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Die Margareten-Handlung in Goethes Faust I:

Ihre Bedeutung für das Verständnis des Dramas als Tragödie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 20 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedingungen für Tragik in der klassischen Tragödie

3. Der Prolog im Himmel als Voraussetzung für die Margareten-Tragödie

4. Die Margareten-Handlung
4.1 Margarete / Gretchen – Spaltung der Person?
4.2 Ist Margarete determiniert oder ist sie ein Subjekt? Untersuchung der Margareten-Handlung und der Lieder
4.3 Die Kerkerszene: die Tragik der Margareten-Handlung in ihrer Funktion für die Faust-Handlung

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Johann Wolfgang Goethes dramatisches Hauptwerk, die zweiteilige Tragödie Faust, war bestimmt von einer sechs Jahrzehnte dauernden, wechselvollen Entstehungsgeschichte. Goethe nahm dabei den Stoff des historischen Fausts auf, welcher ihm vermutlich vor allem in Form des Volksbuches von Johann Nikolaus Pfitzer und der Straßburger Version des Puppenspiels, die auf dem Drama von Christopher Marlowe beruhte, bekannt war. An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Geschichte vom stets unzufriedenen, immer nach mehr Wissen strebenden Professor schon damals nicht neu war. Es ist nicht bekannt, wer sie erfand, sicher ist nur, dass sich die meisten Fassungen auf die historische Person des Georg Faust beziehen. Dieser lebte um 1480 bis 1540 und studierte in Universitätsstädten wie Heidelberg, Wittenberg, Erfurt und Ingolstadt die Modewissenschaften seiner Zeit, Medizin, Astrologie und Alchemie, was er bis zur Scharlatanerie betrieb. Nach ihm entstand also, übrigens schon zu seinen Lebzeiten, die ursprüngliche Faust-Sage. Diese wurde über Jahrhunderte hinweg in Deutschland erzählt, spiegelt deutsche Traditionen und Kulturen wider, beschäftigt sich mit zahlreichen Sagen und Legenden und wurde so zu einer typisch deutschen Erzählung.

Goethes erster, zwischen 1772 und 1775 entstandener Entwurf zu Faust eignete sich die im Sturm und Drang gängige “titanische“ Auffassung der Figur an. Diesem nur als Abschrift erhaltenen, sogenannten Urfaust folgte 1790 eine überarbeitete Fassung (Faust. Ein Fragment.). Auf Drängen und unter intensiver Beteiligung Schillers nahm Goethe 1797 die Arbeit daran wieder auf, die nunmehr im ästhetisch-philosophischen Zeichen der Weimarer Klassik stand. Goethe arbeitete in den folgenden Jahren bis 1806 intensiv an seinem Drama (in dieser Zeit entstand beispielsweise der Prolog im Himmel). Das Ergebnis dieser Arbeitsperiode war die Fassung Faust. Der Tragödie erster Teil, die 1808 veröffentlicht wurde. Aus der letzten Schaffensphase Goethes von 1825 bis 1831 resultiert schließlich der zweite Teil des Dramas.[1]

In der vorliegenden Arbeit soll die Margareten-Handlung in Faust I untersucht werden und dabei ihre Rolle für das Verständnis des Dramas als Tragödie aufgezeigt werden. Wie die Figur des Fausts hat auch Margarete eine historische Vorlage. Hintergrund der Margareten-Tragödie war die öffentliche Exekution der Kindsmörderin Susanna Margareta Brandt 1772 in Frankfurt. Goethe verfolgte den Prozess und war vermutlich auch bei der Enthauptung dabei. Das Schicksal Margareta Brandts, welche auch namensgebend für Goethes weibliche Hauptfigur war, scheint Goethe somit ganz klar zur Margareten-Tragödie in Faust I inspiriert zu haben.

Im Folgenden werde ich diese anhand verschiedener Aspekte erläutern, um zu klären, inwiefern man von Margarete als eine tragische Figur sprechen kann. Dabei soll zunächst die Bedeutung des Prologs im Himmel für die Margareten-Tragödie untersucht werden. Im Anschluss daran soll auf die unterschiedlichen Namen der weiblichen Hauptfigur eingegangen werden: Es soll erörtert werden, ob die Tatsache, dass sie von ihren Mitfiguren und – das ist das eigentlich Interessante – in den Regieanweisungen unterschiedlich benannt wird, für eine Dopplung oder gar Spaltung ihrer Persönlichkeit steht. Des weiteren soll mit Hilfe der Betrachtung der Margareten-Handlung und der Lieder innerhalb des Dramas untersucht werden, ob Margarete determiniert ist (was Tragik ja ausschließen würde) oder ob sie ein freies, autonomes Subjekt ist, und somit die Bedingung für ihre Schuldfähigkeit und damit für die Tragödie gegeben sind: Insbesondere die Betrachtung der finalen Kerkerszene soll in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen.

2. Bedingungen für Tragik in der klassischen Tragödie

Da in dieser Arbeit untersucht werden soll, inwiefern die Margareten-Handlung zum Verständnis des Werks als Tragödie beiträgt bzw. inwiefern Margarete als tragische Figur angesehen werden kann, möchte ich an dieser Stelle zunächst die Bedingungen für Tragik in der klassischen Tragödie erläutern. Im Mittelpunkt der Dramentheorie von der Antike über den Humanismus, die Renaissance und den Barock bis hin zum Klassizismus steht die Poetik des Aristoteles. Die Tragödie besitzt nach Aristoteles einen Stoff (Mythos) und einen Handlungszusammenhang. Dabei schildert der Dichter nicht, was geschehen ist, sondern was geschehen sein könnte. Bei der Nachahmung der Handlung liegt die Betonung nicht auf den Charakteren: Diese werden lediglich um der Handlung Willen einbezogen. Das Umschlagen der Handlung in ihr Gegenteil (Peripetie) und die Entdeckung oder Wiedererkennung (Anagnorisis) bestimmen die Wirkung der Tragödie beim Zuschauer: die Katharsis, die reinigende Befreiung von der bei der Betrachtung der tragischen Ereignisse erregten Leidenschaften Furcht (Phobos) und Mitleid (Eleos). Im Mittelpunkt der klassischen Tragödie steht ein Held, der nicht trotz seiner sittlichen Größe und seines hervorragenden Gerechtigkeitsstrebens, aber auch nicht wegen seiner Schlechtigkeit und Gemeinheit ein Umschlagen ins Unglück erlebt, sondern wegen eines Fehlers (Harmatia).[2] Dieser Fehler, der zum Scheitern des Protagonisten führt, wird zwar vom Protagonisten selbst begangen, ist jedoch von einer schicksalhaften Macht vorbestimmt und daher unvermeidlich. Der tragische Held darf jedoch nicht komplett determiniert sein, sondern muss vielmehr ein freies Subjekt sein, welches sein Handeln selbst verantwortet und für seine Fehlhandlung gerade steht. Denn erst dadurch kann der Protagonist tragische Größe entfalten. Vor diesem Hintergrund soll nun im Folgenden untersucht werden, ob Margarete diese Bedingungen für Tragik erfüllt, und sie somit als tragisches Subjekt definiert werden kann.

3. Der Prolog im Himmel als Voraussetzung für die Margareten-Tragödie

Der Prolog im Himmel, in dem die „Wette“ zwischen Gott und Mephistopheles um das Schicksal Fausts geschlossen wird, entstand um 1800 und erschien wie bereits erwähnt erstmalig in der Fassung von 1808. Diese trug erstmalig bereits im Namen Faust. Der Tragödie erster Teil, eine Selbstdefinition im Bezug auf die Gattung der ,Tragödie’: Denn erst in dieser Version konnte Margarete zu einer tragischen Figur werden und zwar durch den Prolog im Himmel. Darin wird das Geschick der Figuren, also auch Margaretes, an eine höhere Instanz gebunden (wie gesehen eine der Bedingungen für Tragik). Goethe nahm sich für den Prolog im Himmel vermutlich das Buch Hiob aus der Bibel zum Vorbild, denn auch dort steht am Anfang ein Gespräch zwischen Gott und dem Teufel, in dem um einen Menschen, Hiob, gewettet wird. In ähnlicher Weise bildet das Gespräch bei Goethes Faust den Prolog und gibt dem Stück den großen Rahmen, in dem fortan die Handlung erscheint.[3]

Im Dialog gibt Gott dem Teufel die Freiheit, Faust „von seinem Urquell abzuziehn“ (Vs. 324)[4], jedoch nur „solang er auf der Erde lebt“ (Vs. 315). Damit ermöglicht Gott Mephisto, Faust vom rechten Wege abzubringen. Er ist sich dabei jedoch sicher, dass er es nicht schaffen wird, denn „ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst“ (Vs. 328/329). Durch diese Rahmenhandlung wird Faust zum Spielball Gottes, sein Handeln somit zum Vollzug eines vorgegebenen Plans. Mit der Auslieferung an den Teufel ist Faust in seinen schuldhaften Handlungen Situationen ausgesetzt, die seine Einsichtsfähigkeit übersteigen, da diese in der „Wette“ zwischen Gott und Mephisto wurzeln. So ist Faust durch den Prolog im Himmel ohne sein Wissen determiniert, er ist also in seinem Handeln nicht komplett frei. Mephisto zieht die Fäden der Geschichte, und somit auch die der Margareten-Handlung. Durch den Prolog im Himmel ist damit nicht nur das Schicksal Fausts vorbestimmt, sondern durch ihre Beziehung mit Faust auch das Schicksal von Margarete: Er bildet den metaphysischen Rahmen des Stückes und macht es gleichzeitig zur Tragödie werden. Auf diesen Aspekt werde ich in Punkt 5 meiner Arbeit noch mal zurückkommen.

4. Die Margareten-Handlung

4.1 Margarete / Gretchen – Spaltung der Person?

Die Protagonistin des ersten Teil des Faust-Dramas wird sowohl von ihren Mitfiguren als auch – und dies ist das eigentlich Interessante – in den Regieanweisungen des Stückes mal mit ihrem vollen Namen Margarete, mal mit ihrem Kosenamen Gretchen bezeichnet. Das bedeutet, dass sie nicht nur in der Ebene des Spiels, also der vorgestellten Welt, sondern auch auf der Ebene des Diskurses unterschiedlich benannt wird. In den Szenen Straße, Abend, der Nachbarin Haus, Garten, Gartenhäuschen trägt die Protagonistin den Namen Margarete, in der Szene Stube wird sie zum ersten Mal mit ihrem Kosenamen Gretchen bezeichnet, in der darauf folgenden Szene Marthas Garten ist sie wieder Margarete, in den Szenen Brunnen, Zwinger, Nacht / Straße vor Gretchens Tür, Dom wird sie wiederum zu Gretchen, um schließlich in der finalen Szene Kerker erneut zu Margarete zu werden.

Auffällig ist, dass die Protagonistin den Namen Margarete trägt, wenn sie als „glückliche Geliebte“ auftritt (mit der Ausnahme der Szene Stube, wo sie Gretchen genannt wird). Erst als die Liebe unglücklich geworden ist, als sich Faust von ihr abwendet, wird die Protagonistin als Gretchen bezeichnet. Auch hierbei gibt es eine Ausnahme: in der Finalszene Kerker, auf die ich später noch ausführlich eingehen werde, wird sie in der Regieanweisung als Margarete bezeichnet. Es ist also offenkundig so, dass die unterschiedliche Benennung einer Systematik folgt, die jeweils von der An- oder Abwesenheit Fausts und dem jeweiligen Stand der Liebesgeschichte abhängt.

Ein weiterer interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass die Namen Gretchen und Margarete ganz unterschiedliche Konnotationen hervorrufen. Bei Gretchen denkt man an ein Naturmädchen, unschuldig, rein, voller Gefühl und Liebe, sich ganz dem Mann hingebend, den sie liebt. Dies ist auch das Bild, das Faust von ihr hat, und der Grund, warum er sich in sie verliebt. Denn Faust als Mensch, der aus dem Naturzustand herausgefallen ist, sehnt sich nach dem, was er verloren hat, etwas, das er in seine Geliebte als Gretchen, das einfache Naturkind, projiziert. Er sieht in ihr nicht eine autonome Frau, sondern das, was er in ihr sehen möchte. Denn im Gegensatz zum Namen Margarete, der eine eigenständig denkende und handelnde Person verkörpert, steht der Kosename Gretchen für ein vom Mann kontrolliertes Geschöpf, das von ihm geliebt und zerstört werden kann. Deshalb spricht Faust sie bewusst so an.

Katharina Braack-Jeorgakopulos versucht in ihrem Aufsatz „...lose Poesie und gekappte Zunge. Margaretes Gretchen Tragödie und Goethes Faust“ eine Deutung. Sie sieht die Erklärung für den „zerbrochenen Namen“[5] in der Garten-Szene, genauer in dem Moment, als Margarete die „Sternblume“ pflückt und das „er liebt mich – liebt mich nicht – Spiel“ durchführt. Laut Braack-Jeorgakopulos überlässt Margarete dadurch den Fortgang ihrer Beziehung der Natur und dem Zufall: Sie enthebt dadurch Faust seiner Rolle als Macher, als Regisseur. Weiterhin spielt für Braack-Jeorgakopulos die Sternblume auf die Margarite an und eröffnet dadurch die Namensanalogie von Sternblume = Margerite = Marthe = Margarete = Grete = Gretchen = Gretelchen = Margaretelchen. So werden also die Unterschiede von Mensch, Sprache und Natur im Namen nivelliert und führen die weibliche Protagonistin auf die Natur zurück. In der Garten-Szene bricht das Bild der Margareten-Figur gleich einem Prisma auf und öffnet den Zugang zu einer Vielfalt von Identitäten, die in Margarete schlummern: sie ist Gläubigerin, Mitleidende, Adelige (durch Fausts Anrede „Fräulein“), ein einfaches Mädchen, das von ihrer Mutter ausgebeutet wird, und sogar eine Hexe. Dies zeigt, dass die Figur der Margarete sich nicht vereinheitlichen lässt und sie somit das eine, scheinbar harmlose Gretchen-Konzept sprengt.[6] Dieser These Braack-Jeorgakopulos würde ich jedoch so nicht zustimmen, denn wenn dem wirklich so wäre, hieße das, dass die Margareten-Figur gespalten wäre, d.h. eine Figur, die das Drama nicht als Einheit durchstehen kann. Es könnte natürlich sein, dass Margarete eine so schwache Persönlichkeit ist, dass sie die wechselnden Situationen nicht als eine einheitliche Figur durchzuhalten vermag, ich würde jedoch eher der Interpretation von Bernhard Greiner in seinem Aufsatz „Margarete in Weimar: Die Begründung des Faust als Tragödie“ zustimmen. Die Namenswechsel und die dadurch herausgestellte Vielfältigkeit der Margareten-Figur sind demnach ein Indiz dafür, dass die Figur der Margarete im Laufe des Stücks einen Wandel durchläuft. Damit wäre sie das einzige dynamische Prinzip des Stückes, denn keine andere Figur des ersten Teil von Faust durchläuft eine solche Wandlung – weder Faust noch Mephisto. Allerdings tut sich das Drama schwer, diesen Wandel Margaretes aufzuzeigen, da die Bedingungen dafür begrenzt sind. Denn solange Margarete in den verschiedenen Situationen nur als jeweils eine andere gezeigt wird, bleibt sie also disparat und der Wandel somit nur behauptet.[7] Diese These des Wandels Margaretes vom determinierten Objekt zum eigenständig denkenden und handelnden Subjekt soll im nächsten Punkt der Arbeit untersucht werden.

[...]


[1] Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. Hg. und kommentiert von Erich Trunz. S. 470-481.

[2] Aristoteles: Poetik. Übers. und hg. Von Manfred Fuhrmann. Stuttgart 2005.

[3] Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. Hg. und kommentiert von Erich Trunz. S. 507.

[4] Alle Zitate aus dem Faust beziehen sich auf folgende Ausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Faust. Texte, hg. von Albrecht Schöne, Kommentare von Albrecht Schöne, in: Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hg. von Friedmar Apel u.a., I. Abt, Bd. 7/I und 7/ II, Frankfurt 1994.

[5] Braack-Jeorgakopulos, Katharina, „...lose Poesie und gekappte Zunge. Margaretes Gretchen-Tragödie und Goethes Faust“, in: Brandstädter, Heike; Jeorgakopulos, Katharina (Hg.): Margarete, Ottilie, Mignon: Goethe –Lektüren. Berlin 1999. S. 28.

[6] Braack-Jeorgakopulos (1999), S. 28-34.

[7] Greiner, Bernhard, “Margarete in Weimar: die Begründung des Faust als Tragödie“, in: Euphorion 93 (1999). S. 170 ff.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640419548
ISBN (Buch)
9783640419654
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132164
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Deutsch Goethe Faust Gretchen-Tragödie Thema Faust

Autor

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