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Das Ruhrgebiet – Eine Betrachtung von Siedlungsraum, Kultur und Identität vor dem Hintergrund des strukturellen Wandels der Region

Hausarbeit 2003 25 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Sozioökonomische Aspekte des Strukturwandels
2.1. Wirtschaftlicher Strukturwandel - Der Prozess der Deindustrialisierung
2.2. Gesellschaftlicher Strukturwandel - Um- und Neuorientierung

III. Siedlungsraum Ruhrgebiet - Wandel der städtebaulichen Leitbilder und Weiterentwicklung der Siedlungsstruktur
3.1. Entwicklung der Siedlungsstruktur von Beginn der Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg
3.2. Stadtentwicklung und Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg
3.2.1. Die Bedeutung von Grünflächen in der Stadtplanung der Nachkriegszeit
3.2.2. Die Inhalte einer ökologisch orientierten Stadtplanung in der Gegenwart
3.3. Exkurs: Neue Einkaufszentren im Ruhrgebiet

IV. Das Projekt Internationale Bauausstellung Emscher Park – Verknüpfung von Industrie, Siedlung, Kultur und Natur
4.1. Leitideen, Akteure und erste Bilanz der IBA Emscher Park
4.2. Die Neu- und Umgestaltung von Gartenstädten als Beispiel für neue Wohnkultur
4.3. Kulturregion Ruhrgebiet
4.3.1. Kultur: Sinnstifter – Standortfaktor – Wachstumsbranche
4.3.2. Bedeutung von Industriekultur
4.3.3. Industriekultur im Rahmen der IBA - Ausgewählte Beispiele für die Umnutzung alter Industriegebäude als neue Kultureinrichtungen
4.3.3.1. Der Duisburger Innenhafen
4.3.3.2. Der Landschaftspark Duisburg-Nord
4.3.3.3. Kultur in der Stadt Oberhausen
4.3.3.4. Die Zeche Zollverein in Essen

V. Region Ruhrgebiet? - Gibt es eine regionsspezifische Identität?

VI. Ausblick – welche Zukunft hat das Ruhrgebiet?

VII. Literatur

VIII. Links

I. Einleitung

Das Ruhrgebiet, mit einer Fläche von 4433km2, einer Einwohnerzahl von 5,4 Millionen und einer Bevölkerungsdichte von 1230 Einwohnern pro Quadratkilometer (in der Bundesrepublik Deutschland sind es 229 Einwohner/ km2) der größte industrielle Ballungsraum in Europa, besitzt unzählige Aspekte, die lohnenswert wären zu analysieren. Geschichte, Bevölkerung, industrielle Entwicklung, Stadtentwicklung, Kultur, Verkehr, Wirtschaft, Natur, Ökologie, Bodenbeschaffenheit, Politik, Bildungswesen, soziale Struktur, Religion, und vieles mehr können inhaltlich eine eigene wissenschaftliche Arbeit ausfüllen.

Ziel dieser Hausarbeit ist die darstellende Analyse der Entwicklung des Siedlungsraumes, der Kultur und der Identität der Bevölkerung vor dem Hintergrund des tiefgreifenden Strukturwandels, der durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst statt fand und immer noch statt findet. Aufgrund der Fülle an Literatur wird kein Anspruch auf eine vollständige Darstellung erhoben. Es soll vielmehr versucht werden, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Komponenten aufzuzeigen und ein Gesamtbild über das Ruhrgebiet zu vermitteln. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Themenbereichen der Stadtplanung und der Kultur. Es soll anhand von historisch-wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen heraus gearbeitet werden, wie das Ruhrgebiet im Laufe der letzten vier Jahrzehnte den Weg zu einer Kulturlandschaft betreten hat und seine Vergangenheit als industrielles Zentrum von wirtschaftlicher Bedeutung mehr und mehr hinter sich lässt. Darüber hinaus soll der Frage nachgegangen werden, wie die Bevölkerung diesen Veränderungen gegenüber steht.

Die gesamte Arbeit muss immer vor dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel in der Bundesrepublik Deutschland betrachtet werden. Er ist ein weltweiter – besonders in den westlichen Industrieländern – im Rahmen der Globalisierung ablaufender Prozess, der etwa in der Mitte der 50er Jahre einsetzte und sich bis in die Gegenwart in schnellem Tempo vollzog und noch keineswegs abgeschlossen ist. Er macht sich nicht allein wirtschaftlich im Sinne der Sektorentheorie Fourastiés, die die Verschiebung des Arbeitsplatzschwerpunktes vom agrarwirtschaftlichen, primären zum industriellen, sekundären Sektor und von diesem zum tertiären Dienstleistungssektor erklärt, bemerkbar, sondern auch gesellschaftlich im Sinne des allgemeinen Wertewandels und der Veränderung von Lebensstilen. Hinzu kommen demographische Veränderungen, die sich in der Bundesrepublik Deutschland sehr stark äußern. Die Bevölkerung wird durchschnittlich immer älter, was langfristig eine innovative Sozialpolitik erfordert.

Die Arbeit gliedert sich in vier Bereiche. Zu Beginn wird die Phase der Deindustrialisierung, die in der ersten Kohlekrise ihren Anfang findet, nachgezeichnet. Diese Phase geht über in den grundlegenden wirtschaftlichen Strukturwandel. Mit diesem geht ein gesellschaftlicher Strukturwandel einher, der in vielerlei Hinsicht völlige Neuorientierung bedeutet.

Im Folgenden soll näher auf den Siedlungsraum Ruhrgebiet eingegangen werden. Es wird differenziert zwischen der siedlungsstrukturellen Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg und den nach 1945 gewandelten städtebaulichen Leitbildern und Stadtplanungen. Hierbei wird gesondert auf die ökologischen Komponenten dieser Leitbilder eingegangen, da sie maßgeblich zum heutigen Baustil im Ruhrgebiet beigetragen haben bzw. es noch immer tun. In einem Exkurs soll auch auf die Entwicklung großer Einkaufszentren eingegangen werden.

Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit dem Großprojekt Internationale Bauausstellung Emscher Park, dass von 1988 bis 1998 kennzeichnendes strukturumgestaltendes Merkmal des Ruhrgebiets war. Nach der Erläuterung der Ziele und Leitideen der IBA soll auf die Inhalte dieses Projektes eingegangen werden. Zum einen waren siedlungsverändernde Maßnahmen von Bedeutung. Es handelt sich hierbei um die Sanierung von alten Arbeiterwohnsiedlungen aus industrieller Zeit. Zum anderen spielt die Kultur eine ganz entscheidende Rolle. Die kulturelle Inszenierung alter Industrieanlagen und die Errichtung von zahlreichen neuen, kulturell bedeutenden Objekten hat die gesamte Struktur im Ruhrgebiet. Sie wird von Stadtplanern und Politikern auch als entscheidender Einflussfaktor für ein regionales Identitätsgefühl gesehen. Ob dem so ist, soll im vierten Teil erörtert werden. Zum Schluss werden zukunftsweisende Prognosen und Entwicklungen dargestellt und offene Fragen diskutiert.

II. Sozioökonomische Aspekte des Strukturwandels

2.1. Wirtschaftlicher Strukturwandel - Der Prozess der Deindustrialisierung

Im Ruhrgebiet setzte der Strukturwandel mit der ersten Kohlekrise zu Beginn der 50er Jahre ein. Die bis dahin bedeutende Produktion von Kohle verlor mehr und mehr an Bedeutung, da die Kohle zunehmend durch andere Energieträger wie z. B. Erdöl und Erdgas substituiert wurde. Zudem wurde gerade im Rahmen der zunehmenden Internationalisierung vermehrt billiger hergestellte Kohle aus den USA importiert. Sie konnte dort aufgrund der geologischen Lagerverhältnisse günstiger abgebaut werden. Die fortschreitende Technologie trug ebenfalls ihren Anteil zur Krise bei. So führte beispielsweise die zunehmende Verwendung von Dieselloks zu einem sinkenden Anteil des Steinkohleverbrauchs. „Beim Endenergieverbrauch sank der Anteil der Steinkohle (und der Steinkohlenprodukte) von 49,4% im Jahr 1958 auf 10,7% im Jahr 1972, während der Anteil von Mineralölen im gleichen Zeitraum von 17,6% auf 60,0% stieg (besonders im Verkehrs- und Haushaltssektor).“[1] Man versuchte der daraus folgenden Überproduktion an Kohle mit der „Mechanisierung des Abbaus und der Steigerung der Arbeitsproduktivität“[2] entgegenzuwirken. Auf diese Weise wurden nach und nach Zechen geschlossen, was zu einer großen Anzahl an Entlassungen und schließlich zu einer zunehmenden Abwanderungsrate aus dem Ruhrgebiet führte. Die erste Kohlekrise wurde in den 60er Jahren durch den Rückgang der inländischen Nachfrage, den weltweit fortschreitenden Konkurrenzdruck und eine zunehmende Substituierung der Steinkohle verschärft und führte zur sogenannten zweiten Kohlekrise. Die unmittelbar auf die Kohlekrisen folgende erste Ölkrise und die zweite Ölkrise in den 80er Jahren führten zu einer weltweiten wirtschaftlichen Krise, die das Ruhrgebiet deutlich zu spüren bekam. Mehr oder weniger parallel setzte in der Mitte der 70er Jahre die Krise in der Eisen- und Stahlindustrie ein. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehrere hunderttausend Arbeitsplätze abgebaut, für die es mittelfristig keinen Ersatz gab. Bis zum Jahr 2000 stieg die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet von 3,3% im Jahr 1974 auf 12,2%, wobei sie in den Jahren 1987/88 mit 15,1% ihren höchsten Wert erreichte. Einhergehend mit der wirtschaftlichen Krise wanderte ein erheblicher Anteil der jüngeren, höher qualifizierten Arbeitskräfte ab und hinterließ eine eher sozial schwache, von einem hohen Ausländeranteil geprägte Bevölkerungsgruppe. Die sozialen Probleme verschärften sich. Obwohl im Ruhrgebiet eine zunehmende Zahl von Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor zu verzeichnen war, konnte diese die Zahl der verlorenen Arbeitsplätze im industriellen Sektor längst nicht kompensieren. Die beschäftigungspolitischen Folgen der Krise in der altindustriellen Region Ruhrgebiet konnten bis heute nicht ausgeglichen werden. Zwar wurde versucht, die Krise durch den Ausbau von Bildungseinrichtungen zu beheben, doch die Strukturprobleme waren zu tiefgreifend. Zudem erfolgen politische Maßnahmen in erster Linie durch die Landesregierung Nordrhein-Westfalens und diese war in ihren finanziellen Mitteln sehr beschränkt. Auch die staatliche Förderung der Kohle konnte daran nichts ändern.

2.2. Gesellschaftlicher Strukturwandel: Um- und Neuorientierung

Das überwältigende Ausmaß des Strukturwandels machte sich vor allem darin bemerkbar, dass längst nicht nur ökonomische Bereiche betroffen waren, sondern auch ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel statt fand und noch immer statt findet, der von der Pluralisierung der Lebensstile bis hin zu völlig veränderten Grundlagen in der modernen Arbeitswelt reicht.[3] Auch bildungspolitische Aspekte spielten eine zunehmende Rolle, insbesondere hinsichtlich der steigenden Problematik eines zunehmenden Ausländeranteils, von der Nordrhein-Westfalen in besonderem Maße betroffen ist. Selbstverständlich ist auch die fortschreitende Globalisierung ausschlaggebend für die genannten Aspekte und macht eine tiefgreifend fundierte Planung umso notwendiger.

Im Rahmen von Landesentwicklungsplänen sollten seit den 70er Jahren gezielt der Städtebau und die Stadtentwicklung gefördert werden. Neben der Verbesserung der Gewerbe- und Industriestrukturen wollte man auch den Freizeit- und Erholungswert des Ruhrgebietes durch die Ausweisung von Grünflächen steigern. Neue städtebauliche Leitbilder mit den Zielen einer ökologischen und urbanen Qualität, der Verbesserung der unzureichenden Infrastruktur und der Förderung sozialer und kultureller Einrichtungen kamen auf. Sie legten den Grundstein für einen grundlegenden Wandel in der Region, sowohl wirtschaftlich, als auch sozial und kulturell gesehen.[4] Diese neuen Leitbilder müssen auch vor einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik gesehen werden. In der Literatur spricht man von einem zunehmenden Wertewandel, der im Laufe der 70er Jahre einsetzte. Dieser Wertewandel ist gekennzeichnet durch sich verändernde Haushaltsstrukturen, sich wandelnde spezifische Lebensstile und im weitesten Sinne auch eine grundlegende Neuorientierung im Bereich Arbeit und Freizeit. Für den Bereich Arbeit ist eine Veränderung des Normalarbeitsverhältnisses im Rahmen der neuen Erfordernisse an die Dienstleistungsgesellschaft charakteristisch. Als Stichworte seien hier nur die Forderung nach einem hohen Maß an Flexibilität und die starke Technisierung bzw. Computerisierung des Arbeitsplatzes genannt. Im Folgenden soll nun genauer auf die Folgen des gesellschaftlichen Wandels innerhalb der Städte und im Bereich Kultur eingegangen werden. Durch den zunehmenden Rückgang der Geburtenrate seit den 60er Jahren - auch als sogenannter ‚Pillenknick’ bezeichnet - stieg die Zahl der Einpersonenhaushalte bzw. der Singlehaushalte beträchtlich an, was eine grundlegende Umorientierung in der Wohnungsmarktpolitik erforderte. Familien ziehen vermehrt in die peripheren Gebiete in ein ‚Häuschen im Grünen’. Dieser Suburbanisierungstrend machte sich auch im Ruhrgebiet bemerkbar und ist gekennzeichnet durch den Aus- und Umbau von sogenannten Gartenstädten. Auf die Gartenstädte wird unter Punkt 4.2 näher eingegangen. Die Singlehaushalte finden sich in erster Linie in den innenstadtnahen Bereichen und in der City, was eine spezifische Angebotsstruktur für diesen Teil der Städte erfordert. Die zunehmende Bedeutung von Freizeit und Vergnügen in der oft titulierten Erlebnis- oder Spaßgesellschaft führt ebenfalls zu sich wandelnden Konstruktionen des Raumes, z. B. durch die Errichtung von riesigen Erlebnisparks. Insgesamt liegen die Schwerpunkte des nachzuholenden Urbanisierungsprozesses im Ruhrgebiet also auf den folgenden Schwerpunkten: Schaffung von qualitativ hochwertigem Wohnraum unter besonderer Berücksichtigung der Bereiche Freizeit, Ökologie und Kultur.

III. Siedlungsraum Ruhrgebiet – Wandel der städtebaulichen Leitbilder und Weiterentwicklung der Siedlungsstruktur

3.1. Entwicklung der Siedlungsstruktur von Beginn der Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg

Um die in den folgenden Punkten aufgeführten städtebaulichen Maßnahmen nachvollziehen zu können, soll zunächst kurz ein Überblick über die Siedlungsstruktur des Ruhrgebietes in der Zeit der Industrialisierung gegeben werden.

Die Struktur der städtischen Siedlungen wurde von Detlev Vonde treffend mit seinem Buchtitel „Revier der großen Dörfer“ beschreiben.[5] Im 18. Jahrhundert waren die Siedlungen im Ruhrgebiet vorwiegend ackerbaulich geprägt. Viele Einzelhöfe waren ungeordnet im Raum verstreut. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Siedlungsbild. Aufgrund der beginnenden Industrialisierung und dem damit vorhandenen großen Arbeitsplatzangebot konnte die Region enorme Zuwanderungsströme, davon viele aus Preußen und Polen, verzeichnen. Die Bevölkerung siedelte sich vorwiegend in der Hellwegzone an, was zu einer schnellen Verdichtung des Raumes führte. Zu Beginn entstanden die Siedlungen noch weiter entfernt von den Zechengeländen, später wurden speziell für die Bergbauarbeiter eigene Kolonien direkt bei den Zechenanlagen angelegt. Diese werkseigenen Siedlungen wiesen nur einen sehr geringen Komfort auf und waren reine Arbeiterwohngebiete. Im Laufe der Zeit weiteten sich die Siedlungen bis in die Emscherzone aus. Zudem entstanden in wachsendem Maße Mietwohnungen. Die Lage der Siedlungen orientierte sich an den ausfallenden Eisenbahnlinien und den vorhandenen Flussläufen, die Siedlungen selbst hatten bereits in dieser Zeit teilweise gartenstadtähnlichen Charakter. Kennzeichnend für die siedlungsstrukturelle Entwicklung dieser Zeit ist jedoch eine völlig planlose Bauweise kreuz und quer durch die vorhandene Landschaft. So entstand ein ungeordnetes Siedlungsbild aus Industrieanlagen und Wohnsiedlungen, welches umso unstrukturierter wurde, je schneller die Zahl der Bevölkerung anstieg.[6] Auf diese Weise verdichtete sich der Raum und besonders die großen Städte der Hellwegzone wuchsen funktional und verkehrstechnisch immer mehr zusammen. Auf diese Weise bildete sich die noch heute für das Ruhrgebiet charakteristische polyzentrische Siedlungsstruktur heraus. Die Region ist also ein polyzentrischer Ballungsraum[7].

3.2. Stadtentwicklung und Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Zerstörungen der Städte im zweiten Weltkrieg stellten nur einen kurzen Einschnitt in die siedlungsstrukturelle Entwicklung dar. Kurz nach dem Krieg strömten Vertriebene zurück in das Ruhrgebiet, die Bevölkerungsverluste waren in kurzer Zeit wieder ausgeglichen.

Das Siedlungswachstum und die Stadterneuerung nach dem zweiten Weltkrieg ist geprägt von mehreren Aspekten: auf der einen Seite spielt die Modernisierung, Erneuerung und Weiterentwicklung eine bedeutende Rolle in den Bauprojekten der Stadtplaner, auf der anderen Seite sollen Grundzüge der alten Industriesiedlungen bewahrt werden. Letztere sollen durch umfassende Sanierungsprojekte mit Beteiligung der seit Jahrzehnten dort lebenden Bergbaubevölkerung realisiert werden. In den meisten Bauvorhaben wurden diese zwei Aspekte schließlich miteinander verbunden.

Die freien, dem Wohnungsbau zur Verfügung stehenden Flächen, waren jedoch schnell bebaut und eine in Verbindung mit der zunehmenden Motorisierung stehende Stadt-Rand-Wanderung setzte ein. Großflächig angelegte Siedlungen entstanden am Rande der Stadtbezirke. Zu Beginn konnte parallel zu Investitionen in den Außenstadtbereichen auch noch in den Wohnungsbau und in die Infrastruktur der Innenstädte investiert werden, aber die steigenden Bodenpreise und das Bundesbaugesetz von 1960 verhinderten schließlich die Fortführung wohnungsbaulicher Maßnahmen. Die Qualität der Wohnungen in den Innenstädten sank daraufhin, ein weiterer Verlust der Wohnbevölkerung durch Abwanderung war die Folge. Während sich nun in der City zunehmend Einzelhandelsgeschäfte, Banken und Büros niederließen, suchten sich die großen Einkaufszentren neue Standorte im nahgelegenen Umland, um räumlich näher an ihren potentiellen Kunden sein zu können. Auf die Entwicklung großer Einkaufszentren wird im Exkurs unter Punkt 3.3 genauer eingegangen.

In den 60er Jahren wurde eine große Anzahl von städtebaulichen Entwicklungs- und Planungsprogrammen aufgestellt, die im wesentlichen alle das Konzept von sogenannten Siedlungsschwerpunkten und Zentralen Orten[8] verfolgten. In der Ausführung bedeutete dies neben einer Neustrukturierung der Siedlungsfläche und der Verwendung ungenutzter Brachen auch den Abriss von veralteten Werkssiedlungen. Ziel war eine nachhaltige Flächensanierung und die Verhinderung von weiteren Suburbanisierungstendenzen.

Im Laufe der 60er Jahre stieg durch viele Eingemeindungen der Umfang der einzelnen Städte enorm an und führte zu einem vergrößerten Maß an Anonymität zwischen den Bürgern und der jeweiligen kommunalen Verwaltung. Bevölkerung und Industrie erforderten einen grundlegenden Ausbau des Verkehrsnetzes und der institutionellen Versorgungseinrichtungen, wie z. B. der Abwasser- und Abfallbeseitigung. Hierfür war eine kommunale Zusammenarbeit notwenig. So kam es dazu, dass der im Jahr 1920 gegründete Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk in den späten 70er Jahren zum Kommunalverband Ruhrgebiet umgetauft wurde. Zu seinen Aufgaben gehörten bzw. gehören neben den verkehrsbezogenen und institutionellen Aufgaben auch die Stadtentwicklungsplanung und die Sicherung von Grün- und Freiflächen. Letzteres gewann besonders seit etwa 1975 an Bedeutung. Deshalb soll diesem Aspekt mit Punkt 3.2.2. ein gesonderter Abschnitt gewährt werden.[9]

Der Kommunalverband Ruhrgebiet sollte auch dazu dienen, die bestehende Konkurrenz unter den Zentren zu verringern. Durch das Fehlen eines höchstrangigen Zentrums im Gesamtraum des Ruhrgebiets, was auf die bereits erwähnte polyzentrische Struktur zurück zu führen ist, folgt eine Überlagerung städtischer Teilräume. Zudem besteht zwischen den einzelnen Oberzentren keine Funktionsteilung, was ebenfalls zu erhöhter Konkurrenz führt. Hinzu kommt, dass es eine Vielzahl von Subzentren gibt. In ihnen wurden Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung vorgenommen, um eine stärkere Inanspruchnahme seitens der Bevölkerung zu erzielen. Auf diese Weise werden die Cities der Oberzentren entlastet und spezifische oberzentrale Funktionen von den Subzentren übernommen.

[...]


[1] Goch, Stefan: Eine Region im Kampf mit dem Strukturwandel. Bewältigung von Strukturwandel und Strukturpolitik im Ruhrgebiet. Essen, 2002. S. 161

[2] Ebd. S. 162

[3] Wood, Gerald: Projektorientierte Planung im Ruhrgebiet. Die internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park. In: Habrich, Wulf/ Hoppe, Wilfried (Hrsg): Strukturwandel im Ruhrgebiet. Perspektiven und Prozesse. Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur. Dortmund, 2001.

[4] Goch, Stefan: Eine Region im Kampf mit dem Strukturwandel. Bewältigung von Strukturwandel und Strukturpolitik im Ruhrgebiet. Essen, 2002.

[5] Blotevogel, Hans Heinrich: Das Ruhrgebiet – Vom Montanrevier zur postindustriellen Urbanität? In: Heineberg, H./ Temlitz, K.(Hrsg.): Strukturwandel und Perspektiven der Emscher-Lippe-Region im Ruhrgebiet. Geographische Kommission für Westfalen. Aschendorff Verlag GmbH und Co. KG. Münster, 2003.

[6] Kersting, Ruth/ Ponthöfer, Lore (Hrsg.): Wirtschaftraum Ruhrgebiet. Cornelsen & Schroedl Gmbh & Co. Berlin, 1990.

[7] Definition ‚Ballungsraum’ nach Leser: in der Regel gleichbedeutend mit Ballungsgebiet verwendet. (...)

Definition ‚Ballungsgebiet’: (...) größeres Gebiet (...) in dem mindestens 500.000 Einwohner bei einer Bevölkerungsdichte von mindestens 1000 Einwohner/ km2 leben.(...)meist durch Verdichtungsraum bzw. Agglomerationsraum ersetzt, weil er sich aus ökologischer Sicht mit Negativwertungen verbindet, z.B. Lastraum, für den ein ökologischer Ausgleich nötig ist.

[8] Definition ‚Zentraler Ort’ nach Leser: Standort – in der Regel als Stadt oder städtische Siedlung verstanden -, an dem zentrale Dienste und Güter für die Versorgung eines Umlands, des Einzugsbereiches, angeboten werden. Ein Z.O besitzt Zentralität, d.h. Bedeutungsüberschuß (sic! Y.M.) über die Versorgung der eigenen Bevölkerung hinaus.

[9] Kersting, Ruth/ Ponthöfer, Lore (Hrsg.): Wirtschaftraum Ruhrgebiet. Cornelsen & Schroedl Gmbh & Co. Berlin, 1990.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640415403
ISBN (Buch)
9783640411863
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132866
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Ruhrgebiet Eine Betrachtung Siedlungsraum Kultur Identität Hintergrund Wandels Region

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