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Sprachpolitik und die Europäische Union

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die sprachliche Situation in den Ländern der EU
2.1 Sprachfamilien
2.2 Amtssprachen
2.3 Mutter- und Fremdsprachen
2.4 Minderheitensprachen
2.5 Zusammenfassung

3 Sprachpolitik der EU
3.1 Rechtliche Regelungen zur Sprachenfrage
3.2 Offizielle, auf die Bürger bezogene Sprachpolitik
3.3 Die Situation auf der institutionellen EU-Ebene
3.3.1 Unterscheidung zwischen Amts- und Arbeitssprachen
3.3.2 Rat
3.3.3 Kommission
3.3.4 Parlament
3.3.5 Gerichtshof
3.3.6 Zusammenfassung
3.4 Beispiele aus der Praxis
3.4.1 Bereitstellung von Texten auf der offiziellen EU-Internetseite
3.4.2 Schriftliche Anfrage eines niederländischen Parlamentariers an die Kommission
3.4.3 Verfahrensweise bei Regionalförderprogrammen, sog. INTERREG
3.4.4 Kostenlose Sprachkurse
3.5 Praktische Probleme des Multilingualismus
3.5.1 Übersetzungen
3.5.2 Rechtssicherheit
3.5.3 Osterweiterung
3.5.4 Sprachminderheiten
3.6 Zwischenfazit

4 Reform des Sprachenregimes

5 Fazit

6 Anhang: Eurobarometer-Daten
6.1 Fremdsprachenkenntnisse in der Europäischen Union

7 Quellen

1 Einleitung

Die Europäische Union hat sich dem Grundsatz „Einheit in Vielfalt“ verschrieben. Die ursprünglich als Wirtschaftsgemeinschaft zum Zwecke der Friedenssicherung in Mitteleuropa gegründete Gemeinschaft hat sich unter diesem Grundsatz gut entwickelt: Neben der wirtschaftlichen ist die politische Komponente dazugekommen; das Konzept ist attraktiv für andere europäische Staaten. Aus sechs Gründungsmitgliedern sind mittlerweile 25 geworden.

Einen wichtigen Teil dieser Vielfalt machen die europäischen Sprachen aus: Das Spektrum reicht von der Weltsprache Englisch über Amtssprachen mit sehr kleiner Sprecherzahl wie z.B. Slowenisch bis hin zu Minderheitensprachen wie Sorbisch.

Für die allermeisten Länder ist Sprache ein wichtiger Teil der nationalen Identität, weswegen die EU – die von Anfang an mehr als eine Zweckgemeinschaft war – von jedem Mitgliedsstaat eine Amtssprache auch als Amtssprache der EU zulässt. Heute hat die EU ganze zwanzig Amtssprachen.

Dieser Multilingualismus bringt allerdings auch Probleme mit sich: Die zahlreichen Übersetzungen bergen die Gefahr von Fehlern und extremen Zeitverzögerungen; die Situation wird angesichts der fortschreitenden Erweiterung und der hierdurch hinzukommenden Sprachen nicht besser. Technische Halblösungen können die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Reform des Sprachenregimes nur für eine gewisse Zeit überdecken.

Doch so schön praktische und pragmatische Lösungen sind: Die EU ist auf die Unterstützung und die Identifikation ihrer Bürger angewiesen, was vor allem im Angesicht der Verfassungskrise keineswegs gesichert erscheint. Um die Legitimität der EU zu erhalten und auszubauen, muss deshalb eine sprachpolitische Lösung gefunden werden, die die Bürger einbezieht.

2 Die sprachliche Situation in den Ländern der EU

Die Länder auf dem Territorium der EU sind im Hinblick auf ihre Sprachen ausgesprochen heterogen. Unterschiede bestehen hinsichtlich der Anzahl der zugelassenen Amtssprachen, der Größe der Sprecherzahl, der Sprachfamilie, der Existenz von Minderheitensprachen und der favorisierten Fremdsprachen. Gemeinsam ist ihnen allerdings die Betonung der Wichtigkeit der eigenen Sprache für die nationale Identität, was sich sowohl in offiziellen Stellungnahmen der Regierungen als auch in Meinungsumfragen unter den Bürgern niederschlägt.[1] Die Vehemenz dieser Betonung und damit die jeweilige nationale Sprachpolitik variiert jedoch wiederum stark.

2.1 Sprachfamilien

Nach der Erweiterung auf 25 Mitglieder im Mai 2004 stehen sich drei etwa gleich große Sprachfamilien gegenüber.

Ein großer Teil der europäischen Sprachen gehört der romanischen Sprachfamilie an. Dazu zählen die Amtssprachen Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Eine weitere große Sprachfamilie, die schon vor der Erweiterung vorhanden war, ist die germanische. Dazu gehören Deutsch, Englisch, Dänisch, Schwedisch und Niederländisch. Neu hinzugekommen ist die slawische Sprachfamilie mit Tschechisch, Polnisch, Slowakisch und Slowenisch. Außerdem neu ist die baltische mit Lettisch und Litauisch, die finno-ugrische hat Zuwachs bekommen: neben Finnisch jetzt auch Estnisch und Ungarisch. Griechisch bildet eine eigene Gruppe[2], Maltesisch ist dem arabischen Raum zuzuordnen.

Bis auf Maltesisch gehören alle zu den indo-europäischen Sprachen, weswegen es zwischen den Sprachfamilien gewisse Ähnlichkeiten und – zumindest im schriftlichen Bereich – eingeschränkt die Möglichkeit zum Verstehen ohne explizite Fremdsprachenkenntnisse gibt. Das wird noch dadurch gefördert, dass die europäischen Sprachen durch die Dominanz des Latein während Antike und Mittelalter einen großen Lehnwortschatz aus ebendiesem bezogen haben und beziehen.[3]

Dennoch kann man festhalten, dass die Sprachen verschieden genug sind, um selbst eine einfache Kommunikation zwischen Sprechern unterschiedlicher Sprachen zu verhindern (anders als zum Beispiel zwischen Slowaken und Tschechen oder Deutschen und Niederländern). Da die Kommunikation die wichtigste Funktion von Sprache ist, muss an dieser Stelle eine sinnvolle Sprachpolitik der EU einsetzen.

2.2 Amtssprachen

Generell sind Länder mit einer und solche mit mehreren Amtssprachen zu unterscheiden. Typische Beispiele für Länder mit nur einer Amtssprache - was auch den Regelfall darstellt - sind Deutschland, Frankreich oder Tschechien. Die Bevölkerung in diesen Staaten ist sprachlich mehr oder weniger homogen, weswegen die Tatsache nur einer einzigen Amtssprache auch nicht in Frage gestellt wird. Im Falle nur einer Sprache ist es aber auch besonders leicht, seinen Nationalstolz auf diese Sprache zu projizieren, wohin zum Beispiel Frankreich tendiert[4]. Daraus speisen sich Argumente für die „Reinhaltung“ der eigenen Sprache. Das junge Tschechien, dem diese Idee auch nicht fremd ist, wird aber immer offener für die Aufnahme neuer Wörter und Internationalismen. Für die ehemals kommunistischen Staaten und gerade für die erst wieder entstandenen baltischen ist die eigene Sprache im Sinne einer Politik der nationalen Identität von geradezu therapeutischer Bedeutung. Das vorgenannte Deutschland betreibt keine puristische Sprachpolitik. Die Existenz einer einzigen Amtssprache kann also zu einer ganz unterschiedlichen Politik führen.

Daneben gibt es Länder mit mehreren (i.d.R. zwei) Amtssprachen wie Luxemburg oder Belgien, in denen dann automatisch die Gefahr geringer ist, eine Sprache überzubewerten. Dennoch ist die Sprachpolitik gerade in diesen Ländern ein meist komplizierter Kompromiss zwischen verschieden Sprechergruppen, die ihre Identität anerkannt wissen wollen.[5] Solche Länder sind häufig schon sensibilisiert für die Unwägbarkeiten der Sprachenfrage auf europäischer Ebene.

Eine weitere Gruppe bilden Länder, in denen auf gesamtstaatlicher Ebene nur eine Sprache gilt, während in ihren Untergliederungen auch andere Amtssprachen zur Anwendung kommen können. Häufig ist das im Zuge der Föderalisierung zu sehen, wie zum Beispiel in England oder in Spanien.[6]

2.3 Mutter- und Fremdsprachen

Wie verteilen sich Kenntnisse der vorgenannten Sprachen auf die europäische Bevölkerung? Sowohl im Hinblick auf die kommunikationsermöglichende als auch auf die identitätsstiftende Funktion der Sprache ist diese Frage für eine konsistente EU-Sprachpolitik von entscheidender Bedeutung.

Eine detaillierte Studie von Eurobarometer aus dem Jahr 2000[7] gibt Aufschluss über die Verteilung in der EU-15. Da sich die Situation in der EU-25 aber noch viel komplizierter darstellt und auf diese eine erfolgreiche Sprachenpolitik aufbauen muss, sind die Daten nur noch bedingt zu verwerten. Eine aktuelle Statistik bezüglich der Muttersprachler der EU-Amtssprachen lässt sich grob unter Verwendung der Bevölkerungsdaten erstellen[8]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An der grundlegenden Situation hat sich also im Vergleich mit der Eurobarometer-Statistik (siehe Anhang) nichts geändert. Es gibt weiterhin – wie in der EU-15 – vier große Muttersprachen: Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch – wobei Deutsch noch einmal einen Vorsprung hat. Drei mittelgroße Sprachen sind Spanisch, Polnisch und Niederländisch, wobei Polnisch erst neu durch die Erweiterung hinzugekommen ist. Die übrigen 13 Amtssprachen verfügen nur über einen geringen Prozentsatz von 2% und weniger.

Nur in der Muttersprache ist man sich wirklich aller Ausdrucksnuancen bewusst; deshalb ist diese diffuse Verteilung richtungsweisend für Ansätze des Multilingualismus, wie ihn die EU vorsieht.

Das Vorhandensein „starker“ Sprachen hat – zusammen mit der Dominanz des Englischen im internationalen Kontext – Wirkung auf das Fremdsprachenlernen. So verfügten in der EU-15 31% der Bevölkerung über kommunikative Englischkenntnisse.[9] Da die ehemals kommunistischen Staaten den Englischunterricht als Basis für Westintegration und Abgrenzung zu Russland fossieren[10], ist in der EU-25 von vergleichbaren Englischkenntnissen auszugehen. Die Gesamtzahl der Bevölkerung, die sich auf Englisch verständigen kann, steigt somit auf 45%. Deutsch war für 8% der Bürger der EU-15 Fremdsprache, nach der Erweiterung dürfte dieser Prozentsatz etwas höher liegen, da beispielsweise Tschechien Deutsch in der Regel als zweite Fremdsprache anbietet, was in Polen ähnlich sein dürfte. Es können sich also vielleicht 30% der EU-Bevölkerung auf Deutsch verständigen, der ehemalige Anteil von 28% für Französisch dürfte etwas gesunken sein.

Die Idee einiger Autoren, dass durch die Osterweiterung evtl. Russisch eine wichtige Verkehrssprache werden könnte, entspricht nicht der Realität. Zwar haben in Mittel- und Osteuropa viele Menschen Russisch gelernt, doch ohne viel Enthusiasmus. Deshalb haben die Menschen die Sprache selten benutzt, was der Autorin Bewohner der ehemaligen DDR bestätigten. Die junge Generation lernt fast überhaupt kein Russisch mehr.

Die faktische Dominanz des Englischen deckt sich auch mit den Ergebnissen auf die Eurobarometer-Frage, welche beiden Fremdsprachen denn am nützlichsten seien: 69% antworteten mit Englisch, 37% Französisch, 26% Deutsch.[11] Festzuhalten ist, das die Hälfte der europäischen Bürger bereits zwei- oder mehrsprachig ist, d.h. sie können sich an einer Unterhaltung in einer Fremdsprache ernsthaft beteiligen. Fremdsprachenunterricht bildet einen wichtigen Bestandteil der nationalen Bildungspolitik aller EU-Länder.

Innerhalb der EU gibt es aber noch große Unterschiede: Während in Luxemburg, den Niederlanden, Dänemark und Schweden mehr als 80% eine Fremdsprache kommunikativ beherrschen, sind es in Großbritannien, Irland oder Portugal nur ein Drittel.[12] Die skandinavischen Staaten haben traditionell einen Schwerpunkt auf Fremdsprachenunterricht, während bei Portugal als verhältnismäßig armem Land diese Tradition fehlte – mittlerweile wird der Fremdsprachenunterricht hier stark vorangetrieben.[13] In englischsprachigen Ländern ist der praktische Anreiz zum ernsthaften Erlernen einer Fremdsprache häufig geringer.

[...]


[1] Witt, Jörg: Wohin steuern die Sprachen Europas?, S.110ff. sowie S.127ff.

[2] Meyers großes Taschenlexikon in 25 Bänden, Band 21, S.173.

[3] Haider Munske, Horst: Eurolatein im Deutschen: Überlegungen und Beobachtungen. in: Haider Munske, Horst; Kirkness, Alan (Hsg.): Eurolatein. Das griechische und lateinische Erbe in den europäischen Sprachen. S.82.

[4] www.sprachpolitik.de: Sprachpolitik in den 90er Jahren.

[5] Ross, Andreas: Europäische Einheit in babylonischer Vielfalt, S.16.

[6] Bollée, Annegret; Neumann-Holzschuh, Ingrid: Spanische Sprachgeschichte. S. 144ff.

[7] Europäische Union: Europäisches Jahr der Sprachen 2001. auf: http://www.europa.eu.int.

[8] Unter Verwendung des Time Almanac 2000. Die Bevölkerungsdaten sind nach Sprachgruppen unterteilt, Probleme bereitet hier lediglich das Maltesische, dass als offizielle Amtssprache auch zur EU-Amtssprache wurde, von der Mehrheit der Bevölkerung aber wohl kaum als Muttersprache angesehen werden dürfte (Verkehrssprache im Allgemeinen Englisch).

[9] Europäische Union: Sprachen in Europa.

[10] Eurydice: Der Fremdsprachenunterricht an den Schulen in Europa.

[11] Europäische Union: Sprachen in Europa.

[12] Ebd.

[13] Eurydice: Der Fremdsprachenunterricht an den Schulen in Europa.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640415175
ISBN (Buch)
9783640411443
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132620
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,0
Schlagworte
Sprachpolitik Europäische Union

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Titel: Sprachpolitik und die Europäische Union