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Governanceethik nach Josef Wieland

Seminararbeit 2007 42 Seiten

BWL - Recht

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ANLAGENLISTE

1. Problemstellung

2. Governanceethik als Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft, Philosophie und Ökonomie
2.1. Wissenschaftlicher Begriff der Governance
2.2. Governance und Ethik: Philosophische Dimension
2.3. Ökonomische Dimension der Governanceethik

3. Definition und Gegenstandsbereich der Governanceethik
3.1.Analytischer Bereich der Governanceethik
3.1.1. Governance, Governancestrukturen und Moral
3.1.2. Koordination und Kooperation
3.1.3. Faktor „Mensch“
3.2. Methodischer Bereich der Governanceethik
3.2.1. Unternehmensethik
3.2.2. Moralökonomische Dimensionen der Unternehmung
3.2.3. Moralische Werte
3.2.4. Moralische Kommunikation und moralische Anreize
3.2.5. Mikroanalytische Darstellung
3.3. Normativer Bereich der Governanceethik
3.3.1. Wertemanagement: Prinzipien und Bausteine
3.3.2. Organisation des WMS

4. Wertemanagement der BASF-Gruppe
4.1. Kodifizierung der Werte von BASF
4.1.1. Strategische Ausrichtung
4.1.2. Verhaltenskodex
4.2. Implementierung, Vorbild/Autonomie und Ressourcen
4.3. Kommunikation, Motivation und Evaluierung
4.4. Organisation
4.5. Stellungnahme

5. Fazit

ANLAGEN

LITERATURVERZEICHNIS

ANLAGENLISTE

ANLAGE 1. Wahlfaktoren und unvollständiger Verträge

ANLAGE 2. Governanceethik in der modernen Gesellschaft

ANLAGE 3. Externe und interne Unternehmensethik

ANLAGE 4. Moralökonomische Dimensionen der Unternehmung

ANLAGE 5. Werteviereck

ANLAGE 6. Prinzipien und Bausteine des WMS

ANLAGE 7. Prozessstufen des Wertemanagementsystems

ANLAGE 8. Verhaltenskodex der BASF

1. Problemstellung

Im Zuge der zunehmenden Globalisierung übernehmen die Unternehmen eine ökonomische und politische Funktion in der entstehenden Weltökonomie und Weltgesellschaft, was eine veränderte Wertproblematik bewirkt.

Dies wirft eine Reihe von Fragen auf, ob die Unternehmen ihre ordnungspolitische Funktion in Übereinstimmung mit ihren wirtschaftlichen Aufgaben verantwortlich und legitim erfüllen können.[1]

Heutzutage stehen die Unternehmen vor der Herausforderung unternehmensweit gültige Werte festzusetzen, da durch die verschiedensten Einflüsse die moralischen Werte und Normen verflechten und teilweise verschwimmen. Einerseits haben beispielsweise Stakeholdergruppen einen gewissen Einfluss auf die Unternehmen. Andererseits besitzen die Kunden Einfluss auf den Unternehmensumsatz und als Folge auf den Unternehmensgewinn, die Politik auf die Gesetzgebungen, die Shareholder mittelbar auf den Börsenwert des Unternehmens, die Kultur und Traditionen auf Personalmanagement im Unternehmen usw. Dies wiederum kann zu Spannungen und Konflikten im Unternehmen, zwischen den Unternehmen oder zwischen den Unternehmen und der Gesellschaft führen, welche in den Bereichen ökonomischpolitischer, rechtlicher, gesellschaftlicher oder auch religiöser und kultureller Differenzen ihren Ursprung haben. Ein wirtschaftlich, ethisch und politisch korrektes Verhalten, das spezifisch für das Unternehmen zu definieren ist (Governanceethik, Unternehmensethik), ist demnach nicht nur erwünscht, sondern geradezu eine grundlegende Voraussetzung für ein erfolgreich auf dem Weltmarkt platziertes Unternehmen.[2]

In diesem Zusammenhang ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, die Grundsätze der Theorie der Governanceethik anhand der Forschung von Josef Wieland darzustellen sowie ihre praktische Anwendung am Beispiel des Wertemanagements der BASF-Gruppe zu bewerten und die Problemfelder aufzuzeigen.

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Kapiteln gegliedert. Nachdem im zweiten Kapitel die Grundlagen der Governanceethik aus wissenschaftlicher, philosophischer und ökonomischer Perspektive dargestellt werden, wird im dritten Kapitel ein zusammengefasster Überblick über die Definition und den Gegenstandbereich der Governanceethik gegeben. Daran schließen sich die weiteren Untersuchungen der Fragen des analytischen, methodischen und normativen Bereichs der Governanceethik in Kapitel 3 an. Auf dieser Basis wird in Kapitel 4 die praktische Umsetzung der Grundsätze der Governanceethik am Beispiel des Wertemanagements der BASF-Gruppe präsentiert und kritisch bewertet. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden in dem abschließenden Kapitel 6 zusammengefasst.

2. Governanceethik als Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft, Philosophie und Ökonomie

Die Forschung Wielands im Bereich der Governanceethik ist zunächst ein Versuch, die Ethik der wirtschaftlichen Strukturen und Kontexte, Unternehmung, aus der Perspektive der Wissenschaft, Philosophie und neuer Institutionenökonomik darzustellen.[3] Dementsprechend wird weiterhin die Governanceethik aus diesen drei Perspektiven beleuchtet.

Bei der Betrachtung der Governanceethik ist es zunächst notwendig, den wissenschaftlichen Begriff der Governance und seinen Zusammenhang mit der Ethik auszuarbeiten.

2.1. Wissenschaftlicher Begriff der Governance

Der Begriff Governance stammt vom lateinischem Verb „Gubernare” ab, welches „Steuern eines Schiffes“ und im übertragenen Sinne auch des Staatsschiffes bedeutet.[4] Auf Deutsch wurde Governance als Steuerung, Führung oder Leitung übersetzt, was in der Literatur als unzureichend von Bedeutung bewertet wird.

Seit dem 18. Jahrhundert erschien das Wort Governance in Frankreich und nachfolgend in England. Es wurde als Synonym zum englischen Wort Government mit der Bedeutung „the manner of governing“ benutzt und lange lediglich im politischen Bereich als ein autoritäres „Up-down“-Konzept verwendet.[5]

Im 20. Jahrhundert erfuhren die Staatsorganisation, die Wirtschaft und die Gesellschaft wesentliche Änderungen; politische Dezentralisation, Dekolonisation, ökonomische Integration und technischer Forschritt verursachten den Prozess der Globalisierung, der neue politische, ökonomische, soziale und umweltpolitische Dynamiken ausgelöst hat.[6] Damit hat Governance wieder eine große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Es gibt eine Vielzahl von Governance-Definitionen in der Literatur.[7] Governance wurde zu Recht als ein „black-box“-Konzept[8] bezeichnet, da man sie nur in Bezug auf einen bestimmten Bereich, seine Problematik und Zielsetzung definieren kann.

Im weiteren Sinne ist Governance als die Art und Weise von Monitoring oder Steuerung der menschlichen Gesellschaften und Organisationen (heterogener Akteure) zu verstehen. Governance ist immer notwendig, wenn eine Gruppe von Menschen gemeinsame Entscheidungen zu gemeinsamen Zwecken treffen muss. Dabei wird die Art und Weise dieser Entscheidungen kooperativ ausgearbeitet. Aus diesem Grund ist die Entscheidungsfindung eine zentrale Komponente der Governance.[9]

2.2. Governance und Ethik: Philosophische Dimension

Angesichts der Ethik der Governance ist es sinnvoll zu fragen, wie die Ethik mit Steuerung zusammenhängt und auf welche Art von Steuerung sich die Ethik bezieht.

Die Aufgabe der Ethik besteht nicht in der Formulierung der verbindlichen moralischen Normen. Sie befasst sich mit der Beschreibung und Konzeptualisierung moralischer Fragen und Probleme im lebenspraktischen Kontext mit dem Ziel, qualifizierten Umgang mit praktischem Orientierungsbedarf für die Situationen zu ermöglichen, in denen die Steuerung eines Handelns unter Einfluss moralischer Fragestellungen geschieht.

Die Ethik der Governance bezieht sich somit auf Handlungssteuerung bezüglich ihrer moralischen Aspekte im Zusammenhang mit anderen relevanten Aspekten. Die Handlungssteuerung erfolgt also nicht nur durch Direktion, Kontrolle und Sanktionen, sondern auch durch Werte (Einstellungen, Haltungen und Überzeugungen) des Individuums.[10] Daran schließen sich die Gedanken an, dass die Ethik als eine Orientierungsphilosophie für Handlungssteuerung in Bezug auf moralische Dimension im lebenspraktischen Kontext definiert werden kann.

Im Hinblick auf Unternehmen dient diese Orientierungsphilosophie für die Lösung der Entscheidungsprobleme und zwar bei der Anwendung verschiedener Regeln und Werte in einer Entscheidungssituation in Hinblick auf ihre Relevanz.[11]

2.3. Ökonomische Dimension der Governanceethik

Grundsätzlich ist die neue Organisationsökonomik als Bereich neuer Institutionenökonomik die Grundlage für die Theorie der Governanceethik Wielands. Aus diesem Grund ist es notwendig, einen Überblick über ihre Grundsätze zu geben.

Der Begriff der Governance hat auch seine Anwendung in der neuen Institutionenökonomik gefunden. In ihrem Rahmen ist Governance eine Form des Steuerns des Lernens einer Organisation, bis sie in der Lage ist, relativ selbständig auf die Anforderungen des Marktes und der Gesellschaft zu reagieren.[12]

Die Hauptfrage der neuen Organisationsökonomik ist es, welche alternativen Strukturen und Koordinationsmechanismen zum Markt bestehen. Im Hintergrund steht die Problematik der Koordination ökonomischer Transaktionen zwischen Einzelpersonen durch Vereinbarungen.

Die Forschung dieser Frage fing 1937 an, als Ronald Coase sich die Frage stellte, warum es neben dem Preismechanismus des Marktes gesonderte Unternehmensorganisationen gibt, die durch die Merkmale des Ausschlusses von Preis- und Marktwettbewerb zu charakterisieren sind. Coase bemerkte, dass die unternehmerische Organisation entsteht, wenn die Transaktionskosten der Marktbenutzung wie Informations-, Verhandlungs- und Sicherungskosten höher als die Betreibung einer Organisation sind. Die Organisationen fördern damit die effizienten wirtschaftlichen Transaktionen und sind eine Antwort auf systematische Marktdefizienten.[13]

Weitere Forschung der Koordinationsmechanismen des Markts und der Organisation führte Oliver Williamson durch. Er stellte sich die Frage, wie die Transaktionen und die Anreizstrukturen sowie Sicherungsmaßnahmen des Markts und des Unternehmens organisiert sind. Dabei ist die Verteilung der Vermögensrechte als gegeben berücksichtigt.

Williamson hat fünf für die Transaktionen typischen Aspekte[14] ausgearbeitet, die die Interaktion der Akteuren charakterisieren: Opportunismus, begrenzte Rationalität, begrenzte Anzahl der Partner zur Auswahl, unvollständige Information und Unvollständigkeit der komplexen Verträge. Er betont, dass aus den formalen Verträgen sich ergebende Abhängigkeiten von den Parteien ausgebeutet werden können, da die Unvollständigkeit der Verträge und Mängel der Information bei einzelnen Parteien zu der personalen Unsicherheit führen, die Eigennutzung, Missvertrauen und Konflikte bewirken. Die entstehenden Konflikte werden durch externe Verhandlungen (z.B. Gericht) gelöst, was zusätzliche Kosten bedeutet (Anlage 1).

Er kommt zur Schlussfolgerung, dass die Einrichtung der Governancestrukturen, effizienten Kooperationen und der langfristigen Vertragsbindungen mit informellen Elementen (Normstandards, Moral) sowie interner Verhandlungen (Management) und Entwicklung des Vertrauens notwendige Sicherungsmaßnahmen gegen Ausbeutung, Abhängigkeiten und Konflikte sind. Eine stabile Ordnung wird dabei die Unsicherheit menschlicher Interaktion vermindern.

Gleichwohl werden die Koordination und Kooperation als höchst unterschiedliche Governance-Modalitäten definiert.[15]

Koordination ist eine ausreichende Allokationsleistung, die mittels Preismechanismus funktioniert (für Märkte oder hierarchische Unternehmensorganisation). Demgegenüber funktioniert Kooperation mittels Autorität, welche nicht hierarchisch eingesetzt ist (z.B. Management).

Markt, Unternehmen und ihre Hybride als Zwischenform (Allianzen, Netzwerke usw.) sind somit zwei verschiedenen Formen zur Organisation von Tauschprozessen, die als Governancestrukturen zu bezeichnen sind. In den alternativen Governancestrukturen verschiebt sich Governance von Koordination auf Kooperation. Damit sind die Organisationen Kooperationsarenen, die eine effektive Wertschöpfung generieren können. Hat beispielsweise eine Organisation die Arrangierung relativer Selbständigkeit mit notwendigen Kooperationen sowie Selbststeuerung gelernt, werden der Managementaufwand und die Transaktionskosten sinken.[16]

Nach der Auffassung Wielands[17] sind jedoch die Ökonomisierungsstrategien bei der Abwicklung distinkter Transaktionen mit Effizienzgewinnen oder Gewinnmaximierung nicht identisch. Die moralischen Werte und ihre Kommunikation im Unternehmen haben unter spezifischen Bedingungen ökonomische Konsequenzen bei der Herstellung von Kooperation und bei Sicherung von Transaktionen, soweit sie ihre Identität behalten. Allerdings darf die Moral für die Zwecke der Ökonomie in den langfristigen Transaktionsbeziehungen nicht instrumentalisiert werden.

Die Frage der neuen Organisationsökonomik aus der Sicht der Governanceethik nach Wieland lautet also nicht, wie lässt sich Moral ökonomisch begründen, sondern welche Konsequenzen sie in der Ökonomie besitzt.[18]

3. Definition und Gegenstandsbereich der Governanceethik

Unter Governanceethik ist „die Lehre von der komparativen Analyse der moralsensitiven Gestaltung und Kommunikation der Governancestrukturen spezifischer wirtschaftlicher Transaktionen mittels Kooperation“ zu verstehen.[19]

Die moralischen Ressourcen und Handlungsbeschränkungen aus organisationalen Regeln und Werten sowie deren Kommunikation in und mittels Kooperationsprojekten sind der Gegenstandsbereich der Governanceethik. Wieland unterscheidet hierbei zwischen dem analytischen, methodischen und normativen Bereich.

Im analytischen Bereich wird die Governanceethik globaler und lokaler, formaler und informaler Strukturen untersucht, die das moralische Handeln des Individuums und der kollektiven Akteure auf Mikro und Makroebene konstituieren und transaktionsspezifisch steuern.

Die moralischen und unmoralischen Regeln, Werte und Anreize verschiedener Governancestrukturen und ihr Einfluss auf entsprechendes ökonomisches Handeln sind die Frage des methodischen Bereichs der Governanceethik, der als komparatives Forschungsprogramm anzusehen ist.

Im Rahmen des normativen Bereiches der Governanceethik werden die ethischen Systeme wie Wertemanagementsysteme oder Ethikauditsysteme in und mittels Organisationen entwickelt und implementiert. Diese Systeme als Steuerungsstrukturen für die Transaktionen sind mit moralischer Erwartungssicherheit durch Selbstbindung und indirekte Fremdbindung ausgestaltet und fördern die Kooperationsbereitschaft, Kooperationsfähigkeit und Kooperationschancen der Wirtschaftsakteure durch ökonomische Prämierung und Kommunikation.[20]

Die oben genannten Gegenstandsbereiche der Governanceethik werden im Folgenden näher betrachtet.

3.1.Analytischer Bereich der Governanceethik

3.1.1. Governance, Governancestrukturen und Moral

Im Rahmen der neuen Organisationsökonomik definiert Wieland Governance als eine Steuerungsstruktur oder eine Steuerungsmatrix zur Abwicklung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transaktionen.[21]

Er definiert die Governancestrukturen als „Matrizen kommunizierter formaler und informaler Regeln und Werte[22], die als Constrains den kooperativen Akteur[23] konstituieren und ihn mit expliziten Spielregeln für Vertrag und Organisationsbeziehungen zur Realisierung spezifischer Transaktionen ausstatten“.[24] Dabei wird zwischen globalen und lokalen Governancestrukturen unterschieden.

Die globalen Governancestrukturen[25] beruhen auf konstitutionellen Aspekten einer Organisation oder eines Systems. Lokale Governancestrukturen beruhen auf mikropolitischer Steuerung von Transaktionen. Zu den lokalen Governancestrukturen zählen Standortprozeduren, Organisationsstrukturen, moralische Werte eines Unternehmens usw. (Anlage 2). Governancestrukturen haben unterschiedliche Leistungsfähigkeit bezüglich der Effizienz distinkter Transaktionen. Im Kontext von Governance handelt es sich um die adaptive Effizienz, beziehungsweise Anpassungsfähigkeit mehrerer Governancestrukturen an Unsicherheit und Kontingenzen bei der Durchführung einer Transaktion.[26]

3.1.2. Koordination und Kooperation

Weiterhin grenzt Wieland die Begriffe der Koordination und Kooperation ab, um die Steuerungsmechanismen verschiedener Governancestrukturen in Bezug auf moralische Werte zu analysieren. Koordinationsmechanismus nach Wieland zielt auf Effektivität und Effizienz bei der Durchführung von Transaktionen. Demgegenüber kann sich die Kooperation darauf nicht beschränken. Er analysiert den Kooperationsmechanismus in einer Organisation mittels der von Williamson ausgeführten Faktoren und kommt zum Schluss, dass die personale Unsicherheit aufgrund des Misstrauens der wirtschaftlichen Akteure keine investiven, langfristigen und damit ausbeutbaren Verhältnisse (situative Unsicherheit) bewirkt. Dies gilt, solange die Parteien über die notwendigen Informationen zur Bildung der angestrebten Kooperation nicht verfügen. Dabei spielen die moralischen Werte eine große Rolle.

Durch die Kooperation in einem Unternehmen sollte die Interaktion konkreter Individuen entlang von Regeln ermöglicht werden, deren Einhaltung zu vereinbaren ist. Kooperation zielt auf die Ausarbeitung des Vertrauens, Achtung der Person[27] und die Würdigung ihrer Integrität, Information etc. In einem Unternehmen dient sie zur Formung eines Teams, zwischen Unternehmen zur Formung von Beziehungen und Partnerschaften, zwischen Unternehmen und der Gesellschaft kann sie aktuelle und potenzielle Kooperationschancen stabilisieren.

Damit bezeichnet Wieland die Unternehmen als Kooperationsprojekte, die eine Scharnierfunktion zwischen Individuum (Mikro-Ebene) und Wirtschaftssystem (Makro-Ebene) haben.[28]

Die Teammitglieder als Mikro-Ebene prägen die Unternehmenstätigkeit und Unternehmensethik in einem gewissen Maße, da erstens die Koordination ökonomischer Transaktionen durch Vereinbarungen zwischen Individuen erfolgt, die besondere fachliche Kompetenzen und persönliche Eigenschaften haben und damit den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens bedeuten können. Zweitens werden zur effektiven Steuerung des Unternehmens in einem Unternehmen die Regeln festgelegt, die in erster Linie als Grundlage für das Handeln der Teammitglieder gesehen werden sollen. Drittens können gemeinsame Werte durch das einzelne Teammitglied nach außen in die gesellschaftliche Welt getragen werden. Aus diesem Grund wird hierbei der Faktor „Mensch“ und Human Capital besonders berücksichtigt.

3.1.3. Faktor „Mensch“

Im Jahr 1994 sagte Lundwall[29], dass “in the next century the capability to produce and use knowledge will be the key to success for countries as well as firms and individuals. Being good at allocating tangible resources will be only of secondary importance; what will matter is how well one succeeds in developing organizations, which promote learning and the wise use of knowledge”.

Die Bestätigung dieser Aussage findet man in diesem Jahrhundert, wobei der Faktor Wissen einer der wichtigsten Ressourcen der Wirtschaft geworden ist. So ist heutzutage Fakt, dass die rasch steigenden Wissensanteile an Produkten und Dienstleistungen die Wertschöpfung jedes Unternehmens generieren. Die angemessene Fragestellung dabei ist, wer dieses Wissen generiert.

Der Faktor Wissen wird von Wieland als menschliche Fähigkeit, Bereitschaft und Möglichkeit, mit Information kooperativ, innovativ und produktiv umzugehen, definiert. Damit prägen die Teammitglieder die Unternehmenstätigkeit in einem gewissen Maße, weil nur durch Kooperation, Bereitschaft und Fähigkeit der Mitarbeiter die intelligenten Produkten und Prozesse für das Unternehmen generiert werden können. Nur dann wird ein Unternehmen weltweit kooperationsfähig und damit wettbewerbsfähig sein.

Damit lässt sich sagen, dass die Hauptaufgabe des nachhaltigen Managements als Kooperationsprozess ist einen produktiven Zusammenhang von Wissen und Kooperation, von Information und Verhalten zu schaffen, was eine notwendige Verbindung zwischen ökonomischen und moralischen Werten bedeutet.

Im Hinblick darauf sind Human Capital, das Personalmanagement und das Human Ressource Management von größerer Bedeutung. Diese Begriffe stehen in engem Zusammenhang und allgemein konzipieren sie den Mitarbeiter als Produktionsfaktor oder Ressource.[30]

Beim Definieren von Human Capital werden jedoch die Eigenschaften der Mitarbeiter eines Unternehmens spezifiziert. Der Mitarbeiter wird als Bündel von fachlichen und persönlichen Kompetenzen dargestellt, welche ein immaterieller Vermögenswert neben dem Finanz- und Sachkapital einer Firma ist und woran Firma keine Eigentumsrechte (nur Verfügungs- und Nutzungsrechte) erwerben kann. Daran schließen sich die Gedanken, dass die materialen und immaterialen Werte des Unternehmens die Wettbewerbsfähigkeit und den Wert des gesamten Unternehmens bestimmen.[31]

Auf die personalen Tugenden als Teil der immaterialen Werte wird im nächsten Kapitel eingegangen.

3.2. Methodischer Bereich der Governanceethik

3.2.1. Unternehmensethik

Unternehmensethik bezieht sich auf eine Organisation und beschreibt ihre moralischen Eigenschaften.[32]

Allerdings ist die Unternehmensethik keinesfalls ein homogenes Gebilde. Ihre ethische Komponente können einzelne Wirtschaftsprobleme auf verschiedenen Ebenen lösen. Nicht nur Wieland, sondern auch Morscher beschreibt eine Aufteilung in interne und externe Unternehmensethik.

In der internen Unternehmensethik geht es um die ethische Problematik der in einem Unternehmen entstehenden Beziehungsgeflechte. Dazu zählen die Beziehungen der Führungskräfte zu den Mitarbeitern, die eine bestimmte Art und Weise unter dem Einfluss der verschiedenen Faktoren eingenommen haben.

Die externe Unternehmensethik beschäftigt sich mit den ethischen Fragestellungen, die ein Unternehmen in Hinblick auf seine Umwelt hat. Hierzu gehören die Lieferanten-, Konkurrenten- und Kundenbeziehungen, wie auch die von außen an das Unternehmen gestellten gesellschaftlichen Erwartungen. Zudem üben die Politik, die Gesetze und Richtlinien der jeweiligen Nationen einen wesentlichen Einfluss auf das Unternehmen aus (Anlage 3).[33]

Nach der Auffassung Sliwka’s[34] herrschen in einem Unternehmen zwei verschiedene Denkweisen und Welten: die materielle Welt, die ihre Werte durch die Fakten und Daten des Unternehmens (Bilanzen, Inventurzahlen, usw.) ausdrückt und die geistige Welt, die sich mit dem Verhalten und den Ideen der Teammitglieder auseinander setzt. Diese werden von externen Parteien ebenfalls wahrgenommen. Damit ist die von Wieland und Morscher beschriebene externe und interne Unternehmensethik der geistigen Unternehmenswelt Sliwka’s zuzuordnen.

Im nächsten Kapitel wird ausführlich auf das Model Wielands eingegangen.

3.2.2. Moralökonomische Dimensionen der Unternehmung

Wieland hat ein dreidimensionales Modell ausgearbeitet, das verschiedene moralökonomische Güterformen einer Governancestruktur in Bezug auf interne (im Unternehmen) und externe Unternehmensethik (zwischen Unternehmen, zwischen Unternehmen und der Gesellschaft) spiegelt (Anlage 4).

Bei der Leistungserstellung und Organisation geht es um interne Unternehmensethik. In erster Linie sind dies die Fragen der Personalführung und Personalentwicklung (Motivation, Identifikation, humanorientierte Personalpolitik usw.). Als Elemente eines Arbeitsvertrages binden sie die Partner. Dabei bedarf das entstehende Anreiz- und Kontrollsystem einer nichtopportunistischen Leistungserbringung.

Als zweites ist der Produktionsprozess eines Unternehmens zu bezeichnen.[35] Die sich rasch entwickelnden Produktionstechniken und – verfahren stellen eine Gefahr für die Gesundheit und Umwelt dar und bedürfen einer gewissen Bereitschaft des Unternehmens, die Sicherheitsstandards am Arbeitsplatz zu garantieren. Daraus ergeben sich die Rechte und die Anspruche der Mitarbeiter auf körperliche Unversehrtheit, deren Standards in den gesetzlichen Normen oder Tarifverträgern festgelegt sind. Die Informationsmängel über diese Standards seitens der Teammitglieder dürfen nicht von dem Unternehmen ausgebeutet oder umgangen werden.

[...]


[1] Vgl. Wieland, 2005, S. 7

[2] Wieland, Forum Wirtschaftsethik 14., Jg., № 4/2006, S. 8, vgl. Dilk, Artikel Ethikette vom 12.09.2003,

vgl. Wieland, 2005, S. 17 f. und Wieland, KIeM-WP Nr. 03/2002, S.4

[3] Vgl.Wieland, 2005, S. 7

[4] Vgl.Adam, E+Z, Nr. 10, 10/ 2000, S. 272 ff.

[5] Benz, 2004, S. 15

[6] Lyall/Tait, 2005, S.3 ff.

[7] Governance zog eine große Aufmerksamkeit auf sich nach der Veröffentlichung der Afrikastudie der Weltbank im Jahr 1989. Die Weltbank definierte Governance als „the exercise of political power to manage a nation's affairs“ und füllte sie mit einem sehr umfassenden Katalog normativer Reformziele aus. Adam, E+Z, Nr. 10, 10/ 2000, S. 272 ff.

[8] Rechkemmer, 2004, S. 31

[9] Ayre/ Callway, 2005, S. 44

[10] Vgl. Wieland, KIeM-WP Nr. 03/2002, S. 4

[11] Badura, KIeM – WP Nr. 08/2004, S.4 ff., vgl. Wieland, 2005, S. 24 f.

[12] Vgl. Wieland, KIeM-WP Nr. 03/2002, S.8

[13] Williamson, Journal of Economic Perspectives, V. 16, Nr. 3, Summer 2002, S. 179

[14] Williamson, 1985, S. 41, 387

[15] Priddat, Economic governance in Schuppert, 2006, S. 173 ff.

[16] Priddat, Economic governance in Schuppert, 2006, S. 173 ff.

[17] Wieland, 1994, S. 218, vgl. Wieland, 2005, S. 78 ff.

[18] Wieland, 1994, S. 218, Wieland, 2005, S. 23

[19] Wieland, 2005, S. 67

[20] Wieland, 2005, S. 67 ff.

[21] Vgl. Wieland, 2005, S. 7

[22] Wieland unterscheidet zwischen formalen (Recht, Regeln) und informalen Institutionen (Werte,

Normen, Moral). Governancestrukturen sind bzw. formale und informale Ordnungen zur Steuerung

der Codes einer Organisation.

[23] Individuelle und kollektive Akteure, Regime, Regieren, private und gesellschaftliche NGOs,

Unternehmen

[24] Vgl. Wieland, 2005, S. 67, 45 ff.

[25] Staat, Markt, Unternehmen, Rahmenordnungen, Unternehmensverfassungen usw.

[26] Vgl. Wieland, 2005, S. 67, 45 ff.

[27] Wieland, 2005, S. 29 ff., vgl. Wieland/Fürst, KIeM-WP Nr. 04/2003, S. 4

[28] Wieland, 2005, S. 29 ff.

[29] Zitiert in:Cooke/Heidenreich, 2004, S.1 f.

[30] Wieland, 2001, S. 7 ff.

[31] Wieland, 2001, S. 7 ff.

[32] Wieland, 1999, S. 45, Wieland, 2005, S. 67

[33] Morscher: Heft 24; Was ist und was soll die Wirtschaftsethik, S.30 ff.

[34] Sliwka, Werte im Unternehmen und in der Gesellschaft, S. 2 ff.

[35] Vgl. Wieland, 1994, S. 219 ff.

Details

Seiten
42
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640378012
ISBN (Buch)
9783640378579
Dateigröße
934 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131808
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Governanceethik Josef Wieland

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Titel: Governanceethik nach Josef Wieland