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Die Deutsche Grammatik von Jacob Grimm und ihr Stellenwert für die Sprachwissenschaft

Hausarbeit 2008 36 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Jacob (und Wilhelm) Grimm
1.1 1785 - 1802: Kindheit und Jugend
1.2 1802 - 1805: Die Studienzeit
1.3 1806 - 1819: Beginn der Forschungen bis zur Entstehung der Deutschen Grammatik

2. Voraussetzungen zur Begründung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts
2.1 Allgemeine Voraussetzungen für die vergleichende und die historische Sprachforschung
2.2 Die Anfänge der vergleichenden Sprachwissenschaft

3. Jacob Grimms Sprachforschung und die Deutsche Grammatik
3.1 Voraussetzungen und Anfänge
3.2 Die Deutsche Grammatik
3.2.1 Allgemeines
3.2.2 Grimms bedeutendste Entdeckung: Die Lautverschiebung
3.2.3 Die Geschichte der deutschen Sprache und das Deutsche Wörterbuch
3.2.4 Wirkung

4. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Der einzige Jakob[[1] ] Grimm hat für die Sprachwissenschaft mehr geleistet, als Eure[[2] ] ganze französische Akademie seit Richelieu[[3] ]. Seine deutsche Grammatik ist ein kolossales Werk, ein gotischer Dom, worin alle germanischen Völker ihre Stimme erheben, wie Riesenchöre, jedes in seinem Dialekte. Jakob Grimm hat vielleicht dem Teufel seine Seele verschrieben, damit er ihm die Materialien lieferte und ihm als Handlanger diente, bey diesem ungeheuren Sprachbauwerk. In der That, um diese Quadern von Gelehrsamkeit herbeyzuschleppen, um aus diesen hunderttausend Citaten einen Mörtel zu stampfen, dazu gehört mehr als ein Menschenleben und mehr als Menschengeduld." (Heine 1837: Elementargeister. In: Heine 1979: 88,30-89,6)[4]

Diese Aussage stellt eine Reaktion auf Jacob Grimms bis dahin schon in mehreren Bänden erschienene Deutsche Grammatik dar. Erscheint diese Würdigung durch Heines ins Auge springende Heiligsprechung der Grammatik und der gleichzeitigen Antithese, dass Jacob Grimms Leistung nur mithilfe eines ‚Paktes mit dem Teufel‘, ähnlich wie Goethes Faust, entstanden sein könne, etwas übertrieben, so ist doch dieses Werk selbst bis heute in seiner Materialfülle unübertroffen und leistete Bedeutendes für die Sprachwissenschaft (vgl. Sonderegger 1984: 323). Grimm widmete tatsächlich fast sein gesamtes Leben seit Beginn seiner Forschungen der Sprache und Grammatik und schließlich hat er damit in der Tat für die Sprachwissenschaft Epochemachendes geleistet: Jacob Grimm entdeckte nicht nur die Lautverschiebung, er begründete damit die historische (und vergleichende) Sprachwissenschaft und lieferte damit – neben ‚Quadern und Mörtel‘ –, den Schlussstein für die moderne wissenschaftliche Linguistik. Diese Arbeit möchte ebendieses unter den Fragen, warum Jacob Grimms Deutsche Grammatik diesen Stellenwert innerhalb der Sprachwissenschaft einnehmen und warum gerade Jacob Grimm die Vorrausetzungen dazu haben konnte, herausstellen. Hierzu sind die allgemeinen Vorrausetzungen aufzuzeigen, die zur Begründung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft gegeben sein mussten, und vor allem auch die Situation der vergleichenden Sprachwissenschaft des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, bevor das Werk an sich und seine Wirkung betrachtet wird. Neben dem biographischen Werdegang sind vor allem Jacob Grimms wissenschaftliche Forschungen, vor allem aber die Anfänge seines sprachwissenschaftlichen Schaffens zu beleuchten.

1. Jacob (und Wilhelm) Grimm

Die folgenden Ausführungen sollen im Schwerpunkt der Erhellung Jacob Grimms Herkunft, seiner Studienzeit und des Beginns seiner Forschungen bis zur Ausarbeitung der Grammatik dienen, wobei auch wichtige Bekanntschaften aufgezeigt werden sollen. Dabei beziehen sie sich auf die biographischen Zusammenfassungen von Schede (2004) und Scherer (1921) und der Autobiographie von Jacob Grimm (Grimm/ Kluge: 1985).

1.1 1785 - 1802: Kindheit und Jugend

Am 4. Januar 1785 wird Jacob Ludwig Carl Grimm in Hanau, wenige Kilometer östlich von Frankfurt, geboren. Ein Jahr später ist die Geburt von seinem Bruder Wilhelm. Es folgen in den nächsten Jahren weitere Geschwister, wovon jedoch zwei bereits kurze Zeit später versterben. Der Vater, Phillip Wilhelm Grimm, ist in Hanau ab 1778 als Hofgerichtsadvokat, ab 1782 als Stadt- und Landschreiber und ab 1786 als Stadtsekretär tätig. Die Mutter, Dorothea Grimm, geb. Zimmer, stammt aus Kassel. Zum Zeitpunkt Jacobs Geburt ist sie 30 Jahre alt, der Vater 34. Die Familie lebt seitdem noch fünf Jahre in Hanau. 1791 siedelt sie nach Steinau über, wo der Vater eine Stelle als Amtmann antritt. Hier wachsen die Geschwister in einem stattlichen Amtshaus in wohlhabenden und bevorzugten Verhältnissen auf. Ende 1795 erkrankt der Vater jedoch schwer und stirbt bald darauf im Januar 1796 im Alter von 44 Jahren. Daraufhin erfolgt der soziale Abstieg der Familie. Sie müssen das Amtshaus verlassen und beziehen nach einem kurzen Aufenthalt im Spital eine Haushälfte an der sog. ‚Alten Kellerei‘. Mit gerade elf Jahren fällt Jacob die Aufgabe zu, die Familie nach außen hin zu vertreten. Im Dezember 1798 wird beschlossen, Jacob und Wilhelm aufs Gymnasium in Kassel zu schicken. Abraham Vollbrecht, der dritte landgräfliche Mundschenk, und seine Frau nehmen sie in Kost, wobei eine Tante finanziell unterstützt. Auf dem Lyceum Fridericianum müssen sie in tieferen Klassen beginnen, als es ihrem Alter entsprechen würde. Sie durchlaufen dann aber die weiteren Klassen in der Hälfte der vorgesehenen Zeit, da sie vorzeitig aufrücken oder ganze Stufen überspringen können. Bereits in dieser Zeit entwickelt sich, neben Zeichnen und Sammeln von naturwissenschaftlichen Objekten, ihr Interesse für Literatur. Sie lesen sämtliche Bücher, die sie bekommen können, verdingen ihr Taschengeld in Antiquaren und Bücherauktionen und legen eine große Sammlung von Gedichten an. Sie verlassen das Lyzeum vorzeitig, was damals noch möglich war. Jacob beginnt sein Studium 1802 in Marburg, sein Bruder Wilhelm folgt ein Jahr später.

1.2 1802 - 1805: Die Studienzeit

Jacob Grimm (auch später sein Bruder) studiert Jura, weil die Mutter es wünscht, er sich den Plänen des Vaters verpflichtet fühlt und das Studium zudem eine baldige Anstellung verspricht. Bereits im ersten Jahr vertiefen sich Jacobs literarische Kenntnisse und Interessen durch persönlich vermittelte Anregungen und der Lektüre von Literaturzeitschriften sehr. Als Anhänger von Tieck, Goethe, Schiller und den Brüder Schlegel studiert er deren Werke und Zeitschriften genau. Die wichtigste Bekanntschaft der Brüder während der Studienzeit wird Friedrich Carl von Savigny (1779-1861). Savigny, nur sechs Jahre älter als Jacob, stammt ebenfalls aus dem Hanauer Land und hat auch früh seine Eltern verloren. Doch da er aus einer begüterten Adelsfamilie entstammt, stehen ihm alle Entwicklungsmöglichkeiten offen. Er promovierte mit zwanzig Jahren und lehrt seit 1800 in Marburg, zunächst als Privatdozent, und von 1803 an, mit Erscheinen seines ersten Hauptwerks Das Recht des Besitzes, als außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaften. Savigny gilt heute noch als Begründer der historischen Rechtsschule. Die dieser Richtung zugrunde liegende Idee, dass Rechtstraditionen erst in ihrem historischen Zusammenhang recht beurteilt werden können, war damals relativ neu. Diese historische Methode, die Savigny während seiner Studienzeit in Göttingen von Gustav Hugo (1764-1844) kennengelernt hatte, wandte er nicht nur auf das Römische Recht an, sondern für die gesamte Geschichte des Rechts. Beide Brüder verehren Savigny, bei dem sie bereits einen Unterrichtsstil im modernen Sinne mit freier Rede und Einbezug der Studenten kennenlernen, und entwickeln schließlich ein enges persönliches Verhältnis zu ihm, was ein Leben lang anhalten sollte. Später werden der Einfluss Savignys und seine historische Methode eine Schlüsselfunktion für Jacobs sprachgeschichtliches Denken einnehmen, auf das noch zurückzukommen sein wird. Durch Savigny entwickelt sich auch eine Freundschaft mit Clemens Brentano (1778-1842) und sie lernen auch Achim von Arnim (1781-1831) kennen, mit denen sie ebenfalls eine lebenslange Freundschaft verbinden wird und die sie in ihren Forschungen unterstützen. Savigny, der sich 1804 hat beurlauben lassen und nach Paris gegangen war, um in der Nationalbibliothek Quellenstudien betreiben zu können, bittet bereits Ende dieses Jahres Jacob, ihm unverzüglich nach Paris zu folgen, um ihm bei seinen Recherchen zu helfen. Im Januar 1805 unternimmt er seine erste Paris-Reise und bleibt dort bis September. Dort beginnt auch, auf Anregung Wilhelms, die erste Recherche nach alten deutschen Gedichten und Poesien, die seit dem Bestandteil der Tätigkeit der Brüder sein wird. Zudem verfolgen sie nicht nur die Entwicklung der neuesten Literatur, sondern auch, wo wer welche Editionen herausgibt. Zurück in Kassel bleibt Jacobs berufliche Zukunft zunächst offen. Für Savigny erledigt er Forschungsanfragen in der Kasseler Bibliothek bis er im Januar 1806 eine Stelle beim Kriegskolleg als Access bekommt.

1.3 1806 - 1819: Beginn der Forschungen bis zur Entstehung der Deutschen Grammatik

Im Sommer 1807 quittiert er diese Stelle wieder, da es für ihn eine sehr leidige Arbeit darstellt, und hofft auf eine Anstellung als Bibliothekar, da er so seinen privaten literarischen Interessen und Sammelleidenschaften nachgehen kann. Als im Mai 1808 die Mutter stirbt und die Witwenpension wegfällt, wird die finanzielle Situation der Geschwister prekär, da auch Wilhelm bisher keine Anstellung hat. Ab August 1808 kann Jacob dann endlich in der Privatbibliothek des westfälischen Königs Jérôme arbeiten, obwohl sie für ihn wissenschaftlich uninteressant ist, doch kann er dort nebenher seinen eigenen Studien nachgehen und wird zudem 1809 befördert und erhält so 3000 Franken, womit die Geschwister besser gestellt sind als je zuvor seit dem Tod des Vaters. Mit staunenswerter Geschwindigkeit erweitern die Brüder in dieser Zeit ihre Kenntnisse. Sie sichten unzählige Bücher nicht nur zur älteren deutschen Literatur. Durch Brentano angeregt, werden Märchen und Sagen gesammelt und die Vorarbeit für die Idee einer ‚Geschichte der Poesie bzw. Sage‘ beginnt, die sich später noch übergreifend auf europäische Denkmäler ausweiten soll. Zwar hat keiner der Brüder je eine ‚Geschichte der Sage‘ veröffentlicht, doch ist die Sagenforschung das beherrschende Thema während der ersten zehn Jahre gemeinsamen Schaffens, in denen auch unzählige Bibliotheksreisen unternommen werden. Die Früchte dieser Forschung münden später in Jacobs Deutsche Grammatik, wie in Punkt 3.1 noch ausführlich dargelegt werden soll. Seine ersten grammatischen Untersuchungen machen ihn ab 1810 mit dem Philologen Georg Friedrich Benecke (1762-1844) bekannt, der Jacob, wie auch später (1819) Karl Lachmann (1793-1851), in stetigem Briefwechsel bei seinen grammatischen Studien wesentlich kritisch unterstützt und fördert. 1811 erscheinen dann Jacobs Über den altdeutschen Meistersang und Wilhelms Altdänische Heldenlieder, 1812 das Hildebrandlied, das Wessobrunner Gebet und der erste Band der Kinder- und Hausmärchen. Ab 1813 (bis 1816) erscheint die gemeinsam herausgegebene Zeitschrift Altdeutsche Wälder, in denen Jacob frühe grammatische Aufsätze verfasst. 1815 die altnordische Edda (1815) von Jacob und Wilhelm. Weiterhin erscheinen der zweite Band der Märchen und Der arme Heinrich, 1816 dann der erste Band der gemeinsam ausgearbeiteten Deutschen Sagen und 1818 der zweite Band.

Nach der Wiederherstellung des Kurfürstentums Hessen 1813 verliert Grimm seine Stelle als Privatbibliothekar des Königs Jérôme, wird jedoch in den diplomatischen Dienst des zurückgekehrten Kurfürsten übernommen. 1814/15 ist er als kurhessischer Legationssekretär beim Wiener Kongress aktiv, dann kurze Zeit in Paris zu Verhandlungen über die Rückführung geraubter Kunstschätze nach Hessen und Preußen. 1816 kann er dann endlich als zweiter Bibliothekar an der großen Bibliothek des Museum Fridericianum in Kassel beginnen (welches für die nächsten 15 Jahre so bleiben sollte) und sich so endlich ausführlich seinen Studien widmen. Diese dienen ab 1816 seiner grammatischen Forschung und der Ausarbeitung der Deutschen Grammatik (vgl. 3.1).

Neben Ehrendoktoraten an verschiedenen Universitäten folgt 1830 die Anstellung als Bibliothekar und Professor an der Universität Göttingen und ein entsprechender Umzug. 1837 geht er durch den Protest der ‚Göttinger Sieben‘, zu denen er zählt, in die Geschichte ein. 1840 wird er nach Berlin berufen und siedelt 1841 dorthin über. Er wird Vorsitzender der ersten und zweiten Germanistenversammlung (1846/ 47) und ist Mitglied der deutschen Nationalversammlung. In dieser Zeit erhält er auch verschiedene Ehrungen von Orden und Ehrenmitgliedschaften in verschiedenen Gesellschaften und Akademien. Es entstehen noch viele wichtige Werke, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll bzw. die an entsprechender Stelle genannt werden (vgl. Bluhm 2003: 611–615). Zeitlebens arbeitet er eng mit seinem Bruder zusammen und zeitlebens bleibt er unverheiratet, es erscheint einem vielmehr, als sei er durch sein intensives Schaffen mit seinen Forschungen ‚einen Bund fürs Leben‘ eingegangen. 1863 stirbt Jacob Grimm als letzter der Geschwister Grimm.

Bevor nun ein genauerer Blick auf seine Studien geworfen werden soll, sind zunächst die Voraussetzungen dazu und vor allem die Anfänge der vergleichenden Sprachwissenschaft aufzuzeigen.

2. Voraussetzungen zur Begründung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte sich eine derartige Ballung, ja Kulminierung sprachwissenschaftlicher Arbeiten und Neuentdeckungen, deren Ausgangsort hauptsächlich Deutschland war, dass mit Recht davon gesprochen werden kann, dass die Sprachwissenschaft als wissenschaftliche Disziplin - in ihrer historisch-vergleichenden Form - in diesem Zeitraum und in Deutschland entstand (vgl. Arens 1969: 157; Sonderegger 1984: 300). Zwar war schon seit dem Altertum eine Verwandtschaft einzelner Sprachen bekannt und es waren einzelne Wortvergleichungen aufgestellt worden, diese hatten jedoch nie eine systematische Sprachvergleichung zur Folge. Der lange Zeit gültige Glaubenssatz, das Hebräische sei die Stammmutter aller übrigen Sprachen gewesen[5], und die im Turmbau zu Babel (Gen., 11,10) gelieferte Erklärung für die Sprachenvielfalt – die sog. ‚babylonische Sprachverwirrung‘ – und für die Zersplitterung in einzelne Völker, verhinderten ein ausgeprägtes Interesse an Sprachbetrachtung, Sprachvergleichung und weiterhin die Idee einer eigenen Volksidentität und damit einer Identität durch Sprache und Volksgeschichte, die ihrerseits zu derartigen Forschungen hätte anregen können, wie sie auch in Form eines ausgeprägten Nationalbewusstseins ein auslösendes Moment für die aufkommende Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert werden sollte (vgl. 2.1). Aber auch in der Zeit der Aufklärung kam man zunächst nie über eine reine und nur stichprobenartige Wortvergleichung hinaus. So blieben Strukturähnlichkeiten des Sprachbaus unbemerkt. Sprachbetrachtung wurde nicht der Erforschung der Sprache an sich willen betrieben, sondern war vielmehr dem Erkenntnisinteresse gewidmet, Unterschiede im Denken und Erkennen ausfindig zu machen oder eine Charakterisierung der verschiedenen Völker vornehmen zu können (vgl. Arens 1969: 155–156).[6] Eine umfassende Sprachvergleichung blieb erst dem ausgehenden 18. und vor allem dem frühen 19. Jahrhundert vorbehalten. Auch gerade die Idee einer historischen Betrachtungsweise von Sprachen konnte erstmals ab diesem Zeitraum aufkommen, die zur Begründung der historischen Sprachwissenschaft durch Jacob Grimm führen sollte und damit den Schlussstein zur Begründung der modernen wissenschaftlichen Linguistik darstellte. Hierzu waren jedoch bestimmte Voraussetzungen notwendig, die im Weiteren näher - und ausführlicher für die Anfänge der vergleichenden Sprachwissenschaft - dargelegt werden sollen, um daran die weiteren Ausführungen knüpfen zu können.

2.1 Allgemeine Voraussetzungen für die vergleichende und die historische Sprachforschung

Die Aufklärung hatte einen naturwissenschaftlichen, technischen, aber auch geisteswissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt hervorgebracht und damit einen wissenschaftlichen Forscherdrang, der sich seitdem auf allen Gebieten ausbreiten sollte. Aber sie hatte auch Gegenbewegungen hervorgerufen, die mit den aufklärerischen Vorstellungen brachen. So ist in diesem Zusammenhang Johann Gottfried Herders (1744-1803) Überwindung der aufklärerischen Geschichtsauffassung bedeutsam: Das Geschichtsverständnis der Aufklärung war gegenwarts-orientiert, war man doch in einem höchst fortschrittlichen Zeitalter angelangt und hatte das ‚finstere‘ Mittelalter gerade hinter sich gelassen. Doch diese Auffassung, die gesamte bisherige Geschichte sei nur ein Vorspiel der Hochkultur des 18. Jahrhunderts gewesen, war für Herder eine kurzsichtige und kritiklose Blindheit für andere Zeiten und Werte. Er forderte eine Rückbesinnung auf die alten Völker und Werte und wollte den Sinn für das Volk als geistige Einheit - fassbar in Sprache und Dichtung – erwecken (vgl. Zmegac 1988: 292 f.; Arens 1969: 157). Und er machte damit auch den Blick für eine innere, genetische Entfaltung der dt. Sprache und den Sprachen überhaupt frei: Am Anfang seiner Fragmente über die Bildung einer Sprache (1767)[7] erklärt er, dass er für sich selbst „die Sprache in verschiedenen Stufen, in mancherlei Geschichtspunkten der Bildung kennen lernen [will]; vielleicht läßt sich dann über ihre Bildung was gewisses bemerken, was vollständiges entwerfen, und was nützliches vorzeichnen.“ (Herder 1767, zitiert nach Sonderegger 1984: 304). Hierfür war auch besonders seine berühmte Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772) mitverantwortlich (vgl. Sonderegger 1984: 304).

Volle Aktualität erfuhren Nationalgeist und Sprache, auch in ihrer Beziehung zueinander, durch die Fortsetzung der Ideen Herders durch die Romantiker Ende des 18. Jahrhunderts und unter dem Hintergrund der gewaltigen Erschütterungen durch die Französische Revolution und den politischen Entwicklungen seit den Befreiungskriegen der napoleonischen Zeit und dem damit einhergehenden aufsteigenden Nationalbewusstsein. Der Volkstums-Gedanke gelangte dadurch auf fruchtbaren Boden. Die Romantiker rückten das Erlebnis des ‚Völkischen‘, der dichtenden ‚Volksseele‘, in den Mittelpunkt und die Vergangenheit wurde mythisch überhöht, so dass sich eine Begeisterung für Volkspoesie, Balladen und Märchen entwickelte, wie auch die Kinder- und Hausmärchen und die Deutschen Sagen der Brüder Grimm verdeutlichen. Der Nationsbegriff deckte sich zunehmend mit dem des Volkes und auch der Gedanke der Identität von Volks- und Sprachgemeinschaft etablierte sich, so dass auch ein allgemeines Sprachinteresse um sich griff (vgl. Zmegac 1988: 292 ff.)[8]. Damit einher ging auch eine Nationalisierung der Wissenschaften, besonders der historischen, die die Geschichte des deutschen Volkes in den Mittelpunkt rückte, sich aber nicht nur auf das Deutsche Reich allein bezog, sondern auch den (vergleichenden) Blick für die ‚Anderen‘ schärfte. „Vaterlandsliebe gehört zu den wissenschaftlichen Kraftquellen der so wissenschaftsnahen Romantik wie der national erfüllten Grimm-Zeit“ (Sonderegger 1984: 307). Auch Jacob Grimms politisch-patriotisches Interesse richtete sich auf die völkische Spracheinheit: „was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?“ (Grimm 1854, zitiert nach von See 1984: 244). Und angesichts der Tatsache, dass die deutsche Sprache erst spät ihre hochsprachliche Norm findet, sagte er stolz: „Kein Volk auf Erden hat eine solche Geschichte für seine Sprache, wie das deutsche. Zweitausend Jahre reichen die Quellen zurück in seine Vergangenheit, in diesen zweitausenden ist kein Jahrhundert ohne Zeugnis und Denkmal“ (Grimm 1999a=1819: XVII).

Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Tendenzen und Entwicklungen zu verstehen, die voraussetzend und grundlegend für das sprachwissenschaftliche Denken im Allgemeinen und für das sprachgeschichtliche Denken des 19. Jahrhunderts im Speziellen waren:[9]

[...]


[1] Hier wird die gängige Schreibung von ‚Jacob‘ mit k präsentiert, die nach dem Internationalen Germanistenlexikon ebenfalls benutzt werden kann. Vgl. König (2003: 611).

[2] Die Anrede ist dadurch zu verstehen, dass der erste Abschnitt der Elementargeister in französischer Fassung bereits 1835 als Sixiéme Partie des zweiten Bandes von De l’Allemagne erschien, der wiederum als sechster Band der Œuvres von Eugéne Renduel in Frankreich ausgeliefert wurde. Vgl. Heine (1994: 157).

[3] Die Anspielung auf die Académie française, die 1635 vom Kardinal Richelieu gegründet wurde, bezieht sich darauf, dass dort zwar das Wörterbuch der französischen Sprache, das ‚Dictionnaire de l’Académie‘ (1694), geschrieben, aber eine ebenfalls geplante Grammatik nie fertiggestellt wurde. Vgl. Heine (1994: 251-252, Erläuterungen zum Text zu 88,32).

[4] Elementargeister erschien 1837 in Deutschland im dritten Band des Salon. Vgl. Heine (1994: 156 ff .).

[5] Dies zu beweisen führte leider nicht, wie man annehmen könnte, zu einer systematischen Sprachvergleichung. Man ließ es mit dem Ergebnis auf sich beruhen, dass sich die Sprachen im Laufe der Zeit so sehr verändert hatten, dass diese zweifelslos vorhandene Abstammung nicht mehr erkennbar war. Vgl. Arens (1969: 155).

[6] So forderte Leibniz zwar eine ‚collatio linguarum‘, die zwar aufgrund der Klärung des Problems der Sprachverwandtschaft (mit dem Hebräischen) für Abhilfe sorgen, aber ihm auch Auskünfte über mögliche Unterschiede im Denken und in der Erkenntnismöglichkeit der verschiedenen Völker liefern sollte. Vgl. Gipper/ Schmitter (1985: 19).

[7] Vollständiger Titel: Fragmente über die Bildung einer Sprache, wo ein Roman von ihren Lebensaltern vorausgeschickt, und ein Weg eröffnet wird sie zu erklären.

[8] Vgl. hierzu auch Arens (1969: 157 f.), der einen kurzen Überblick gibt.

[9] Die Auflistung der Voraussetzungen folgt Sonderegger (1984: 303–307).

Details

Seiten
36
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640375301
ISBN (Buch)
9783640375127
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131660
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Deutsche Grammatik Jacob Grimm Stellenwert Sprachwissenschaft

Autor

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Titel: Die Deutsche Grammatik von Jacob Grimm und ihr Stellenwert für die Sprachwissenschaft