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Kann man Bewusstsein neurobiologisch erfassen und erklären?

Diplomarbeit 2009 98 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

L-S-PROBLEM IM SPANNUNGSFELD PHILOSOPHIE – NEUROBIOLOGIE
Aktualität des Leib-Seele-Problems
In wessen Kompetenzbereich fällt das Leib-Seele-Problem
Die Aufgabe der Philosophie – Was ist die Aufgabe der Neurobiologie

DAS LEIB-SEELE-PROBLEM
Wo sind die grundlegenden Probleme?
Kulturelle Vorraussetzungen für das Leib-Seele-Problem

DUALISMUS
Substanzdualismus
Eigenschaftsdualismus
Kritikpunkte am Dualismus

MATERIALISMUS
Reduktionistischer Physikalismus
Nichtreduktionistischer Physikalismus
Kritik am Materialismus

ALLGEMEINE THEORIEN ZUM GEIST-KÖRPER-ZUSAMMENHANG
Die Theorie der Supervenienz
Die Vorteile der Supervenienz in der Neurophilosophie
Die Theorie der Emergenz
Schwache Emergenz
Starke Emergenz
Emergenz im Bereich kognitiver Neurowissenschaften

SINGERS KONZEPT DER GEISTENTSTEHUNG
Evolution und Aufbau des Gehirns
Die Organisation der Ebene des Nervensystems
Wie wird Mentales im Gehirn repräsentiert?
Von Repräsentationen zum Bewusstsein
Metarepräsentation
Nutzen der Metarepräsentation
Ich-Erfahrung und Selbstkonzept
Frühkindliche Ontogenese
Gene und Gelerntes
Die Ebene des Geistes

KRITISCHER TEIL
Grundlegende kritische Betrachtung der Emergenztheorie
Kritische Analyse der Verwendung der Emergenztheorie bei Singer
Wie versteht Singer Emergenz?

FEHLER UND UNZULÄNGLICHKEITEN IN DER BEGRIFFSSPRACHE
Naturalistische Fehlschlüsse und Hermeneutische Projektionen
Begriffliche Fehler
Begriffliche Fehler vermeiden

ÜBERGANG VON ERSTER-PERSON ZU DRITTER-PERSON
Brückentheorien
Erste-Person versus Dritte-Person
Erklärungslückenproblematik
Wie versteht Singer das Phänomen des subjektiven Erlebens?
Das „Innere Auge“
Das Selbst als Soziales Konstrukt
Sozial vermittelte Phänomenale Gegenstände

KONKLUSIO
Was wurde geklärt?
Welche Fragen bleiben offen?
Abschließende Worte

LITERATURLISTE

EINLEITUNG

„Dies Neue, Unbegreifliche, ist das Bewusstsein. Ich werde jetzt, wie ich glaube, in sehr zwingender Weise dartun, dass […] das Bewusstsein aus seinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar ist, was wohl jeder zugibt, sondern auch, dass es der Natur der Dinge nicht aus diesen nicht erklärbar sein wird. Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglich nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen, […] und der ebenso unmittelbar schließenden Gewissheit, also bin ich. Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken [der Atome] Bewusstsein entstehen könnte.“[1]

In dieser Rede, die Emil Du Bois-Reymond vor 137 Jahren gehalten hat, äußert er schon den begründeten Zweifel, ob man jemals zu einer reduktionistischen Lösung des Leib-Seele-Konflikts kommen kann. Seit dem letzten Jahrhundert gibt es viele Thesen, die den Zusammenhang zwischen phänomenalen Gegenständen und einer materiellen Basis - deren Resultat sie sind - darstellen sollen: sowohl reduktionistische als auch nicht-reduktionistische Thesen.

Diese Arbeit soll sich mit dem Leib-Seele-Problem im aktuellen Spannungsfeld von Philosophie und Neurobiologie beschäftigen, nicht mit dem Problem per se. Zwischen diesen beiden (rivalisierenden) Wissenschaften herrscht keine Klarheit über die Aufgabenteilung bei einer Lösungsfindung. Gerade aus dieser Konkurrenz heraus entsteht ein beträchtliches Konfliktpotential, aber auch die Möglichkeit, neue Wege zu gehen.

Diese Arbeit versucht zu zeigen, wie moderne kognitive Neurowissenschaften sich um die Beantwortung des Problems bemühen. Es geht vor allem um eine kritische Durchleuchtung der Probleme, die bei diesen Lösungsversuchen entstehen. Die Problematik soll anhand der Thesen des Neurobiologen Wolf Singer aufgezeigt werden. Sein Ansatz ist grundsätzlich nicht reduktionistisch. Für ihn sind Bewusstsein, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit für höchste kognitive Leistungen Ergebnis eines evolutionären Prozesses. Durch Iteration, der immer gleichen Anwendung auf sich selbst, bilden sich im evolutionären Prozess immer komplexer ausgeformte emergente Ebenen.

L-S-PROBLEM IM SPANNUNGSFELD NEUROBIOLOGIE - PHILOSOPHIE

Aktualität des Leib-Seele-Problems

Das Leib-Seele-Problem befasst sich mit dem Zusammenhang von Körper und Psyche. Es wurde in der Tradition der Philosophie heftig diskutiert und erregt auch heute noch die Gemüter. Seine Aktualität bezieht es aus dem Machtkampf zwischen Philosophie und Neurobiologie. In dem Spannungsfeld zwischen empirischen, neurobiologischen Messergebnissen und philosophischer Begriffsanalyse versucht die Neurobiologie der Philosophie die Antwort auf diese Frage nach der Lösung des Leib-Seele-Konflikts streitig zu machen.

In wessen Kompetenzbereich fällt das Leib-Seele-Problem

Lange Zeit waren die Wissenschaften die sich um eine Lösung des Leib-Seele-Problems bemühten, die Philosophie und in geringerem Umfang die Theologie. Seit dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert kommt den empirischen Wissenschaften und deren wissenschaftlichen Ergebnissen immer größere Bedeutung zu.

Doch beim Leib-Seele-Problem geht es nicht primär um die Auslegung empirischer Forschungsergebnisse, sondern „von einer Lösung erwarten wir, dass sie uns auch Klarheit über relevante Begriffe wie physisch, mental oder kausal verschafft. Dass zur Lösung des Leib-Seele-Problems nicht nur Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung, sondern jedenfalls auch logisch-semantische Methoden und auf diesen fußende Analysen in Anschlag gebracht werden müssen, dürfte konsensfähig auch für diejenigen sein, die insgesamt gesehen eher auf die Naturwissenschaften setzen.“[2]

Die Frage der Philosophie – Was ist die Aufgabe der Neurobiologie?

Im Zuge dieses Streits stellt die Philosophie die Kompetenz der Neurobiologie in Frage, dass diese etwas entdecken könnte, was das psychophysische Problem ein für alle Mal lösen würde. „In der Philosophie des Geistes wird nicht zuletzt beklagt, dass neurowissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Mentalen dazu neigen, die Komplexität und Vielfalt des Bewusstseins auszublenden und durch stark vereinfachte Modelle zu ersetzen. Die phänomenale Armut in den Neurowissenschaften gehe weit über das Maß hinaus, das die unabdingbaren Reduktionen wissenschaftlicher Forschung erfordern.“[3]

Die Philosophie empfindet die neurobiologischen Konzepte von Geistigem und Bewusstsein oftmals als reduktiv und eliminativ, in dem Sinne, dass die Neurowissenschaften die für sie unangenehmen Teile des Bewusstseins, wie seine Subjektivität und Erste-Person-Ontologie auslassen, wodurch sie eine nur mangelhafte Erklärung des Leib-Seele-Problems liefern können. Die Neurowissenschaften arbeiteten in ihrem Gebiet der messbaren neuronalen Aktivitäten, indem sie auch alle Phänomene aus der Beobachter-Perspektive analysieren. Die neurobiologischen Erkenntnisse können Auskünfte geben über die Lokalisation neuronaler Aktivitäten, doch sie verfügen nicht über eine adäquate Erklärung, wie diese Aktivitäten mit Erlebnissen von Personen zusammenhängen, und wie aus dem Neuronenfeuer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, eine Innenperspektive, usw. entstehen kann.

Das problematische an der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Neurowissenschaften ist der Anschein, dass sich beide mit dem selben Thema auseinandersetzen. Tatsächlich haben sie verschiedene Aspekte des Mentalen im Visier.

In dieser begrifflichen Verwirrung zwischen lebensweltlicher Alltagsterminologie und neurowissenschaftlichen Begriffen kommt es zu keiner klaren Deckung zwischen neuronalen, messbaren Vorgängen und phänomenologischem Gehalt subjektiver Erfahrungen.

Statt des Konkurrenzkampfes zwischen Philosophie und Neurowissenschaften wäre die Herausforderung der Neurobiologie die Weiterentwicklung des philosophischen Diskurs. „Überdies ist nicht von der Hand zu weisen, dass bei aller Eigenständigkeit der Philosophie des Geistes Erträge der Hirnforschung den Optionsbereich der Begriffs- und Theoriebildung verengen. Philosophische Einwände sind wiederum geeignet, das semantische und systematische Problembewusstsein zu erhöhen und die Grenzen neurowissenschaftlicher Auslegungen und Selbstinterpretationen abzudecken.“[4]

Auf Grund von Missverständnissen über das Wesen der Philosophie und von Unkenntnis über deren Methoden des Lösens, Zerlegens oder Auflösens, wirft die Neurowissenschaft der Philosophie vor allem vor, dass die Philosophie für die Belange der Neurobiologie schlichtweg irrelevant sei, denn die Philosophie will die Natur des Geistes nur mit den Mitteln ebendieses Geistes ergründen und habe dabei in den letzten Jahrtausenden keinen Fortschritt gemacht, wodurch einige Neurowissenschaftler den Beweis sehen, dass das Problem des Bewusstseins nicht durch philosophische Argumente zu lösen sei.

„Die Schlussfolgerung lautet: Die Philosophie darf sich zwar an diesem großen Unterfangen beteiligen, aber ihre Rolle muss die eines ganz untergeordneten Partners sein.“[5] Damit unterschätzt die Neurobiologie die grundlegende Bedeutung der Philosophie gewaltig. Natürlich kann sie nicht mit empirischen Forschungsergebnissen aufwarten, ihre Aufgaben liegen anderorts, nämlich in der logischen Begriffsklärung. Die Philosophie kann zugeben, dass die Sprache der Neurobiologie recht unproblematisch ist, solange sie sich auf die Untersuch des Gehirns und Nervenzellen beschränkt. Sobald die Neurowissenschaft ihr Aufgabengebiet verlässt und die Funktionen des Gehirns mit den geistig-psychischen Funktionen in Zusammenhang bringt, wirf die Philosophie der Neurobiologie vor, „dass Hirnforscher auf unzulässige Weise das Gehirn zum Subjekt geistiger oder emotionaler Zustände zu machen, wenn sie etwa davon reden, dass das Gehirn „bewertet“ oder „entscheidet“. Dies sei ein Kategorienfehler bzw. ein „naturalistischer Fehlschluss“, denn es würden dem Gehirn Tätigkeiten zugeschrieben, die nur in Hinblick auf das bewusste Ich sinnvoll seien.“[6] Die Philosophie sieht darin ihre große Aufgabe, deren Relevanz von der Neurobiologie unterschätzt wird. Die Neurowissenschaften haben ihre Aufgabe bei der Ergründung des Wesens des Geistes indem sie den neuronalen Unterbau für unser psychisches Verhalten und unsere kognitiven Fähigkeiten erforschen. Die Neurowissenschaft kann lediglich synaptische Verbindungen untersuchen, aber eben keine begrifflichen. „In der Philosophie geht es, wie man sagen könnte, nicht um empirische Wirklichkeiten, sondern um logische Möglichkeiten. Ihre Rolle besteht nicht darin, logische Möglichkeiten mit Hilfe prüfbarer Hypothesen zu erklären – denn so etwas kann es gar nicht geben. Vielmehr besteht sie darin, das Sinnvolle (das ja mit den logischen Möglichkeiten übereinstimmt) zu beschreiben oder anzugeben und im Hinblick auf jedes genannte problematische Sprachfragment zu erläutern, welche Wortverbindung Bedeutung haben und – sei es innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft – gebraucht werden können, um etwas Wahres oder Falsches auszusagen.“[7] Der analytischen Philosophie obliegt vor allem die Untersuchung der Begriffe, um damit Begriffsverwirrungen aufzulösen, die einen Großteil des Problems ausmachen. Sie beschäftigt sich mit der Frage der Bedeutung der Begriffe. Entgegen der Neurobiologie arbeitet sie nicht im Bereich der empirischen Verifikation und Falsifikation, sondern im Bereich von Sinn und Unsinn. Sie versucht die Grenzen aufzuzeigen was gesagt und gedacht werden kann. Eine Überschreitung dieser Sinnesgrenzen wäre Unsinn. In destruktiver Hinsicht liegt ihre Aufgabe darin Überschreitungen dieser Sinngrenzen aufzuzeigen.

Empirische wissenschaftliche Thesen bieten eine Annäherung an die Wahrheit, wohingegen die Philosophie keine solche Annäherung bieten kann, denn eine bloße Annäherung an den Sinn wäre weiterhin Unsinn. „Die Philosophie ist Begriffserläuterung durch Beschreibung des von Regeln bestimmten Wortgebrauchs. Solche Beschreibungen gehen der Erfahrung voraus und werden vom Gebrauch relevanter Wörter beim Aufstellen jeder wahren oder falschen empirischen Behauptung vorausgesetzt.“[8]

Die Aufgabe der Philosophie bei der Ergründung der Natur des Geistes kann also nur so aussehen, dass sie versucht den Begriff des Geistes und seiner verästelten logisch-grammatischen Verbindungen zu verwandten Begriffen zu erklären und darzustellen. Sie muss die apriorischen, das Bewusstsein definierenden Merkmale erläutern und Begriffsverwirrungen, hermeneutische Projektionen und naturalistische Fehlschlüsse hinsichtlich unseres Bewusstseins aufklären. Dazu gehören zum Beispiel das Qualiaproblem mit seiner unaussprechlichen und unmittelbaren „Röte des Roten“ oder „Wie es ist bewusst zu sein.“ Die Philosophie steuert also die Begriffsdefinitionen zum Leib-Seele-Problem bei, ohne diese die Neurobiologie ihre empirischen Daten in falsche oder fehlerhafte Begriffskontexte einbettet.

Ein Beispiel der begrifflichen Verwirrung, welches ohne vorherige Reflektion auf die angewendeten Begriffe entsteht, ist die neurowissenschaftliche Aussage, dass das Gehirn denke und folgere, die eine Gehirnhälfte wisse etwas, ohne die andere zu informieren, oder dass das Gehirn Entscheidungen treffen ohne das die Betreffende Person etwas darüber weiß. Dem Gehirn werden somit fälschlich Eigenschaften unterstell wie sie so nur einer Person zukommen können. „Nur Personen können Standpunkte einnehmen, und der Autor trete hinter der Maske des Gehirns auf (was nebenbei das Gehirn zur persona machen würde). Wenn wir, so der Einwand weiter, dem Gehirn personenspezifische Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben und zum Beispiel sagen würden, die Großhirnrinde (statt einer Person) entscheide, dann würde man die Grenze sinnvollen Redens überschreiten.“[9]

Aber nicht nur an diesem Punkt bedarf es einer Einsicht der Neurobiologie: Denn „selbst wenn die Hirnforschung in der Lage seien sollte, die neuronalen Korrelate und Vorraussetzungen auch der kleinsten Seelenregungen anzugeben, so bleibt doch der unvermeidliche [ontologische] „Sprung“ von der Beschreibung neuronaler Prozesse zum unmittelbaren Erleben psychischer Zustände.“[10] Diesen Wechsel der Perspektive kann man nicht allein durch Anschauung lösen, da der Bereich des subjektiven Erlebens der Beobachterperspektive – aufgrund seiner Ersten-Person-Ontologie verschlossen bleiben muss.

Zusammen mit der Philosophie müssen neue Kategorien für unser Denken geschaffen werden, von denen aus das Leib-Seele-Problem neu aufgerollt werden kann, um auch Probleme wie die „Erklärungslückenproblematik“ – den Perspektivenwechsel zwischen erster und dritter Person - enträtselt werden können. Etwaige Lösung des Leib-Seele-Problems nur gemeinsam vonstatten gehen kann. „Denn erst wenn die langen Schatten, die von Begriffsverwirrungen geworfen werden, vertrieben sind, lassen sich auch die Leistungen der Neurowissenschaften angemessen würdigen.“[11]

In dieser Arbeit soll anhand des Konzepts des deutschen Neurobiologen am Max-Plank-Institut Wolf Singers vorgestellt und kritisch beleuchtet werden, zu welchen Fehlern und Missverständnissen es innerhalb eines neurobiologischen Konstrukts kommen kann und wo eine eingehender Auseinandersetzung und engere Zusammenarbeit mit der Philosophie hilfreich gewesen wäre.

DAS LEIB-SEELE-PROBLEM

Leib, Körper, Physisches und Geist, Mentales, Seelisches sind für uns Begriffe mit ganz bestimmten Eigenschaften, wie fest, ausgedehnt, nicht materiell, usw. Das Problem der Leib-Seele-Debatte entsteht aus der wissenschaftlichen Unvereinbarkeit von mentalen und physischen Phänomenen. Das Problem entsteht vor allem in der Wissenschaft, da die alltäglichen Phänomene in der Alltagswelt durchaus nicht in einem unvereinbaren Konflikt stehen.

Wo sind die grundlegenden Probleme?

Die Frage – woraus sich das Konfliktpotential des Leib-Seele-Problems bildet - lässt sich so formulieren: „Wie soll ein immaterielles Gespenst (Geist oder eine Veränderung an ihm, wie etwa ein Schmerz) eine materielle Gliederpuppe (den Körper) in Bewegung setzen können, und wie sollen sich umgekehrt materielle Veränderungen an der Gliederpuppe auf ein immaterielles Gespenst auswirken, das dafür per definitionem keine Angriffspunkte bietet?“[12]

Geist und Körper werden Eigenschaften zugeschrieben, die sich allem Anschein nach nicht widerspruchsfrei kombinieren und sich mit einer gemeinsamen Sprache ausdrücken lassen. Die eigentliche Problematik ergibt sich aus der Unvereinbarkeit der zentralen Thesen, die das Verhältnis zwischen Physischem und Psychischem definieren sollen:

1. Mentales Geschehen ist nicht physisches Geschehen
2. Mentales Geschehen interagiert kausal mit physischem Geschehen
3. Der Bereich des physischen Geschehens ist kausal geschlossen[13]

Diese drei Thesen sind untereinander nicht kompatibel und zwar widersprechen jeweils zwei der dritten.

Wenn mentales Geschehen ist nicht physisches Geschehen ist (These 1), jedoch kausal mit physischem Geschehen interagiert (These 2), durchbricht es die Geschlossenheit physikalischen Geschehens (These 3).

Andererseits kann man nicht sagen, dass sich Mentales und Physisches ontologisch unterscheiden (These 1), jedoch der Bereich des physischen Geschehens kausal geschlossen ist (These 3), wenn Mentales mit physischem Geschehen kausal interagieren soll (These 2).

Die letzte Unmöglichkeit verlangt der ersten These zu widersprechen und Physisches mit Psychischem gleichzusetzen, damit diese kausal interagieren können (These 2) und die ursächliche Geschlossenheit der physischen Welt nicht unterbrechen (These 3).

Wenn diese Annahmen so unvereinbar sind, wie kommt es dann dazu, dass wir ihnen jedoch einzeln durchaus Wahrheit zusprechen müssen? Es scheint, als ob wir es mit einem metaphysischen Problem zu tun haben oder einem Begrifflichen. Würde es dann nicht reichen wenn wir unser Begriffssystem ändern würden, um so die Kompatibilität zwischen den Thesen herzustellen? So einfach ist es nicht, dass Geist und Körper willkürlich mit Eigenschaften zu besetzende Begriffe sind, sondern sie sind tief in unserer Kultur verwurzelt.

Wir unterscheiden in unserem Alltag intuitiv zwischen geistigen und physischen Phänomenen. Dies könnte man als die Quelle für unseren - intuitiv als richtig und wahr empfundenen – Dualismus sehen. Dies entsteht durch die in unserem Selbstverständnis so manifestierte Annahme, dass wir ein autonomes Selbst haben, dass zwar in einem biologisch determinierten Organismus lebt, der von diesem aber als ontologisch verschieden empfunden wird. Wir empfinden Gedanken, Gefühle, usw. anders als unseren Körper. In dieser lebensweltlichen Sichtweise gibt es noch kein Leib-Seele-Problem, da wir unsere Wahrnehmungen als richtig empfinden.

Zu erst muss man aufzeigen „wie und an welcher Stelle es, epistemologisch gesehen, beim Übergang von einem vorwissenschaftlichen Standpunkt überhaupt zu einem Leib-Seele-Problem kommen kann.“[14]

Aus lebensweltlicher Sicht gibt es kein Leib-Seele-Problem, da aus dieser Sicht die Dinge einfach da sind und in vielerlei wechselseitiger Beziehung stehen. Das Problem entsteht erst durch die Hinzufügung der für die Naturwissenschaften wichtigen, oben genannten, dritten Prämisse, der Geschlossenheit physikalischen Geschehens.

Die Physik – hier als Vertreterin für alle empirischen Wissenschaften - geht von ihren Erfahrungen aus, dass sie alle Körper, alles was sich um uns befindet, mithilfe einer ihrer Theorien beschreiben kann. Zum Beispiel die Körperbewegungen mithilfe der Gesetze der Mechanik. Ihre Phänomene stehen in einer wechselseitigen Beziehung und lassen sich lückenlos erklären. „Das physiologische Geschehen, das unser integriertes Verhalten steuert, ist kausal lückenlos. Es gibt in dem neurobiologischen Uhrwerk keine Stelle, an der Episoden des Erlebens nötig wären, damit es weiterläuft.“[15] Die Physik begeht dabei aber den Fehlschluss – auch bekannt als der Zweite Naturalistischen Fehlschluss – die Dinge der Lebenswelt mit den theoretischen Gegenständen ihrer Thesen gleichzusetzen. „Als Folge des Fehlschlusses der ontologischen Hypostasierung ergibt sich nun aber die Forderung, dass die Vollständigkeit der Beschreibung universal, also adäquat bezüglich aller denkbaren Aspekte sein sollte – schließlich „besteht“ unsere Welt ja aus Elektronen, Atomen usw.“[16]

Den universalen Anspruch den, die Physik erhebt, der die dritte These, die der physikalischen Geschlossenheit, zum Leib-Seele-Problem hinzufügt, wirft nun die Frage auf, wie Geist, Bewusstsein, Wille, Selbstbewusstsein, usw. in das physikalische Gesamtbild einzufügen sind. Diese lassen sich in der physikalischen Terminologie nicht korrekt fassen, müssen aber dennoch kausal mit diesen zusammenhängen. Dies lehrt uns der „Satz vom zureichenden Grund“[17].

Das Problem, das sich hieraus ergibt, ist, dass eine physikalische Ursache eine weitere kausal bedingt. In dieser Geschlossenheit ist für einen geistigen, freien Willen kein Platz, da er – wenn er etwas nicht Physisches wäre und nicht im Physischen eingebettet wäre - diese Kausalitätskette unterbrechen würde. Ansonsten müssten wir davon ausgehen, dass der Wille, oder der Geist über den physikalischen Naturgesetzen steht, wodurch deren universale Gültigkeit obsolet wäre. Diese Annahme würde unser kohärentes, physikalisches Weltbild aus den Angeln heben.

Das Argument hierzu lautet: Wenn die physikalische Welt in sich kausal geschlossen ist, unterbricht der Geist, der nicht physikalisch kausal determiniert ist, die Kausalitätskette und damit die Struktur der Welt. Das heißt er würde jenseits der Naturgesetze operieren. Dafür gibt es aber keine empirischen Beweise –welcher Art auch immer – wodurch es negativ als bewiesen angesehen werden muss, dass es keinen

freien Willen in diesem Sinne, also jenseits der physikalischen Naturgesetze stehend, geben kann.

Das hier skizzierte Problem resultiert aus der Verwechslung der vorwissenschaftlichen Bedeutung eines Wortes mit einer nachträglichen wissenschaftlich-theoretischen Neudefinierung eines Begriffs. Hier bezieht sich das auf die Diskrepanz zwischen unserem Verständnis von Leib und Seele zu den wissenschaftlichen Termini Geist und Körper.

Man muss die vorwissenschaftliche Bedeutung eines Wortes beherrschen um es eben von anderen Gegenständen unterscheiden zu können. Zum Beispiel muss man die Bedeutung des Begriffs Wasser kennen, um es von anderen Flüssigkeiten unterscheiden zu können, denn sonst wüsste man gar nicht, welche Eigenschaften des Phänomens unter ein theoretisches Konstrukt integriert werden sollte. Wasser und seine Eigenschaften werden zu dem Konstrukt H2O. Ein Stoff der sich aber nicht wie H2O verhält ist dann per Definition kein Wasser.

Wenn auf diese physikalistischen Thesen diese lebensweltlichen Unterscheidungen (wie hier Körperliches und Geistiges) nicht reduzierbar sind, wird in einer Steigerung des naturalistischen Fehlschlusses, der Lebenswelt der Status einer Scheinwelt zugesprochen, da sie jenseits des Beschreibbaren existiert und damit mit den Dingen in ihr, wie zum Beispiel dem Geist.

Diesem Problem wurden diversen Theorien und Argumente entgegengesetzt, wie unter anderem die Identitätstheorie, reduktionistischen Lösungen, eliminative oder emergente. Im Zuge dieses Leib-Seele-Diskurses entwickelten sich über eine lange Zeit zahllose Lösungsansätze und Theorien.

Dabei gibt es unterschiedliche Herangehensweisen: Grundsätzlich kann man Geistiges und Körperliches als zwei von einander im Wesen unterscheidbare Entitäten sehen. Das wäre die Position, die man im allgemeinen als Dualismus bezeichnet.

Im Unterschied zum Dualismus kann man sie auch als wesensgleich betrachten, das wäre die Position des Monismus. Es gibt drei Abwandlungen des Monismus, wobei nur einer, nämlich der des materialistischen heute noch Bedeutung zukommt. Im Materialismus entstehen geistige Phänomene aus der materiellen Basis und sind auch auf diese zurück zu führen. Dies ist die Position, die heute vor allem in den kognitiven Neurowissenschaften vorherrschend ist.

Im Gegensatz dazu gab es noch den Psychomonismus, die Ansicht, dass alles auf eine rein geistige Basis zurückführbar sein muss.

Als letzteres gab es noch die Ansicht, dass weder Geistiges noch Körperliches der Ausgang von allem ist, sondern, dass beide aus einer dritten Entität resultieren.

Kulturelle Vorraussetzungen für das Leib-Seele-Problem

Das Leib-Seele-Problem kann man als ein Phänomen der westlichen, okzidentalen Kultur sehen. Unter anderem fußt unsere dualistische Sichtweise auf der christlichen Tradition des Abendlandes, die auf der Annahme beruht, dass Körper und Geist zwei von einander unabhängige Entitäten sind. „Einerseits suchen wir, in einer reflexiven Rückbeugung aus dem individuellen Bewusstsein heraus auf unser Inneres zu uns selbst zu kommen. Dort, in diesem Inneren, sei etwas Seelenhaftes. In anderen Kulturen kann das Seelenhaft im Sinne eines mental Belebten überhaupt nicht verortet oder auch im Äußeren verortet werden, weshalb ihnen die Anschauung des und Teilhabe am dort Lebendigen viel wichtiger als die Rückbeugung ins Innere ist. Wir indessen sind es gewohnt, unsere Individualität als Resultat der nach Innerlichkeit auszuzeichnen, die entsprechend gerichteten Bewusstseinsaufwand erfordert. Andererseits verdanken wir den Aufstieg dieser – zunächst ohnmächtig gekehrten Haltung zur global vorherrschenden Kultur einer – im Kulturvergleich – auffälligen Entzauberung der äußeren Welt.“[18]

Die christlich geprägte Kultur des Abendlandes teilt die strikte Aufteilung in körperliche und seelische Phänomene.

Dennoch hat auch die christliche Kultur weit zurückreichende ideologische Wurzeln, die bis Platon und Aristoteles gehen. Von dem britischen Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead stammt der etwas lakonische Ausspruch, dass die gesamte abendländische Philosophie lediglich aus „Fußnoten zu Platon“ bestehe. Hierin erkennt man die offensichtliche Prägung der abendländischen Philosophie und die Übernahme begrifflich problematischer Konstrukte, die sie seit fast zweieinhalb Jahrtausenden mitschleppt.

Platon nahm eine Welt an, die von der Idee des Guten beherrscht wurde. Körperlichem kamen keine guten Attribute zu. Der Körper galt als etwas, das überwunden werden musste um zur Wahrheit zu gelangen.

DUALISMUS

Der Dualismus ist die wesentlich ältere ausformulierte Variante des Leib-Seele-Problems und war bis in die Moderne auch weiter verbreitet als der Monismus.

Die meisten Menschen empfinden intuitiv eine Kluft zwischen körperlichen und geistigen Phänomenen, was dazu führte, dass der Dualismus gegenüber dem Monismus lange Zeit in der Philosophie des Geistes die vorherrschende Position war.

Zum Beispiel vertrat Platon einen expliziten Dualismus, der sich in der von ihm formulierten Seelenwanderung[19] zeigt. Die Seele überlebt den Tod des Körpers und nistet sich in einem neuen Körper ein. Sie muss somit etwas anderes als der Körper sein. Angenommen wird auch, dass die Seele, anders als der Körper nicht materiell ist.

Das Philosophieren in der mittelalterlichen Scholastik ist geprägt von der Unterscheidung zwischen Körper und immaterieller Seele. Diese hatte einen starken Einfluss auf die Ideen des von Rene Descartes formulierten Dualismus. Von Rene Descartes stammt die erste moderne Formulierung des Leib-Seele-Problems im 17. Jahrhundert.

Der Dualismus geht davon aus, dass es zwei voneinander verschiedene ontologische Entitäten im Universum gibt, nämlich Geistiges und Materielles. Er bedient damit unsere ureigene Empfindung, dass Geistiges etwas anderes als Körperliches sein muss. Speziell der Dualismus muss deswegen eine plausible Erklärung darüber abgeben können, wie der Geist mit der physischen Welt verbunden ist oder in Interaktion mit ihr steht, und ob beide überhaupt in irgendeiner Form korrelieren. Leibniz zum Beispiel nahm an, dass Geist und Körper in eine präsabilierten Harmonie, welche von Gott eingerichtet, wurde, nebeneinander existieren, ohne jemals wirklich in eine Interaktion zu treten. Andere wie zum Beispiel Descartes, nahmen an, dass es irgendwo im Körper einen Punkt geben muss, der als Schnittstelle zwischen Geistigem und Materiellem fungiert. Auch moderne Dualisten gehen davon aus, dass so ein Punkt im Gehirn existieren muss.

Es gibt viele Auffassungen um dieses Problem zu lösen. Unterscheiden kann man aber prinzipiell in Substanzdualismus und Eigenschaftsdualismus.

Substanzdualismus

Der Substanzdualismus nimmt gemäß dem dualistischen Grundtenor zwei - sich in ihrer Substanz unterscheidende - Entitäten im Universum an, materielle Gegenstände und immaterielle Geister. Der wohl berühmteste und bedeutendste Vertreter dieser Lösungsansatzes war René Descartes. Descartes kam zu der Einsicht, dass dieses Ich - das Subjekt, der Geist - kein Körper sein kann und von dieser physischen Entität verschieden sein muss. Er sagt, dass man bezweifeln kann, einen Körper zu haben, nicht aber, dass Ich nicht bin. Aus dieser Schlussfolgerung, dass der Körper bezweifelt werden kann, nicht aber der Geist, zog er die Konsequenz, dass dieses geistige Ich kein Körper sein kann. Er bewies die Existenz dieses geistigen Ichs in seinen „Meditationen prima philosophia“. „Ich kann mir klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich klar und deutlich vorstellen kann, ist zumindest prinzipiell möglich. Also ist es zumindest prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Da also Geist und Materie verschiedene Entitäten sein müssen, ist der Dualismus folglich wahr.“[20]

Die Prämisse dieses Argumentes mutet heute seltsam an und wirkt zweifelhaft. Der sprachlogische Schluss, dass etwas möglich sei, nur weil es klar und deutlich vorgestellt werden kann, ist heute nicht mehr gültig. Wir können uns auch Einhörner oder Marsmenschen vorstellen, ohne automatisch davon auszugehen, dass diesen deshalb ebenfalls Realität zukommen würde. Deshalb finden sich heute kaum noch Vertreter dieses Substanzdualismus.

Eine heute noch vorherrschende Theorie zum Substanzdualismus ist der Interaktionistische Dualismus. Er stammt in maßgeblicher Weise von den von Descartes formulierten Thesen ab und hat auch noch heute Anhänger wie zum Beispiel Karl Popper und John Eccles. Die grundlegenden Ideen sind die, dass Geist und Materie verschiedene Substanzen sind, und sie gegenseitig aufeinander wirken können.

Wenn ich mir mit der Nadel in den Finger steche, so werden von dort Signale in das Gehirn geleitet und dort muss es eine Stelle (ein Konvergenzzentrum) geben, wo das Gehirn auf den immateriellen Geist wirkt. Genau so funktioniert es in die andere Richtung: Wenn ich Schmerzen habe, so wirkt der immaterielle Geist auf das Gehirn. Die zentrale Prämisse von Karl Popper und John Eccles teilt die Wirklichkeit in drei Ebenen: in die 1. Welt, die des Physischen, in die 2. Welt, die der mentalen Prozesse und die in 3. Welt, die die Bewusstseinsinhalte enthalten soll.

Ein Objekt kann durchaus mehreren dieser unterschiedlichen Welten zugeordnet werden. Als Beispiel wird hier das Gemälde von Caspar David Friedrich „Mönch am Meer“ angegeben, das in der ersten Welt eine Größe, ein Gewicht und einen Ort darstellt. Die Stimmungen, Gefühle und Gedanken, die zur Entstehung dieses Bildes führten, sind laut Popper Teile der zweiten Welt und schließlich würde es als Gegenstand der Kunst und Ideengeschichte zur dritten Welt gehören.

Karl Poppers zentrales Argument stützt sich darauf, dass es eine Wechselwirkung zwischen der physischen und der ideellen Welt gibt. Er glaubt ableiten zu können, dass die physische Welt - erste Welt - unter dem Einfluss der ideellen dritten Welt stehe, da diese in der Regel durch das menschliche Bewusstsein vermittelt werde, was gleichzeitig bedeuten würde, dass auch die psychische Welt - die zweite Welt - auf die physische Wirklichkeit einen Einfluss haben müsse.

Eine rein physikalische Erklärung hält Popper für nicht möglich. Im Gegensatz zu Descartes sieht er das Bewusstsein nicht als Substanz, sondern als Prozess. Er postuliert auch die Offenheit der physischen Welt, die durch die Phänomene der zweiten und dritten Welt beeinflusst werde, die aber physikalisch weder beschreibbar noch erklärbar sind. Er wendet sich somit vehement gegen die These der Geschlossenheit der physischen Welt.

Das Problem der psychophysischen Interaktion versuchen Popper und Eccles durch die Vorstellung zu lösen, dass Interaktion als Steuerung bestimmt werden kann. Der Geist ist nicht das Maß der neuronalen Aktivität, sondern er gibt lediglich die Richtung vor, in die diese Aktivität wirkt, vor. Bei der Interaktion von Geist und Körper muss man sich, laut Eccles, den Geist wie einen Scheinwerfer vorstellen, der auf einen bestimmten Bereich neuronaler Aktivität seinen Focus legt. Er wirkt auf diesen Bereich verändernd ein, wodurch es zur physischen Umsetzung neuronaler Willensakte kommt.

Popper argumentiert die These der drei Welten dadurch, dass wir einen Gegenstand auf bestimmte Weise sehen können. Ein Gemälde kann man sowohl als ein physisches Objekt mit einer Schwere und einer Ausdehnung sehen, aber auch auf psychische Art, indem man sich von den Farben und der Stimmung des Bildes inspirieren lässt. Außerdem kann man seinen ideellen Wert für die Kunstgeschichte erkennen. Natürlich kann die Stimmung eines Gemäldes auf einen Menschen wirken, jedoch ist fraglich ob man davon schon einen Autonomie dieser Welten ableiten kann.

Weiters argumentieren Popper und Eccles, dass die Einheit der Perspektive der ersten Person nur durch die Annahme eines bewussten Geistes erklärt werden könne, nicht aber durch einen Rekurs auf neuronale Prozesse.

Gegen den Interaktionalistischen Dualismus von Popper und Eccles spricht unter anderem, dass die neurobiologische Forschung kein solches, von ihnen angenommenes Konvergenzzentrum im Gehirn gefunden hat.

Neben dem Interaktionalistischen Dualismus der eine Weselwirkung zwischen Geist und Körper sieht, gibt es den Epiphänomenalismus der ein Zusammenwirken zwischen Körper und Geist verneint. Seine Thesen sind:

1. Mentale Ereignisse sind keine physischen Ereignisse
2. Mentale Ereignisse zählen nicht zu den Ursachen physischer Ereignisse
3. Mentale Ereignisse zählen nicht zu den Ursachen jeweils anderer mentaler Ereignisse
4. Mentale Ereignisse werden ausschließlich von physischen Ereignissen verursacht

Der Epiphänomen geht davon aus, dass das Bewusstsein vollständig durch die neuronalen Aktivitäten des Gehirns determiniert wird. Umgekehrt wirkt der Geist jedoch nicht auf den Körper ein, sondern ist lediglich ein Nebenprodukt des Neuronenfeuers im Gehirn, ohne irgendeine weiterführende Funktion. Diese These steht auch im Einklang mit der Annahme der physischen Geschlossenheit der Welt, in der kein übernatürliches Phänomen die Naturgesetze und deren unbedingten Ablauf stören kann. Wenn die Kette der physischen Ereignisse geschlossen ist, müsste ein bewusster, mentaler Akt diesen geschlossenen Ablauf unterbrechen. Da es aber keine empirischen Belege für so eine Unterbrechung in der physischen Welt gibt, kann das Bewusstsein auch nicht kausal wirksam sein.

Eigenschaftsdualismus

Der Eigenschaftsdualismus ist die heute üblichere Annahme, die davon ausgeht, dass Personen nicht aus zwei unterschiedlichen Substanzen, der geistigen und der körperlichen zusammengesetzt sind, sondern, dass es lediglich ein Objekt gibt, dieses jedoch sowohl mit physischen als auch mentalen Eigenschaften behaftet ist.

Der Epiphänomenalismus gehört somit nur bedingt in die Reihe der Dualismen. Im Gegensatz zu anderen Positionen ist er eher als ein Substanzmonismus zu verstehen, der sogar mit der These vereinbar ist, dass alles aus kleinsten physischen Teilchen zusammengesetzt ist, diese jedoch nichtmaterielle Eigenschaften haben. Diese nichtmateriellen Eigenschaften, die Qualia, sind die subjektiven Erlebnisgehalte, bei denen es jedoch keine Reduzierbarkeit auf körperliche oder physische Zustände geben kann, denn er sieht diese zwei Eigenschaften als sich gegenseitig ausschließend. Die Eigenschaft der Exklusivität ist bezeichnend für diese Sichtweise. Mentale Eigenschaften können keine physischen Eigenschaften sein und umgekehrt. Ebenfalls können sie nicht durch die jeweils anderen erklärt werden, wodurch der Eigenschaftsdualismus sich wiederum stark vom Materialismus unterscheidet.

Der Eigenschaftsdualismus ist ein interaktionistischer Ansatz, das heißt, dass sich das Physische und das Mentale gegenseitig beeinflussen können. Diese letztere Annahme ist problematisch, denn sie widerspricht dem, in der Einleitung schon erwähnten, Prinzip der physischen Geschlossenheit der physikalischen Welt.

Oben wurde schon angesprochen, dass wir bei unserer intuitiven Empfindung dem Leib-Seele-Problem gegenüber, Mentales und Körperliches als wesensungleich empfinden, also als ontologisch verschieden. Der so genannte ontologische Dualismus beschreibt unser intuitives Empfinden, welches uns befällt, wenn wir über unseren Geist sprechen, das heißt, wenn wir über das Mentale sprechen, das wir ontologisch verschieden vom Leiblichen sehen.

Dieser ontologische Dualismus ist aber nichts anderes als ein Irrtum, dass es in uns neben der Leiblichkeit noch so etwas wie einen Geist, ein Gespenst in der Maschine gäbe.

„Das Leib-Seele-Problem, wie es früher auch genannt wurde, scheint seinen Ursprung in der tief wurzelten ontologischen Traditionen des Abendlandes zu haben. Wir sind alle im Dualismus zweier völlig unterschiedlicher Seinsbereiche aufgewachsen. Auf der einen Seite der Geist, das Mentale, das Psychische und – völlig verschieden – auf der anderen Seite das Körperliche und Physische. Derart vorgeprägt, bemüht man sich dann, das Verhältnis der beiden Sphären aufzuklären, sei es zum Beispiel in Form irgendwelcher Wechselwirkungen oder sei es, dass man vom Dualismus aus sekundär einen Monismus wiederherstellen will. Mit der Behinderung durch diese ontologische Vorprägung haben Neurobiologien und -philosophen zu kämpfen, auch wenn sie offiziell behaupten, sich vom Substantialismus und überhaupt von jeder Metaphysik verabschiedet zu haben. Schon die Sprache zieht uns immer wieder in die alten Kategorien zurück – so wie es uns schwer fällt, eine geschlechtsneutrale Grammatik zu etablieren.“[21]

Kritikpunkte am Dualismus

Das Hauptproblem des Dualismus ist, dass er eine separate, geistige Sphäre neben der Welt annimmt, von deren Art, Zusammenwirken und Verhältnis er aber keine kohärente Theorie abgeben kann. Geistiges ist etwas, das abgetrennt von der Welt am Rande oder oberhalb existiert. Es ist etwas metaphysisch separates, ein nichtphysisches Phänomen. So kämpft speziell der Dualismus heute - im Zeitalter von Kernspindtomographie und Computertomographie, die die Gehirnstrukturen einsichtbar machen - mit massiven Problemen.

Wenn es einen Ort der Interaktion zwischen Geist und Gehirn gebe – wie dies der interaktionistische Dualismus postuliert - müsste man diesen Ort auch finden können. Es wurde aber ein solches Konvergenzzentrum im Gehirn nicht gefunden, da das Gehirn nicht hierarchisch strukturiert ist, sondern aus reziprok vernetzten, parallel laufenden Nerven besteht.

Die Neurobiologie dachte lange Zeit ähnlich und nahm an, dass es im Gehirn ein Konvergenzzentrum geben müsse in dem die Daten aus all den Neuronenflüssen zusammenkommen können und ausgewertet werden, um ein kohärentes Wahrnehmungsbild zu erzeugen bzw. einheitliches Handeln zu ermöglichen.

Dennoch – im Angesicht solch gravierender, empirischer Daten - bestimmte John Eccles einen Punkt im Gehirn, an dem der Geist verändernd auf das neuronale Geschehen einwirkt. Für ihn war dies im sogenannten Liaison-Gehirn, einer der funktional höchsten Region der linken Hälfte des Kortex. Der Geist bewirkt hier nur leichte Abweichungen vom normalen neuronalen Ablauf, welcher jedoch ausreichet, um einen Einfluss des Geistes auf das Gehirn zu ermöglichen.

Ein weiterer Kritikpunkt den der deutsche Neurowissenschaftler Wolf Singer einbringt ist der, dass dieser ominöse als immateriell angenommene Geist dennoch Energie bräuchte, die er per definitionem nicht haben kann, um mit dem Körper in Interaktion zu treten.

Man kann sicher mit Recht behaupten, der Dualismus biete wesentliche Vorzüge, wenn es um die Erklärung des integrativen, einheitlichen Charakters von Bewusstseinszuständen gehe. Außerdem scheint es, könne der Dualismus die vermeintliche Existenz freier Handlungen und die Existenz des Bewusstseins als etwas, das für uns intuitiv nicht physisch scheint, besser erklären. Trotz dieser Vorteile wirft der Dualismus, neben seinen vermeintlichen Vorteilen, aber die Frage auf, wie das Verhältnis von Körper und Geist zu verstehen ist.

Ist der Geist etwas, das neben der Materie seit aller Ewigkeit existiert, und der schließlich im Gehirn des homo sapiens ein geeignetes Gefäß fand um sich einzunisten? Oder wurde er uns irgendwann von einer Art Gott oder höherem Wesen eingehaucht? Wenn es einen Geist oder etwas Geistähnliches gibt, woher kam dieser? Wenn er nicht an die Materie gekoppelt ist, durch wen wurde er dem Körper eingehaucht? Außerdem stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt, an dem der Geist in den Körper trat und wie und wo der Punkt der Interaktion zwischen diesen liegen mag.

Da keine dieser Fragen wissenschaftlich adäquat geklärt werden kann, disqualifiziert sich der Dualismus als Anachronismus. Die Hypothese hat deswegen keinen Platz in den Wissenschaften, da sie aufgrund ihrer Annahme weder verifiziert noch falsifiziert werden kann. Da sie geglaubt werden müssen, weil sich ihre Argumentation einer wissenschaftlichen Überprüfung entzieht, muss man sie in der heutigen Leib-Seele-Diskussion als anachronistisch ansehen.

Die Neurobiologie wendet sich gegen die Annahme eines möglichen Dualismus, da dieser neben der offenen Frage, wo dieser Interaktionsort liege, die Frage provoziert, wann der Geist in die Materie gekommen sei. Diese Frage kann man sowohl phylogenetisch wie auch ontogenetisch sehen. Wann kommt der Geist in die Anhäufung von Zellen, aus denen sich ein Embryo entwickelt und wann kam in der Entwicklung der Gattung Mensch vom Affen der Geist hinzu?

MATERIALISMUS

Der Monismus, speziell der Materialismus, ist in der philosophischen Tradition wesentlich unbeliebter als der Dualismus. Erste Vertretungen (wenn sie auch nicht gänzlich reine Materialismen waren) gab es bei den Milesischen Naturphilosophen im fünften vorchristlichen Jahrhundert.

Die bedeutenden Vertreter waren Thales, Anaximander und Anaximenes, sowie der ionische Philosoph Heraklit, die einen materiellen Urstoff annahmen. Sie gingen bei ihren Annahmen meist von einem der vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde und Luft) aus, aus dem sich durch Verdichtung oder Verdünnung die anderen Stoffe dann ergeben würden. Andere moderner wirkende Theorien waren die von Anaximander der ein unbestimmtes apeiron annahm, oder der Atomismus von Demokrit und Leukipp, bei dem alles auf kleine stoffliche Teile zurückzuführen sei - die Atome und den Abstand zwischen ihnen.

Modernere Materialismen entstanden erst im 17. Jahrhundert zur Abgrenzung des cartesischen Dualismus.

Der Monismus ist die philosophische oder metaphysische Position, nach der sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip, welches sowohl geistiger Natur wie auch materialistischer Natur sein kann, zurückführen lassen müssen.

Einige Philosophen erdachten sich neben den beiden schon genannten Grundprinzipien ein drittes aus, aus dem Geistiges und Körperliches hervorgegangen sind. Ein Vertreter dieser Ansicht war Baruch de Spinoza, bei dem sich beides, Geist und Materie, auf eine gemeinsame Substanz, welche keinem der beiden entspricht, zurückführen lässt.

Die so genannten materialistischen Theorien, bei denen alles Existierende auf ein materielles, physikalisches Grundprinzip rückführbar ist, sind heute gebräuchlicher und entsprechen eher dem Geist der heutigen wissenschaftlichen Community.

Die grundlegenden Probleme der monistischen Ansätze ergeben sich aus dem Zwang, einen ontologischen Dualismus zu vermeiden, d.h., dass der Körper und die Seele bzw. das Geistige dem Wesen nach verschieden sind. Der Materialismus verneint die Existenz von Geistigem (u.a. dem Bewusstsein) als etwas ontologisch Verschiedenes von der Materie. Er muss diese geistigen Phänomene über das Physische, das Materielle erklären.

[...]


[1] Emil Du Bois-Reymond zitiert aus Der Beobachter im Gehirn; Seite 60

[2] Dirk Hartmann, Philosophie und Neurowissenschaft; Seite 98

[3] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 10

[4] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 11

[5] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 22

[6] Gerhard Roth; Hirnforschung und Willensfreiheit; Seite 66

[7] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 27

[8] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 30

[9] Lutz Wingert; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 240

[10] Gerhard Roth; Hirnforschung und Willensfreiheit; Seite 78

[11] Dieter Sturma; Philosophie und Neurowissenschaften; Seite 42

[12] Hans Julius Schneider; Hirn als Subjekt; Seite 224

[13] Dirk Hartmann, Philosophie und Neurowissenschaft; Seite 97

[14] Dirk Hartmann, Philosophie und Neurowissenschaft; Seite 97

[15] Peter Bieri, Bewusstsein, Seite 71

[16] Dirk Hartmann, Philosophie und Neurowissenschaft; Seite 109

[17] Satz vom zureichenden Grund: „Im Sinne des zureichenden Grundes finden wir, dass keine Tatsache als wahr oder existierend gelten kann und keine Aussage als richtig, ohne dass es einen zureichenden Grund dafür gibt, dass es so und nicht anders ist, obwohl uns diese Gründe meistens nicht bekannt sein mögen.“ (G.W. Leibniz: Monadologie, § 32)

[18] H.P. Krüger; Neurobiologische Naturalisierung reflexiver Innerlichkeit; Seite 183

[19] siehe, Platon; Seelenwanderung im Phaidon; Die Seele unterscheidet sich vom Leib dadurch, dass sie außerhalb existiert der Zeit und geht auf ihrer Wanderung durch verschiedene Leiblichkeiten. Beim Tod der Person stirbt nur der jeweilige Leib. Die Seele existiert neben der Zeit und wird nur durch den Körper in die Zeit geholt.

[20] Rene Descartes, Meditationen über die Erste Philosophie; Seite 98

[21] Helmut Schwegler; „Reduktionismen“ in „Neurowissenschaften und Philosophie“; Seite 74 ff.

Details

Seiten
98
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640387106
ISBN (Buch)
9783640386963
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132689
Institution / Hochschule
Universität Wien – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Kann Bewusstsein

Autor

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Titel: Kann man Bewusstsein neurobiologisch erfassen und erklären?