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Untersuchung des Erzählertraumas in Arno Schmidts 'Seelandschaft mit Pocahontas'

von Hendrik Fieber (Autor)

Hausarbeit 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auswirkungen der Kriegserfahrungen auf das Weltbild des Erzählers

3. Zwischen Errettung und Untergang: Die Liebesbeziehung Joachims zu Selma
3.1 Die Bedeutung der Namensgebung
3.2 Die Vermischung von Gewalt und Sexualität

4. Gewalt- und Todesmotive in der Beschreibung der Umwelt

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nachdem Arno Schmidt im Januar 1955 in der Zeitschrift Texte und Zeichen seine Prosaerzählung Seelandschaft mit Pocahontas veröffentliche, dauerte es nicht einmal vier Monate, bis beim Landgericht in Berlin Strafanzeige gegen Autor und Verleger wegen des Verdachts der Verbreitung pornographischer und gotteslästerlicher Schriften erstattet wurde. Der sich daran anschließende Prozess, der permanent wechselnder juristischer Zuständigkeit geprägt war und der mit dem Freispruch der Angeklagten endete, sagt wenig über das beanstandete Werk, aber viel über die Wirkung der Prosaerzählung auf bestimmte Teile der deutschen Nachkriegsgesellschaft aus. Es drängt sich der Verdacht auf, dass sich katholische und konservative Gruppierungen weniger durch die als Begründung vorgeschobenen Darstellung von Sexualität provoziert fühlten, als vielmehr durch die im Werk artikulierten religiösen und, von der Meinungsfreiheit geschützten, politischen Ansichten des Ich-Erzählers Joachim. Diese Positionen und Standpunkte der Hauptfigur entstehen aber nicht im luftleeren Raum, sondern sind, wenn man die Erzählung betrachtet, entscheidend von den Kriegserfahrungen des ehemaligen Artillerieoffiziers Joachim geprägt. Diese Arbeit widmet sich der Frage, in wie fern die Verbrechen der Nazizeit und die lebensbedrohlichen Fronterfahrungen des Krieges auf das Weltbild und das emotionale Befinden des Erzählers nachwirken. Es wird dabei die These vertreten werden, dass die reflektierten politischen und religiösen Ansichten der Hauptfigur das sichtbare Produkt einer tieferliegenden, nur im Subtext der Erzählung vorhandenen, Kriegstraumatisierung sind.

Um der Untersuchung dieser Traumatisierung eine Struktur zu verleihen ist es notwendig, verschiedene Aspekte der Erzählung gesondert zu untersuchen. Den Auftakt bildet eine Betrachtung der reflektierten Kommentare des Erzählers zu Politik, Krieg und Religion, die an einigen Stellen gleichermaßen als Brücke zum Subtext verstanden werden können. Bei dessen Betrachtung gilt das Interesse zunächst der sprachlichen Präsenz von Gewalt- und Errettungsmotiven innerhalb der Liebesbeziehung zwischen Joachim und Selma, bevor in einem weiteren Schritt untersucht wird , welchem Raum Tod und Gewalt in Joachims Alltags-und Umweltwahrnehmung einnehmen. Erwähnenswert ist an dieser Vorgehensweise vor allem, dass sie an einigen Stellen nicht eingehalten werden kann. Dies ist der dichten Struktur von Seelandschaft mit Pocahontas geschuldet, bei der die für die Untersuchung in dieser Arbeit getrennten Bereiche dicht miteinander verwoben sind und sich aufeinander beziehen. Deshalb werden innerhalb dieser Untersuchung Vor- und Rückgriffe auf andere Themenbereiche an einigen Stellen notwendig sein.

Darüber hinaus ist anzumerken, dass die in vielen der literaturwissenschaftlichen Referenzarbeiten zu diesem Thema herausgearbeiteten biographischen Parallelen zwischen dem Ich-Erzähler Joachim und dem Autor Arno Schmidt zwar zur Kenntnis genommen werden, im Sinne einer werkimmanenten Betrachtung der Erzählung aber keine weitere Berücksichtigung finden. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass für die Untersuchung einer möglichen Traumatisierung der Hauptperson die Kategorie des Autors irrelevant ist.

2. Auswirkung der Kriegserfahrungen auf das Weltbild des Erzählers

Wenn man die Erzählung nach Textstellen absucht, in denen explizit auf die Gewalt des zurückliegenden Weltkriegs eingegangen wird, so muss man wie Sabine Kyora zu dem Schluss kommen, dass sich kaum eindeutige Passagen finden lassen (vgl. Kyora 2001, 56).

In seinen Ausführungen über die Kriegszeit klammert der Erzähler Joachim die archaischen Aspekte seiner persönlichen Erfahrungen gänzlich aus, in keinem Wort werden Mord, Tod, Gräueltaten oder Verwundung angesprochen. Stattdessen werden die Erfahrungen an die Kriegszeit beispielsweise mit Erinnerungen an die verschiedenen Einsatzorte und den militärischen Alltag verknüpft: „Die schnellfingrigen Polen, das flohreiche Hagenau, Norwegen mit seinen gottlosen Granitpolstern: [...] In halb Europa gab es keine Stelle, wo uns nicht Silbergeränderte zusammengebrüllt hätten“ (Schmidt 1996, 12[1] ).

Aus solchen Textstellen lassen sich aber weder Rückschlüsse auf eine kognitive Verarbeitung des Krieges ziehen, noch könnten diese gar als Beleg für eine Traumatisierung des Erzählers angeführt werden. Die reflektierte Auseinandersetzung mit der NS Zeit spiegelt sich vor allem in den politischen und religiösen Aspekten innerhalb des Weltbildes des Erzählers wieder, in dem an zahlreichen Stellen Vergangenheit und Gegenwart verknüpft werden. Bereits zu Beginn der Erzählung heißt es:

Der <Herr>, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müsste schon ne merkwürdige Type sein – wenn’s ihn jetzt gäbe ! (SmP 8)

Zum Einen kann diese Textstelle als ein Indiz für ein besonders hohes Maß an Aufgeklärtheit der Hauptperson gelesen werden. Mit der Bennennung und Verarbeitung des Holocaust im Jahr 1953, in dem, wie Bernd Rauschenbach nachweist (vgl. Rauschenbach, 1994, 55), die Erzählung spielt, ist der Erzähler dem Großteil der damaligen deutschen Gesellschaft zeitlich weit voraus. Zum Anderen bleibt festzuhalten, dass die philosophische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazidiktatur den Erzähler zu dem Schluss führt, dass es keinen Gott geben könne, der ein derartiges Unrecht geschehen lassen bzw. dass, wenn es diesen Gott doch geben sollte, er zumindest nicht anbetungswürdig wäre. Die Konsequenz daraus benennt Joachim bei der Frage nach seiner Religiosität: „Ich? Atheist, allerdings! Wie jeder anständige Mensch“ (SmP. 46). Es sei allerdings darauf verwiesen, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass der Erzähler erst in Folge des Krieges zum Atheisten geworden ist, da es noch zahlreiche andere Textpassagen gibt, in denen er seine Abneigung gegen jedwede Form von Religion aus verschiedensten Gründen zum Ausdruck bringt. Daher muss auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass er schon zuvor religionslos war und in dieser Einstellung durch den Krieg nur noch bestärkt wurde.

Nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht hat die NS Zeit Nachwirkungen auf das Weltbild der Hauptperson:

[...] (Aber mal ernsthaft: allgemeines und gleiches Wahlrecht ist Unsinn: zumindest müßte jeder erst ne geschichtlich=geographische Prüfung ablegen; und mit 65 Jahren das Wahlrecht, aktiv wie passiv, überhaupt erlöschen !) (SmP. 41)

Das ist die Schlussfolgerung von jemandem, der miterleben musste, wie sich sein Heimatland auf politischem und legalem Weg in eine verbrecherische Diktatur verwandelt hat – mit bekanntem Ausgang. Dass diese Erfahrung bei einer hochgradig intellektuellen Person wie dem Ich-Erzähler Joachim zu einer gewissen Skepsis gegenüber der politischen Mündigkeit seiner Mitbürger führt, erscheint in diesem Zusammenhang logisch.

Auch bei der Betrachtung einer weiteren Textstelle wird deutlich, dass die Kriegserfahrungen zu einem von Skepsis und Pessimismus geprägten Weltbild der Hauptfigur führen. Bei einem Spaziergang mit Selma zeichnet Joachim ein düsteres Bild der Zukunft: „Nach m nächsten Krieg iss es soweit: da lebt man wieder in Wohngruben; alle 100 Meilen Einer : Du erlebst es noch.“ (SmP 53). Diese Einstellung ist einerseits von den Weiterentwicklungen der Waffentechnik im Atomzeitalter geprägt, andererseits von den Erfahrungen des zurückliegenden Krieges, die ihn offensichtlich auch zu der Annahme führen, dass die Menschheit früher oder später von den neuen technischen Vernichtungsmöglichkeiten Gebrauch machen wird. Der Bezugsrahmen ist hier allerdings nicht mehr nur die eigene, namentlich deutsche, Gesellschaft. Vielmehr denkt Joachim das Problem eines neuen (Atom-)Krieges global, so dass man an dieser Stelle nicht mehr von Gesellschafts-, sondern allgemeiner von Zivilisationskritik sprechen muss. Die Skepsis in der Zukunftsbetrachtung ist dabei auch von der Situation des Erzählers geprägt, für den der verlorene Krieg erhebliche persönliche Verluste mit sich gebracht hat:

Auf meinem Handtuch stands eingewebt HUAND, und sie rätselte lange : ? : < Heeresunterkunftsverwaltung Andalsnes> : Die Gegenleistung des Deutschen Reiches für 6 der besten Jahre meines Lebens und ein komplettes Haus im Schlesischen [...] (SmP 60).

In seinen Ausführungen spiegelt sich die Sinnlosigkeit des Krieges. Dieser erscheint rückblickend eben nicht nur also großes Unrecht und reine Zeitverschwendung, sondern hat dem Schriftsteller Joachim durch den Verlust seines Hauses auch einen erheblichen Teil seiner Lebensgrundlage entzogen. Er fristet sein Dasein in relativer Armut, die zumindest so gravierend ist, dass er aus finanziellen Gründen auf das Rauchen verzichten muss (vgl. SmP 12.). An einigen Stellen schlägt diese gänzlich desillusionierte Betrachtung der NS Zeit in Ironie um: „Gut vermessen? Sind auf der ganzen Erde nur: Deutschland (bin ich nu n Patriot?!) [...]“ (SmP 35). Der Einschub „bin ich nu n Patriot?!“ kann als ironische Abrechnung mit den im Dritten Reich propagierten Dogmen Patriotismus und bedingungslose (Auf-)Opferung für das Vaterland gelesen werden. Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass derartige Auseinandersetzungen mit den Verbrechen und Lügen der Nazidiktatur auch im Jahr 1953 noch die Ausnahme darstellten.

Den Themenkomplex der reflektierten Auseinandersetzung mit der NS Zeit zusammenfassend, lässt sich konstatieren, dass Joachim die Kriegserlebnisse auf intellektueller Ebene verarbeitet hat, indem er die aus seiner Perspektive heraus logischen Schlüsse aus der Vergangenheit gezogen und in sein Weltbild implementiert hat. Die Auseinandersetzung mit den persönlich erlittenen Verlusten auf der einen und den Gräueltaten der Nazis auf der anderen Seite bestärken ihn in seinem Atheismus und münden in eine grundlegenden Skepsis gegenüber der Beständigkeit der Zivilisation im Allgemeinen sowie gegenüber der Mündigkeit der deutschen Gesellschaft im Speziellen. Gerade mit letztgenannter Überlegung zur eigenen Gesellschaft verknüpft der Ich-Erzähler zahlreiche Ausführungen und Kommentare zur aktuellen Tagespolitik, sei es betreffend der anstehenden Wiederbewaffnung (vgl. SmP 34) oder in Bezug auf die Regierungspraxis des damaligen Bundeskanzlers Adenauer (vgl. SmP 46). Die richtigen Schlussfolgerungen aus den Fehlern der Geschichte zu ziehen und diese bei der Betrachtung der politischen Situation der Gegenwart zu berücksichtigen ist die Form der Vergangenheitsbewältigung, die der Gesellschaftskritiker und Intellektuelle Joachim mit Erfolg betreibt.

Doch wie verarbeitet der ‚Mensch’ Joachim seinen persönlichen Kriegserlebnisse, wie ist es um seine emotionale Verfassung bestellt? Ein erster Hinweis darauf, dass die Erlebnisse der Vergangenheit noch nachwirken liefert uns der Erzähler auf seiner Fahrt an den Dümmer in der einzigen Textstelle, in der Kriegshandlungen deutlich geschildert werden:

Ein vorbeischießendes Schild <Ibbenbüren> : erschienen Flammenpanzer zwischen seidenroten Mauern, und ich wieder mitten drin als VB der Artillerie: Schlacht im Teutoburger Walde, 1945 nach Christie (SmP 9).

[...]


[1] Im Folgenden wird der Titel Seelandschaft mit Pocahontas mit dem Kürzel SMP bezeichnet.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640375899
ISBN (Buch)
9783640375660
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131738
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Untersuchung Erzählertraumas Arno Schmidts Seelandschaft Pocahontas

Autor

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    Hendrik Fieber (Autor)

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