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Das Defizit bei Goffman

Eine soziologische Analyse in Bezug auf die Interaktion als frame für geschlechtsspezifische Stereotypen zur Explikation dessen, was implizit ist

Magisterarbeit 2008 93 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stereotypen: Definitionen und Verwendungsarten
2.1. Semantische Analyse von Verwendungen des Ausdrucks „Stereotyp“
2.1.1. Die Kompatibilität der linguistischen Stereotypenbegriffe
2.2. Der philosophische Stereotypenbegriff
2.3. Das sozialwissenschaftliche Stereotypenkonzept

3. Stereotypen und Vorurteile
3.1. Historische Einführung
3.2. Das „Vor-Urteil“
3.2.1. Das Vorurteil im hermeneutischen Kontext
3.3. Das Verhältnis von Vorurteil und Stereotyp
3.4. Die Veränderbarkeit von sozialen Vorurteilen
3.4.1. Die Beeinflussbarkeit von sozialen Vorurteilen durch persönliche Erfahrung

4. Die geschlechtsspezifische Sozialisation
4.1. Allgemeines
4.2. Gechlechtsidentitäten
4.2.1. Sex
4.2.2. Gender
4.2.3. Begehren und Sexualität
4.3. Weibliche Sozialisation und Geschlechterstereotypen

5. Die 8 Defizite bei Goffman
5.1. 1. Defizit: Die zentralen Begriffe
5.1.1. Begriffsdefinitionen in der feministischen Literatur
5.1.2. Die Zweigeschlechtlichkeit bei Hagemann-White
5.1.3. Die Geschlechterkonstruktion bei Knapp
5.2. 2. Defizit: Rollenbilder und Benachteiligung
5.2.1. Frauen- und Männerrollen bei Beck-Gernsheim
5.2.2. Die Benachteiligung der Frau im historischen Kontext bei Fuchs
5.3. 3. Defizit: Das Hofieren und die Sexualität
5.3.1. Das Hofieren
5.3.2. Die Sexualität im historischen Kontext bei Gilbert und Roche
5.3.3. Sexualität, Gewalt und Pornographie bei Benjamin
5.4. 4. Defizit: Die Höflichkeiten
5.4.1. Hofieren und Höflichkeiten
5.5. 5. Defizit: Die institutionelle Reflexivität
5.5.1. Arbeit und Geschlecht bei Krais und Maruani
5.5.2. Geschwister und Rollenverteilung bei Belotti
5.6. 6. Defizit: Die soziale Bedeutung der biologischen Unterschiede
5.6.1. Frauen-Körper-Sport bei Palzkill, Scheffel und Sobiech
5.7. 7. Defizit: Geschlechterrituale im öffentlichen Leben
5.7.1. Gewalt und Sprache bei Trömel-Plötz
5.7.2. Die männliche Dominanz in der Sexualität bei Benjamin
5.8. 8. Defizit: Die Symbiose von Geschlecht und Interaktion

6. Schlussbemerkungen und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Abstract

1. Einleitung

Die vorliegende Magisterarbeit ist das Ergebnis einer langen Beschäftigung mit dem Thema „geschlechtsspezifische Stereotypen“ und deren Wirkungsbereiche, speziell in Verbindung mit der Interaktion. Diese Thematik hat für mich persönlich einen hohen Stellenwert, da ich zum einen durch das Soziologiestudium im Bereich der feministischen Theorie sehr geprägt wurde und zum anderen das Phänomen der geschlechtsspezifischen Stereotypen tagtäglich hautnah erlebe, wie auch alle anderen Frauen und Männer in der österreichischen bzw. der westlichen Gesellschaft. Nun lag es nahe, dieses alltägliche und weltumfassende Phänomen genauer zu untersuchen und zwar mit Hilfe eines populären soziologischen Autors, dessen Texte auch während meines Studiums immer wieder präsent waren: Erving Goffman. Sein Werk „Interaktion und Geschlecht“ (2001), sowie drei spezifische Forschungsfragen bilden nun die Grundlage dieser Arbeit:

1. Wozu dienen insbesondere geschlechtsspezifische Stereotypen?
2. Welche soziale Funktion/en haben Stereotypen?
3. Welche Rolle spielt die Sprache in Bezug auf das Geschlecht? (oder umgekehrt)

Aufgrund meiner impliziten These, dass ein Mann (hier Goffman) sicherlich nicht alle positiven und vor allem negativen Facetten in der Geschlechterfrage bzw. des Geschlechterverhältnisses in der westlichen Gesellschaft aufzeigen kann, entschloss ich mich, Goffman (2001) acht wesentliche Defizite - auf der Grundlage seines Werkes - zu unterstellen. Diese These der acht Defizite bildet den Hauptteil dieser Arbeit (Kapitel 5) und wird mit Hilfe bekannter feministischer Autorinnen und deren Werke zu den unterschiedlichsten Themengebieten untermauert. Aufgrund der Tatsache, dass Autorinnen der feministischen Theorie nicht zu all seinen Inhalten (beispielsweise dem Hofieren und den Höflichkeiten) Werke verfasst haben, begab ich mich sogleich in diese Rolle - gerechtfertigt auf Grund der Tatsache, dass auch ich dem weiblichen Geschlecht angehöre und durch das Studium der Soziologie in diese Richtung geprägt wurde. So besteht das gesamte fünfte Kapitel einerseits aus den jeweiligen Defiziten Goffmans (2001) und den dazugehörigen feministischen Kritiken im Kontext der geschlechtsspezifischen Stereotypen in Verbindung mit der Interaktion. Um diese Thematik nun vollständig erfassen zu können, ist es notwendig, eine Art „Einführung“ zu gewähren - hier in Form der Kapitel 2, 3 und 4.

Das zweite Kapitel, also das erste Themenkapitel dieser Arbeit, beginnt mit einer semantischen Analyse der verschiedenen Verwendungsarten des Stereotypenbegriffs, wobei hier speziell auf die beiden linguistischen Stereotypenbegriffe eingegangen werden soll, da - wie auch schon ersichtlich wurde - die Interaktion als „frame“ der Stereotypen in der Linguistik am spezifischsten thematisiert wird. Weiters, aufgrund der Tatsache, dass diese Arbeit einen soziologischen Hintergrund aufweisen soll, werden zwei Konzepte des Stereotypenbegriffs erläutert, nämlich das philosophische und sozialwissenschaftliche, in denen die verschiedenen disziplinären Abgrenzungs- und Definitionsversuche aufgezeigt werden.

Wenn von Stereotypen gesprochen wird, so schwingt implizit der Begriff „Vorurteil“ mit. Diese implizite Beziehung soll im 3. Kapitel explizit veranschaulicht werden, und eine definitions­und kontextbedingte Abgrenzung beider Begriffe, soll auch hier ihren Raum finden. So werden unter anderem das Verhältnis von Vorurteil und Stereotyp, sowie die Veränderbarkeit von sozialen Vorurteilen aufgezeigt. Darüber hinaus muss der Entstehungsfrage von Stereotypen bzw. Vorurteilen nachgegangen werden. Diese sehe ich in der Sozialisation verankert, welcher im 4. Kapitel nachgegangen werden soll: Nach einer allgemeinen Einführung in die geschlechtsspezifische Sozialisation wird ein Überblick über die Geschlechtsidentitäten, wie „Sex“, „Gender“ sowie „Begehren und Sexualität“ folgen, wobei zuletzt auf die weibliche Sozialisation und den damit verbundenen Geschlechterstereotypen im Speziellen eingegangen wird.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet das 6. Kapitel, in dem die wichtigsten Argumentationslinien beider Blöcke zusammengefasst und miteinander in Verbindung gebracht, sowie die Forschungsfragen resümiert werden sollen. Darüber hinaus soll in der Conclusio erläutert werden, welche Themenbereiche der Arbeit noch ungenügend ergründet wurden und an dem anknüpfend, weiterführende Fragen gestellt werden.

Idealerweise stellt dieser Schluss ein umfassendes interdisziplinäres Bild über die gegenwärtige Literatur über die Beziehung von Interaktion und geschlechtsspezifische Stereotypen dar.

Darüber hinaus ist es ein persönliches Motiv, die Leserinnen und Leser mit Hilfe meines Werkes dazu anzuregen, ihren Alltag intensiver zu erleben und möglichst alles, was um sie herum geschieht kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren - hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Unterschiede, sowie den damit verbundenen Stereotypen, die tagtäglich produziert und reproduziert werden. Erst durch das Sichtbar- und Bewusstmachen dieser Unterschiede können Veränderungen geschehen, und so kann die Welt ein wenig fairer gestaltet werden.

2. Stereotypen: Definitionen und Verwendungsarten

Viele sprechen von Stereotypen, aber nur die meisten meinen und verstehen unter dem Begriff dasselbe. In diesem Kapitel soll nun zu Beginn eine semantische Analyse Aufschluss darüber geben, wie der Begriff „Stereotyp“ in der wissenschaftlichen Landschaft seine Verwendung findet, wobei das Augenmerk hier auf den beiden linguistischen Verwendungsarten liegt. Anschließend werden die beiden populärsten und für den Kontext dieser Arbeit wichtigsten Konzepte der Stereotypenbegriffe aufgezeigt: der philosophische Ansatz und das sozialwissenschaftliche Konzept.

2.1. Semantische Analyse von Verwendungen des Ausdrucks „Stereotyp“

Wird der semantiktheoretische Begriff des Stereotyps auf das Wort „Stereotyp“ selbst angewendet, so ergeben sich daraus stereotypische Eigenschaften von „Stereotyp“ und zwar quer über die meisten Bedeutungsvarianten in der Standardsprache und in psychologischer, philosophischer, soziologischer, kommunikationswissenschaftlicher und linguistischer Fachsprache:

„<Stereotyp> wird typischerweise verwendet, um eine mentale Operation und/oder körperliche Verhaltensweise in ihrem Verhältnis zu den Objekten oder Sachverhalten, auf die sie bezogen sind, zu charakterisieren [...]. “ (Klein 1998: 25)

Die Psychiatrie versteht unter dem Begriff starre motorische Verhaltensweisen. Die Sozialwissenschaften und insbesondere die Sozialpsychologie wiederum interessieren sich für Stereotype mentalen Charakters, also jene mit Wertungen und Einstellungen verknüpfte Personen- und Gruppenkonzepte von mehr oder weniger großer gesellschaftlicher Wirkmächtigkeit. Als sprachliche Entitäten betrachtet die Linguistik Stereotype, die dem Doppelcharakter des sprachlichen Zeichens entsprechend neben der mentalen eine materiale Seite, die so genannte Ausdrucksseite, haben. Eine wertneutrale Verwendung des Ausdrucks ist eher die Ausnahme, denn in der Regel wird es mit negativem deontischen Beigeschmack verwendet, wobei dies vor allem für den Gebrauch in der Alltagskommunikation, in den Sozialwissenschaften, in der Literaturästhetik und in gesellschaftskritisch orientierten linguistischen Kontexten gilt. Es wird nicht nur eine Differenz zwischen dem Gehalt des Stereotyps und der „wahren Realität“ geschaffen, sondern diese Differenz wird sogleich als Mangel, und somit als Negatívum, bewertet. (vgl. Klein 1998: 26) Vor allem in sozialwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskursen, deren Teilnehmer sich in der Tradition der Aufklärung sehen, wird der Stereotypenbegriff in kritischer Absicht verwendet. Dies gilt, wenn die Referenzobjekte der Stereotype Personen(gruppen) sind und zwar so, dass ihnen einerseits überwiegend oder ausschließlich jene Eigenschaften attribuiert werden, die negative oder feindselige Einstellungen ihnen gegenüber provozieren. Andererseits in dergestalt, dass diese Eigenschaftsattributierung entweder überhaupt nicht oder nicht in der impliziten Pauschalität gerechtfertigt ist und/oder die Relevanz dieser Eigenschaften etwa überbetont wird. (vgl. Klein 1998: 26)

Im kritischen Gebrauch des Stereotypbegriffs wird vor allem die Verzerrung und die damit, gegebenfalls bis zur rassistisch motivierten Vernichtung, verbundenen Konsequenzen für die stereotypisierten Personen(gruppen) betont. In der neutralen oder positiven Verwendung des Ausdrucks hingegen, wird die kognitive Entlastungsfunktion hervorgehoben, die Stereotype als Modi der Kategorisierung der Welt für die stereotypisierenden Subjekte erfüllen. Speziell in der Linguistik werden sowohl wertneutrale als auch kritische Varianten des Stereotypbegriffs verwendet. Diese hat dabei jeweils Konzepte aus verwandten Disziplinen aufgegriffen, insbesondere aus der Philosophie und der Sozialpsychologie. Jedoch bewegt sich hier die Sprachwissenschaft nicht auf fremden Boden, denn auch die meisten SozialpsychologInnen und PhilosophInnen, die den Begriff theoretisierend oder empirisch­experimentell behandeln, gehen von der Sprachgebundenheit von Stereotypen aus, was sich auch in dieser Arbeit widerspiegelt. (vgl. ebd.: 26f.)

Es existieren zwei Traditionsstränge in der Linguistik: der sozialpsychologische und der semantiktheoretische. Der semantiktheoretische Gebrauch knüpft an der Zeichengestalt an. So wird der Begriff „Stereotyp“ hier für die Bedeutung oder für bestimmte Bedeutungselemente von Wörtern verwendet, d.h. der Begriff wird mit Bindung an eine bestimmte Formklasse, also Wörter eines bestimmten Typs, gebraucht. Es könnte gesagt werden, dass er aus einer semasiologischen Perspektive bestimmt ist. Demgegenüber steht die Perspektive der sozialpsychologischen Tradition, in der gefragt wird, in welchen sprachlichen Formen sich die Sachverhalte konstituieren. Analog könnte diese Perspektive der sozialpsychologisch inspirierten linguistischen Verwendung des Begriffs onomasiologisch genannt werden, wenn damit jedoch nicht eine Festlegung sprachlicher Stereotyp­Konstitution auf das Format „Wort“ verbunden wäre. Es zeigt sich nämlich, dass sich Stereotype im Sinne der sozialpsychologisch inspirierten Tradition auch per Text und per Satz, also nicht nur per Wort, konstituieren. (vgl. ebd.: 27)

2.1.1. Die Kompatibilität beider linguistischer Stereotypbegriffe

In folgender Hinsicht haben Entwicklungen den semantiktheoretischen Stereotypbegriff (=Sem-Stereotyp) mit dem sozialpsychologisch inspirierten (=Soz-Stereotyp) kompatibel gemacht:

Der Sem-Stereotypbegriff ist in theoretisch fundierter Weise, sowohl im Hinblick auf kognitive Bestände des Individuums, als auch im Hinblick auf kollektive Geltungsbestände benutzbar. Die von der Prototypentheorie beeinflusste Auffassung, dass das Sem-Stereotyp als „gestalf-artiges Schema auftritt, entspricht dem sozialpsychologischem Konzept des (personenbezogenen) Soz-Stereotyps, in dem seit je der Ganzheitscharakter betont ist. So ist die Vorstellung, dass unterschiedliche Kontextklassen bei demselben Lexem zur Aktivierung unterschiedlicher Sem-Stereotype führen können, kaum vertreten, ist jedoch damit kompatibel: Beispielsweise dürften TeilnehmerInnen, BeobachterInnen und Medien im Kontext von Verhandlungen mit VertreterInnen Polens über Polens Nato-Beitritt, ein Soz- Stereotyp der Polen und Polinnen aktivieren, zu dessen Hauptbestandteilen „vergangene Zugehörigkeit zum kommunistischen Ostblock, „Angst und Misstrauen gegenüber Russland“ oder „brisantes historisches Verhältnis zu Deutschland“ gehören. Dies ist somit ein völlig anderes Soz-Stereotyp über PolInnen als das traditionell deutsche Polen-Stereotyp. (vgl. Klein 1998: 35f.)

Trotz der Annäherung der beiden in der Linguistik gebräuchlichen Stereotypbegriffe bleiben zwei wesentliche Differenzen. Zum einen betreffen sie die Sachverhaltsdomänen, auf die sich die Begriffe beziehen, und zum anderen die linguistischen Domänen, denen sie zuzuordnen sind. So ist der Sem-Stereotypbegriff auf die linguistische Einheit „Wort“ und damit auf die linguistische Domäne Lexikon festgelegt. Umgekehrt ist der Soz- Stereotypbegriff hinsichtlich der Sachverhaltsdomäne fixiert und in Hinblick auf die linguistischen Domänen nicht bzw. kaum eingeschränkt: Die Sachverhaltsdomäne ist hier begrenzt auf den Referenzbereich Personen(gruppen) - einschließlich Institutionen und ähnlicher Personen beinhaltender Kollektivgebilde. Andererseits sind hier alle linguistischen Domänen berührt, in denen sich Bedeutung konstituieren kann: Text, Satz und Wort. So kann gesagt werden, dass die reichhaltige linguistische Literatur der letzten Jahre zu nationalen und sozialen Vorurteilen und zum sprachlichen Umgang mit MigrantInnen, eine Vielzahl empirischer Belege für die Konstitution der Soz-Stereotype im gesellschaftlichen Diskurs erbracht hat: von der Neu-Etablierung über die bestätigende Verstärkung bis zur Verwendung als purer Selbstverständlichkeit, und zwar im privaten Gespräch wie in der Massenkommunikation. (vgl. Klein 1998: 36)

In der Gegenüberstellung beider Stereotypbegriffe ist der linguistische Status der sozialpsychologischen Begriffsvariante deutlich geworden. Es ist vor allem eines deutlich geworden, nämlich dass dieser linguistische Status nicht nur und nicht einmal in erster Linie darin besteht, die Bedeutung bestimmter auf Personengruppen referierender Wörter sein zu können:

„In sprachlicher Hinsicht sind Soz-Stereotype Syndrome von Zuschreibungen, die keineswegs der Lexikondomäne angehören müssen, sondern auch in Einheiten der Domänen Text/Gespräch und Satz realisierbar sind.“ (Klein 1998: 38)

Dies bedeutet wiederum, dass der Sem-Stereotypbegriff als Analysewerkzeug im Rahmen empirischer Untersuchungen zur sprachlichen Konstitution von Soz-Stereotypen nur einem eher begrenzten Sektor nützlich ist, nämlich speziell bei der Analyse von Bezeichnungen für Personen(gruppen) - etwa im Hinblick auf die Abhängigkeit der Stereotypverwendung von Kontextklassen. (vgl. ebd.: 38)

2.2. Der philosophische Stereotypbegriff

Der Philosoph Adam Schaff (1980) beschäftigt sich insbesondere mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Stereotypen aus einer marxistischen Sichtweise heraus, wobei er Stereotype als ein Element des subjektiven Faktors im menschlichen Erkenntnisprozess sieht. Seine These, die als Ausgangspunkt für seine Überlegungen dient, bestimmt gewissermaßen den erkenntnistheoretischen Status der Stereotypen. Wenn nämlich gesagt wird, dass sie ein Element des subjektiven Faktors im Erkenntnisprozess sind, kann gleichzeitig implizit festgestellt werden, dass dieser Prozess an sich nicht subjektiv, sondern objektiv ist, und zwar in dem Sinn, dass er immer eine zweigliedrige „Subjekt-Objekt-Relation“ darstellt, (vgl. Schaff 1980: 27)

Weiters muss der Zusammenhang zwischen Subjekt und Objekt in diesem Prozess betont werden, wenn von Stereotypen als Elementen des subjektiven Faktors im Erkenntnisprozess gesprochen wird:

„Das Objekt existiert zwar objektiv, das heißt außerhalb des erkennenden Subjekts und unabhängig von ihm, aber das Produkt des Erkenntnisprozesses ist ein Konstrukt, bei dessen Entstehung verschiedene Bedingtheiten der Wahrnehmung und Interpretation der Wirklichkeit seitens des Subjekts eine Rolle spielen: physiologische, psychologische, soziale, besonders im Zusammenhang mit der Struktur der Sprache, deren das Subjekt sich in seinen Denkprozessen bedient.“ (Schaff 1980: 28)

Werden nun alle Elemente als subjektiver Faktor bezeichnet, die das Subjekt in spezifischer Weise in die Erkenntnis und in die Konstruktion ihres Produkts hineinträgt, gehören die Denkstereotypen eben zu dieser Klasse von Erscheinungen. Dadurch, dass die Erkenntnis einen objektiv-subjektiven Charakter hat, ist es möglich, die Denkstereotypen organisch in ihren Rahmen einzubauen. Auf einem anderen, nicht weniger hohen Niveau der Abstraktion steht für Schaff der pragmatische Kontext, was soviel heißt, wie die Theorie des Handelns, wovon die Kommunikationstheorie ein Teil ist. Eine wichtige Frage, die sich nicht nur der Autor stellt ist, welche Rolle die Stereotypen in der Herausbildung der menschlichen Haltungen, die als Bereitschaft zum Handeln verstanden werden spielen - welche Rolle spielen sie im Prozess der Verständigung zwischen den Menschen? (vgl. Schaff 1980: 28) Schaff unterscheidet hier drei Kontexte, die er mit den Stereotypen in Verbindung bringt: den psychologischen, den soziologischen und den linguistischen Kontext. Der psychologische Kontext, der besonders im Bereich der Sozialpsychologie auftritt, hängt mit der Reflexion über die Genese der Stereotypen zusammen: der sozialen, welche dem Individuum von seinem Milieu im Prozess der Sozialisation im weitesten Sinn vermittelt wird, sowie der individuellen, besonders wenn es sich um charakterologische Faktoren handelt, welche die Internalisierung und Rezeption von Stereotypen durch das betreffende Individuum begünstigten. Der soziologische Kontext steht in organischem Zusammenhang mit der oben erwähnten Ebene. Wie besprochen, haben die psychologischen Faktoren eine genetische Grundlage in den sozialen Bedingungen, die sie hervorrufen, wobei ihre Erkenntnis zur Vertiefung unseres Wissens über die Gesetzmäßigkeiten des Funktionierens der Stereotypen beiträgt. Der linguistische Kontext wirkt sowohl in dem Sinn, dass die Struktur der Sprache eines der Elemente des subjektiven Faktors bildet, wie das der (Neo-) Humboldtismus lehrt, sowie in einem engeren Sinn, der schon im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Interessensgebiet steht: „daß nämlich die Stereotypen <immer> verbal sind, weil sie <immer> als Inhalt eines bestimmten Worts oder Ausdrucks auftreten.“ (ebd.: 29)

Das Wort „Stereotyp(en)“ wird in der Gesellschaft sehr häufig so verwendet, als wäre es völlig klar und allgemein bekannt, worum es geht, beispielsweise in Diskussionen, in der Presse, ja sogar in anderen wissenschaftlichen Arbeiten. Oft wird dabei vergessen, dass die Geschichte des Wortes verhältnismäßig jung ist, da der Terminus von Walter Lippmann Anfang der zwanziger Jahre eingeführt wurde und dass der Sinn, der ihm jeweils zugeschrieben wird, äußerst differenziert ist. Dies zeigt etwa auch die Vielfältigkeit, ja geradezu die Widersprüchlichkeit der in der Literatur gebräuchlichen Stereotypentheorien. Schaff geht in seinen Ausführungen von den konkreten Anwendungen des Ausdrucks „Stereotyp“ in der Praxis der Umgangs- und Wissenschaftssprache aus. In Bezug auf eine Definition des Begriffs, arbeitete er verschiedene Begriffselemente des Ausdrucks heraus, als sofort eine allgemeingültige Definition zu formulieren. (vgl. ebd.: 30)

Von einem Stereotyp kann nach Schaff dann gesprochen werden, „wenn unsere Emotionen, Werturteile und Haltungen im Sinn der Bereitschaft zu entsprechendem Handeln nicht eine Reaktion auf eigene diesbezügliche Erfahrungen sind, sondern auf einen Wort-Namen, der in uns diese Empfindungen, Urteile und Haltungen hervorruft. “ (ebd.: 31 )

Dieser angesprochene Wort-Name ist jedem in der einen oder anderen Weise von der Gesellschaft, also von der Familie oder dem Milieu, übermittelt worden, unabhängig von der jeweiligen eigenen empirischen Erfahrung auf dem betreffenden Gebiet, manchmal sogar bei einem völligem Fehlen einer solchen Erfahrung. In diesem Sinn treten Stereotypen in klassischer Weise bei Beziehungen zwischen nationalen Gruppen in Erscheinung, wobei ein Stereotyp nicht unbedingt negativ sein muss - diese kann durchaus positiv sein. Hierzu gehören auch chauvinistische Stereotypen der eigenen nationalen Gruppe, wie beispielsweise der Ausdruck „der Unsrige“. Sowohl im Fall der negativen als auch der positiven Stereotypen handelt es sich dabei immer um hauptsächlich emotionale Reaktionen auf einen durch das Signal, also durch den Wort-Namen aktualisierten gesellschaftlichen Inhalt, der im betreffenden Milieu damit verbunden ist, nicht aber um Reaktionen auf persönliche Erfahrung des reagierenden Subjekts. (vgl. ebd.: 31)

Dies gilt auch für Klassen-Stereotypen, wie etwa Proletarier, Aristokrat usw., wobei es sich in diesem Fall um Stereotypen handeln kann, die bezüglich der Beurteilung, der emotionellen Reaktionen und der Haltungen geradezu entgegengesetzt sind, je nachdem, im Rahmen welcher gesellschaftlicher Klasse das Stereotyp herausgebildet wurde. Eines ist hier sehr wichtig:

„der Mechanismus ist derselbe wie im Fall der nationalen Stereotypen - sie sind mehr oder weniger unabhängig von den eigenen Erfahrungen und stützen sich auf Inhalte, die auf sozialem Wege übermittelt worden sind.“ (ebd.: 32)

Ganz ähnlich ist es im Fall von Berufsgruppen: „der zerstreute Professor“ oder „der schlaue Bauer“. Stereotypen treten aber auch im Fall von einander bekämpfenden sozialen Gruppen oder auch in Urteilen über das jeweils andere Geschlecht. So stößt man im gesamten gesellschaftlichen Leben und in den damit verbundenen Problemen auf Stereotypen, wobei ihr Mechanismus immer der gleiche ist:

„Priorität des gesellschaftlich Vermittelten vor der eigenen Erfahrung und dem persönlichen Urteil, wenn es sich um eine emotionelle Reaktion, um eine Bewertung von und eine Einstellung zu bestimmten Arten sozialer Probleme handelt. “ (ebd.: 32)

Zweitens spricht Schaff (1980) dann von Stereotypen, wenn ein bestimmtes Signal, also ein bestimmter Wort-Name emotionelle Reaktionen hervorruft, die wiederum ihren Ausdruck in Urteilen und Haltungen des Individuums finden, die mechanisch auf alle Exemplare der mit diesem Wort bezeichneten Kategorie bezogen werden. Dies erklärt sich daraus, dass sie nämlich unabhängig von der persönlichen Erfahrung des gegebenen Subjekts aufgrund einer gesellschaftlichen Vermittlung wirken. Dies ermöglicht zu verstehen, warum Lippmann die Bezeichnung „Stereotyp“ gewählt hat, da er sich dabei auf die Terminologie des Druckereigewerbes stützte, das mit diesem Wort die gegossene Druckplatte bezeichnet, mit der man eine beliebige Anzahl von Abzügen herstellen kann. So vervielfältigen die Individuen etwa auch mechanisch ihre „Platte“, wenn sie auf bestimmte Wörter stets mit derselben Phobie reagieren, unabhängig von persönlichen Erfahrungen, die den Voraussetzungen dieser Reaktion widersprechen. Hierbei geht es jedoch nicht nur um die mechanische Wiederholbarkeit einer sozusagen „vervielfältigten“ Reaktion, sondern auch um ihre „Zählebigkeit“. Stereotypen lassen sich im Allgemeinen nur schwer verändern, denn selbst wenn ihre Gegenstandslosigkeit erkannt wurde, wie etwa bei rassistischen Vorurteilen, bleibt immer noch ein gewisser emotioneller „Geschmack“ zurück, der sich meist bis ans Lebensende des Subjekts nicht völlig ausmerzen lässt. Der Grund befindet sich in der Genese der Stereotypen, speziell in der Art und Weise, wie das Individuum sie sich durch Erziehung, Druck der öffentlichen Meinung in bestimmten Angelegenheiten usw. angeeignet hat. Von anderen Produkten des menschlichen Bewusstseins unterscheidet sie die Resistenz gegen Veränderungen, insbesondere die schwache Wirkung vernünftiger Argumente, sowie die spezifische Verknöcherung der Haltungen, die mit Stereotypen zusammenhängen. (vgl. ebd.: 33)

Drittens meint Schaff (1980), dass sich die Produkte des Bewusstseins, also Stereotypen, immer und ausschließlich auf Probleme des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen beziehen. Sie haben durch die Art und Weise wie sie im menschlichen Bewusstsein in Erscheinung treten, gesellschaftlichen Charakter:

„Die Stereotypen treten im menschlichen Denken ausschließlich im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen auf, und zwar solcher, die einen besonderen Charakter haben - bei denen es sich um Werturteile und Einstellungen gegenüber bestimmten menschlichen Gruppen handelt. In diesem Sinn sind Stereotypen immer gesellschaftliche Stereotypen.“(ebd.: 32f.)

Speziell diese Charakteristik gilt für Stereotypen in einem weiteren, besonders qualifizierten Sinn: insofern, als sie sich als Bewusstseinsprodukte immer auf die soziale Basis ihrer Träger stützen. Dieser Umstand wird verständlich, wenn die soziale Genese und die soziale Bezugsebene berücksichtigt werden, die das Individuum auf dem Weg gesellschaftlicher Vermittlung, also durch Erziehung in einem bestimmten Milieu, unabhängig von der persönlichen Erfahrung internalisiert. So sind es die Individuen, die in ihrem Denken und Handeln mit Stereotypen operieren, denn gerade sie sind das biologische Sein, das existiert, denkt und handelt. Hierbei gibt es aber keine „individuellen Stereotypen“ und zwar deshalb,

„weil ein Stereotyp, um vom Individuum internalisiert zu werden, ihm gesellschaftlich vermittelt worden sein muß, es also vorher im Bewußtsein vieler Menschen, in dem, was wir als gesellschaftliches Bewußtsein bezeichnen, existiert haben muß.“

(ebd.: 35)

Laut Schaff (1980) ist ein Stereotyp viertens immer mit einem Wort, einem sprachlichen Ausdruck verbunden - averbale Stereotypen gibt es nicht. Allgemein gilt folgendes:

„das Wort dient hier als Signal für bestimmte intellektuelle Inhalte und emotionelle Zustände mitsamt den entsprechenden Haltungen, aber das Wort oder der Ausdruck expliziert das Stereotyp nicht, so wie das auch beim Begriff nicht der Fall ist; expliziert wird es erst durch einen Satz, oft durch ein ganzes System von Sätzen.“ (ebd.: 35)

Schließlich merkt Schaff (1980) fünftens an, dass Stereotypen immer bestimmte Werturteile und eine emotionelle Ladung enthalten. (vgl. ebd.: 35)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass erstens die Stereotypen - und darin besteht die Ähnlichkeit mit den Begriffen - bestimmte Merkmale der Wirklichkeit generalisieren, auf die sie sich beziehen, obwohl es sich dabei um eine einseitige, von gewissen subjektiven Interessen bedingte Generalisierung handelt. Deshalb können sie nicht einfach als falsch angesehen werden. Zweitens sind jedoch die Stereotypen immer - und das unterscheidet sie von den Begriffen - Träger gesellschaftlicher Sympathien oder auch Phobien. So sind sie Träger von Werturteilen und den damit verbundenen emotionalen Zuständen und Haltungen. (vgl. ebd.: 36f.)

2.3. Das sozialwissenschaftliche Stereotypenkonzept

Die Sprachwissenschaftlerin Uta Quasthoff (1973), die sich im Speziellen mit den linguistischen Stereotypen auseinandersetzt, meint, dass die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs „Stereotyp“ nur mittelbar mit der wissenschaftlichen zusammenhängt. Denn während der Begriff in der Alltagssprache meistens als Adjektiv oder Adverb zur Beschreibung monotoner, sinnentleerter Wiederholungen gebraucht wird, ist er in der Sozialwissenschaft zu einem Terminus geworden, für den das Moment der Wiederholung nicht mehr in derselben Weise konstitutiv ist. Wie auch schon Schaff (1980) weiter oben anmerkte, so ist der Begriff „Stereotyp“ mit dem Namen Walter Lippmann verbunden, der ihn als erster, allerdings noch sehr unscharf, zur Bezeichnung sozialpsychologischer Gegebenheiten verwendet. Der Gebrauch des Ausdrucks in theoretischen Abhandlungen und empirischen Studien lässt jedoch darauf schließen, dass die einzelnen AutorInnen mit dem gleichen Begriff häufig Verschiedenes meinen. (vgl. Quasthoff 1973: 17)

Mit ein Grund für die unterschiedliche Verwendungsweise des Stereotypbegriffs in der wissenschaftlichen Literatur mag bereits in der Art zu suchen sein, in der er als sozialpsychologische Kategorie eingeführt wurde: äußert Diffus. Aus diesem eher unscharfen Stereotypbegriff Lippmanns, der als Bezeichnung für ein Konglomerat von Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen, das die Wahrnehmung strukturiert und selektiv steuert, kristallisierte sich weiters ein engerer Begriff heraus, der sich auf die Typisierung von Menschen und Gruppen und damit auch auf die entsprechende Erwartungshaltung bezieht. Um diesen Rahmen, der immer noch sehr vage scheint und der als Grundlage für die Begriffsbildung im sozialwissenschaftlichen Sinn anzusehen ist, zu präzisieren, sollen im folgenden zunächst einige Definitionen des Stereotyps aus der sozialwissenschaftlichen Literatur betrachtet werden, die das ganze Spektrum der gegenwärtigen Verwendung des Begriffs wiedergeben. Es fällt jedoch außerordentlich schwer, das verworrene Bild der verschiedenen Definitionen und Verwendungsweisen des „Stereotyps“ zu systematisieren:

„Ein grober Einteilungsversuch ergibt, dass einige Autoren das Stereotyp als <Überzeugung>, andere als <ürteil> oder als <bildhafte Vorstellung> klassifizieren. Als besondere Eigenschaften, die das Stereotyp von anderen Kategorien der genannten Klassen unterscheiden, werden am häufigsten das übermäßig Vereinfachende und Verallgemeinernde, das Unzutreffende und ihre wertend- emotionaleNatur genannt.“ (Quasthoff 1973: 19)

Eine letzte Gruppe von Definitionen sind solche, die ausgehend von dem Moment der Generalisierung das Stereotyp mit dem Begriff verbinden. Diese Art des Verständnisses von „Stereotyp“ stößt am ehesten auf das Interesse von Linguisten - so geht auch Schaff in seinen Überlegungen (siehe oben) von einer Parallelität zwischen Begriff und Stereotyp aus. (vgl. Quasthoff 1973: 20)

Zusammenfassend kann nun also gesagt werden, dass obwohl eine Ableitung und Bestimmung des Stereotypenbegriffs in der Weise, wie es hier versucht wurde, in der sozialwissenschaftlichen Literatur nicht nachzuweisen ist, gibt es doch vereinzelte Hinweise auf den sprachlichen Aspekt des Stereotyps. In der Ableitung des Stereotyps aus einer spezifischen Form der Überzeugung, die einer Klasse von Personen oder Gegenständen, im grammatischen Sinn also einem Subjekt, Eigenschaften zu- oder abspricht, ist bereits impliziert, dass es sich beim Begriff „Stereotyp“ um ein Urteil handeln muss. Die linguistische Kategorie für das Urteil ist der Satz und nicht das Wort. So kann das Stereotyp für die hier vorliegende Arbeit folgendermaßen definiert werden:

„Ein Stereotyp ist ein verbaler Ausdruck einer auf soziale Gruppen oder einzelne Personen als deren Mitglieder gerichteten Überzeugung. Es hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional-wertender Tendenz, einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht. Linguistisch ist es als Satz beschreibbar.“ (Quasthoff 1973: 28)

So konnte hier das Kriterium einer bestimmten Höhe des Verbreitungsgrades in einem quantitativen Sinn, als konstitutives Merkmal des Stereotyps außer Acht gelassen werden, denn wo soll, auf einer kontinuierlich anwachsenden Kurve des prozentualen Übereinstimmungsgrades von Versuchspersonen, bei der Zuordnung eines Merkmals als Eigenschaft einer Gruppe, eine Grenze ziehen zwischen „Stereotyp“ und „Nicht-Stereotyp“ gezogen werden, ohne willkürlich vorzugehen? Doch trotz der Schwierigkeit, hier eine begründbare Grenze zu ziehen, scheint die Frage des Übereinstimmungsgrades von Urteilen für eine sozialpsychologische Forschung von größter Wichtigkeit zu sein:

„Bei der Funktionsbestimmung des <Stereotyps> spielt die Tatsache, daß es sich bei <Stereotypen> um kollektive Bewußtseinsinhalte handelt, eine ausschlaggebende Rolle.“ (ebd.: 28)

Jedoch scheint die Anzahl von Personen, die einen bestimmten Typ von Urteil äußern, für eine eingehende linguistische Beschreibung und Analyse zunächst unerheblich.

3. Stereotypen und Vorurteile

Aufgrund der verwirrenden Verwendungsvarianten im wissenschaftlichen Feld, wird der Begriff „Stereotyp“ oft in Verbindung mit dem „Vorurteil“ verwendet. In welcher Art und Weise und ob sich diese beiden Begriffe unterscheiden bzw. welchen Ursprung diese besitzen soll nun erläutert werden.

3.1. Historische Einführung

Im Allgemeinen stammt der Ausdruck aus dem 16. Jahrhundert und zwar abgeleitet aus dem lateinischen Wort „prae-judicium“. Er war zunächst dem juristischen Zusammenhang zugehörig, wo er auf eine Zwischen-Erkenntnis in einem längeren Prozess der End­Urteilsfindung bezogen war. Erst seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert erfolgte seine massenhafte Übertragung in den allgemeinen öffentlichen Diskurs. Dadurch, dass schon die Aufklärung die Vorurteile bekämpft, indem sie diese durchleuchtet und durchschaubar macht, ist die Vorurteilskritik zu einer zentralen Tätigkeit der Aufklärung bzw. des Aufklärers/der Aufklärerin geworden. Dies hat sich bis heute als Bestimmung gehalten. Weiters war die Vorurteilskritik enzyklopädisch wirksam als ein Kampfmittel gegen die Feudalherren. (vgl. Ehlich 1998: 16f.)

So definiert Ehlich die Vorurteile im Kontext des 17. Jahrhunderts wie folgt:

„Vorurteile waren als nur geringfügig modifizierte Form des Aberglaubens leicht denunzierbar, und ihre Kritik wurde begierig aufgenommen - freilich nur überall dort, wo der Sturz der bestehenden feudalen Verhältnisse selbst fällig, ja überfällig war. Wo dies nicht und nicht mehr der Fall war, tat sich die Vorurteilskritik schwer. “ (Ehlich 1998: 17)

Folglich erwiesen sie sich als zählebig und dauerhaft, und zeigten eine handlungsleitende Kraft in immer neuen Applikationen bis sie, massenpropagandistisch wirksam bestärkt, erneuert, die nationale und nationalsozialistische Selbstbornierung voranzutreiben halfen. Deshalb wurde die Nachaufklärung zum Tummelplatz der Vorurteile. Später, im Nationalismus und Rassismus, wurden sie wissenschaftlich entwickelt, begründet und systematisiert. So blieb die Vorurteilskritik ein gesellschaftlich hilfloses Programm, wobei sich die aufklärerische Figur selbst perpetuierte, sodass sie so an dem Anteil gewinnt, und was sie mit guten Gründen kritisiert, bleibt undurchschaut. Infolgedessen stehen im Ergebnis Vorurteil und Vorurteilskritik in einer Weise gegenüber, die gerade deshalb nach einer reflexiven Auflösung der ihnen beiden gemeinsamen Basis ruft. (vgl. Ehlich 1998: 17)

3.2. Das „Vor-Urteil“

Der Ausdruck Vorurteil weist, anders als bei seinem modernisierenden Pendant „Stereotyp“, eine semantische Spur auf, die in der Herausbildung der aufklärerisch-kritisch-pejorativen Verwendung nicht aktualisiert, aber in dem ursprünglich juristischen Gebrauch präsent ist, denn auch das Vorurteil ist ein Urteil. Wobei es als solches auf Erkenntnis abzielt, genauer gesagt auf eine handlungsverbindliche Erkenntnis, exemplarisch eben im Richterspruch. Durch die negative Konnotationen hat das Vorurteil so einen Stellenwert im Erkenntnisgewinnungsprozess - einerseits im juristischen, andererseits in dem des Verstehens eines Textes. Aus dieser Bedeutungsform hat das Vorurteil einen einigermaßen anderen Stellenwert in der „Theorie des Verstehens“ gefunden, sodass die Verwendung des Ausdrucks gegenwärtig in zwei gegensätzliche Richtungen auseinanderfällt. So hat die Hermeneutik in dem Versuch, Prozesse des Verstehens zu rekonstruieren, „Vor-Urteile“ als notwendige Schritte von Verstehensprozessen identifiziert. Damit hat sie auf eine neue Dimension verwiesen, die dem aufklärerischen „Vorurteilsdiskurs“ fremd war. Ehlich beschreibt die Situation wie folgt:

„Für jenen war das <Vorurteil> in seiner negativen Evaluation das von der Gruppe, von den Herrschenden, aber auch vom Negativ-Set der eigenen psychischen Disposition geschaffene Ensemble einer verwerflichen und verderblichen geistigen Tätigkeit bzw. der Abkehr von ihr. “ (ebd.: 18)

Hingegen lässt man sich im hermeneutischen Konzept des „Vor-Urteils“ immerhin soweit auf den Umstand einer mentalen Tätigkeit ein, dass man nach der spezifischen Qualität und Leistung jener vorgreifenden Urteile fragt, die ein unaufgebbarer Schritt in der komplexen mentalen Verstehenstätigkeit sind. (vgl. ebd.: 18)

3.2.1. Das „Vor-Urteil“ im hermeneutischen Kontext

Eine sehr wichtige Frage, ist jene, was es bedeutet zu urteilen. Ehlich (1998) beantwortet diese Frage wie folgt:

„Das Urteilen ist ein Prädizieren und insofern eine mentale Aktivität hin auf dem Wege zu dem, was man [...] umfassend eine Begriffsbildung nennen kann, die mentale Repräsentanz von Welt. Begriffe aber, Urteile und Handlungen stehen miteinander in einem unaufgebbaren und unauflöslichen Zusammenhang.“ (ebd.: 18)

Dies lässt sich so zusammenfassen, dass ohne Urteile, ohne Begriffe menschliche Handlungen nicht möglich sind. Dies hat auch anthropologische Gründe, dadurch, dass der Mensch als Mangelwesen für seine Handlungen nicht hinreichend durch Instinkte abgesichert ist. Weiters stellt sich nun die Frage, welchen Stellenwert dem „Vor-Urteil“ angesichts dieser Struktur zukommt? Fakt ist, dass das „Vor-Urteil“ in den Prozess der Begriffsbildung unumgänglich eingebunden ist, wobei es als solches die pejorative Wertung nicht verdient. So beginnen die Probleme dort, wo seine Transformation, nämlich die Bereitschaft zum Verstehen, suspendiert wird, wo also dieses „Vor-Urteil“ nicht in den Prozess der Erkenntnisgewinnung kontinuierlich eingebunden bleibt, denn dann tritt das „Vor-Urteil“ an die Stelle von dessen Ergebnis. Der Motor hierfür, sodass derartiges eintritt, liegt im Vorhandensein der Bereitschaft zum Verstehen begründet, sozusagen in einer Transformationsverweigerung. (vgl. ebd.: 18)

3.3. Das Verhältnis von Stereotyp und Vorurteil

Die Notwendigkeit, sich die Frage nach dem Verhältnis der beiden Begriffe „Stereotyp“ und „Vorurteil“ zu stellen, leitet sich aus der Tatsache ab, dass beide einerseits als Synonyme definiert und verwendet werden, andererseits andere AutorInnen jedoch eine begriffliche Abgrenzung zwischen ihnen vorzunehmen versuchen. Dadurch wird eine Trennung der Geltungsbereiche beider Begriffe erschwert, sodass auch der Begriff „Vorurteil“ in der Sozialpsychologie - sei es implizit oder explizit - im Sinne von „soziales Vorurteil“ verstanden wird, das auf menschliche Gruppen oder auch einzelne Personen als deren Mitglieder gerichtet ist. So ist beim „Stereotyp“ der wissenschaftliche Gebrauch mit Bezug auf soziale Gruppen fast durchgängig. Es lässt sich also keine Unterscheidung nach dem Bezugsobjekt zwischen Vorurteil und „Stereotyp“ treffen. Die meisten Autorinnen definieren das Vorurteil, so Quasthoff (1973), „als eine Form der Einstellung, deren Besonderheit es ist, daß sie sich - in meist negativer Weise - auf soziale Gruppen richtet. Nur vereinzelt werden Vorurteile in vollständig anderer Weise klassifiziert.“ (Quasthoff 1973: 25)

Uta Quasthoff (1973) meint weiters, dass jene Position, die das Vorurteil so sieht, als dass es aus zwei Komponenten - der Einstellung und der Überzeugung - zusammengesetzt ist, um einiges korrekter und genauer zu sein scheint, als jene, die im Vorurteil nur eine Einstellung sieht. Die Autorin sieht es jedoch nicht für nötig, eine begriffliche Trennung zwischen „Einstellung“ und „Überzeugung“ in diesem Bereich zu ziehen, da die beiden - sowohl in einer allgemeinen Einstellung der Antipathie gegenüber Schwarzafrikanern etwa als auch in der Überzeugung, sie würden schlecht riechen - ein Voraus-Urteil über eine gesamt Gruppe von Menschen begründen, welches in jedem Fall wertender Natur ist, ganz unabhängig davon, ob der Einstellungs- oder der Überzeugungsfaktor überwiegt. Aufgrund dessen, dass die beiden Kategorien „Einstellung“ und „Überzeugung“ definiert sind und damit auch „zur Verfügung“ stehen, ist es abgesehen davon jederzeit möglich, eine analytische Trennung zwischen beiden vorzunehmen, ohne die sinnvolle Einheit des Vorurteilsbegriffs zu zerstören. (vgl. Quasthoff 1973: 25f.)

Quasthoff (1973) konkretisiert weiters, dass wenn nun das „Stereotyp“ nur als Einstellung klassifiziert wird, so würde es weder den vorhandenen definitorischen Ansätzen, noch den zu seiner Erfassung angewandten empirischen Methode entsprechen. Deshalb stellt sich also die Frage, ob das „Stereotyp“ ebenso wie das Vorurteil aus Einstellungs- und Überzeugungsfaktoren zusammengesetzt oder lediglich Bezeichnung für eine Art Überzeugung ist. Die Entscheidung dieser Frage ist jedoch willkürlich, da sie von einer definitorischen Setzung abhängt: Sollen Sätze des Typs - „Ich kann männliche Schwarzafrikaner nicht leiden“ noch als Ausdrücke eines „Stereotyps“ gelten oder nicht? Quasthoff (1973) meint hierzu:

„Das Verständnis des Begriffs, das der überwiegende Teil der sozialpsychologischen Literatur erkennen läßt sowie das Interesse an einer deutlichen Abgrenzung vom sozialen Vorurteil im Sinne einer kategorialen Einheitlichkeit, die der linguistischen Beschreibung und Analyse zugute kommt, spricht dafür, den Einstellungsfaktor aus der Definition des <Stereotyps> auszuschließen.“ (ebd.: 26)

Jedoch ist aus der beschriebenen funktionellen Verflechtung der beiden abzuleiten, dass auch das so definierte „Stereotyp“ nicht ohne die Kategorie der Einstellung zu erklären ist. Deshalb steht fest, dass wenn Überzeugungen im Allgemeinen Rationalisierungen von Einstellungen sind, sie ohne den Begriff der Einstellung nicht vollständig zu erfassen sind. So stellt sich die Frage, ob „Stereotypen“ mit Überzeugungen, die ein Bestandteil von sozialen Vorurteilen sind, gleichgesetzt werden können. Hierzu ist festzustellen, dass Überzeugungen, gemeinsam mit Einstellungen, das soziale Vorurteil bilden und dass

Einstellungen als Disposition, Reaktionsbereitschaft, also als „state of readiness“ (ebd.: 26) definiert sind. Aufgrund der psychologischen Verknüpfung zwischen Einstellung und Überzeugung ergibt sich eine gewisse Abhängigkeit der Überzeugung von der Einstellung, sodass gesagt werden kann, dass die spezifische Form der Überzeugung innerhalb des sozialen Vorurteils ebenfalls dispositionellen Charakter hat und realisiert werden muss, um erkennbar zu sein. Ein soziales Vorurteil kann sich beispielsweise in den verschiedensten Formen äußern, wie etwa auf der Ebene des Redens als eine der „schwächsten“ Form des Verhaltens, da es hier zu Verleumdungen bestimmter Fremdgruppen oder deren einzelner Mitglieder führt. Auf einer anderen Ebene, nämlich jener des Handelns, kann das Vorurteil in Form von Rassendiskriminierungen, Gewaltanwendung gegenüber Frauen oder ethnischen Minderheiten und im Extremfall als Genozid zum Ausdruck kommen. Es kann gesagt werden, dass die Disposition in jedem Fall einen Bewusstseinsinhalt darstellt, der einer Äußerungsform bedarf, um messbar zu sein und seine gesamte Wirksamkeit ausüben kann. (vgl. ebd.: 26f.)

3.4. Die Veränderbarkeit von sozialen Vorurteilen

Die persönliche Erfahrung des einzelnen spielt bei der Herausbildung feindlicher Einstellungen gegenüber Fremdgruppen oder auch des Geschlechts und der mit ihnen verbundenen „Stereotype“ keine oder nur eine sehr geringe Rolle. Ebenso entscheidend jedoch wie die Frage nach der Entstehung sowie der Geschichte sozialer Vorurteile (siehe oben), ist die nach den Möglichkeiten ihrer nachträglichen Beeinflussbarkeit. Aber auch hier kommt der Frage nach der Rolle der Erfahrung naturgemäß eine zentrale Bedeutung zu. Es stellt sich unmittelbar die Frage, ob soziale Vorurteile und „Stereotype“ durch nachträgliche Erfahrungen, die das Vor-Urteil zu einem begründeten Urteil umwandeln, revidiert werden können. Die Beantwortung dieser Frage ist speziell auf der theoretischen Ebene notwendig, da diese zur Erforschung von Problemen des Einstellungswandels und seiner soziologischen, sozioökonomischen und politischen Determinanten unabdingbar sind. Weiters ist diese aber auch von noch dringenderer Wichtigkeit für die praktischen Bemühungen zum Abbau von Vorurteilen, wie sie auch gegenwärtig von vielen Organisationen und Instanzen unternommen werden. (vgl. Quasthoff 1973: 70)

3.4.1. Die Beeinflussbarkeit von sozialen Vorurteilen durch persönliche Erfahrung Bei der Untersuchung der Literatur der Vorurteils- und Stereotypenforschung, findet sich immer wieder der pauschale Hinweis, das soziale Vorurteile nicht oder nur in sehr geringem Maße durch Erfahrung zu beeinflussen seien. Dieser gewonnene Eindruck vermittelt ganz allgemein jedoch ein unzureichendes Bild, das durch die Korrektur seitens der großen Zahl empirischer Untersuchungen zu diesem Thema zwar weniger eindeutig wird, jedoch optimistischer stimmt. Es lässt sich das Problem der Auswirkungen individueller Erfahrungen durch den Abbau sozialer Vorurteilen auf die Frage beschränken, inwieweit persönlicher Kontakt mit Angehörigen einer Fremdgruppe als die direkteste Form persönlicher Erfahrung eine Einstellungsänderung gegenüber der gesamten Gruppe (wie etwa der Frauen) auslösen kann. Quasthoff (1973) merkt hier an, dass die mögliche Wirkung von Massenkommunikationsmitteln in diesem Zusammenhang hier bewusst übergangen werden muss, da dieser Forschungszweig in seiner Eigenständigkeit eine derart umfangreiche Berücksichtigung erfordern würde, die über den Rahmen des hier Versuchten - aber auch über den Rahmen dieser Arbeit - weit hinausführen würde. (vgl. Quasthoff 1973: 71) Bezüglich der Beeinflussung von sozialen Vorurteilen sind Versuche interkultureller Erziehung ziemlich erfolgreich, sofern sie Kontakte mit Angehörigen der entsprechenden Minderheit einschließen, sodass man mit Recht den persönlichen Kontakt als den einflussreichsten Faktor annehmen kann. Hier liegt die Hypothese nahe, dass die Wirkung abhängig von der Art des Kontaktes ist:

„<Stereotype> über solche Gruppen, die in großer räumlicher Entfernung [...] leben und auch als Einwanderer keine Minoritätengruppe innerhalb des eigenen Landes bilden, sind im allgemeinen uneinheitlich und schwach ausgeprägt.“

(Quasthoff 1973: 72)

Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass Fremdbilder kontinuierlich mit der Verringerung der Distanz positiv gefärbt werden. So muss auch die Variable des Kontaktes erheblich differenziert werden. (vgl. ebd.: 73)

Aufgrund dessen, dass sich die Autorin Uta Quasthoff (1973), genauso wie die meisten anderen Autorinnen, die sich mit der Thematik „Vorurteile“ beschäftigen, vor allem mit rassischen und ethnischen Vorurteilen beschäftigt, sowie diese auch in diesem Kontext definiert und anwendet, soll nach dieser kurzen Einführung bzw. dieses allgemeinen Überblicks, nun auf die Sozialisation als „Grundlage“ für die Bildung der geschlechtsspezifischen Stereotypen eingegangen werden.

4. Die geschlechtsspezifische Sozialisation

Im Kontext geschlechtsspezifischer Stereotype wird der geschlechtsspezifischen Sozialisation ein hoher Stellenwert zugeschrieben, da diese sozusagen die „Basis“ bildet, in der die Rollen und damit auch das lebenslange „Zuständigkeitsgebiet“ der Frauen und Männer, mit all ihren dazugehörigen Eigenschaften, festgelegt wird. Weiters folgen nun Ausführungen zur Definition der geschlechtsspezifischen Sozialisation, wobei auf die Bildung der Geschlechtsidentitäten im Besonderen eingegangen werden soll und zur weiblichen Sozialisation mit Bezug auf die Geschlechterstereotypen.

4.1. Allgemeines

Wenn von Sozialisation gesprochen wird, so soll an lebende Menschen gedacht werden, die in der Regel als Frauen oder Männer existieren, auch wenn jede allgemeinere Aussage über Frauen oder Männer die Binarität des Zweigeschlechterdenkens weiter festschreiben könnte. Trotzdem die Kategorie Geschlecht in Frage gestellt wird, bleibt keine andere Wahl, als die vorhandenen Begriffe und Unterscheidungen zurück zu greifen, da sie als Ergebnisse historischer Prozesse wichtig gemacht und wirksam sind. Jedoch ist das Problem unvermeidbar, dass unterscheidend-beschreibende Begriffe immer wieder als Zustimmung zu Essenzen gelesen werden. Entscheidend ist aber, die Unterscheidungen nicht zu fixieren, sondern auch wieder los lassen zu können. Darüber hinaus ist das größte Problem nicht die kategoriale Unterscheidung nach Geschlecht, sondern die Hierarchisierung. (vgl. Bilden 2006: 45f.)

Die feministische Autorin Helga Bilden (2006) definiert Sozialisation als Prozess der Individuierung durch Vergesellschaftung und der Vergesellschaftung als Individuierung [...] in einer Gesellschaft, die nach Geschlecht und anderen Differenzen strukturiert ist; insofern ist Sozialisation auch immer Vergeschlechtlichung. [...] Denn auf Geschlecht als eine zentrale soziale Kategorie beziehen sich die Handelnden in sozialen Interaktionen.“ (Bilden 2006: 46f.)

So wird jedes Neugeborene unter dem Diktat des Zweigeschlechtersystems als Frau oder Mann kategorisiert, da das Gesetz es so vorsieht. Aber auch Intersex-Personen und Hermaphroditen werden einer der beiden Kategorien zugeordnet, und es gibt keine bürgerliche Existenz außerhalb dieser. Es kann gesagt werden, dass jedes Individuum als Frau oder Mann aufwächst: „In jeder Interaktion beziehen sich die Beteiligten auf das Geschlecht des Gegenübers (und das eigene) und bestätigen es.“ (Bilden 2006: 47)

Jedoch variiert die Relevanz von Geschlecht je nach Situation und kulturellen Kontext. Bilden weist auch auf die verschiedenen Ebenen der Relevanz von Geschlecht hin: die des Bewusstseins der Akteure und eine unterschwellige, also nicht bewusste, die sowohl mit der sozial-strukturellen Ebene zusammenhängt als auch mit der unbewussten Psychodynamik der Individuen. Es ist damit historisch variabel und auch innerhalb einer komplexen Gesellschaft uneinheitlich und widersprüchlich, wie „Geschlecht“ diskursiv gefasst wird, welche Männlichkeiten oder Weiblichkeiten dabei normativ unterstellt werden, welche sozialen Praktiken mit Geschlecht verbunden werden und welche geschlechtlichen Habitusformen sich ausbilden. Zwar wird die Vorstellung von Sozialisation, als einem lebenslangen Prozess, oft verbal bekundet, aber der Schwerpunkt einer Sozialisationstheorie und -forschung bezieht sich auf Kindheit und Jugend und das junge Erwachsenenalter, also auf Zeiten, die sicher besonders formierend sind. Mit einer möglichen Ausweitung des Sozialisationsgedankens auf einen lebenslangen, unabgeschlossenen Prozess wird das Sozialisationskonzept außerordentlich diffus. Deshalb fordert die Autorin, den Sozialisations­Gedanken nur noch als eine Art Perspektive zu begreifen, unter der sichtbar wird, dass und wie sich Individuen oder Subjekte im Prozess ihres Lebens in einer historischen Gesellschaft und Kultur entwickeln und verändern, dabei aber dynamische innere Strukturen aufbauen und diese zum Teil auch mit der Zeit auch wieder verändern, gleichzeitig aber auch an der Reproduktion und Modifikation von Gesellschaft mitwirken. (vgl. Bilden 2006: 47f.)

4.2. Geschlechtsidentitäten

Eine weitere Möglichkeit Sozialisation und Geschlecht zu thematisieren, ist jene Frage: Wie entwickeln Menschen eine „Geschlechtsidentität“ und halten sie über ihre Lebenszeit mit all ihren Prozessen aufrecht bzw. verändern sie? Doch was ist eigentlich „weibliche“ bzw. „männliche Identität“, wenn „Geschlecht“ bzw. Weiblichkeit und Männlichkeit nicht klar und eindeutig bestimmt sind? Nach Helga Bilden (2006) besteht die Geschlechtsidentität aus drei Komponenten:

1. „(Selbst-)Zuordnung zu einer der beiden Geschlechterkategorien, in der Regel lebenslang gemäß der Geschlechtszuweisung bei der Geburt (sex);

2. Identifikation mit Geschlechternormen und -idealen, d.h. mit bestimmten Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit (gender),

3. sexuelle Präferenz, im Rahmen der <heterosexuellen Matrix> (Begehren).“ (ebd.: 50)

Diese Komponenten werden, so das gesellschaftliche und psychologische Ideal, in der individuellen Entwicklung verschmolzen und inkorporiert, nämlich eine lebensgeschichtlich konstruierte geschlechtliche Identität auf und unter der Haut. (vgl. ebd.: 50)

Im Folgenden sollen nun Erläuterungen zu den verschiedenen Komponenten von Geschlechtsidentität aufgezeigt werden.

4.2.1. Sex

Die lebenslange Zuordnung zu einem Geschlecht ist für die meisten Menschen am stabilsten und eindeutigsten, denn das ist eine Grundregel unseres Zweigeschlechtersystems. Jedoch stellen auch Transsexuelle diese Stabilität in Frage, wobei Transgender-Personen hier noch radikaler sind. So ist die Zuordnung und die daran anschließende Selbstzuordnung zu einem Geschlecht wohl so basal, da sie sehr früh im Leben entsteht und sie fundamental in der symbolischen Ordnung ist. Die Geschlechtsidentität an sich resultiert aus geschlechtsbezogenen Interaktionen mit Bezugspersonen, schon bevor das Kind ab ca. 18 Monaten die Geschlechterdifferenz und die eigene Zuordnung erkennen kann. Diese Zuordnung zu einer Identitätskategorie wird von der Umgebung von Anfang an mit sozialen Bedeutungen verbunden und verschränkt sich auch mit anderen Identitäten - Beispiel: Weiß sein/Schwarz sein - Österreicher/Österreicherin usw. (ebd.: 50f.)

4.2.2. Gender

Die Formulierung „Identifikation mit bestimmten Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit“ (ebd.: 51) suggeriert Eindeutigkeit sowie Stabilität. Doch so eine eindeutige und stabile Identifikation mit bestimmten vorherrschenden Gender-Normen und -Bildern ist nicht möglich, da diese Normen und Bilder weder statisch noch einheitlich sind - im Gegenteil: sie sind heterogen, widersprüchlich und veränderlich. Aber auch schon die Identifikation mit beiden Eltern bzw. weiblichen und männlichen Bezugspersonen stehen der Einheitlichkeit entgegen, wobei dies besonders für Frauen gilt. Für Männer jedoch bestehen kulturell­psychische Hürden gegenüber einer Identifikation mit Frauen:

„Denn der kleine Junge kann in der ödipalen Phase seiner psychosexuellen Entwicklung Männlichkeit zuerst nur als Nicht-Weiblichkeit verstehen. Deshalb baut er sie - in Abgrenzung, wenn nicht sogar als Desidentifikation von der Mutter als erstem Identifikationsobjekt - oft als Entwertung und Verwerfung von allem Weiblichen, auch in sich selbst auf. Manche Männer nehmen dennoch Elemente <mütterlicher> Fürsorge in ihr Handeln und ihr Selbstkonzept auf. “ (ebd.: 51 )

[...]

Details

Seiten
93
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640362110
ISBN (Buch)
9783640361861
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132396
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
Sehr gut
Schlagworte
Defizit Goffman Eine Analyse Bezug Interaktion Stereotypen Explikation Sehr

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Titel: Das Defizit bei Goffman