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Kavaliersdelikt Raubkopie? – Die Problematik illegaler Vervielfältigung geistigen Eigentums und Bekämpfung eines gesellschaftlichen Problems

Projektarbeit 2009 63 Seiten

Informatik - Wirtschaftsinformatik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einfluss von Raubkopien auf Wirtschaft und Gesellschaft
2.1 Geistiges Eigentum
2.1.1 Definition der Wissensgesellschaft
2.1.2 Die Bedeutung des geistigen Eigentums
2.2 PCs, Digitalisierung, Internet und Raubkopien
2.3 Wirtschaftlicher Schaden durch Raubkopien
2.3.1 Musikindustrie
2.3.1.1 Ausgangslage
2.3.1.2 Tauschbörsen am Fallbeispiel Napster
2.3.1.3 Wirtschaftliche Auswirkungen
2.3.2 Filmindustrie
2.3.3 Software- und Spielindustrie
2.4 Gesellschaftlicher Umgang mit Raubkopien

3 Rechtliche Grundlagen und Entwicklungen
3.1 Urheberrecht
3.1.1 Schutzgegenstand
3.1.2 Rechte am geschützten Werk
3.1.2.1 Urheber
3.1.2.2 Künstler
3.1.2.3 Verlage
3.1.3 Urheberrecht in der digitalen Welt
3.1.4 GEMA
3.2 Gemeinschaftsrecht
3.2.1 Internationale Abkommen
3.2.2 Richtlinie 2001/29/EG
3.2.3 Haftung des Verbrauchers nach US-amerikanischem Recht
3.2.4 Strafverfolgung länderübergreifend
3.3 Mythos des Kavalierdelikts Raubkopie – rechtliche Ausgangssituation
3.3.1 Rechte und Pflichten des Verbrauchers
3.3.2 Rechtliche Konsequenzen für Tauschbörsennutzer
3.3.3 Verfolgung durch die deutsche Justiz
3.3.4 Private Sicherungskopie

4 Präventive Maßnahmen zur Eindämmung illegaler Vervielfältigung
4.1 Klassische Maßnahmen
4.1.1 Kopierschutz auf Datenträgern
4.1.2 Funktionsweise moderner Decodierungstools
4.2 Möglichkeiten des Digital Right Managements
4.2.1 Folgen für den Konsumenten
4.2.2 Umgehungsmöglichkeiten des DRM
4.3 Einführung alternativer Vertriebswege
4.3.1 Anwendung von Cloud Computing
4.3.2 Win-win-Situation für Konsument und Hersteller
4.3.3 Pay-per-View und Video-on-Demand
4.4 Beeinflussung der gesellschaftlichen Haltung
4.4.1 Imagekampagnen gegen Raubkopierer
4.4.2 Geistiges Eigentum im 21. Jahrhundert

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Bücher

Zeitschriftenartikel

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anteilsentwicklung der Haushalte mit Home-PC-Anschluss

http://www.oecd.org/document/54/0,3343,en_2649_34225_38690102_1_1_1_1,00.htm l Stand: 29.05.2009, OECD

Abbildung 2: Anteilsentwicklung deutscher Privathaushalte mit Kopierlaufwerken

http://www.musikindustrie.de/uploads/media/ms_branchendaten_brennerstudie_2007_ 02.pdf Stand: 04.06.2009, Bundesverband der Musikindustrie

Abbildung 3: Anteilsentwicklung der Haushalte mit Breidbandanschlüssen

http://www.oecd.org/document/54/0,3343,en_2649_34225_38690102_1_1_1_1,00.htm Stand: 29.05.2009, OECD

Abbildung 4: Anteilsentwicklung digitaler Produkte am Gesamtumsatz

http://www.ifpi.org/content/library/DMR2009.pdf Stand: 24.05.2009, IFPI

Abbildung 5: Umsatzsausfall der Software- und Spielindustrie durch Raubkopien nach Regionen in den Jahren 2007 und 2008

http://www.mcit.gov.eg/General/08%20PIRACY%20STUDY%20BSA%20IDC20095181 24035.pdf Stand: 26.05.2009, BSA

Abbildung 6: Piraterie nach Regionen in den Jahren 2007 und 2008

http://www.mcit.gov.eg/General/08%20PIRACY%20STUDY%20BSA%20IDC20095181 24035.pdf Stand: 26.05.2009, BSA

Abbildung 7: Funktionsweise Starforce Kopierschutz

http://www.star-force.com/images/Image/schems/sh_fld_2_eng.jpg Stand: 10.5.2009, Protection Technology

Abbildung 8: Darstellung Silverlight DRM-Konzept

http://msdn.microsoft.com/de-de/library/cc838192(VS. 95).aspx Stand: 10.5.2009, Microsoft

Abbildung 9: Aufbau Azure-Cloud-Computing

http://www.windowsfordevices.com/files/misc/microsoft_azure.jpg Stand: 12.5.2009, Microsoft

Abbildung 10: Entwicklung des Kaufverhaltens mittels Internetvertrieb

http://www.bitkom.org/files/images/BITKOM_Downloads_Download.jpg Stand: 11.5.2009, Bitkom

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Während der letzten Jahre hat das Schlagwort „Raubkopie“ sowohl medial, wirtschaftlich als auch gesellschaftlich vermehrt die Runde gemacht. Aufgrund zunehmender Digitalisierung, globaler Vernetzung, der Verbreitung des Internets als Massenmedium und weiterhin ansteigender Raubkopieraten erscheint die Thematik der Raubkopie aktueller denn je. Die Headlines renommierter Fach- und Tageszeitungen sowie Statements der Lobbyisten der betroffenen Industriezweige unterstreichen die Aktualität und nach wie vor hohe Brisanz des Themas: „(K)ein Ende der Raubkopien?“1, „Raubkopien – Staatsanwaltschaft oft machtlos“2, „Piraten fischen im Trüben: Musikindustrie begrüßt Urteil gegen Pirate Bay“3 sind nur einige wenige Auszüge aus dem breiten medialen Spektrum rund um die Thematik „Raubkopie“.

Nachdem in den letzten Jahren Raubkopien teilweise noch als Kavaliersdelikt wahrgenommen wurden, setzte spätestens Frau Merkel in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin zum Welttag des geistigen Eigentums im Jahre 2008 mit ihrem Statement „Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt“4 ein offizielles Zeichen gegen die Verharmlosung von Raubkopien.

Infolge der zunehmenden Bedeutung des geistigen Eigentums als „des“ entscheidenden Produktionsfaktors in den etablierten Industrien- und Wissensnationen werden Probleme mit illegalen Raubkopien immer häufiger bewusst thematisiert. Die Polarisierung des Themas wird dabei nicht nur durch die Lobbyistenverbände der geschädigten Industriezweige, sondern zunehmend auch auf staatlicher Ebene durch die Erlassung entsprechender Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums und durch gesellschaftliche Initiativen vorangetrieben.

Zielsetzung und zugleich Motivation dieser Fallstudie sind die wissenschaftliche Auseinandersetzung, Einordnung und Analyse der vielschichtigen und aktuellen Thematik der „Raubkopie“. Entsprechende Berichte, Artikel und Meinungen rund um das Thema sind zahlreich vorhanden, doch es lassen sich nur wenige wissenschaftliche Ausarbeitungen finden, die eine entsprechende Gesamtanalyse der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen, der gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der Schutzmöglichkeiten vor Raubkopien vornehmen. Genau an diesem Punkt setzt diese Fallstudie an. Um eine wissenschaftliche und umfassende Analyse des vielschichtigen Themas vornehmen zu können, gliedert sich die Fallstudie in drei Hauptkapitel, die sich mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Raubkopien (Kapitel 2), den rechtlichen Rahmenbedingungen und gesetzlichen Entwicklungen (Kapitel 3) sowie den Präventivmaßnahmen zur Eindämmung illegaler Vervielfältigungen (Kapitel 4) beschäftigen. Auf der Basis der Erkenntnisse der vorherigen Kapitel wird abschließend ein Fazit zur Gesamtbewertung von Raubkopien gezogen und ein kurzer Ausblick auf die weitere Entwicklung der Raubkopien gegeben (Kapitel 5).

2 Einfluss von Raubkopien auf Wirtschaft und Gesellschaft

2.1 Geistiges Eigentum

2.1.1 Definition der Wissensgesellschaft

In der soziologischen und wirtschaftstheoretischen Literaturlandschaft lässt sich eine Vielzahl von Gesellschaftsdefinitionen finden, die jeweils einen unterschiedlichen Betrachtungsschwerpunkt setzen. Die Bandbreite reicht von der Netzwerkgesellschaft5 über die postindustrielle6 und postmoderne7 Gesellschaftsform bis hin zur Informationsgesellschaft8. Bereits klassische Gesellschaftsdefinitionen von Max Weber, Joseph Schumpeter, Max Weber oder Karl Marx enthalten dabei das Konzept der Wissensgesellschaft als einen festen Bestandteil der Gesamtgesellschaftsform.

Der Soziologe und Wirtschaftsforscher Nico Stehr zieht in seinem wissenschaftlichen Werk „Wissen und Wirtschaft – die gesellschaftlichen Grundlagen der modernen Ökonomie“ jedoch die Schlussfolgerung, dass die Wissensgesellschaft in zunehmendem Maße nicht mehr nur ein Bestandteil der Gesamtgesellschaftsform ist, sondern vielmehr die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen derartig stark prägt, dass von einer direkten Wissensgesellschaft gesprochen werden kann.

Doch wie definiert sich eine Wissensgesellschaft? Nach Ansicht von Nico Stehr lässt sich die Wissensgesellschaft in drei Wissenskonzepte unterteilen, deren Zusammenspiel die Wissensgesellschaft ausmachen9: Wissen als Handlungsvermögen, Wissen als Produktivfaktor und Wissen als Ware und Eigentum. Im Folgenden werden die drei Wissenskonzepte kurz erläutert:

- Wissen als Handlungsvermögen:

Wissen als Handlungsvermögen wird als die „Fähigkeit zum sozialen Handeln“ verstanden und leitet sich aus dem historisch bekannten Leitsatz „sciencia est potentia“ oder auch „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon ab. Wissen wird benötigt, um überhaupt in der Lage zu sein, im gesellschaftlich-sozialen Kontext zu handeln.

- Wissen als Produktivfaktor:

Wissen als Produktivfaktor wird maßgeblich durch die strukturelle Entwicklung der Ökonomie geprägt, die sich zunehmend auf sekundäre Produktionsstufen verlagert. Es wird also zu dem zentralen Produktionsfaktor und verdrängt zunehmend die Bedeutung der klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital.

- Wissen als Ware und Eigentum:

Wissen im abstrakten Sinne ist ein immaterielles Gut, das die klassischen Definitionskriterien einer wirtschaftlichen Ware – u. a. limitierte Ressourcen, Ausschließlichkeit und Konkurrenzfähigkeit – nicht erfüllt, da es dem allgemeinen Gebrauch nicht entzogen werden kann. Erst durch den Einfluss des Wissens als Produktivfaktor zur Erstellung einer Ware und den anschließenden Schutz dieser Ware durch Patentierung erhält das Wissen Eigenschaften, die es erlauben, das Wissen als rechtliches Eigentum seines Erfinders zu definieren und zu schützen.

2.1.2 Die Bedeutung des geistigen Eigentums

In den gesellschaftlich und wirtschaftlich hoch entwickelten Industrienationen, die häufig auch als Wissensgesellschaften bezeichnet werden, spielt Wissen als geistiges Eigentum eine entscheidende, häufig sogardieentscheidende Rolle.

Wissen entscheidet über gesellschaftlichen Status und wirtschaftlichen Wohlstand. Gerade in den hoch entwickelten Industrienationen ist das Wissen als geistiges Eigentum längst ein wirtschaftliches Gut geworden. Wissen entwickelt sich gemäß einer Ausarbeitung der Universität Bonn und des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) aber nicht nur in den Industrienationen, sondern auch in den aufstrebenden Wissensgesellschaften zum wichtigsten Produktionsfaktor.10

In einer 2007 durch den Deutschen Gewerkschaftsbund in Auftrag gegebenen Studie zur Entwicklung der Gesetze zum geistigen Eigentum in Deutschland und Europa heißt es: „Deutschlands Kapital für die Zukunft sind die Kreativität und der Erfindungsreichtum seiner Menschen.“11 Doch damit die Vermehrung und Erneuerung des Wissens – also letztendlich die Innovationskraft einer Nation – auch dauerhaft funktioniert, bedarf es des Schutzes des geistigen Eigentums, damit sich die Aufwendung zur Erlangung des Wissens, der anschließenden Entwicklung und Vermarktung der wissensbasierten Güter auch lohnt.

Um dieses Wissen schützen zu können, wurde in einem ersten Schritt 1970 die Weltorganisation für geistiges Eigentum gegründet, die sich dem weltweiten Schutz von geistigem Eigentum verschrieben hat. Mittlerweile haben aber gerade die Industrienationen das Wissen als geistiges Eigentum durch entsprechende Gesetze geschützt und etabliert. Dies gilt auch für Deutschland (siehe Kapitel 3).

2.2 PCs, Digitalisierung, Internet und Raubkopien

Mit der zunehmenden Anzahl von Konsumenten, die über einen brennfähigen Home-PC-Anschluss verfügen, der wachsenden Digitalisierung von Produkten und der gleichzeitigen Etablierung des Breitbandinternets als Massenmedium sind die Bedrohungen des geistigen Eigentums – u. a. an Musik, Filmen, Büchern, Software und Spielen – durch illegale Raubkopien stark gestiegen.12 Doch wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären? Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es einer näheren Betrachtung dieser drei Haupteinflussfaktoren:

- Brennfähige Home-PC-Anschlüsse:

Die massenhafte Verbreitung von Computern mit integrierter Brennhard- und -software bildete in der Vergangenheit die Grundlage für eine starke Zunahme von physischen Raubkopien. Sinkende Kosten für Brennhard- und -software sowie entsprechenden Rohlingen führten zunächst zu einer ansteigenden Anzahl von physischen Raubkopien. Abbildung 1 zeigt die rasante Zunahme von Haushalten, die über einen Home-PC-Anschluss verfügen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anteilsentwicklung der Haushalte mit Home-PC-Anschluss, Quelle: OECD

Die Erhebung der OECD zeigt deutlich, dass sich der Anteil von Haushalten, die über einen Home-PC-Anschluss verfügen, seit 2000 in den Industrienationen rasant erhöht hat. In Deutschland verfügten im Jahre 2006 bereits 76,4 % der privaten Haushalte über einen direkten Zugriff auf einen Home-PC.13

Im Bezug auf die Ausstattung der privaten Haushalte mit entsprechender Brennhardware zeigt die Brenner-Studie des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft und der Gesellschaft für Konsumforschung, dass sich die Anzahl an privaten Haushalten, die über einen CD-Brenner verfügen, bis 2007 auf 32,1 Mio. und somit der Hälfte aller privaten deutschen Haushalte erhöht hat. Die Ausstattung an DVD-Brennern hat sich im selben Betrachtungszeitraum noch weitaus dynamischer entwickelt, sodass 2007 bereits 12. Mio. private Haushalte in Deutschland über einen DVD-Brenner verfügten. Abbildung 2 zeigt die Ergebnisse der Studie für den Betrachtungszeitraum 2004 bis 2007:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anteilsentwicklung deutscher Privathaushalte mit Kopierlaufwerken, Quelle: Bundesverband Musikindustrie

Da ein Großteil der Home-PCs folgerichtig über integrierte Hard- und Brennsoftware verfügt, steigt somit auch der Anreiz für den Konsumenten, eine selbst erstellte, kostengünstige physische Raubkopie dem Kauf des entsprechenden Produktes vorzuziehen. Aufgrund dessen stieg die Anzahl an physischen Raubkopien in der Vergangenheit stark an, wobei die digitalen Raubkopien gegenüber den physischen Raubkopien derzeit an Bedeutung gewinnen. Dies lässt sich im Wesentlichen mit der zunehmenden Digitalisierung der Produkte und der Verbreitung des Breitbandinternets als Massenmedium erklären.

- Digitalisierung:

Mit der zunehmenden Digitalisierung von zuvor physischen Produkten verlagert sich der Anteil an illegalen Raubkopien immer mehr von physischen hin zu digitalen Raubkopien. Um diesen Trend nachvollziehen zu können, ist eine Definition notwendig, was unter einem digitalen Produkt verstanden wird:

„Digitale Produkte sind Informationen im weiteren Sinn, die in vollständiger digitaler Repräsentation gespeichert vorliegen und ohne Bindung an ein physisches Trägermedium über Kommunikationsnetze vertrieben werden können.“14 Somit sind digitale Produkte immaterielle Waren, die sich z. B. in Form von elektronischen Texten, Musik-, Film- oder Spieldateien produzieren und speichern lassen, wobei insbesondere die Musikindustrie einen starken Digitalisierungstrend aufweist (siehe Kapitel 2.3.1.1.).

Im Hinblick auf die Verbreitung von Raubkopien besitzen digitale Produkte eine besondere Eigenschaft: ihre Kostenstruktur. Die Produktion von digitalen Produkten ist zu Beginn aufgrund der hohen Fixkosten sehr kostenintensiv. Sobald das erste Exemplar des digitalen Produkts aber fertig entwickelt ist, entstehen aufgrund der geringen variablen Kosten für die Reproduktion jeder Folgeeinheit nur geringe Folgekosten. Bei einer großen Absatzmenge tendieren daher aufgrund von positiven Skaleneffekten die Stückkosten pro produziertes digitales Produkt nahezu gegen null und es werden entsprechende Erträge erzielt.15

Aufgrund der verstärkten Nutzung des Breitbandinternets als Massenmedium in Kombination mit einer zunehmenden Ausstattung der Haushalte mit Home-PC-Anschlüssen mutiert der eigentliche Vorteil der kostengünstigen und einfachen Reproduktion eines digitalen Produkts jedoch zu einem Nachteil, da sich die Reproduktionsaktivitäten des digitalen Erstproduktes zunehmend vom Produzenten zum Konsumenten verlagern. Physische Kopien wiesen im Vergleich zu digitalen Kopien eine höhere Kostenstruktur auf, wohingegen sich die digitalen Produkte in kurzer Zeit kostengünstig und technisch simpel reproduzieren und über das Internet als Masseninformations- und Kommunikationsmedium auch noch kostengünstig verteilen lassen.

- Breitbandinternet:

Mit zunehmendem Anteil an Haushalten, die über einen kostengünstigen und flatrat-basierten Breitbandinternetanschluss verfügen, wird eine illegale Raubkopie im Vergleich zum legalen Produkterwerb immer attraktiver. Diese Entwicklung wurde u. a. auch durch den rasanten Aufstieg illegaler „Tauschbörsen“ begünstigt, mit deren Hilfe digitale Produkte illegal von einem zum anderen Konsumenten über das Internet transferiert werden, sodass dieser den legalen Produkterwerb beim Rechteinhaber umgehen kann. Die Funktionsweise einer „Tauschbörse“ wird anhand des Fallbeispiels Napster in Kapitel 2.3.1.2. näher erläutert. Durch die Etablierung eines Massenmediums wie des Breitbandinternets – mit dessen Hilfe große Datenmengen an digitalen Produkten kostengünstig transferiert werden können – gewinnt die Attraktivität einer digitalen Raubkopie deutlich gegenüber einem legalen Produkterwerb. Abbildung 3 illustriert den rasanten Anstieg von Haushalten, die über einen Breitbandinternetanschluss verfügen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Anteilsentwicklung der Haushalte mit Breitbandanschlüssen, Quelle: OECD

Innerhalb kürzester Zeit hat sich die Anzahl von Breitbandinternetanschlüssen vom zweiten Quartal 2002 bis zum vierten Quartal 2008 vervielfacht – Tendenz weiter steigend. Auch in Deutschland ist die Anzahl von Haushalten mit Internetanschlüssen während der letzten Jahre rasant gestiegen. Laut Aussage des Branchenverbandes Bitkom besaßen 2008 in Deutschland bereits drei Viertel aller Haushalte einen Internetanschluss16 – bei einem Breitbandinternetanschluss-Anteil von 27,4 % (siehe Abbildung 3). Infolge des fokussierten Ausbaus und der staatlichen Förderung des Ausbaus des Breitbandnetzes in Deutschland durch das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung ist auch für Deutschland damit zu rechnen, dass sich der Anteil an schnellen Breitbandinternetanschlüssen mit hohem Flatrate-Datenvolumen aufgrund steigender lokaler Verfügbarkeit und sinkender Kosten am Gesamtanteil der Internetanschlüsse erhöhen wird. Insgesamt wird es somit für Konsumenten von digitalen Produkten aufgrund der simplifizierten Reproduzierbarkeit von Produkten in Kombination mit einer deutschland- und vor allem weltweit steigenden Anzahl von Konsumenten mit flatrate-basierten, schnellen Internetschlüssen immer einfacher und verführerischer, anstelle auf ein legal erworbenes Produkt auf eine Raubkopie zurückzugreifen. Diese Entwicklung wird durch eine international nicht einheitliche und teilweise sehr lasche Gesetzgebung sogar noch verstärkt (siehe Kapitel 3).

2.3 Wirtschaftlicher Schaden durch Raubkopien

Der wirtschaftliche Schaden durch die Anfertigung von illegalen Raubkopien ist enorm. Im Jahr 2006 wurden die weltweiten Umsatzverluste durch Piraterie auf 250 Mrd. US-Dollar geschätzt – Tendenz weiter steigend.17 Da sich der wirtschaftliche Schaden durch Raubkopien jedoch unterschiedlich stark in den einzelnen Industriezweigen niederschlägt, werden im Folgenden die wirtschaftlichen Auswirkungen von Raubkopien beispielhaft anhand der drei wichtigsten Industriezweige, der Musik-, Film-und Software- und Spielindustrie, erläutert.

2.3.1 Musikindustrie

2.3.1.1 Ausgangslage

Die Musikindustrie steht exemplarisch für einen Industriezweig, bei dem die zunehmende Digitalisierung in Kombination mit der Etablierung des Breitbandinternets als Massenmedium (siehe Abschnitt 2.2) den zunehmenden Trend hin zur digitalen Raubkopie begünstigt.18 Während die Musikindustrie in der Vergangenheit ihren Umsatz durch den Verkauf von physischen Produkten in Form von CDs und DVDs generiert, stieg der Umsatzanteil digitaler Produkte seit den letzten Jahren rasant an. Die Analyse der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) in Abbildung 4 zeigt deutlich, dass sich der Umsatzanteil digitaler Produkte innerhalb von nur vier Jahren (2004 bis 2008) um den Faktor zehn vervielfacht hat. Im Jahre 2008 betrug der Umsatzanteil digitaler Produkte bereits 24,2 % des Gesamtumsatzes bei einer weiterhin erwarteten dynamischen Zunahme des Umsatzanteils digitaler Produkte während der nächsten Jahre.19 Durch die neuen Vertriebsmöglichkeiten digitaler Produkte über den Absatzkanal Internet und die Einführung legaler und gewerblicher Musikbörsen im Internet profitiert die Musikindustrie auf der einen Seite von der zunehmenden Digitalisierung und der Etablierung des Internets als Massenmedium.20 Auf der anderen Seite wurden durch diese beiden Faktoren und die bis dato international uneinheitlich und raubkopiererfreundliche Gesetzgebung (siehe Kapitel 3) illegale Musiktauschbörsen begünstigt, die der Musikindustrie einen erheblichen Schaden durch die Verbreitung von illegalen Raubkopien zufügten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Anteilsentwicklung digitaler Produkte am Gesamtumsatz der Musikindustrie

2.3.1.2 Tauschbörsen am Fallbeispiel Napster

Die generelle Funktionsweise und Ausgestaltung einer illegalen Tauschbörse mit ihren negativen Auswirkungen auf die entsprechenden Industriezweige wird im Folgenden anhand der Musiktauschbörse Napster und der Musikindustrie erläutert:

1999 gründeten John und Shawn Fenning die Musiktauschbörse Napster, die auf Basis des Peer-to-Peer-Prinzips den illegalen Transfer eines digitalen Musikstückes von einem Internetnutzer zum anderen ermöglichte.21 Der Internetnutzer nimmt beim Peer-to-Peer-Prinzip eine direkte Verbindung zu einem anderen Nutzer auf, der die gewünschte Musikdatei bereits besitzt. Somit umgeht der Nutzer den legalen Kauf des digitalen Musikstücks beim Urheber durch den direkten Bezug von einem anderen Nutzer der Tauschbörse, der das digitale Musikstück bereits besitzt und über die Musiktauschbörse illegal zum Download anbietet. Der Suchprozess der Musikdatei lief jedoch über einen zentralen Server bei Napster, sodass Napster aufgrund der damaligen Ausgestaltung des Urhebergesetzes am 9. Dezember 1999 durch den amerikanischen Dachverband der Musikindustrie RIAA (Recording Industry Association of America) wegen Urheberrechtsverletzung verklagt wurde.22

Vor der gerichtlich angeordneten Schließung des zentralen Napster-Servers im Februar 2009 wies Napster bereits 38 Millionen User bei einem geschätzten Tauschvolumen im Januar 2009 von rund 2 Milliarden Dateien auf. Aufgrund des illegalen und kostenlosen Erwerbs der digitalen Musikstücke über Napster ging der Musikindustrie als rechtlichem Urheber der digitalen Produkte das über Napster illegal getauschte Volumen an potenziellem Umsatz und entsprechenden Gewinnen verloren. Auf Napster folgten jedoch weiter entwickelte Tauschbörsen wie Gnutella, FreeNet, Shareaza, eMule und KaZaA, welche die rechtliche Schwachstelle der zentralen Serververwaltung durch ihre dezentrale Funktionsweise umgehen konnten. Die Tauschbörsen funktionieren also ohne einen zentralen Rechner direkt auf dem lokalen Rechner des jeweiligen Tauschbörsenteilnehmers und bieten mit steigendem Entwicklungsgrad zunehmende Anonymität für den Nutzer der illegalen Tauschbörse. Diese Ausgestaltung machte es für die Urheber von digitalen Produkten aufgrund der gesetzlichen Ausgestaltung des Urheberrechts schwieriger, gegen den Verstoß des Urheberrechtes an digitalen Produkten rechtlich erfolgreich und nachhaltig vorzugehen. Das rechtliche Vorgehen gegen die aktuell mit ca. 25 Millionen Usern größte Internet-Tauschbörse „The Pirate Bay“ zeigt jedoch, dass in den letzten Jahren und gerade am aktuellen Rand verstärkt gegen illegale Tauschbörsen vorgegangen wird.23

2.3.1.3 Wirtschaftliche Auswirkungen

Der weltweite Schaden der Musikindustrie durch illegale Raubkopien summierte sich 2006 laut einer Studie der IFPI auf ca. 64,5 Mrd. US-Dollar, wobei davon 4,5 Mrd. US-Dollar auf physische Raubkopien und die restlichen 60 Mrd. US-Dollar auf illegale digitale Raubkopien entfielen.24 Die Studie geht für 2006 von einer Anzahl von 20 Mrd. illegal über Musiktauschbörsen bezogenen digitalen Musikdateien aus. Für das Jahr 2008 schätzt die IFPI die Anzahl an illegalen digitalen Musikraubkopien bereits auf das Doppelte. Damit entspricht das Verhältnis eines legal gekauften zu einem illegal erworbenen Song beachtliche 1:20.25 In Deutschland zeigten die öffentlichkeitswirksamen Anti-Raubkopier-Kampagnen sowie die striktere rechtliche Verfolgung von Raubkopierer nach einer Schätzung des Deutschen Musikverbandes bereits erste Erfolge. Die Anzahl an illegalen Musikdownloads konnte von 600 Mio. im Jahr 2004 auf 300 Mio.

[...]


1 http://www.manak.at/presse/medianet-04-2008.pdf, Stand: 27.05.2009

2 http://www.wiwo.de/unternehmer-maerkte/raubkopien-staatsanwaltschaft-oft-machtlos-374083/, Stand: 02.06.2008

3 http://www.musikindustrie.de/fileadmin/news/presse/090417_PirateBay_trial_FINAL.pdf, Stand: 05.06.2009

4 http://www.bundeskanzlerin.de/nn_4900/Content/DE/Artikel/2008/04/2008-04-26-podcast-geistiges-eigentum.html, Stand: 02.06.1009

5 Vgl. Castells (1996), S. 15 ff.

6 Vgl. Bell (1996), S. 8 ff.

7 Vgl. Lyotard (1994), S. 13 ff.

8 Vgl. Spinner (1998), S. 5 ff.

9 Vgl. Stehr (2001), S. 18 ff.

10 http://edoc.hu-berlin.de/evifa/documents/books/reV5yMIeTTSYI/PDF/239Wf25iK8dcI.pdf, Stand: 21.05.2009

11 http://www.dgb.de/themen/themen_a_z/abisz_doks/i/immaterialgueterrechte_wissensgesellschaft.pdf, Stand: 21.05.2009

12 http://www.fsf.de/php_lit_down/pdf/vongottberg38_tvd27.pdf, Stand: 27.05.2009

13 Private Haushalte mit Mitgliedern ab einem Alter von 10 Jahren.

14 Vgl. Back et al. (2001), S. 155

15 Vgl. Hagenhoff (2006), S. 20 ff.

16 http://www.internetworld.de/Nachrichten/Zahlen-Studien/Studie-Drei-von-vier-Haushalten-haben-Internet-Anschluss, Stand: 23.05.2009

17 http://www.internet-testkauf.com/assets/InternetAgent/InternetAgent_09.2006.pdf, Stand: 24.05.2009

18 http://www.musikindustrie.de/raubkopien.html, Stand: 27.05.2009

19 http://www.ifpi.org/content/library/DMR2009.pdf, Stand: 26.05.2009

20 http://www.ifpi.org/content/library/DMR2009.pdf, Stand: 26.05.2009

21 Vgl. Röttgers (2003), S. 17 ff.

22 http://www.handelsblatt.com/archiv/us-musikindustrie-haelt-napster-prozess-fest;344159, Stand: 26.05.2009

23 http://www.musikindustrie.de/fileadmin/news/presse/090417_PirateBay_trial_FINAL.pdf, Stand: 05.06.2009

24 http://www.ifpi.org/content/library/piracy-report2006.pdf, Stand: 27.05.2009

25 http://www.musikindustrie.de/fileadmin/news/presse/090116_Digital_Music_Report_2009_FINAL__1_.pdf, Stand: 28.05.2009

Details

Seiten
63
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640383603
ISBN (Buch)
9783640383191
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132314
Institution / Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Köln
Note
1,3
Schlagworte
Kavaliersdelikt Raubkopie Problematik Vervielfältigung Eigentums Bekämpfung Problems

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