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Der ontologische Gottesbegriff bei Rene Descartes

Seminararbeit 2003 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

GLIEDERUNG

I. 1. Einleitung
2. Begriffsklärung

II. Der ontologische Gottesbeweis bei Anselm

III. Der ontologische Gottesbeweis bei Descartes
1. Zu Descartes
2. Die III. Meditation
3. Die V. Meditation
4. Erläuterungen zur Wechselwirkung der Beweise

IV. Kritik an Descartes

V. Bibliographie

I.1. Einleitung

Lässt sich Gottes Existenz aus reiner Vernunft, unabhängig von der Erfahrung und unabhängig vom religiösen Glauben beweisen? Der Glaube an Gott hat im menschlichen Denken eine lange Tradition und zeigt sich, soweit Zeugnisse Aufschluss geben. Viel jünger hingegen sind die Versuche, diesen Glauben an Göttliches zu rationalisieren und die Existenz Gottes zu beweisen[1].

Das ontologische Argument ist eines der berühmtesten philosophischen Argumente. Erstmals um 1100 von Anselm von Canterbury formuliert, wurde dieser Beweis in der mittelalterlichen Philosophie neben anderen Beweisen zur Geltung gebracht, bald darauf abgelehnt, bis er mit dem spätmittelalterlichen Nominalismus hinfällig geworden zu sein schien. In der rationalistischen Metaphysik des 17. und 18. Jahrhundert lebte er jedoch wieder auf und wurde als der wichtigste und zentrale Gottesbeweis betrachtet. Er galt entweder als der einzige Weg zur vernünftigen Erkenntnis Gottes oder zumindest als jener Beweis, in den alle anderen Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, mündeten[2].

Im Folgenden werde ich zunächst einleitend Anselms Versuch, die Existenz Gottes zu beweisen, kurz darstellen und daraufhin die Argumentation Descartes in der 3. und 5. Meditation rekonstruieren und erläutern. In der Diskussion um die Gültigkeit des Beweises werde ich abschließend auf die wesentlichen Einwände der Kritiker eingehen.

I.2. Begriffsklärung

Der Begriff Ontologie setzt sich aus den beiden aus dem Griechischen stammenden Wörtern „on“ und „Logos“ zusammen. „On“ bedeutet das „Seiende“ und „Logos“ bedeutet „Aussage“, „Lehre“. Übersetzt wird der Begriff Ontologie mit dem Begriff „Seinslehre“, der Lehre des Seins. Als allgemeinste Sach- und Seinslogik ist die Ontologie eine der Grunddisziplinen der Metaphysik. Sie betrachtet Seiendes nicht unter einer eingeschränkten Hinsicht, sondern wie es in seiner umfassenden Seiendheit ist[3]. Die Grundfrage in der Ontologie lautet also „Was ist?“.

Bei dem ontologischen Gottesbeweis wird die Existenz, das Dasein Gottes aus dem Begriff hergeleitet. Auch wenn Anselm diesen Beweis bereits etwa 1077 in seinem kleinen Werk „Proslogion“ durchführte, wurde er erst im 18. Jahrhundert, erstmals von Kant, der „ontologische Gottesbeweis“ genannt[4].

II. Der ontologische Gottesbeweis bei Anselm von Canterbury

Anselm von Canterbury wurde 1033 in Aosta, Piemont, geboren und starb am 21.04.1109 in Canterbury. Er war der Hauptvertreter der Lehre des Augustinus und gilt als Begründer der Scholastik. Im Universalienstreit vertrat er einen extremen Realismus. Nachdem Anselm in ein Benediktinerkloster eintrat wurde er Abt desselben, später wurde er, bis zu seinem Tod, Erzbischof von Canterbury. Anselm war davon überzeugt, dass der Glaube der philosophischen Erkenntnis vorausgeht und die Wahrheit Teilhabe am wahren ewigen Sein Gottes und somit mehr als bloße Erkenntnis ist. Seine Überzeugung von diesem Verhältnis fasst er in einem Satz zusammen, den er von Augustinus übernimmt: „Credo, ut intelligam“[5].

Anselm hat versucht, das Dasein Gottes aus dem Gottesbegriff abzuleiten. Er suchte als Ausgangspunkt einen Beweisgrund, der voraussetzungslos ist. Dafür wählte er den reinen Begriff von Gott. Das Verständnis von Gott sei, gemäß der Definition und gemäß dem Glauben, das Größte, was gedacht werden kann[6]. Jeder, selbst der Ungläubige oder Dumme, muss Gott als „etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“ („quo maius cogitari non potest“)[7] verstehen. Im menschlichen Geiste existiert also die Idee Gottes als des absolut Größten, wobei Größe hier die größtmögliche Seinsmöglichkeit bezeichnet. Hieraus folgert Anselm nun, dass wenn Gott im Verstande existiert, er auch in der Wirklichkeit existieren muss. Denn nur im Verstande zu existieren ist geringer als sowohl im Verstande als auch in der Wirklichkeit zu existieren. Dem bloß vorgestellten Gott würde sonst also eine Vollkommenheit, das Sein, fehlen. Der Gott als denkbar Größtes muss demnach auch wirklich sein: „es existiert also ohne Zweifel etwas, über das hinaus man nichts Größeres denken kann, sowohl im Verstande wie in der Wirklichkeit“[8].

Anselm konnte also mit seinem extremen Realismus die Existenz Gottes versuchen zu beweisen. Er formulierte, dass, wenn Allgemeines um so wahrer, realer und umfassender sei, Gott aber das vollkommenste Allgemeine, so sei in dieser seiner Allumfassendheit seine Existenz logisch inbegriffen. „Gott ist, weil ich Vollkommenheit nicht denken könnte, wenn es ihn nicht gäbe“[9].

Descartes kannte den ontologischen Gottesbeweis Anselms nur durch seine Kritiker, wahrscheinlich durch Thomas von Aquin: das Proslogion kannte er nicht[10]. Von daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass er in seiner Argumentation nicht an Anselm anknüpft. Wie im Folgenden noch näher erläutert wird, definiert Descartes Gott nicht als etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, sondern bestimmt ihn als absolut vollkommenes Wesen. Er setzt voraus, dass die Existenz eine Vollkommenheit ist und dem Allervollkommensten nicht fehlen kann, somit muss Gott existieren.

Nicht nur in der Form der Argumentation sondern auch in der Intention unterscheiden sich die Beweise. Während Anselm ein gläubiger und religiöser Mensch war und an der Existenz Gottes sicher gar nicht zweifelte, hat der Beweis bei Descartes ausschließlich einen philosophischen und nicht religiösen Charakter. Descartes verwendet den Begriff Gott für ein Absolutes[11], es geht ihm nicht um den Gott, an den der Christ glaubt, während Anselm das, was er als Christ glaubt, zu rationalisieren versucht.

[...]


[1] Vgl.: Röd, Wolfgang. Der Gott der reinen Vernunft. München 1992, S. 11 Z. 1-7

[2] Vgl.: Röd, Wolfgang. Der Gott der reinen Vernunft. München 1992, S. 13 Z. 1-15

[3] Vgl.: Halder, Alois. Philosophisches Wörterbuch. Freiburg 2002, S. 233 Z. 12-22

[4] vgl.: Halder, Alois. Philosophisches Wörterbuch. Freiburg 2002, S. 129 Z. 4/5

[5] vgl.: Lange, Erhard; Alexander, Dietrich (Hg.). Philosophenlexikon. Berlin 1982 S. 39 Z. 30-34

[6] vgl.: Halder, Alois. Philosophisches Wörterbuch. Freiburg 2002, S. 129 Z. 5/6

[7] vgl.: Röd, Wolfgang. Der Gott der reinen Vernunft. München 1992, S.59 Z. 3-5

[8] vgl.: Weischedel, Wilhelm. Die philosophische Hintertreppe. S. 89 Z.4-6

[9] vgl.: Jacoby, Edmund. Philosophen. 50 Klassiker. Hildesheim 2002, S.118 Z. 2-3

[10] vgl.: Röd, Wolfgang. Der Gott der reinen Vernunft. München 1992, S. 77 Z. 6-9

[11] vgl.: Röd, Wolfgang. Der Gott der reinen Vernunft. München 1992, S. 59 Z. 3-6

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638189705
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13278
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Gottesbegriff Rene Descartes Proseminar Einführung Philosophie

Autor

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