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Das Zwiegespräch der Frau - zwischen Libido und Moral

Die Determiniertheit der Frau um die Jahrhundertwende am Beispiel Arthur Schnitzlers "Fräulein Else"

Seminararbeit 2006 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Einleitung

Die Rolle der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert war geprägt von strengen Regle-mentierungen, die aus heutiger Sicht schwer greif- und nachvollziehbar sind. Die etlichen Benimm- und Verhaltensregeln schränkten nicht nur sämtliche Lebensbereiche der Frau ein, sie übten auch einen enormen psychischen Druck aus. Hierbei war gerade ‚der gute Ruf’ im Hinblick auf die Abgrenzung vom Kleinbürgertum und der Unterschichten zu bewahren. Her-vorzuheben sei hier der Bereich der Sexualität, der mitunter das größte Tabuthema der Gesell-schaft um 1900 war und besonders für die bürgerlichen Frauen galt, die begierdelos zu sein hätten und denen man sogar sexuelle Empfindsamkeit absagte[1]. Die Frau der Jahrhundert-wende stand also unter ständigem Leistungs- und Erwartungsdruck, dem gesellschaftlichen Ideal der ‚Dame’ zu entsprechen und standzuhalten.[2] Welche Auswirkungen der psychische Druck von außen einnehmen konnte, zeigt Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ aus dem Jahr 1924. Er zeichnet eben dieses Bild der determinierten Frau der Jahrhundertwende: „Schnitzler führt eine in gesellschaftlichen Zwängen gefangene Figur vor, die sich unter star-kem unmittelbaren Druck einer Entscheidungssituation stellen muss“[3] und gibt durch das ver-wendete Stilmittel des Inneren Monologes eine Innensicht auf den psychischen Zustand Fräu-lein Elses. Um einen besseren Zugang zu Schnitzlers Werk zu erhalten und vermitteln zu kön-nen, möchte ich in dieser kleinen Hausaufgabe das aus heutiger Sicht inkomparable Bild der bürgerlichen Frau um die Jahrhundertwende vergleichend mit Fräulein Else skizzieren, wobei auf eine Inhaltswiedergabe des Werkes verzichtet werden soll.

Das Konstrukt der ‚bürgerlichen Frau’

Der Entwurf der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert wurde allgemeingültig aus der ‚weib-lichen Natur’ definiert: „Bestimmende Faktoren der Weiblichkeit in der Gegenpolarität zum Mann waren vor allem Passivität, Emotionalität, Schwäche, Hingabe, Selbstverleugnung und Bescheidenheit.“[4] So wurde aus ihrem ‚Naturell’ die Funktion abgeleitet: Ihre Berufung galt der Bereiche Ehe und Familie. Die optimale Erfüllung des Idealbildes der Frau ergaben sich aus der „Dreifachfunktion Gattin – Hausfrau – Mutter“[5]. Hier zeigt sich auch bereits die patri-archal geprägte bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die Frau unterstand dem Man-ne, den sie benötigte, um ihren Daseinszweck erfüllen zu können und den sie mit all ihren Mitteln unterstützen und dabei vor allem Ehre und Anstand bewahren sollte, um einerseits ‚ehrbar’ zu sein und anderseits ihm keine Schande zu machen. Alle mussten einen guten Ein-druck machen. Nicht nur der generelle gute Ruf der Familie, auch das angemessene Verhalten der Tochter, Mutter oder Ehefrau stand in Verknüpfung zu einem Manne.[6] So muss auch die unverheiratete Tochter eines Patriarchats, Else, ‚ehrbar’ sein. Daher vergewissert sie sich mehrfach ob ihr Verhalten, ihre Haltung und ihre Kleidung angemessen ist („Hab ich ungnädig gedankt? Oder gar hochmütig?“ S. 6). Im Weiteren soll auf die weiteren Pflichten der ‚ehrbaren’ Frau hinsichtlich Elses Rolle eingegangen werden.

[...]


[1] wurde zu der Zeit trotz Meidungsgebot aber stark diskutiert (vgl. Foucault, Michael: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Band 1, Frankfurt 1983)

[2] alle Angaben nach Schrott, Karin, 2005, S. 39 ff.

[3] Pankau, Johannes (Hrsg.): Nachwort. In: Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Stuttgart 2002, S. 92

[4] Schrott, Karin, 2005, S. 55

[5] ebd., S. 56

[6] vgl. Schrott, Karin, 2005, S. 109

Details

Seiten
7
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640414918
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131664
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Zwiegespräch Frau Libido Moral Determiniertheit Jahrhundertwende Beispiel Arthur Schnitzlers Fräulein Else

Autor

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