.

6 Vgl. ebd., S. 243

7 Ebd., S. 81-82

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640392865
ISBN (Buch)
9783640393169
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132931
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Funktion Religion Benito Pérez Galdós Roman Misericordia

Autor

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