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Doing Business Project der Weltbank - Fakt oder Fiktion?

Wenn fälschlicherweise „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden - Eine empirische Untersuchung

Seminararbeit 2009 63 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract/Keywords

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen und Hypothesenbildung

3. Untersuchungsmaterial und Methodologie

4. Resultate

5. Interpretation und Diskussion

6. Implikationen

Literatur- und Webseitenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirkungskette des „Doing Business Project“

Abbildung 2: Modifikation der Wirkungskette des „Doing Business Project“

Abbildung 3: Hypothetisches Ausgangsmodell

Abbildung 4: Empirisch fundiertes Gesamtmodell

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Untersuchungsmaterial (Zusammenfassung)

Tabelle 2: Clustereinteilung

Tabelle 3: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (sämtliche Länder)

Tabelle 4: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster I)

Tabelle 5: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster II)

Tabelle 6: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster III)

Tabelle 7: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster IV)

Tabelle 8: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster V)

Tabelle 9: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster VI)

Tabelle 10: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (Cluster VII)

Tabelle 11: Ergebnisse der deskriptiven Analyse (GFORM_POL/GSTRUK_POL)

Tabelle 12: T-Test (GDP_OEK)

Tabelle 13: T-Test (GDPPC_OEK)

Tabelle 14: T-Test (TOR_OEK)

Tabelle 15: T-Test (GINI_OEK)

Tabelle 16: T-Test (POP_OEK)

Tabelle 17: T-Test (GCON_OEK)

Tabelle 18: T-Test (GTRANSF_OEK)

Tabelle 19: T-Test (GOWN_OEK)

Tabelle 20: T-Test (GEMPLOY_OEK)

Tabelle 21: T-Test (STAB_POL)

Tabelle 22: T-Test (PAR_POL)

Tabelle 23: T-Test (POWER_SK)

Tabelle 24: T-Test (INDI_SK)

Tabelle 25: T-Test (MASKU_SK)

Tabelle 26: T-Test (UNG_SK)

Tabelle 27: Prädiktoren des RB_GRAD (Gesamtmodell)

Tabelle 28: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster I)

Tabelle 29: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster II)

Tabelle 30: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster III)

Tabelle 31: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster IV)

Tabelle 32: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster V)

Tabelle 33: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster VI)

Tabelle 34: Prädiktoren des RB_GRAD (Cluster VII)

Tabelle 35: Beta-Werte (Zusammenfassung)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Einleitung

Die positiven und gleichermaßen negativen Auswirkungen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Märkte werden immer deutlicher. Hohen ökonomischen Wa-chstumsraten, enormen Lohnzuwächsen, steigender Kaufkraft sowie zunehmenden Kapi-talreserven in vielen nordamerikanischen und europäischen Staaten stehen unverkennbar hohe Analphabetismus-Zahlen, eine überproportional zunehmende Kindersterblichkeit, ei-ne mangelnde Wasser- und Grundnahrungsmittelversorgung sowie ausufernde Inflations-raten in vielen wenig entwickelten Ländern dieser Welt gegenüber.1 Wenngleich diese Di-vergenz bedingt durch die immanenten Einflussfaktoren sowie kaum quantitativ messba-ren Variablen unterschiedlicher Natur nicht sein dürfte und daher einer intensiven, fallwei-sen Betrachtung sowie objektiven Fundierung bedarf, um nicht in voreiligen und irrefüh-renden Schlussfolgerungen zu resultieren, spiegelt das Auseinanderdriften dieser Entwick-lungen zwischen vielen Ländern dieser Welt dennoch die ökonomische und soziale Un-gleichheit unserer aktuellen Epoche eindrucksvoll wider und macht zudem unweigerlich deutlich, dass vergangene Armutsbekämpfungsstrategien und Entwicklungsprogramme nur von bescheidendem Erfolg waren. In diesem Kontext können demzufolge die unüber-sehbaren Forderungen von Stiftungen, NGOs und NPOs sowie anderer institutioneller Ak-teure nicht verwundern, die eine adäquate Bekämpfung der Ungleichheiten und der wach-senden Armut in der Welt verlangen.2

Die Reaktionen auf diese skizzierten, gegenläufigen Entwicklungen und den zunehmen-den Forderungen nach aktiver Bekämpfung der Ungleichheiten zeichnen sich dabei insbe-sondere in den Aktivitäten der Weltbank eindrucksvoll ab, die im Laufe der letzten Jahre ihre entwicklungspolitischen Strategie- und Positionierungspapiere in regelmäßigen Ab-ständen in Teilen anpasste bzw. vollständig verwarf.3 Eines dieser grundlegenden Strate-giepapiere, welches in den Grundzügen auch aktuell noch Anwendung findet, stellt die sog. „Private Sector Development Strategy“ (PSD) der Weltbank dar.4 Diese entwick-lungspolitische Leitlinie, die erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, baut dabei auf ei-ner umfassenden, bereichsüberschreitenden Strategie zur Förderung des Privatsektors in Entwicklungsländern auf und basiert auf der generellen Annahme, dass die Entwicklung des Privatsektors der primäre Schlüssel für Wachstum und Armutsbekämpfung sei.5 In diesem Zusammenhang sollen durch die Förderung privater Initiativen die Vorteile marktli-cher Koordinationsformen folglich auch für ärmere Menschen in unterentwickelten Ländern nutzbar gemacht werden.6 Zur Unterstützung dieser formulierten Strategie führte die Welt-bank im gleichen Jahr das sog. „Doing Business Project“ (DBP)7 ein, welches durch wis-senschaftliche Erhebungen und vergleichende Analysen die wirtschaftliche Entwicklung des Privatsektors verbessern helfen sollte.8 Die Umsetzung des „Doing Business Project“ stützte sich dabei auf die Intention der Weltbank, quantitative Messgrößen zu generieren, die die staatliche Bürokratie- und Regulierungsdichte eines Landes adäquat widerspiegeln konnten.9 Die fundamentale Prämisse, dass ökonomische Aktivitäten des Privatsektors „gute“ Satzungen und Regularien sowie größtmöglichen Freiheitsgraden bedürfen, um ei-ne hohe wirtschaftliche Performanz zu erreichen, wurde dabei dem „Doing Business Pro­ject“ zugrundegelegt und im Rahmen von mehreren Indikatoren operationalisiert sowie in einem aggregierten Bürokratie- und Regulierungsindex vergleichbar zusammengeführt.10

Obwohl die Methodologie und die Systematik des „Doing Business Poject“ von der Welt-bank selbst und anderen Wissenschaftlern stets kritisch hinterfragt und in gewissen Teilen angepasst sowie verbessert wurden11, stellt das DBP auch aktuell noch einen der meist zi-tierten und bekanntesten Vertreter unter den bestehenden Entwicklungs- und insbesonde-re den Bürokratie- sowie Regulierungsindizes dar. Trotz einer erkennbaren Abkehr von den PSD-Strategien seitens der Weltbank liegen die Gründe für die Fortführung sowie die breite Anwendungsbasis des DBP einerseits in seiner hohen, frei zugänglichen Daten-grundlage und dem zugrundegelegten einheitlichen Analyserasters12, welche länderüber-greifende Vergleichsstudien ermöglichen, andererseits in dem kontinuierlichen Ausbau der Regulierungsindikatoren13, der Robustheit der gemessenen Faktoren14, der hohen Korre- lation mit anderen anerkannten Indizes15 und der gleichzeitigen Publikation von ergänzen-den, subnationalen Fallanalysen, die eine Erfassung des staatlichen Regulierungsgrades und seiner Wirkungen auf die Geschäftsausübung des privaten Sektors sowie der wirt-schaftlichen Performanz erlauben und damit eine fundierte Beurteilung der vorgenomme-nen Reformvorhaben gewährleisten.16

Wenig Beachtung erhält in diesem Kontext jedoch der Umstand, dass getätigte und erfolg-reiche Reformvorhaben zur Entbürokratisierung bzw. Deregulierung in einem Land nicht zwangsläufig von anderen Ländern zielführend adoptiert bzw. repliziert werden können. Vielmehr vernachlässigt das DBP durch seinen starken Fokus auf einzelne Case-Studies und seiner primären Ausrichtung auf die Untersuchung von Ähnlichkeiten sowie Differen-zen zwischen Ländern die wesentlichen Faktoren und Einflussvariablen, die den Regulie-rungsgrad eines Landes im Kern bestimmen. In diesem Zusammenhang stellt sich das Problem ein, dass den Ursache-Wirkungsmechanismen zwischen dem Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad und den auf ihn wirkenden Variablen wenig Aufmerksamkeit ge-schenkt wird. Insofern wird beim DBP nur die Wirkungskette von den Reformvorhaben sowie der damit einhergehende Grad an staatlicher Regulierung zu den Freiheitsgraden der wirtschaftlichen Geschäftsausübung und schließlich der erreichten ökonomischen Per-formanz betrachtet (siehe hierzu die Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wirkungskette des „Doing Business Project“

Quelle: Eigene Darstellung

Das Dilemma dieser Vorgehensweise spiegelt sich aber bereits zu Beginn dieser Wir-kungskette wider, da die Ursachen, warum in einem Land mehr oder weniger erfolgreiche Reformvorhaben zur Entbürokratisierung bzw. Deregulierung umgesetzt und sich dadurch das Ausma1 des Regulierungsgrades zwischen den jeweiligen Ländern signifikant unter-scheidet, in dem zugrundegelegten Analyseraster des DBP nicht konsequent untersucht werden. In diesem Rahmen operationalisiert das DBP nur ein unvollständiges Konstrukt und verleitet daher zu irreführenden Schlussfolgerungen, die letztendlich in fehlgeleiteten entwicklungspolitischen Ma1nahmen und staatlichen Eingriffen resultieren können. Die skizzierte Problematik darf jedoch keineswegs als Einfallstor benutzt werden, um die Handlungslogik des DBP und die dort generierten Ergebnisse wieder zu verwerfen. Viel-mehr muss im Kontext des DBP eine Ergänzung vorgenommen werden. Die auf den staat-lichen Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad einwirkenden Einflussfaktoren müssen hierbei identifiziert und in einem logischen Handlungsrahmen zusammengeführt werden, um einerseits die vorhandene Lücke im bestehenden Ursache-Wirkungsmodell zielführend schlie1en, andererseits adäquate Reformempfehlungen abgeben zu können (siehe hierzu die Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Modifikation der Wirkungskette des „Doing Business Project“

Quelle: Eigene Darstellung

Hieraus abgeleitet kann die erste Forschungsfrage (FF1) der nachfolgenden Untersuchung konstatiert werden:

FF1: Inwieweit beeinflussen spezifische Determinanten den staatlichen Regu-lierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad in den betrachteten Ländern des „Doing Business Project“?

Sollten in diesem Kontext spezifische Determinanten identifizierbar sein, muss ferner kri-tisch hinterfragt werden, inwieweit diese den staatlichen Regulierungs- bzw. Bürokratisie-rungsgrad beeinflussen können. Insbesondere die Frage nach der Konstanz der Determi-nanten in unterschiedlichen Länderkontexten und die Bedeutung sowie Stärke ihres Wir-kungszusammenhangs muss hierbei erfasst werden, da im Falle von Divergenzen inner-halb der einzelnen Determinanten die DBP-Methodologie bestimmte Ländergruppen im di-rekten Vergleich nur unzureichend abbilden würde. Folglich lautet die weiterführende For-schungsfrage (FF2):

FF2: Können Divergenzen bei den ermittelten Determinanten im Rahmen un-terschiedlicher Ländergruppen, die im DBP berücksichtigt werden, fest-gestellt werden?

Um die ausgehenden Forschungsfragen (FF1 und FF2) adäquat zu beantworten, ist im Rahmen dieser Untersuchung eine multiple Regressionsanalyse anhand eines hypotheti-schen Ursache-Wirkungsmodells durchgeführt worden. Die Ergebnisse dieser For-schungsstudie werden in der vorliegenden Ausarbeitung ausführlich dokumentiert, wobei zunächst auf die theoretischen Grundlagen des generellen Ausgangsmodells sowie die Hypothesenbildung und anschließend auf die Untersuchung selbst eingegangen werden muss.

2. Theoretische Grundlagen und Hypothesenbildung

Theoretische Grundlagen

Betrachtet man die vorhandene wissenschaftliche Literatur zum Themenbereich „Regulie rungs- bzw. Bürokratisierungsgrad“ eingehender, so kann unzweifelhaft ein Fehlen adä quater Modelle, die die Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen dem jeweiligen Regulie rungsgrad eines Landes und seiner inhärenten Treiber abbilden können, konstatiert wer-den. Der Grund für diese Absenz liegt dabei weniger an dem nicht vorhandenen Erkenn-tnisinteresse an dieser Thematik, sondern vielmehr an der immanenten Komplexität die-ses Konstrukts, welche eine ganzheitliche Erfassung bereits in den Grundzügen er-schwert. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten widmen sich seit Jahren vielfältige Studien der Fragestellung, warum bestimmte Länder einen geringen Regulierungsgrad aufweisen, während andere Länder in diesem Kontext wiederum einer eher spürbaren Reformmüdig-keit unterliegen und daher zu einer Überregulierung tendieren.17 Wenngleich diese empiri-schen Ansätze die Komplexität des Konstrukts durch den engen Fokus auf einige wenige Faktoren zielführend reduzieren können, scheitern die hieraus extrahierten Erkenntnisse jedoch an der fallbezogenen Betrachtung von einigen wenigen Ländern und der Einbezie-hung zumeist ökonomischer Einzelgrößen.18 Dagegen zeigen erste Versuche jedoch auf, dass globale Vergleichsanalysen anhand von ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Faktoren durchaus möglich sind19, aber noch einer weitreichenden theoreti-schen Fundierung hinsichtlich der Ursache-Wirkungsbeziehungen bedürfen.20 Da sich die Theoriebildung in diesem Zusammenhang jedoch erst im Anfangsstadium befindet, kann bislang auf keine einheitliche Methodologie zurückgegriffen werden, welche die wesentli-chen Einflussfaktoren auf den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad konsistent abbil-det. Folglich muss im Rahmen dieser Untersuchung ein generelles Ausgangsmodell for-muliert werden, anhand dessen die Determinanten und ihre Wirkungsbeziehungen appro-ximativ abgeleitet werden können.

Generelles Ausgangsmodell

Das im Rahmen dieser Untersuchung zugrundegelegte generelle Ausgangsmodell baut auf der primären Überlegung auf, dass der Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad ei-nes im DBP betrachteten Landes nicht nur durch ökonomische, sondern darüber hinaus durch politische und sozio-kulturelle Faktoren determiniert wird. Obwohl die theoretische Evidenz dieser Faktorenkombination aufgrund von fehlenden Studien keineswegs zwei-felsfrei verifiziert werden kann, geben vergangene Einzeluntersuchungen ungeachtet des-sen den Anlass dazu, diese hypothetischen Überlegungen zunächst beizubehalten. Die Untersuchungen von F. Pryor (2001) stützen dabei in Teilen diese These, da nach ihm in-sbesondere ökonomische Einzelgrößen den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad bestimmen. In diesem Zusammenhang skizziert er die Größe/Stärke der Volkswirtschaft, das erreichte Level der ökonomischen Entwicklung, die Bedeutung der Außenhandelsbe-ziehungen, die landesspezifischen Einkommensunterschiede und den Anteil an Unter-nehmen, die direkt von staatlichen Institutionen kontrolliert werden, als wichtige Determi-nanten des Regulierungsgrades eines Landes.21 Im Rahmen der Größe/Stärke einer Volkswirtschaft kann hierbei angenommen werden, dass sich, je größer/stärker eine Öko-nomie ist, eine tiefgründige Regulierung seitens der Regierungsverantwortlichen umso schwieriger gestaltet. Folglich neigen nach F. Pryor große Volkswirtschaften eher zu einer Überregulierung als kleinere Wirtschaften. Des Weiteren merkt F. Pryor im erreichten Le­vel der ökonomischen Entwicklung eines Landes an, dass bei hochentwickelten Staaten die Komplexität sämtlicher Prozesse fundamental ansteigt und dadurch diese einen hohen Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad zwangsläufig aufweisen müssen, um die Steu-er- und Kontrollierbarkeit der Prozesse zu gewährleisten. Zusätzlich tendieren Länder mit relativ eingeschränkten Außenhandelsbeziehungen und einem hohen Anteil an staatsna-hen Unternehmen zu hohen Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgraden22, während Län-der mit hohen Einkommensunterschieden innerhalb ihrer Bevölkerung zu weniger Regulie-rungen neigen. Letzteres vor allem aus dem Grund, da Minderheiten mit einem meist aus ökonomischen Aktivitäten generierten hohen Einkommen mehr politische Macht aufweisen und daher auf den Regulierungsgrad ihrer Geschäftstätigkeiten direkt Einfluss nehmen können.23 Ergänzend hierzu konstatiert P. Pevcin (2006), dass die Bevölkerungszahl, die Höhe der Konsumausgaben des öffentlichen Sektors und seiner Beschäftigtenzahl sowie die getätigten staatlichen Transferleistungen weitere Variablen darstellen, die Einfluss auf den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad ausüben können.24 In diesem Zusammen-hang verleitet eine hohe Bevölkerungszahl zu der Annahme, dass auch die Regulierungs-dichte komplementär zu dieser Entwicklung zunehmen muss. Dagegen signalisieren nach P. Pevcin die anderen drei Faktoren den Aktivitätsgrad des jeweiligen Staates. Je höher die Konsumausgaben, die Beschäftigtenzahlen und die Transferleistungen im öffentlichen Sektor eines Landes ausfallen sollten, desto wahrscheinlicher wird damit einhergehend ein höherer Regulierungsgrad konstatiert werden können.25

Wenngleich im Rahmen der ökonomischen Determinanten theoretische Fundierungen gegeben sind und dementsprechend weitgehende Einigkeit darüber besteht, welche Variab-len eine Wirkung auf den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad ausüben können, spiegelt sich dieser Umstand keineswegs bei den möglichen politischen und sozio-kulturellen Faktoren wider. Während die ökonomischen Variablen insofern ohne Ein-schränkungen in das an dieser Stelle zu entwickelnde, generelle Ausgangsmodell über-nommen werden können, muss dagegen im Rahmen der politischen sowie sozio-kulturellen Faktoren auf weitgehende theoretische Fundierungen verzichtet und daher eine eher basiswissensgeleitete Ableitung von Einflussgrö1en vorgenommen werden. Obwohl in diesem Kontext die Objektivität der zu extrahierenden Variablen durchaus als gering einzustufen ist, scheint diese Vorgehensweise dennoch adäquat zu sein, um sich einer de-rartigen Variablenidentifikation zielführend nähern zu können.26 Folglich kann im Zusam-menhang der politischen Faktoren vermutet werden, dass die Regierungsform, die subna-tionale Regierungsstruktur und das Ausma1 an politischer Stabilität sowie Partizipation als weitere Determinanten einen Einfluss auf den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad eines Landes entwickeln könnten. So ist dabei durchaus denkbar, dass gerade demokrati-sche Staaten mit föderalistischen Strukturen zu Überregulierung und immensem Bürokra-tismus tendieren. Dagegen ist bei politisch instabilen Ländern, die zudem ein geringes Ma1 an politischer Partizipation seitens ihrer Bevölkerung aufweisen, zu vermuten, dass gerade bei diesen eine geringe Regulierungsdichte feststellbar ist, weil bürokratische Strukturen und verbindliche Gesetze sowie Satzungen sich in diesem Kontext nicht hinrei-chend entwickeln können. Obwohl die skizzierte Wirkungsrichtung der politischen Fakto-ren auch konträr verlaufen könnte, kann der potenzielle Einfluss der Determinanten den-noch uneingeschränkt aufrecht erhalten werden.27 Folglich sprechen keine ausschlagge-benden Gründe dafür, die Aufnahme dieser Variablen in das generelle Ausgangsmodell nicht durchzuführen.

Des Weiteren kann das Ausgangsmodell durch weitere sozio-kulturelle Faktoren ergänzt werden.28 Insbesondere die Kulturdimensionen nach G. Hofstede scheinen hierbei trotz der vehementen Kritik an diesem Kulturkonzept seitens Soziologen und Anthropologen prädestiniert zu sein, um in das generelle Ausgangsmodell übernommen zu werden. Der Grund für diese Vorgehensweise wird dabei in der kulturellen Abgrenzung von Ländern bzw. Regionen und in der umfassenden Datengrundlage dieses konzeptionellen Modells gesehen, die zusammengenommen weitreichende Vergleichsanalysen ermöglichen. Folg-lich werden die Kulturdimensionen (Machtdistanz, Individualismus, Maskulinität, Vermei-dung von Ungewissheit)29 nach G. Hofstede als weitere Determinanten des Regulierungs-bzw. Bürokratisierungsgrades angesehen. Während die Kulturdimension der „Machtdis-tanz“ im Modell von G. Hofstede das Ausmaß der Akzeptanz von Macht- und Statusgefäl-len darstellt30, spiegelt die „Individualismus“-Dimension das Verhältnis wider, inwieweit der Einzelne seine Identität aus sich selbst oder aber aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft heraus entwickelt.31 Dagegen kann unter der Kulturdimension der „Maskuli-nität“ eine spezifische Werthaltung subsumiert werden, die die Zuschreibung von Ge-schlechterrollen innerhalb einer Gesellschaft ausdrückt. Je unterschiedlicher die Ge-schlechterrollen dabei in einem geographischen Raum definiert werden, desto eher han-delt es um eine maskuline Gesellschaft, die vorrangig männliche Werte wie z.B. Leis-tungsbereitschaft, Konkurrenzkampf und Entschlossenheit in den Vordergrund stellt.32 Umgekehrt präferieren androgyne Gesellschaften, die kaum zwischen Geschlechterrollen differenzieren, eher weibliche Werte wie z.B. Fürsorglichkeit, Solidarität und Sicherheits-streben.33 In der Kulturdimension der „Vermeidung von Ungewissheit“ wird darüber hinaus der Aspekt der Akzeptanz von Unsicherheiten betrachtet. Versuchen Menschen in einem ihnen unbekannten oder unstrukturierten Kontext Unsicherheit zu reduzieren, vermeiden sie ungewisse Situationen und streben damit einem möglichst geringen Risiko ihrer Hand-lungen nach. Akzeptieren dagegen Gesellschaften eine bestimmte Ungewissheit, so sind diese bereit, dafür auch höhere Risiken auf sich zu nehmen.34

Obwohl alle vier Dimensionen bislang nicht als spezifische sozio-kulturelle Einflussvariab-len auf den Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgrad eines Landes bezogen wurden, sprechen Indizien für einen derartigen Zusammenhang. So lässt sich im Rahmen des ge-nerellen Ausgangsmodells approximativ ableiten, dass Länder mit einer geringen akzep-tierten Machtdistanz, vermehrt femininen Werten, individualistischen Ansichten und der Vermeidung von Ungewissheit zu eher hohen Regulierungs- bzw. Bürokratisierungsgra-den tendieren müssten. In diesem Zusammenhang könnten eine geringe Akzeptanz von Machtdistanz und ein ausgeprägter Individualismus in einer Gesellschaft zu einem opportunistischen und dysfunktionalen Verhalten seitens der gesellschaftlichen Akteure führen, so dass eindeutige und klar strukturierte Richtlinien und Satzungen notwendig würden.

[...]


1 Vgl. The World Bank (2008), S. 1 ff.

2 Vgl. Mills/Darin-Ericson (2002), S. 46 ff., Venro (2003), S. 4 ff. sowie Gleiß/Ismar (2007), S. 1 ff.

3 Vgl. The World Bank (2009a), [Poverty Reduction Strategies – Overview] sowie Alexander (2002), S. 5.

4 Vgl. Inter-American Development Bank (2001), S. 1 ff.

5 Vgl. Küblböck (2004), S. 3.

6 Vgl. ebenda, S. 3.

7 Das „Doing Business Project“ stellt einen fiktiven Analyserahmen dar, anhand deren die Leichtigkeit der wirtschaftlichen Geschäftsausübung in einem Land konstatiert werden soll. Die Fiktion dieser Vorgehens-weise beruht dabei auf der grundlegenden Idee, die Wirkungen staatlicher Regulierung entlang der Le-benszyklen eines vordefinierten „mittelständischen“ Unternehmens zu untersuchen. Die Messung des staatlichen Regulierungsgrades findet ferner durch einen standardisierten Fragebogen sowie ergänzende Analysen statt und mündet schließlich in einem Gesamtregulierungsindex. Dieser Analyse wurden im Jahr 2008 bereits 181 Länder unterzogen.

8 Vgl. Müller (2006), S. 160.

9 Vgl. The World Bank (2009b), S. V.

10 Vgl. The World Bank (2009c), [Methodology].

11 Vgl. The World Bank (2009d), [Methodology II].

12 Vgl. The World Bank (2009e), [Ranking].

13 Vgl. The World Bank (2009f), [Methodology and Research].

14 Vgl. Müller (2006), S. 161.

15 Vgl. The World Bank (2009b), S. VI.

16 Vgl. The World Bank (2009g), [Subnational Projects].

17 Vgl. hierzu stellvertretend die Studie von Pryor (2003), S. 693 ff.

18 Vgl. Block (2006), S. 481 ff.

19 Vgl. Pevcin (2006), S. 213.

20 Vgl. hierzu die ersten Versuche bei Politt/Bouckaert (2004), S. 25.

21 Vgl. Pryor (2003), S. 693 ff.

22 Vgl. Garen/Trask (2001), S. 1 ff.

23 Vgl. Pryor (2003), S. 694.

24 Vgl. Pevcin (2006), S. 216.

25 Vgl. ebenda, S. 219.

26 Vgl. Nicoletti/Pryor (2006), S. 433 ff.

27 Hierbei kann folglich auch die gegenteilige Meinung vertreten werden, dass bspw. gerade föderalistisch strukturierte Länder zu „Regulierungswut“ und überdimensionierten Bürokratiegebilden tendieren.

28 Trotz des mehrdeutigen Begriffs der „Kultur“ kann unter diesem vereinfacht ein gemeinsamer Wissensvor-rat im Sinne von Werten, grundlegenden Überzeugungen und Annahmen, den eine Gruppe von Men-schen teilt, subsumiert werden. Da in der vorliegenden Ausarbeitung der Begriff der „Kultur“ nicht als Un-tersuchungsgegenstand verstanden wird, erscheint diese simplifizierte Begriffsklärung als hinreichend ge-nug. Für weitreichende Begriffsexplikationen wird daher auf weiterführende Literaturquellen verwiesen.

29 Vgl. Hofstede (1992), S. 312 f.

30 Vgl. Hofstede (2001), S. 97 zit. in Müller/Gelbrich (2004), S. 128.

31 Vgl. Hofstede (1994), S. 51.

32 Vgl. ebenda, S. 125.

33 Vgl. Sood/Nasu (1995), S. 3.

34 Vgl. Hofstede (2001), S. 146 zit. in Müller/Gelbrich (2004), S. 137.

Details

Seiten
63
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640384709
ISBN (Buch)
9783640385089
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132410
Institution / Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen – Public Management & Governance
Note
1,3
Schlagworte
Doing Business Project Ease of Doing Business Ländercluster multiple Regressionsanalyse Regulierungsgrad Bürokratisierungsgrad T-Test Weltbank International Monetary Fund FAOSTAT CIA-Factbook Bertelsmann-Transformation-Index Economic Freedom of the World Kulturstudien (G. Hofstede)

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Titel: Doing Business Project der Weltbank - Fakt oder Fiktion?