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Christa Wolfs "Medea. Stimmen"

Und dessen Umgang mit den Mythologemen Brudermord, Mord an der Königstochter und Kindsmord und der daraus resultierenden Mythenentstehung

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Medea Mythos in der voreuripidäischen Überlieferung

3. Der Medea Mythos in der euripidäischen Überlieferung

4. Der Umgang Christa Wolfs in Medea. Stimmen mit den Mythologemen Brudermord, Mord an der Königstochter und Kindsmord und der daraus resultierenden Mythenentstehung
4.1. Medeas Motivation zur Flucht aus Kolchis
4.2. Wolfs Umgang mit dem Mythologem des Brudermordes
4.3. Wolfs Umgang mit dem Mythologem des Mordes an Glauke
4.4. Wolfs Umgang mit dem Mythologem des Kindsmordes
4.5. Entstehung des Medea Mythos in Medea. Stimmen

5. Resümee

6. Siglenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll der Umgang Christa Wolfs in ihrem Roman Medea. Stimmen mit den drei bekanntesten Mythenbestandteilen des Medea Mythos verglichen werden. Da Euripides diesen Mythos maßgeblich geprägt hat, liegen seine Versionen des Brudermordes, des Mordes an der Königstochter und des Kindsmordes dieser Analyse zugrunde. Es wurden gerade diese drei Mythologeme ausgesucht, da sie der Hauptbestandteil dessen sind, was den Medea Mythos ausmacht.

Zu Beginn soll ebenfalls kurz gezeigt werden, dass es schon vor Euripides’ Medea eine ganze Reihe nicht einheitlicher Geschichten zu diesem Mythos gegeben hat.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf Christa Wolfs Werk. Ausgehend von Euripides wird analysiert, was Christa Wolf daraus gemacht hat. Der Hintergrund der Morde gibt einen deutlichen Einblick darauf, was die Autorin mit der Umdeutung des Mythos bezwecken will. Auch soll anhand der Morde gezeigt werden, inwieweit Medea, trotz ihrer eindeutigen Unschuld, eine indirekte Schuld an diesen Taten angelastet werden kann. Nach der Analyse der drei Mythologeme wird die Fragestellung zu klären sein, wie bei Christa Wolf der Mythos Medea entsteht. Denn hier liegt der gravierende Unterschied zwischen ihrem Roman und der Tragödie des Euripides.

Da der Begriff der Mythengenese in der vorliegenden Arbeit eine bedeutende Rolle spielt, soll im Folgenden kurz skizziert werden, was darunter zu verstehen ist.

Das Wort Genese kommt aus dem Griechischen und bedeutet Entstehung. Mythengenese beschreibt also den Vorgang, wie ein Mythos entsteht. Ursprünglich entstanden Mythen dadurch, dass versucht wurde eine Erklärung für etwas zu schaffen, was nicht verstanden werden konnte. Deshalb wurden Götter und andere Gestalten ins Leben gerufen. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Entstehung der Mythen, wie nachfolgend gezeigt wird. Auch durch politische Machtprozesse können Mythen entstehen. In der heutigen Zeit, in der z.B. die Werbung eine immer größere Rolle spielt, werden auch zu verkaufende Produkte zu einem Mythos umfunktioniert, indem man sie in eine bereits bekannte Vorstellung einbaut und somit den Anschein von etwas mythischem erweckt.

2. Der Medea Mythos in der voreuripidäischen Überlieferung

Euripides war der Dichter, der sich die Mühe gemacht hat, die verschiedenen Stränge der Geschichten über Medea[1] zusammenzufassen um aus diesen ein tragisches Werk zu machen. Das war im Jahre 431 v. Chr. Die Geschichten der Medea sind viel älter und sie veränderten sich im Laufe der Zeit, so dass der Mythos Medea folglich nicht aus einer einheitlichen Fassung besteht, sondern dass es verschiedene unterschiedliche, bzw. leicht abgewandelte Überlieferungen gibt, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben. Schon vor Euripides gab es vor allem mündliche Fassungen des Medea Mythos, die von Erzähler zu Erzähler, natürlich auch abhängig von der Zuhörerschaft, immer wieder leicht abgewandelt wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass es recht unterschiedliche Überlieferungen gibt. Im Folgenden sollen beispielhaft einige bekannte Fragmente der voreuripideischen Überlieferung aufgezeigt werden. Dies verfolgt das Ziel, daraus erkennen zu können, welche Fragmente sich Euripides herausgegriffen hat.

Erstmals wird die Fahrt der Argonauten, die Eroberung des Vlieses und die Flucht mit Medeas Hilfe in dem Epos Naupaktia im 8. Jh. v. Chr. genannt. Von diesem Epos sind aber nur einige wenige Fragmente erhalten.[2]

Auch in Hesiods Theogonie wird erwähnt, dass Medea, die Tochter des Königs Aietes, von Jason, dem Sohn des Aison, mit nach Jolkos genommen wurde, nachdem er die von König Pelias gestellten Aufgaben vollbracht hatte. Er nahm Medea zur Frau und sie brachte den Sohn Medeios zur Welt.[3] Doch in einer anderen Überlieferung ist Medeios der Sohn von Medea und Ägeus, was wiederum eine Trennung von Jason und Medea voraussetzt.[4]

Auf Vasenmalereien wird gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. dargestellt, wie die Töchter des Pelias ihren Vater zerstückeln und in einen Kessel geben, weil Medea ihnen versprach ihren Vater zu verjüngen. Medea aber ist verärgert, denn Pelias schickte Jason nur auf die Reise um das Vlies zu holen, weil dieser hoffte Jason ginge dabei zugrunde. Deshalb verweigert sie die Verjüngung und Pelias stirbt. Dabei zeichnet sich bereits eine Abschwächung einzelner Mythenbestandteile ab. „Die berühmte Argonautenfahrt wird so degradiert zu einem Ergebnis politischer Intrige eines Usurpators, der dafür bestraft wird.“[5] Hier schwingt natürlich auch ein gewisser Bedeutungswandel Medeas mit. Von der guten und helfenden Zauberin zu einer, die ihre Fertigkeiten auch zu Rachezwecken einsetzt.

Doch in Pindars 4. Pythischer Ode (462 v. Chr.), das älteste vollständig erhaltene und zusammenhängende Werk über den Medea Mythos, ist von einer Verschlechterung des Medea Bildes wiederum kaum etwas zu merken. Jason ist der absolute Held der Sage und Medea seine ihn durch Zaubereien unterstützende Helferin. Kein Brudermord und auch keinerlei Streitigkeiten, wie 30 Jahre später bei Euripides, tauchen hier auf.[6]

Anhand dieser verschiedenen Ausprägungen des Medea Mythos lässt sich zeigen, dass man nicht von einer einheitlichen Sicht, nicht von „einer“ Medea sprechen kann. Jede Epoche „bastelt“ ihr eigenes Medea Bild, so wie sie es gebrauchen kann. So sieht es Johannes Gascard[7] und unter Berücksichtigung auf die verschiedenen Ausprägungen und Überlieferungen des Medea Mythos, kann das durchaus als plausibel anerkannt werden.

3. Der Medea Mythos in der euripidäischen Überlieferung

Wie im vorigen Kapitel erwähnt, hat Euripides verschiedene Stränge der Überlieferung zusammengebracht und somit „seine“Medea[8] entworfen. Es soll kurz aufgezeigt werden, welche Fragmente des Medea Mythos Euripides verwendet hat.

Gleich zu Beginn der Tragödie beklagt die Amme (der Söhne Medeas), dass es besser gewesen wäre, wenn die Argo niemals nach Kolchis gefahren wäre, denn Jason hat seine Kinder und seine Frau verraten, indem er die Tochter des Königs Kreon geheiratet hat. Ebenfalls erwähnt die Amme den Tod des Pelias durch seine Töchter, die von Medea dazu überredet wurden. Zu den weiteren Umständen wird kein Hinweis gegeben (EUM, V. 1ff.).

Dass Euripides nur sehr knapp auf den Mord des Pelias eingeht, ihn aber ansonsten nicht weiter beachtet, ist für die Handlung nur insoweit von Bedeutung, als dass es erklärt, warum Jason mit Medea aus Jolkos flüchten muss und nach Korinth kommt. Sie wollen dem Zorn der Anhängerschaft des Pelias entkommen.

Auch der Ehebruch Jasons ist, wie oben erwähnt, zu Beginn der Handlung bereits vollzogen. Die Amme erzählt dem Erzieher, noch bevor Medea das erste Mal die Bühne betritt, dass es Medea schlecht gehe wegen Jason und dass sie Angst um die Kinder habe, denn „ihr [Medeas, M. R.] Zorn, ich weiß es wohl, [r]uht nicht, bevor er einen niederschmetterte“ (EUM, V. 93f.). Ebenfalls ahnt die Amme den Mord an Kreon, seiner Tochter und Jason bereits voraus (EUM, V. 39-42). Dann folgt die Ausarbeitung des Racheplans. Wobei Medea erst im Dialog mit Jason auf die Idee kommt ihren Plan noch einmal zu ändern, denn er erzählt ihr, dass es ihm bei der Heirat lediglich um Rettung der Kinder und Medea gehe. Dabei kommt sie von dem Plan ab Jason zu töten, stattdessen will sie die Kinder ermorden. Denn als der Chor fragt, ob sie das wirklich machen wolle, antwortet sie: „So kränk ich meinen Gatten auf das bitterste.“ (EUM, V. 817) Und das ist genau das, was sie vorhat.

4. Der Umgang Christa Wolfs in Medea. Stimmen mit den Mythologemen Brudermord, Mord an der Königstochter und Kindsmord und der daraus resultierenden Mythenentstehung

Der Stoff des Medea Mythos hat sich Christa Wolf nach eigener Aussage im Interview mit Petra Kammann „aufgedrängt“[9]. Dies nahm sie zum Anlass ihren eigenen Roman Medea. Stimmen zu schreiben. Wobei sie erleichtert zu sein schien als sie in ihre Tagebuchnotizen vom 11. November 1991 schrieb: „Medea hat in den älteren Überlieferungen ihre Kinder nicht umgebracht, dies hat erst Euripides ihr erfunden.“[10]

[...]


[1] So verschieden die Überlieferungen sind, unterscheiden sich auch die Schreibweisen verschiedener Namen. Ich werde hier nicht alle Möglichkeiten aufzählen, sondern mich auf eine Schreibweise beschränken.

[2] Vgl. Naupaktia (Fragmente). In: Malcolm Davies (Hg.): Epicorum Graecorum fragmenta. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 145-149.

[3] Vgl. Hesiod: Theogonie. Griechisch und Deutsch. Übers. u. hg. v. Otto Schönberger. Stuttgart: Reclam 1999, S. 75-77 (Verse 956-1002).

[4] Vgl. hierzu auch Christoph Steskal: Medea und Jason in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Aktualisierungspotential eines Mythos. Regensburg: S. Roderer 2001 (Theorie und Forschung 739; Literaturwissenschaften 31), S. 62ff.

[5] Ebd., S. 64.

[6] Vgl. Pindarus: 4. Phytische Ode. In: Ders.: Pindars Dichtungen. An Hand d. nachgelassenen Aufzeichn. Franz Dornseiffs bearb. u. neu hrsg. von Wilhelm Haupt. Übertr. und erl. von Franz Dornseiff. Leipzig: Insel-Verlag 1965, S. 85-97.

[7] Vgl. Johannes R. Gascard: Medea-Morphosen. Eine mytho-psychologische Untersuchung zur Rolle des Mann-Weiblichen im Kulturprozeß. Berlin: Duncker & Humbolt 1993 (Sozialwissenschaftliche Schriften 24), S. 43.

[8] Euripides: Medea. Tragödie. Deutsch von J. J. C. Donner. Stuttgart: Reclam 2008 (=EUM). Es werden im Folgenden die Verse angegeben.

[9] Christa Wolf: Warum Medea? Im Gespräch mit Petra Kammann am 25.1.1996. In: Dies.: Medea. Stimmen. Roman. Voraussetzungen zu einem Text. München: Luchterhand 2001, S. 252.

[10] Christa Wolf: Tagebuchnotizen. In: Dies.: Medea. Stimmen. Roman. Voraussetzungen zu einem Text. München: Luchterhand 2001, S. 220.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640390625
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132871
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Geistes- und Kulturwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Medea Medeia Christa Wolf Brudermord Kindsmord Glauke Mythengenese Genese Mythenentstehung Euripides voreuripideische Überlieferung Kolchis Mythos

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Titel: Christa Wolfs "Medea. Stimmen"