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Dämonische Leinwand - Der expressionistische Film

Das Kabinett des Doktor Caligari - Eine Untersuchung des Films auf seine expressionistischen Elemente

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriffsklärung
1.1.1 Der Expressionismus
1.1.2 Der expressionistische Stummfi lm

2. Caligari als expressionistischer Film

3. Miseenscène desFilms
3.1 Dekor
3.2 Beleuchtung

4. Der deplatzierte Darsteller
4.1 Cesare der Somnambulist und Doktor Caligari

5. Die Zwischentitel im Film

6. Die Funktion der Rahmen- und Binnenhandlung

7. Schlussbemerkung undAusblick

8. Anhang

9. Bibliografie

Das Cabinet des Doktor Caligari -
eine Untersuchung des Films von Robert Wiene auf seine
expressionistischen Elemente.

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei . Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei .

Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut .

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken .

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen . Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis

1 . Einleitung

Der Expressionismus ist eine künstlerische Bewegung, die sich 20 . Jahrhunderts der kulturellen Landschaft bemächtigte; er war allem gegen die Tendenzen des Naturalismus richtete, er

“verhält sich der Natur [gegenüber] feindselig . Er aberkennt ihre Übermacht; er zweifelt an ihrer 'Wahrheit' . Er stellt fest, daß auch die Wissenschaft nur ein Versuch der Ausdeutung ist. ” (Huebner, S . 37)

Er bewegt sich also fernab vonjeglicher detaillierten Abbildung der Wirklichkeit und fordert eine manifestierte innere Form darzustellen, eine Form, die sich auf den Ausdruck richtet, eine Form, die nicht nur den Ausdruck zeigt, sondern ihn zum Gegenstand seiner Bemühungen macht . Der Expressionismus löst sich also aus jeglicher wissenschaftlichen Betrachtung und versucht dem Chaos, das den Dingen zu eigen ist, Herr zu werden, indem er sie aus jenem löst, er nimmt die Möglichkeit wahr, „das Chaos zu verkleinern, indem [er] ein Ding herausnimmt“ (Picard, S . 76 . ), es anruft und somit davor bewahrt, wieder in jenem Durcheinander zu verschwinden .

Da der Expressionismus, so er nicht nur als Stilrichtung verstanden, vielmehr als omnipräsentes Lebensgefühl (Huebner, S .37) angesehen wird, nicht nur Auswirkungen auf die bildende Kunst hatte, sondern sich auch auf andere Bereiche des Ausdrucks erstreckte, soll in folgender Arbeit auf eines der Erzeugnisse Wert gelegt werden, das neben allen anderen eine große Aufmerksamkeit erlangte; der expressionistische Film.

Es soll in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden, inwiefern überhaupt jene Kunst in das bewegte Bild transportiert werden oder in welchen Elementen sie sich zeigen kann, in diesem Zuge werden die Möglichkeiten benannt, die der Film dem Ausdruck bietet und weiterhin wird erklärt, wie expressionistische Elemente aufgegriffen, umgesetzt und verarbeitet werden . Dies soll auf mehreren Ebenen vollzogen werden, einerseits werden die einzelnen Elemente eines Films untersucht und andererseits soll der Versuch gewagt werden, die Frage zu beantworten, inwiefern der Film es ermöglicht, den expressionistischen Inhalt dem Rezipienten zu vermitteln, ohne ihn abzuschrecken .

Alle diese Ansätze sind in dieser Arbeit am Beispiel des Films Das Cabinet des Doktor Caligari nachvollzogen . Doch vorab scheint eine Begriffsklärung ratsam, die Komplexe deuten soll, wie sie injener Arbeit verstanden werden .

1.1 Begriffsklärung

1.1.1 Expressionismus

Um expressionistische Elemente in einem Film nachzuweisen, scheint es essentiell, die einleitenden Sätze um einige Bemerkungen zu ergänzen. Die Kunstform des Expressionismus, wie schon angemerkt, als Lebensgefühl verstanden, bedeutet hier nicht nur, sie zu leben, sondern ihr allgemeine Grundforderungen zu unterstellen . So kann konstatiert werden, dass der Expressionismus vor allem zwei Forderungen umfasste: Einerseits ist es die Zielsetzung, den Menschen aus seiner Umwelt zu befreien, ihn aus einer Gesellschaft der Verwaltung und Technisierung zu lösen, um ihn zur reinen Form zu bringen und andererseits, jedoch daraus resultierend, der Ansatz, neue absolute Werte und Normen zu schaffen, die als Gegenpol zu ebendieser Welt betrachtet werden müssen . (Best, S . 167) Die Welt soll aus neuen Blickwinkeln gefasst werden, vielmehr aus reinen Standpunkten;

“der Mensch beginnt wieder, wo er vor Jahrmillionen begann . Er darf so frei und unbefangen sein, wie das Kind. ’’(Huebner, S . 38)

Der Expressionismus ist somit der Ausdruck und die Besinnung auf das Innere, er ist also das Substrat des Menschen, aus einer verwalteten, technisierten und schnellen Welt .

1.1 .2 Der expressionistische Stummfilm

Der expressionistische Film hat somit mehrere Aufgaben, er muss diese grundlegenden Forderungen des Expressionismus vereinen und eine Brücke bilden, die keine Reduktion des Ausdrucks schafft, sondern ihn vielmehr transportiert.

Das scheint dahingehend schwierig, da wir uns in der Ära des Stummfilms befinden, also lediglich die Mimik und Gestik vordergründig existent scheinen, um den Ausdruck zu vermitteln . Zwar konstatiert Walter Hasenclever, dass durch diese Besinnung auf den reinen Ausdruck, die Mimik und Gestik im Stummfilm eine Renaissance erfahren könnten(Hasenclever, S . 212), jedoch, so Bela Balázs, muss es eine Koexistenz zwischen Sprache und Ausdruck geben, da jede Form in sich eigene Variationen und Möglichkeiten innehat . (Balázs, S . 231) Die Gefahr bestünde also darin, dass der Ausdruck überspielt werde und die Steigerung nicht mehr erkenntlich würde, sondern lediglich als klägliches, verzerrtes Abbild erscheine . Somit müssen Sprache und darstellendes Spiel eine Einheit bilden, da sie nicht autark existent sein, sondern nur in ihrem Zusammenspiel die vollkommene Gewalt des Ausdrucks ermöglichen können. Der expressionistische Gedanke kann, so Hasenclever weiter, nur auf einer Bühne realisiert werden, wenn das Theater vom Dilettantismus befreit wird und lediglich professionelle Schauspieler, die das Lebensgefühl ausdrücken können, einen Platz in diesem Reigen finden; so ist es kaum verwunderlich, dass er ebenso eine Reduktion der Mittel fordert, um das Augenmerk auf die Sprache und die Natur des darstellenden Spiels zu legen . (Hasenclever, S . 210)

Nun kann die Sprache im Stummfilm der 20er Jahre jedoch keine Rolle spielen und nur der Ausdruck, also Mimik und Gestik, funktionalisiert werden, um zu transportieren, was einerseits zwar eine Besinnung auf ebendieses darstellende Spiel ermöglicht, jedoch auch einen essentiellen Faktor des Ausdrucks unterschlägt, nämlich die Sprache .

Die Zeit, die den expressionistischen Film formte, scheint augenscheinlich der geeignete Nährboden für einen revolutionären Umbruch zu sein, so konstatiert Rudolf Kurtz, dass es eine Zeit war, die “nach innen Neuaufbau von einer theoretischen Konzeption aus, nach außen Abkehr von dem Überkommenden forderte . ’’(Kurtz, S . 61)

2. Caligari als expressionistischer Film

Der Film Das Cabinet des Doktor Caligari, der im Mittelpunkt dieser Betrachtung stehen soll, gilt als einer der wenigen expressionistischen Filme, die überhauptjene Brücke zwischen Ausdruck und Film schaffen konnten, nach Kurtz sei er gar der einzige Film, der die Markierung „Expressionismus“ würdig vertrete .

Wenn der Film auch als Mahnmal für einen autoritären Staat gelten sollte, der ein übergeordnetes Oberhaupt denunzieren könnte - welches seinen willenlosen Somnambulisten führt (Kracauer, S . 71) - kann dies im eigentlichen Filmmaterial kaum noch ausgemacht werden, da durch die klare Trennung von Binnen- und Rahmenhandlung die Geschichte als Wahnvorstellung eines Irren deklariert wurde . Caligari zeichnet sich also kaum noch durch politische Grundelemente aus, sondern verweist eher durch eine ganz neue Art des filmischen Dekors und Spiels auf seine Grundintention, also den expressionistischen Kern .

Inwiefern dies nun im Caligari realisiert wird, soll im Folgenden genauer betrachtet werden, indem das Dekor, das Schauspiel, vor allem mit Augenmerk auf die Leistungen Conrad Veidts und Werner Krauss', die Zwischentitel und Möglichkeiten der Beleuchtung nach expressionistischen Elementen untersucht und analysiert werden .

3. Mise en scène des Films

3.1 . Dekor

Das Dekor im Caligar ist vor allem eins: Nicht naturalistisch. Die Häuser, Straßen, Bauten und Räume sind reduziert auf Formen und ornamentale Strukturen . Doch um das ganze Spektrum zu fassen, soll das Sujet vom Beginn an untersucht werden .

Der Film beginnt mit einer Einstellung, die zwei, bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten, Figuren auf einer Bank sitzend zeigt, wobei sich das Dekor in dieser Einstellung noch keinen klaren Strukturen unterwirft, sondern eher naturalistisch wirkt .1 Die Umgebung ist stark reduziert, wodurch die Protagonisten in den Vordergrund treten . Diese einfache Gestaltung verweist klar auf den Charakter der Rahmenhandlung, die sich durch diese Kontrastierung stark vom weiteren Verlauf des Film und seinen Einstellungen und dekorativen Elementen abgrenzt. Einer der beiden Protagonisten, Francis, beginnt seinem Gegenüber eine Geschichte zu erzählen, die er mit den Worten What she and I have experienced is even stranger than whatyou have lived through ankündigt .

Dieser einleitenden Phrase, die als Prolepse gedeutet werden kann, folgt die Binnenerzählung des Films, welche in der Stadt Holstenwall spielt. Interessant und charakteristisch für das Folgende scheint, dass die Stadt vorab in der Totalen gezeigt wird, jedoch nur als Abbild, so ist es lediglich ein Zerrbild, das dem Zuschauer gezeigt wird und eine starke Künstlichkeit bewirkt . Die Stadt ist aus ihrer Form gelöst und biegt sich in übergeordnete ornamentale Strukturen; auffälig ist außerdem die antinaturalistische Darstellung, so sind nicht nur die Häuser, die sich an einen spitzen Berg schmiegen, schief, in sich gekehrt und verwinkelt, sondern auch die Naturelemente, also die Bäume, lediglich krumme, gezackte Linien, fernab vonjeder realistischen Darstellung .2

Diese Sicht auf die Stadt vermittelt dem Rezipienten erstmals eine Ahnung davon, in welcher schrägen Wirklichkeit die Protagonisten agieren und sie ist der erste Verweis darauf, dass sich die Protagonisten in einer unnatürlichen Umgebung befinden, was schon, den einleitenden Sätzen folgend, ein Merkmal der expressionistischen Darstellung ist.

Dieser Rahmung, die zeigt, wo die Handlung spielt, folgt der Auftritt des Dr . Caligari, der aus dem Hintergrund aufsteigend, in den Vordergrund tritt . Das beschriebene Bild der Stadt hängt wie ein Banner im Hintergrund, ist also omnipräsent und wird von den neuen Elementen kaschiert . Diese sind, wie schon Holstenwall selbst, schief und in sich verschlungen . Die Treppe, die Caligari empor kommt, ist eines der wenigen Details, das gerade Linien aufweist . Die Umgebung bleibt weitestgehend im Unklaren, die Wege sind nur angedeutet, verworrene Linien, die Wände klaffen förmlich ins Bild; haben keinen Anfang und kein Ende, wirken also förmlich auf das Nötigste reduziert.3 Dieser knappe Einblick scheint stellvertretend für das ganze Ensemble der Stadt selbst zu stehen . Holstenwalls Architektur wird zum Sinnbild des Ornaments, die ganze Stadt wie auf eine Leinwand gemalt, es gibt keine Fluchtpunkte, sondern nur die Unendlichkeit der Form, die sich in mathematischen und verschlungen Linien verliert . Diese Leinwandwirklichkeit unterstreicht das Wahnhafte, das dem Film anhaftet . Die Elemente, die sich aus dem Hintergrund abheben, sind spärlich gesät; nur Stühle, Tische und Betten heben sich vom verworrenen Dekor ab, jedoch nicht, ohne sich zeitgleich in ihm zu verlieren .

Diese Form der Darstellung kann als expressionistisches Element gelten, das sich durch den ganzen Caligari schlängelt. Es gibt keine klaren Konturen, die eine Wirklichkeit zeichnen, es gibt nur Formen, die den Ausdruck symbiotisch vereinen, die naturalistische Form wird somit vehement verneint .

Interessant scheint jedoch, wenn auch schon in Kürze angemerkt, wie die Natur im Caligari dargestellt wird . Im Film selbst stehen vereinzelte Bäume im Bild, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie fernab von jeglicher naturalistischen Wirklichkeit abgebildet sind . Sie sind Linien, ja, nur Striche, die sich in gezackten Formen gen Himmel strecken; sie haben keine Blätter, keinen natürlichen Wuchs, sie passen somit einerseits in das wahnhafte Umfeld, das der Film durch das Dekor selbst schafft, sind aber andererseits ein Verweis auf die antinaturalistischen Tendenzen des Expressionismus .

[...]


1 Anlage 1, siehe Anhang

2 Anlage 2, siehe Anhang

3 Anlage 3, siehe Anhang

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640378111
ISBN (Buch)
9783640377657
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131908
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
Expressionismus Film Caligari Robert Wiene Wiene Werner Krauss Conrad Veidt Literaturwissenschaft 1920

Autor

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