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Geschlechtsunterschiede im Spracherwerb? Versuch eines Forschungsüberblicks

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 32 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftstheoretische Hintergründe der Fragestellung
2.1 Interdisziplinarität
2.2 Rechtfertigungsproblematik der Fragestellung

3. Männersprache vs. Frauensprache: Der Dimorphismus von Sprache als Konstrukt der Wissenschaften?

4. Ähnlichkeiten und Unterschiede im Spracherwerb von Jungen und Mädchen: Empirische Befunde zur Relevanz der Variable Geschlecht
4.1 Beginn und Tempo des Spracherwerbs
4.2 Phonologie, Phonetik und Intonation
4.3 Syntax
4.4 Lexikon und Semantik
4.5 Pragmatik und kommunikative Kompetenz
4.6 Diskussion der empirischen Befunde

5. Hinweise auf den Zusammenhang von Geschlecht und Spracherwerb: Theoretische Erklärungsmodelle
5.1 Biologische Argumentation
5.2 Kognitionspsychologische Argumentation
5.3 Sozialisationstheoretische Argumentation
5.4 Diskussion der Ergebnisse

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während der Themenbereich von Geschlechtsunterschieden in der Sprache als fester Bestandteil soziolinguistischer Forschung etabliert ist, scheint sich die Einordnung der Frage nach Differenzen im Spracherwerb von Jungen und Mädchen weitaus schwieriger darzustellen. Zwar beschäftigen sich nicht wenige Untersuchungen mit dem Zusammenhang von Geschlechtszugehörigkeit und Spracherwerbsstil; eine eindeutige und umfassende Arbeit zu diesem Themengebiet scheint jedoch nicht vorzuliegen. Methodische Mängel der betreffenden Untersuchungen, wie beispielsweise die zu geringe Größe der Samples und die wenig geeignete, aber doch häufig verwendete Form der Querschnittsuntersuchung, werden von vielen Überblicksarbeiten beklagt. Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der Forschung zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Geschlecht und Sprachentwicklungsform bzw. -verlauf beim natürlichen Erstspracherwerb von Kindern anzubieten.

Hierzu möchte ich zunächst die wissenschaftstheoretischen Implikationen der Fragestellung beleuchten, wobei ich bereits kurz die angedeutete Interdisziplinarität und die Rechtfertigungsproblematik von Geschlechterstudien im allgemeinen skizziere. Im dritten Kapitel werde ich in einer ausschnitthaften Zusammenstellung die wichtigsten Ergebnisse der soziolinguistischen Forschungen zur Gegenüberstellung von Männer- und Frauensprache thematisieren, um später beurteilen zu können, inwieweit Geschlechtsunterschiede in Sprach- und Kommunikationsstil schon in der Kindheit angelegt sind bzw. inwieweit sie dem Kind im Rahmen der Sozialisation als rollenadäquate Verhaltensmuster nahegelegt werden. Der Hauptteil meiner Arbeit, der im wesentlichen die Kapitel 4 und 5 umfasst, gliedert sich in zwei Teile: Zunächst sollen einige empirische Befunde zum Einfluss des Geschlechtes auf den Spracherwerb vorgestellt werden, wobei ich die unterschiedlichen Phasen bzw. Ebenen des Spracherwerbs trenne, um eine differenziertere Betrachtung der Problematik zu ermöglichen. Wie sich herausstellen wird, scheint die empirische Praxis allein nur in sehr begrenztem Umfang aussagekräftige Ergebnisse zu liefern, so dass im fünften Kapitel verschiedene theoretische Erklärungsmodelle auf ihre Relevanz für die hier behandelte Fragestellung hin geprüft werden sollen: Biologische Theorien sollen dabei ebenso Beachtung finden wie kognitionspsychologische und sozialisationstheoretische Ansätze. Abschließend werde ich versuchen, eine allgemeine Einschätzung des Forschungsdiskurses zu geschlechtstypischen Formen der Sprachentwicklung und deren Ursachen vorzunehmen, wobei zu betonen sein wird, wie wichtig die Analyse der gesellschaftspolitischen Voraussetzung für die Bewertung von Ergebnissen der Wissenschaft zu sein scheint.

2. Wissenschaftstheoretische Hintergründe der Fragestellung

Die vorliegende Fragestellung stellt ein komplexes Forschungsgebiet dar, welches auf seine wissenschaftstheoretischen Implikationen hin geprüft werden muss, um nicht der Gefahr anheimzufallen, einseitige, unhinterfragbare und damit letztlich wertlose Informationen hervorzubringen. Daher sollen an dieser Stelle zumindest zwei Aspekte skizziert werden, deren Relevanz für die Frage nach geschlechtstypischen Eigenschaften im Spracherwerb auch in der Forschungsliteratur - wenn auch manchmal eher zwischen den Zeilen - zum Ausdruck kommt.

2.1 Interdisziplinarität

In dieser Arbeit und damit zugleich in dem ihr zugrunde liegenden Fragehorizont treffen unterschiedliche Disziplinen aufeinander, deren Ergebnisse gleichermaßen interessant und wichtig erscheinen. Schon der Forschungsbereich Spracherwerb impliziert zwei unterschiedliche Perspektiven: Psychologie und Linguistik gehen hier Hand in Hand, ihre Methoden und Erkenntnisinteressen überschneiden sich, so dass inzwischen auf eine lange Tradition psycholinguistischer Forschungstätigkeit und damit zugleich auf fruchtbare Ergebnisse zurückgegriffen werden kann. Die Dimension der Geschlechtstypizität bringt eine weitere Disziplin in das Blickfeld der Forschung: Mit der spezifischen Suche nach interindividuellen Unterschieden, die eine bestimmte Gruppe der Sprechergemeinschaft von anderen unterscheidet, beschreitet der Forscher zusätzlich zur psycholinguistischen Basis soziolinguistisches Terrain. Die Gesellschaft, ihre Organisation und Struktur, die Hierarchien und Machtverhältnisse, oder aber ganz allgemein: die Beziehungen und Interaktionen zwischen sich unterscheidenden Individuen müssen analysiert werden, um die Tragweite der Fragestellung erfassen zu können. Gerade in Hinblick auf die Berücksichtigung von Machtverhältnissen scheint auch die politische Ebene von Bedeutung, auf der sich gesellschaftliches handeln einerseits besonders deutlich manifestiert; andererseits besteht hier jedoch auch die Möglichkeit, theoretische Ergebnisse der Forschung auf ihre praktische Relevanz im gesellschaftlichen Alltag hin zu hinterfragen.

Über die rein linguistische Analyse der beteiligten Disziplinen hinaus sollten jedoch auch die Forschungsansätze der ‘gender studies’ nicht unberücksichtigt bleiben. Die hier anzutreffende grundlegende Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) auf der einen und dem sozialen Geschlecht (gender) auf der anderen Seite trägt zusätzliche Disziplinen in die Debatte um geschlechtstypische Elemente des Spracherwerbs ein: Während die Dimension sex vor allem die biologischen Erkenntnisse zu anatomischen bzw. biochemisch bedingten Unterschieden der Geschlechter impliziert, so scheint die soziale Konstruktion von Geschlechtlichkeit ein beinahe unüberschaubares Geflecht von interessierten Forschungsdisziplinen mit sich zu bringen: So bezeichnet Susan Ehrlich das soziale Geschlecht „gender as a construct shaped by historical, cultural, social and interactional factors.“[1] Geschichtliche, kulturelle, soziale und interaktionale Strukturen und Entwicklungen müssen somit bedacht werden, will man sich mit der Frage nach der Bedingtheit von Geschlechterrollen ernsthaft auseinandersetzen.

Eine differenzierte Betrachtung aller angesprochenen Ebenen und Disziplinen würde den Rahmen dieser Arbeit sicherlich sprengen. Dennoch scheint es von Bedeutung, zumindest den interdisziplinären Charakter der vorliegenden Fragestellung hervorzuheben, um diesem trotz begrenzter Möglichkeiten der Differenzierungen gerecht zu werden, indem unterschiedliche Ergebnisse aus verschiedenen Forschungsgebieten thematisiert werden.

2.2 Rechtfertigungsproblematik der Fragestellung

Kontroversen über Vorgehensweise, Interpretationen von Ergebnissen und die theoretische oder praktische Relevanz der Fragestellungen sind Bestandteile jeder Wissenschaftsdisziplin. Auf dem Gebiet der Geschlechterforschung wird jedoch außer der Frage, was erforscht werden soll und wie dies geschehen soll, gleichzeitig die Frage gestellt, ob die Suche nach Geschlechtsunterschieden überhaupt sinnvoll ist, ob Geschlechterforschung stattfinden soll. Als Gründe gegen die systematische Erforschung von geschlechtstypischen Verhaltensweisen oder Eigenschaften werden ein unmittelbar implizierter Sexismus und die Bestärkung von negativen Stereotypen über Frauen vorgebracht.[2] Darüber hinaus, so die Kritiker, werden geringe Unterschiede gegenüber den viel größeren Gemeinsamkeiten überbetont, so dass den Unterschieden zwischen den Geschlechtern weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als den mindestens ebenso interessanten Differenzen innerhalb eines Geschlechtes. Auch Janet Bing und Victoria Bergvall weisen auf die Gefahr einer Bestätigung und Verfestigung von Geschlechtsunterschieden und -polaritäten hin: „Linguists must realize that when they publish answers to the question, ‘How do women and men speak differently?’, their discoveries of difference may be used for the purpose of strengthening gender polarization.“[3] Sie weisen darauf hin, dass neue Metaphern gefunden werden müssten, die eingefahrene Dichotomien und simplifizierende Gegenüberstellungen zugunsten eines Kontinuums von Entwicklungsoptionen in den Hintergrund drängen und deutlich machen „that different members of groups share some, but not all characteristics.“[4]

Während Kritiker aufgrund der dargestellten Vorbehalte Geschlechterforschung grundsätzlich zurückweisen, lassen sich auch Gründe für die Erkundung von Differenzen zwischen den Geschlechtern finden. Eagly, der klarstellt, dass geschlechtsorientierte Untersuchungen häufig als politisierende Mythologien missverstanden werden[5], sieht die Vorbehalte gegenüber der Erforschung von Geschlechtsunterschieden in der Angst begründet, dass die Mängel und Defizite von Frauen aufgedeckt würden. Diese Befürchtung scheint ihm jedoch vollkommen unbegründet, da in vielen Untersuchungen die Frauen gerade nicht als unterlegen oder schwach gekennzeichnet würden. Auch Diane F. Halpern weist darauf hin, dass nur über die sorgfältige Untersuchung der Unterschiede die wichtigeren Gemeinsamkeiten entdeckt und dass Vorurteile und Stereotypen über Frauen oder Männer nur so auf ihre empirische Basis hin geprüft werden könnten.[6] Sie schreibt hierzu:

The only alternative to knowledge is ignorance. And ignorance does not counter stereotypes or dispel myths. (...) High quality research is the only way that we can determine if and when females and males are likely to differ. It is the only way that we can reject false stereotypes and understand legitimate differences.[7]

In diesem Sinne scheint die Suche nach Geschlechtsunterschieden dort berechtigt, wo nicht Stereotypen und Vorurteile unreflektiert bestätigt und verfestigt werden, sondern diese in die Voraussetzungen der Analyse mit einbezogen werden. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit scheint darüber hinaus zu sein, dass die Forscher angesichts ihrer Fragestellung nach den Differenzen nicht vollkommen die ebenso bedeutsamen Gemeinsamkeiten der Geschlechter aus den Augen verlieren.

3. Männersprache vs. Frauensprache: Der Dimorphismus von Sprache als Konstrukt der Wissenschaften?

Es kann nicht zentrale Aufgabe dieser Arbeit sein, die jeweiligen Charakteristika der Männer- bzw. Frauensprache detailliert auf ihre Nachweisbarkeit und empirische Basis zurückzuführen. Dennoch erscheint es von Bedeutung, zu erwähnen, dass soziolinguistische Untersuchungen, die sprachliche Unterschiede der Geschlechter behaupten, spätestens seit den 60er Jahren in den USA zu finden sind und dass heute die Tatsache, dass Frauen und Männer sich hinsichtlich ihrer ‘Sprache’ (was auch immer im einzelnen darunter verstanden wird) unterscheiden, kaum noch bestritten wird. Problematisch erscheint jedoch, dass die empirische Basis der vielen erschienenen Untersuchungen zu diesem Thema noch immer relativ schwach ist und größtenteils aus Auswertungen gemischtgeschlechtlicher Diskussionsgruppen besteht, welche sich oft aus Personen des universitären Bereichs zusammensetzen.[8] Fraglich wäre damit, ob sich die Sprache von Frauen untereinander von der Sprache, die Männer untereinander sprechen, wirklich unterscheidet[9], oder ob nicht weniger die Geschlechtsvariable, sondern eher die gesellschaftspolitische Position, der Machtstatus der Frauen als Faktor im gemischtgeschlechtlichen Diskussionsstil höher gewichtet werden müsste. So weist auch Arnold Langmayr darauf hin, dass die „Geschlechtsvariable zu undifferenziert [ist], um hier [i.e. in der Untersuchung von Geschlechtsunterschieden im Kommunikationsverhalten] aussagekräftige Resultate zu ergeben. In Beziehung mit weiteren Variablen ist ihre Verwendung erfolgversprechender.“[10] Langmayr verdeutlicht, dass bereits die Beachtung des Geschlechtes beider Interaktionspartner oder die nähere Analyse von deren Verhältnis zueinander weitaus aussagekräftigere Ergebnisse hervorbringen kann. Eine differenziertere Betrachtung der Kommunikationssituation und des pragmatischen Kontextes müsste demnach mehr in die Analyse geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens einbezogen werden.

Trotz der thematisierten Vorbehalte gegenüber eindeutiger Unterscheidungen zwischen Männersprache und Frauensprache, die konzeptuell einen Dimorphismus von Sprache implizieren, der einer Realität kaum zu entsprechen vermag, die von großen intrageschlechtlichen Diversitäten und einer kaum zu überblickenden Vielfalt von Sprachstilen geprägt ist, sollen an dieser Stelle wesentliche Ergebnisse der Forschung kurz skizziert werden, um herauszuarbeiten, inwieweit sich diese Tendenzen im Sprachverhalten eventuell durch unterschiedliche sprachliche Sozialisation von Jungen bzw. Mädchen erklären lassen.

Auf der Ebene der Phonologie, Phonetik und Intonation tendieren Frauen grundsätzlich eher dazu, sich den Normen und den Erwartungen der sie umgebenden Sprachgemeinschaft anzupassen: So ist bei Frauen in städtischer Umgebung häufiger eine standardsprachliche Aussprache, in ländlichen Gebieten hingegen eine dialektale Realisierung von Lauten zu finden.[11] Die Tendenz der Anpassung an die soziale Norm der Bezugsgruppe scheint nicht nur auf den Bereich der Phonologie bzw. Phonetik beschränkt zu sein: Joan Swann schreibt hierzu: „One consistent finding across these studies is that female speakers, all other things being equal, tend to use more ‘prestige’ or standard forms of language than their male counterparts.“[12] Schon 1925 befand Jespersen über die Frauen, dass diese sich in ihrer Wortwahl „im ‘Mittelfeld’ der Sprache [befinden], [sie] verwenden zudem eine primitivere Syntax als Männer, reden schneller als diese, aber dafür inhaltsärmer.“[13] Besonders wichtig erscheinen jedoch die Unterschiede im Interaktions- und Gesprächsverhalten: Hier gilt die grundsätzliche Annahme, dass der Kommunikationsstil von Frauen eher kooperativ erscheint, während Männer dazu neigen, kompetitive Gesprächsstrukturen zu suchen.[14] Frauen messen der Beziehungskomponente und der positiven affektiven Tönung in ihren sozialen Interaktionen größere Bedeutung bei, wohingegen Männer eher sach- und lösungsorientiert kommunizieren.[15] Darüber hinaus nennen Linke et al. folgende Merkmale:

„In Gesprächen reden Frauen normalerweise weniger lang als Männer (...). Frauen werden öfter unterbrochen, sie bestimmen weniger oft als Männer das Thema eines Gesprächs, sie tendieren zu ich-Aussagen (...), während Männer eher zu verallgemeinernden Aussagen neigen (...), Frauen verwenden häufiger sogenannte ‘tag-questions’ (...).“[16]

Selbst wenn diese Aussagen über Unterschiede im Gesprächsverhalten von Frauen und Männern, wie oben bereits angedeutet, in ihrer allgemeinen Gültigkeit zu hinterfragen sind, so zeigt sich in ihnen doch zumindest eine nicht nur von Wissenschaftlern geteilte Erwartungshaltung: Die Merkmale der Frauensprache entsprechen eher dem sogenannten „low-power-style“[17], dem Sprachstil des in Bezug auf gesellschaftlichen Status und Sozialprestige unterlegenen Interaktionspartners.

Während das herausgearbeitete typisch weibliche Sprachverhalten lange Zeit als defizitär gegenüber den ergebnis- und lösungsorientierten Gesprächsstrategien von Männern interpretiert wurde, betonen Forscher heute eher die spezifischen und durchaus unterschiedlichen Qualitäten der jeweiligen Interaktionsstile. Die unterschiedlichen Erklärungsansätze für geschlechtsspezifisches oder eher geschlechtstypisches Sprachverhalten sollen an dieser Stelle nicht thematisiert werden, da sie in engem Zusammenhang zu den in Kapitel 5 ausgeführten theoretischen Modellen zur Erklärung eines Zusammenhangs zwischen Geschlecht und Spracherwerb stehen. Vielmehr möchte ich nun, da die grundsätzlichen Zuschreibungen von unterschiedlichen sprachlichen Verhaltensweisen zu den Geschlechtern skizziert wurden, zum eigentlichen Hauptteil meiner Arbeit kommen und die Frage stellen, inwieweit sich die sprachlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern schon im Prozess des natürlichen Spracherwerbs manifestieren.

4. Ähnlichkeiten und Unterschiede im Spracherwerb von Jungen und Mädchen: Empirische Befunde zur Relevanz der Variable Geschlecht

Empirische Untersuchungen bilden die Grundlage jeglicher ernstzunehmender Theoriebildung. Daher sollen an dieser Stelle zunächst empirische Ergebnisse von Untersuchungen vorgestellt werden, die sich mit der Frage nach Geschlechtsunterschieden im Spracherwerb auseinandergesetzt haben. Dabei werden die wesentlichen Bereiche der Sprachentwicklung nacheinander betrachtet, um systematisch nach Ähnlichkeiten oder aber Unterschieden im Spracherwerb von Jungen und Mädchen zu fragen.

4.1 Beginn und Tempo des Spracherwerbs

Die Ergebnisse von Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden in der präverbalen Phase der Sprachentwicklung sind alles andere als einheitlich. Gisela Klann-Delius fasst dies folgendermaßen zusammen:

So wurde ermittelt, daß Jungen in den ersten Lebensmonaten häufiger schreien und weinen als Mädchen, während Mädchen insgesamt häufiger spontan vokalisieren als Jungen. (...) Dieser wiederholt gemachten Beobachtung stehen jedoch zahlreiche andere Studien entgegen, die keine Unterschiede in der Vokalisierungshäufigkeit bei Jungen und Mädchen feststellen. (...) Eine raschere Sprachentwicklung und eine größere verbale Produktivität der Mädchen läßt sich weder beweisen noch widerlegen.[18]

[...]


[1] Ehrlich, Susan: Gender as a social practice: Implications for Second Language Acquisition. In: Studies in Second Language Acquisition 19 (4) (1997). S. 421

[2] Vgl. Halpern, Diane F.: Sex differences in cognitive abilities. 2. Auflage. Hillsdale, New Jersey 1992. S. 3

[3] Bing, Janet M. / Bergvall, Victoria L.: The Question of Questions: Beyond Binary Thinking. In: J. Coates [Hrsg.]: Language and Gender. A Reader. Oxford 1998. S. 505

[4] Bing / Bergvall (1998). S. 506

[5] Eagly schreibt hierzu: „Scholarship on gender is all too often dismissed as politicized mythology.“ Eagly, A.H.: On the advantages of reporting sex comparisons. In: American Psychologist 45 (1990). S. 560

[6] Halpern (1992). S. 4

[7] Ebd.

[8] Vgl. Pieper, Ursula: Tendenzen geschlechtsrollentypischen Verhaltens in der Eltern-Kind-Kommunikation. In: Der Deutschunterricht 45 (3) (1993). S. 41

[9] Vgl. hierzu die Untersuchung von Mieke de Boer: Sex differences in language: Observations of Dyadic Conversations between Members of the Same Sex. In: Dédé Brouwer / Dorian de Haan [Hrsg.]: Women’s Language, Socialization and Self-image. Dordrecht 1987. S. 148-163. De Boer findet zwar partielle Unterschiede, sie betont jedoch, dass diese nicht die Aussagen der Theorie über Geschlechtsunterschiede in der Sprache (‘interactional’ character als spezifisch weiblicher Sprachstil) abdecken.

[10] Langmayr, Arnold: Sprachpsychologie. Ein Lehrbuch. Göttingen u.a. 1997. S. 538

[11] Vgl. Linke , Angelika / Nussbaumer, Markus / Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. 3. unveränderte Auflage. Tübingen 1996. S. 319

[12] Swann, Joan: Girls, Boys, and Language. Oxford 1992. S. 24

[13] zitiert nach Grimm, Hannelore / Engelkamp, Johannes: Sprachpsychologie. Handbuch und Lexikon der Psycholinguistik. Berlin 1981. S. 79

[14] Vgl. hierzu auch den Abschnitt über „Konsensorientierung vs. Konfliktorientierung“ in Linke et al. (1996). S. 322 und Swann (1992). S. 28

[15] Vgl. Chasiotis, Athanasios / Voland, Eckart: Geschlechtliche Selektion und Individualentwicklung. In: Heidi Keller [Hrsg.]: Lehrbuch Entwicklungspsychologie. Bern u.a. 1998. S. 581

[16] Linke et al. (1996). S. 320

[17] Ng, Sik Hung / Bradac, James J.: Power in language: verbal communication and social influence. Newbury Park u.a. 1993. S 47

[18] Klann-Delius, Gisela: Welchen Einfluß hat die Geschlechtszugehörigkeit auf den Spracherwerb des Kindes? In: Linguistische Berichte 70 (1980). S. 65f.

Details

Seiten
32
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638189644
ISBN (Buch)
9783638676403
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13272
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Erstspracherwerb gender studies Geschlechterdifferenzen Sprachentwicklung

Autor

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Titel: Geschlechtsunterschiede im Spracherwerb? Versuch eines Forschungsüberblicks