Lade Inhalt...

"Die Leiden des jungen Werther" - Entsprechen die von Albert und Wether vertretenen Positionen in Bezug auf die Selbstmordfrage ihren "typischen" Charakterzügen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Definition der Selbsttötung
2.1 Die theologische Sichtweise der Selbsttötung
2.1.1 Kirchengeschichtlich
2.1.2 Kirchliche Praxis und Stellungnahmen
2.2 Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung

3 Einordnung der Szene in den Kontext
3.1 Alberts Position in Bezug auf den Selbstmord
3.2 Werthers Position in Bezug auf den Selbstmord

4 Die Typisierung der beiden Figuren
4.1 „Typisch“ Albert
4.2 „Typisch“ Werther

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst eine Klärung des Begriffs „Suizids“ vornehmen sowie die Darstellung der theologischen und rechtlichen Hintergründe des 18. Jahrhunderts in Bezug auf die Selbsttötung darstellen. Im weiteren Verlauf werde ich dann die Ausgangsposition der beiden Figuren erklären und auf dieser Grundlage die Diskussion (Brief vom 12. August) zwischen Albert und Werther analysieren. Zum Ende der Arbeit sollen einige Beispiele des gesamten Buches, die für die Figuren exemplarischen Charakterzüge hervorheben. Das Ziel dieser Arbeit ist zum Einen die Darstellung der Positionen, die Albert und Werther hinsichtlich der Selbstmordfrage beziehen. Zum Anderen soll die Untersuchung dazu dienen, herauszustellen inwiefern die vertretenen Positionen „typisch“ für die jeweilige Figur sind, bzw. als Teil einer Charakterisierung gelten können.

2 Die Definition der Selbsttötung

„Schon die Begriffswahl impliziert eine Vorentscheidung, je nachdem, ob das Phänomen S. deskriptiv oder normativ betrachtet wird. Das Wort Selbst“mord“ spricht eine Verurteilung aus „Selbsttötung“ ist neutraler. „Freitod“ („mors voluntaria”) bewertet hingegen positiv, bis hin zur emphatischen Bejahung der Freiheit zum Tode als spezifisch menschlicher Möglichkeit. Den Begriff „suicidum“ (analog zu „homicidium“) hat J. Donne (Biothanatos, 1646) geprägt („self-homicide“), um eine neutrale Formulierung zu finden“[1].

Der Selbstmord wird als absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens verstanden, erklärbar als auf freiem Entschluss beruhend. Die Gründe zu dieser Entscheidung sieht der Selbstmörder meist in ausweglos erscheinenden Situation oder der Überzeugung von der Sinnlosigkeit des Weiterlebens ferner als krankhafte Zwangshandlung (in Depressionen und Psychosen)[2]. Der Soziologe Emile Durkheim vertritt in seinem 1897 veröffentlichten Werk „Le suicide“ folgende Definition: „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte“[3].

2.1 Die theologische Sichtweise der Selbsttötung

2.1.1 Kirchengeschichtlich

„Ein zentraler Denker für die Entwicklung der christlichen Theologie war Augustinus“[4]. Dieser verwarf den Selbstmord als eindeutigen Verstoß gegen das fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!“, ließ aber Ausnahmen im Falle eines göttlichen Befehls gelten[5]. Nach Augustinus’ Interpretation ist das Gebot wortwörtlich zu befolgen: „Denn nicht umsonst kann man in den heiligen und kanonischen Büchern nirgends ein göttliches Gebot noch auch die Erlaubnis ausgesprochen finden, sich selbst das Leben zu nehmen, um das unsterbliche Leben zu erlangen oder irgend ein Übel zu meiden oder zu beseitigen. Vielmehr ist das Verbot hierher zu beziehen: „Du sollst nicht töten“...“[6]. „Thomas von Aquin ergänzte die klassische theol. Ablehnung mit dem Argument der natürlichen Selbsterhaltung des Menschen und des Unrechts gegenüber der Gemeinschaft (Summa Theologiae, 2 q. 64 a.5)“[7]. Eine dritte Position vertritt Luther, der den Suizid zwischen satanischer Verursachung und persönlicher, auch selbst empfundener Not einordnet[8]. „Im 18. Jh. kündet die Verbreitung des Begriffs S. (statt Selbstmord) von einem grundlegenden Auffassungswandel[9].

2.1.2 Kirchliche Praxis und Stellungnahmen

Im Protestantismus ist der Umgang mit Suizidenten wesentlich von lokalen Traditionen geprägt und unterliegt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einem steten Wandel[10]. Die Differenzierung von zurechnungsfähigen und unzurechnungsfähigen Suizidenten bildete im 19. Jahrhundert ein entscheidendes Kriterium – bei Nachweis geistiger Unzurechnungsfähigkeit bestatteten die Kirchen meist „still“[11]. Der willentliche Selbstmord hingegen galt als sündiger Eingriff in die göttlichen Herrschaftsrechte über Leben und Tod eines Menschen[12]. Daher wurden die Leichen dieser Suizidenten bis ins 20. Jahrhundert in manchen Landeskreisen entweder anatomischen Institutionen zugeführt oder ohne kirchliche Beteiligung – häufig an besonderen Orten, „außer der Reihe“ – bestattet. Die staatliche Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts übertrug den kirchlichen Behörden das alleinige Recht über die Bestattung eines Suizidenten zu befinden[13].

„Die Ablehnung des S. in der röm.-kath. Kirche basiert wesentlich auf der Moraltheol. des Thomas von Aquin sowie auf einem Verständnis der Bestattung als fürbittendem und absolvierendem Akt“[14]. Der „Selbstmörder“, der sein Leben selbst beendet hat, galt als „öffentlicher Sünder“ – ihm sollten Begräbnis sowie die Totenmesse versagt bleiben, erlaubt war lediglich eine Privatmesse[15]. Diejenigen, die einen Selbstmordversuch begangen haben, werden von Empfang und Ausübung sakramentaler Weihen ausgeschlossen[16].

2.2 Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung

In christlichen Gesellschaften wird der Suizid seit dem Jahre 563 als gesetzliches Verbrechen eingestuft: „Sobald die christlichen Gesellschaften sich gebildet hatten, taten sie den Selbstmord in Acht und Bann,563 auf dem Konzil von Prag, wurde die Achterklärung strafrechtlich untermauert“[17]. Im Mittelalter wurde der versuchte Selbstmord unter Strafe gestellt. In Deutschland versuchte man durch Vermögenskonfiskationen den Selbstmord zu sanktionieren oder die Testamente von Selbstmördern für ungültig zu erklären[18]. Selbst die Leichname der Suizidenten konnten zunächst keine Ruhe finden, denn sie wurden nicht nur geschändet, sondern mit Karren durch die Stadt gezogen und zum Teil an schändlichen Orten verscharrt[19]. „Erst das Preußische ALR (Allgemeines Landrecht) zeigt insoweit Liberalisierungstendenzen. Immerhin blieb auch dort dem erfolgreichen Selbstmörder das unehrenhafte Begräbnis nicht erspart, ein letztes Nachwirken der Auffassung des Codex Juris Canonici, der den Selbstmord dem Mord gleichgestellt hatte“[20]. Der Suizid wurde in den Strafgesetzbüchern im 18. Jahrhundert nicht mehr geächtet[21]. „Eine juristische Verurteilung des Selbstmörders wurde zwar von Friedrich dem Großen 1751 aufgehoben, gleichwohl änderte sich kaum etwas an der Tabuisierung des Selbstmords und der moralischen Verurteilung des Selbstmörders, der sich dem Gesetz Gottes widersetzte[22].

3 Einordnung der Szene in den Kontext

Kurz nach seiner Ankunft in Wahlheim lernt Werther auf einem Ball in Volpertshausen Charlotte S. (Lotte) kennen. Werther fühlt sich von ihrem Wesen und ihrer Gestalt sogleich angezogen und es entwickelt sich eine innige Freundschaft. Charlotte ist jedoch mit einem jungen Mann namens Albert verlobt. Nach dessen Ankunft kann Werther sich auch mit diesem anfreunden. Das Verhältnis zu Lotte gestaltet sich für Werther hingegen zunehmend schwieriger, denn seine Gefühle zeugen von mehr als nur bloßer Freundschaft. In seiner Verzweiflung entschließt sich Werther einige Tage ins Gebirge zu verreisen um Abstand zu gewinnen. Nach dieser Entscheidung sucht Werther seinen Freund Albert auf um sich von ihm zu verabschieden. Bei diesem Anlass entdeckt Werther zwei Pistolen, die er sich borgen möchte und dies ist der Ausgangspunkt des Geschehens.

3.1 Alberts Position in Bezug auf den Selbstmord

Albert nimmt deutlich Abstand vom Gebrauch von Waffen. Dies wird durch die Tatsache ersichtlich, dass er Werther auffordert die Pistolen selbst zu laden und erklärt: „...bey mir hängen sie nur pro forma“[23]. Die Waffen sind ihm demnach nicht dienlich, um sie tatsächlich zu verwenden. Albert deutet jedoch an, dass seine Abneigung gegen die Verwendung von Waffen mit einem bedeutungsträchtigen Erlebnis zusammenhängt. Alberts Bediensteter, der den Auftrag erhielt, die Pistolen zu putzen und zu laden begeht einen folgenschweren Fehler: als er ein Mädchen erschrecken will, löst sich ein Schuss und der Daumen des Mädchens wird zerschlagen[24]. Albert wird zur Verantwortung gezogen, denn er muss sich einerseits des Lamentierens annehmen andererseits für die Kosten der Kur des Mädchens aufkommen. Seit diesem Zeitpunkt lässt er alles Gewehr ungeladen. Albert hat aufgrund dieser Erfahrung für sich entschieden, zwar Waffen zu besitzen, sie jedoch weder zu laden, noch zu gebrauchen. Er zeigt sich gelehrsam und stiehlt sich nicht aus seiner Verantwortung. Zudem zeigt diese Entscheidung seine Vernunft, denn er möchte weder sich noch einen anderen nochmals durch seine Unachtsamkeit verletzen. Dass Alberts Geld, das ihn diese Angelegenheit gekostet hat, Erwähnung findet, wirkt beinah grotesk. Es scheint als sei nicht der Verlust des Daumens, sondern vielmehr der Verlust des Geldes das Tragische an dieser Geschichte.

Albert führt seine Erzählung weiter aus und beginnt über die Vorsicht zu sprechen: „Lieber Schatz, was ist Vorsicht? die Gefahr lässt sich nicht auslernen!“[25]. Albert ist sich bewusst, dass zwar immer Vorsicht geboten ist, er jedoch nicht immer die Möglichkeit haben wird, dieser entgegen zu wirken und der Gefahr Einhalt zu gebieten. Es wird immer eine Gefahrenquelle geben, die ihn überrascht und Schaden anrichten kann, egal wie vernünftig der Mensch auch sein mag. Keine Vorsicht kann jegliche Gefahr verhindern. Albert wirkt weise, vernünftig, bodenständig, bedacht und erkenntnisreich.

Albert kann Werthers Handlung, sich die Pistole an die Schläfe zu halten nichts Positives abgewinnen: „Pfuy! Sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog, was soll das?“[26]. Er nimmt eine abwertende Haltung ein und sein Verhalten zeugt von Empörung, Bestürzung und Unverständnis. Indem er die Pistole herunterzieht, zeigt er Verantwortungsbewusstsein gegenüber Werther und eine gewisse Bemühung beschwichtigend einzugreifen. Albert erinnert an einen besorgten Vater, der seinen Sohn vor einer beispiellosen und unsäglichen Tat bewahren will. Er kann mit der gesamten Aktion nicht das Geringste anfangen, auch wenn die Pistole laut Werther nicht geladen ist: „Und auch so, was soll’s? ... Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so thöricht seyn kann, sich zu erschießen“[27]. Es geht über Alberts Vorstellungskraft hinaus, wie ein Mensch sich selbst töten kann. Diesen Gedanken überhaupt in Erwägung zu ziehen, liegt ihm offensichtlich fern. Albert glaubt jedoch sich ein Urteil über diese Entscheidung eines anderen Menschen bilden zu können, indem er ihm Torheit vorwirft. Dies verdeutlicht, dass Albert ein Mensch ist, der den Selbstmord nicht als letzten Ausweg sieht. Albert steht damit, zumindest in den Augen Werthers, für die Meinung der gesamten bürgerlichen Gesellschaft, die eine Selbsttötung als etwas Schlechtes erachten. Albert selbst bezieht sich in seiner Äußerung konkret zwar nur auf einen Menschen, dennoch ist davon auszugehen, dass er alle Menschen verurteilt, die mit dem Gedanken spielen, sich selbst zu töten. Dass diese Abneigung beträchtlich ist, äußert sich im folgenden Satz: „...der bloße Gedanke erregt mir Widerwillen“[28]. Zum Einen ist dies eine Bekräftigung seiner Wertung, zum Anderen verdeutlicht dies, dass Albert sich nicht einmal über einen Gedanken hinaus mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Bereits dieser eine Gedanke ist für Albert ausreichend um sich abzuwenden und die Selbsttötung für etwas Negatives zu halten. Auffallend ist die Tatsache, dass Albert, ein Mensch der sich hauptsächlich über seinen Verstand definiert, der nachdenkt, bevor er eine Beurteilung vornimmt, in diesem Fall vorschnell eine Wertung parat hat. Albert ist mit der Tötung des eigenen Körpers und dessen Seele überfordert.

[...]


[1] Betz, Hans-Dieter (Hrsg.): R-S.- : Mohr, 19987 Religion in Geschichte und Gegenwart. - 4. völlig neu bearb. Aufl. Tübingen. 1998. Band 7: S. 1855

[2] Bertelsmann Universallexikon. Das Wissen unserer Zeit von A-Z in 20 Bänden. Bertelsmann Lexikon Institut. Gütersloh. 1994. Band 16: S. 198

[3] Durkheim, Emile: Der Selbstmord. Übers. von Sebastian und Hanne Herkommer. - 3. - Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1990. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 431). S. 27

[4] http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf S. 16

[5] Betz, S. 1853

[6] Augustinus: De Civitate Die I, 20; Dt.: Gottesstaat (Bibliothek der Kirchenväter). Kempten / München 1911. S. 57. In: http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf

[7] Betz, S. 1851

[8] Betz, S. 1851

[9] Betz, S. 1851

[10] Betz: S. 1852

[11] Betz: S. 1852

[12] Betz: S. 1852

[13] Betz: S. 1852

[14] Betz: S. 1853

[15] Betz: S. 1853

[16] Betz: S. 1853

[17] Durkheim: S. 382

[18] http://66.249.93.104/search?q=cache:iU7MbhRqj-AJ:www.uni-heidelberg.de/institute/fak2/krimi/Hermann/Sem%2520Kulturwandel/Suizid.pdf+geschichte+suizid:pdf&hl=de

[19] Hein, Edgar: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther: Interpretation von Edgar Hein. - 2. überarb. und korrigierte Aufl. München: Oldenbourg. 1997. (Oldenbourg Interpretationen; Bd. 52). S. 72

[20] http://jung.jura.uni-sb.de/ab%202003/StrafR%201.WS0203.pdf

[21] Belz: S. 1851

[22] http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/suizidalität/information/theorie.html

[23] Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe: Reclam 9762. Stuttgart, 2003. S. 93, Z. 9/10. Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe.

[24] Goethe: S. 93, Z. 18-24

[25] Goethe: S. 93, Z. 26-28

[26] Goethe: S. 95, Z. 2/3

[27] Goethe: S. 95, Z. 4-6

[28] Goethe: S. 95, Z. 6/7

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640387984
ISBN (Buch)
9783640388332
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132586
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Schlagworte
Leiden Werther Selbstmordfrage Charakterzügen

Autor

Zurück

Titel: "Die Leiden des jungen Werther" - Entsprechen die von Albert und Wether vertretenen Positionen in Bezug auf die Selbstmordfrage ihren "typischen" Charakterzügen?