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Der Reiz der Erlebnispädagogik

Eine Pädagogik wagnisreicher Erlebnisse

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erlebnispädagogik als Antwort auf die Veränderung unserer Gesellschaft

3. Was ist Erlebnispädagogik?

4. Welcher (persönlichkeitspsychologische) Reiz steckt hinter den „Maßnahmen“ der Erlebnispädagogik

5. Das Problem um die erlebnispädagogische Sicherheit

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literatur

1. Einleitung

Realität oder Populismus? Diese Frage stellt sich, wenn man der heutigen Medienlandschaft zum Thema „Auffällige Kinder und Jugendliche“ sein Interesse widmet. Folgt man den Gedanken des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, wird anscheinend das weitreichende Dilemma auf den Punkt gebracht, „das größte gesellschaftliche Problem (ist, S.K.) nicht die Mafia, sind nicht (…) die Ausländer, es sind die verlorenen, hilflosen, brutalen Kinder und Jugendlichen (DER SPIEGEL, 1999, S. 129). Die eigentliche Crux der Thematik stellen allerdings die Ratschläge und „Therapieansätze“ sogenannter Pseudoexperten dar: „’Einsperren!’ fordern die einen. ‚Die müssen doch zum Psychiater!’ die anderen. ‚Ein anständiges Zuhause ist alles, was denen fehlt!' melden sich Dritte zu Wort“ (Heckner, 1999, S. 12). Sicher, irgendwas an den Aussagen ist schon dran, allerdings wird hierbei eine konstruktive Hilfe für diese auffälligen Kinder und Jugendlichen sehr reduziert dargestellt. Diesen „Therapieansätzen“ zum Trotz, möchte die vorliegende Ausarbeitung den Versuch unternehmen, die Erlebnispädagogik, als eine Möglichkeit der Jugendhilfe, näher zu charakterisieren.

Dazu wird eingangs auf den Wandel unserer heutigen Gesellschaft eingegangen, um auf die im zweiten Teil behandelten historischen Überlegungen hinzuführen bzw. die Legitimation der Erlebnispädagogik zu untermauern. Im Anschluss daran soll der Frage nachgegangen werden, was den Reiz spannender und risikobehafteter Erlebnissituationen ausmacht, und welche persönlichkeitsbezogenen Einflüsse diese Maßnahmen haben. Schließlich geht es dann abschließend im fünften Teil um die Notwendigkeiten sicherheitsrelevanter Fragen.

2. Die Erlebnispädagogik als Antwort auf die Veränderung unserer Gesellschaft

„Die Zeiten ändern sich“ heißt eine oft gehörte Phrase des Alltags. Damit verbunden sind mittlerweile auch Veränderungen in vermeintlich etablierten Strukturen, aber auch in Normen, Ansichten und Denkweisen. Nach Becks (vgl. 1986, S. 25) Gedanken über die „Logik der Reichtumsverteilung und der Risikoverteilung“ geht die fortgeschrittene Gesellschaft und die damit verbundene Produktion von Reichtum „systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“. In Anlehnung an Schulze (1993) kann dabei auch von einer Erlebnisgesellschaft die Rede sein, welche durch die „Vermehrung der Möglichkeiten“ (Schulze, 1993, S. 33) geprägt ist. Ob der Anstieg des Lebensstandards, die Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten, die Auflösung starrer biographischer Muster, die technischen Fortschritte oder eben die Zunahme der Freizeit sowie deren Gestaltungsoptionen – alles das lässt eine „sich perpetuierende Handlungsdynamik (entstehen - S. K.), organisiert im Rahmen eines rasant wachsenden Erlebnismarktes, der kollektive Erlebnismuster beeinflusst und soziale Milieus als Erlebnisgemeinschaften prägt“ (ebd., S. 33).

Nach Ansicht Digels (2001, S. 11) existiert heutzutage das Problem der Routinisierung, Bürokratisierung und Langeweile im Arbeitsleben, weshalb die Menschen in ihrer Freizeit vermehrt Spannung, Abenteuer, Nervenkitzel und Risiko suchen. Diese Optionen werden einerseits ohne Risiken für die eigene Person beispielsweise vom Sportfernsehen befriedigt. Man setzt sich keinerlei Gefahren i. e. S. aus, wenn man sich die Formel 1, ein Fußballspiel oder ein Kajakrennen im TV anschaut. Das Bedürfnis nach Spannung und Unterhaltung, eben gerade dieses Mittendrin sein, kann durch den technologischen Fortschritt mittlerweile von den Medien (völlig gefahrlos) befriedigt werden. Andererseits reichen vielen Menschen diese Stimuli im Zeitalter der „dicken Bäuche“ (Beck, 1986, S. 27) nicht mehr aus, ja sie fühlen sich sogar von der enormen Flut unterhalterischer, teils inszenierter Offerten der Medienwelt bedrängt und auf Grund deren Inhalte ungesättigt und in Langeweile versetzt.

„Satt, verwöhnt und durch ein halbes Dutzend Policen gegen alle Risiken und Wechselfälle des Lebens weitgehend abgesichert“ (Hartmann, 1996, S. 79), bleibt dabei als häufigstes Credo stehen. Auch Tibor Scitovsky (1976/1977) konstatiert in seiner „Psychologie des Wohlstands“ über die westlichen Welten ähnliche Ansichten. Seine Forschungen verdeutlichen den wachsenden Mangel an Abwechslung und Anreiz sowie die Angst vor der Langeweile. Kann das Alltagsleben kein optimales Reizniveau mehr bieten, verstärkt sich die Sehnsucht nach Wohlbefinden, körperlicher Bewegung, Spaß und Risiko (vgl. Opaschowski. 2000, S. 16). So kann nicht ausgeschlossen werden, dass die bereits von Knebel (1960) prognostizierte optische und akustische Reizüberfütterung, die Angst vor der Langeweile und Lustlosigkeit, als einzigen Ausweg das Ausweichen auf kinästhetische Empfindungen haben wird (vgl. Opaschowski, 1999, S. 165). Reiz- und vor allem inhaltsvollere Freizeitaktivitäten im neuen Stil scheinen somit an der Tagesordnung zu stehen. Der Anzug mit Lackschuhen wird nach dem beruflichen Alltag nicht einfach mehr nur durch Joggingsachen mit Pantoffeln getauscht (,einige überzeugte Fitnessathleten werden sicher mit den passenden Trainingsschuhen ihr individuelles Laufprogramm „herunterrattern“), sondern mittlerweile gehören auch Mountainbikes, Taucherflaschen, Kletterausrüstungen, Gleitschirme oder ganzes Surfequipment zum Kofferrauminventar vieler PKW. Neuer Stil bedeutet dabei in Anlehnung an Opaschowskis Thesen (vgl. dazu 1987) über die Freizeitgestaltung im Erlebniszeitalter, dass sich neben der Expansion der Erlebnisindustrie (z. B. Badelandschaften, Kino- und Shoppingparks, Kneipenmeilen) als Konkurrenzgebilde zum aktiven und vor allem vereinsmäßig streng organisierten Sporttreiben, besonders der Trend zum Outdoorsport sowie eines individuellen „erlebnis- und spaßorientierten Freizeitverhaltens“ (vgl. Heinemann & Schubert, 1994, zitiert bei Opaschowski, 1999, S. 172) abzeichnet. Kurz um, das „frisch, fromm, fröhlich, frei“ eines Turnvater Jahn bekommt zunehmende Konkurrenz – oder wie es Schulze (1993, S. 33) exemplarisch formuliert: „Erlebe dein Leben!“ heißt nun der kategorische Imperativ.

Gerade diese doch zum Teil widersprüchlichen Gesellschaftstrends, auf der einen Seite die nachdenklich stimmende Bewegungsarmut, welche durch Hektik, Stress o. a. Hemmfaktoren von Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen vorgelebt wird vs. der Suche und Sucht nach möglichst intensiven Bewegungserfahrungen, welche sich auch bei jüngeren Menschen feststellen lässt, bieten einen gesunden und zugleich motivierenden Nährboden für die Erlebnispädagogik.

3. Was ist Erlebnispädagogik?

Will man sich einen Überblick verschaffen, findet man in der einschlägigen Literatur eine Fülle von Definitionsversuchen. Teils sehr verwaschen, teils konkretisiert, findet man darin meist die Schlagworte erlebnisintensiv, handlungsorientiert, lebendig, mit allen Sinnen etc. In Anlehnung an Heckmair und Michl (2004, S. 75) stimmt der Autor mit folgender Definition überein:

„Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.“

Betrachtet man die geschichtlichen Wurzeln der Erlebnispädagogik findet man Zusammenhänge mit der Reformpädagogik um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. Auf Grund der damaligen Notwendigkeit alternativer Formen der Pädagogik angesichts gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, wandte sich die Erlebnistherapie, wie sie von ihrem (deutschen) Urvater Kurt Hahn bezeichnet wurde, nicht vorrangig an eine schwierige bzw. randständige Klientel, vielmehr galt sie allgemein dem Kampf gegen Verfallserscheinungen in Schule, Gesellschaft und Kultur (vgl. Heckner, 1999, S. 15). Insbesondere die von Hahn diagnostizierten Problempunkte

- Mangel an menschlicher Anteilnahme
- Verfall körperlicher Tauglichkeit
- Mangel an Initiative und Spontaneität
- Mangel an Sorgsamkeit

sollten durch eine Pädagogik des Erlebens als Alternative zum schulischen Lernparadigma zurückgedrängt werden. Daran anknüpfend setzte Hahn folgende Elemente in den Mittelpunkt seiner Erlebnistherapie:

- körperliches Training (leichtathletische Übungen sowie Natursportarten wie Segeln, Kanu, Bergwandern)
- den Dienst am Nächsten (See- und Bergrettungsdienste)
- das Projekt (Aufgabenstellung mit hoher aber erreichbarer Zielsetzung bei selbständiger Planung und Durchführung im handwerklich-technischen bzw. künstlerischen Bereich)
- die Expedition (meist mehrtägige Berg- und Skitouren, Floßfahrten etc., bei denen es neben natursportlichen Aktivitäten auch um lebenspraktische Alltagserfahrungen geht, beispielweise versorgen, transportieren, Nachtlager bereiten).

Um den Transfer und die Nachhaltigkeit auf andere, zukünftige Lebenssituationen zu gewährleisten, spielt die Erlebnisqualität der Aktionen eine entscheidende Rolle. Die Teilnehmer müssen die erlebnispädagogischen Inhalte als außergewöhnliche Erlebnisse wahrnehmen, um diese später als heilsame Erinnerungsbilder gewinnbringend für andere Bewährungsproben reflektieren zu können. Fasst man die Aspekte der Erlebnispädagogik zusammen, zeigt sich, dass der entscheidende Faktor des Lernens aus erlebnispädagogischen Aktivitäten der Transfer von Lernerfahrungen in Lebenszusammenhänge und Alltagssituationen ist. Dabei werden aus erlebnispädagogischer Sichtweise drei Arten differenziert:

1. Der fachspezifische Transfer

Hierbei werden konkrete Verhaltensweisen und Lerninhalte in dem Maße aufgenommen, verarbeitet und schließlich verinnerlicht, dass diese ebenso in anderen Situationen verfügbar sind. Beispielsweise kann ein Transfer erlernter Technik beim Aufstieg auf einen Berg gleichzeitig Hilfe für den sicheren Abstieg sein. Die Grundfertigkeiten des Sicherns werden dabei auf das Abseilen übertragen.

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Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640378159
ISBN (Buch)
9783640377695
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131920
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Lehrstuhl für Sozialpädagogik
Note
2,3
Schlagworte
Reiz Erlebnispädagogik Eine Pädagogik Erlebnisse

Autor

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Titel: Der Reiz der Erlebnispädagogik