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Der anthropologische Roman am Beispiel von Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser"

Referat (Ausarbeitung) 2008 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der anthropologische Roman
1.1 Gattungsbegriff
1.2 Anthropologie und Literatur und anthropologische Romantheorie
1.3 Autobiographie/ autobiographischer Roman

2. Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser und das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Erklärung

Einleitung

Im Rahmen des Seminars ‚Literarische Anthropologie‘ beleuchtet diese Ausarbeitung im Speziellen den anthropologischen Roman. Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz soll hierfür beispielhaft sein, da sein (autobiographischer) psychologischer Roman Anton Reiser als ein Musterbeispiel des anthropologischen Romans angesehen werden kann und Moritz zudem in seinem parallel erscheinenden Magazin zur Erfahrungsseelenkunde anthropologischen (psychologischen) Fragestellungen nachspürt und in dieser Hinsicht ein Beispiel für das Beziehungsgefüge von wissenschaftlicher Anthropologie und literarischer Verarbeitung der Menschenkunde darstellt. Doch vorerst soll in einem theoretischen Teil kurz in die Gattung des anthropologischen Romans, in entsprechende Gattungstheorien und in die Autobiographik eingeführt werden. Es soll weiterhin herausgestellt werden, in welcher Weise Anthropologie und Literatur miteinander verbunden sind und in welchem Wechselverhältnis sie stehen.

1. Der anthropologische Roman

Kupferstich: William Hogarth (1751): The Reward of Cruelty (Anatomisches Theater oder Die Belohnung der Grausamkeit)[2] [1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Kupferstich veranschaulicht und parodiert den ‚Anthropologiewahn‘ des 18. Jahrhunderts. Der Mensch wird das zentrale Untersuchungsobjekt, dabei wird jedoch nicht nur das Innenleben des Körpers in jedem Detail untersucht, das Interesse richtet sich auch auf das Seelenleben des Menschen, auf die inneren Vorgänge und ihre Wirkungen. Diese werden ebenso ‚seziert‘ und ‚skelettiert‘ und zum Gegenstand des neuen anthropologischen (psychologischen) Romans. Karl Philipp Moritz Anton Reiser ist hierfür ein „Schulbeispiel“[3].

1.1 Gattungsbegriff

Nach Košenina ist ein anthropologischer (psychologischer) Roman dadurch gekennzeichnet, dass eine kausalpsychologisch nachvollziehbare innere Entwicklung von Menschen nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung dargestellt wird. „Dieses Erzählverfahren nennt man pragmatisch […], unterstützt wird es durch Dialoge, personale oder Ich-Perspektiven, die der Dynamik einer Handlungsfolge und der inneren Entwicklungslogik eines Charakters eher entsprechen als abschließende Urteile eines ‚allwissenden Erzählers‘.“[4]

1.2 Anthropologie und Literatur und anthropologische Romantheorie

Die Verbindung von Anthropologie und Literatur findet sich kulminiert in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Drama, aber vor allem im Roman und besonders in der Autobiographie bzw. im autobiographischen Roman. Dabei stehen aber Anthropologie und Literatur in einem wechselseitigen Verhältnis.[5] So sind z.B. nach Herder[6] die drei Hauptquellen anthropologischer Erkenntnis: die Bemerkungen der Ärzte, aber auch die Lebensbeschreibungen und die Weissagungen der Dichter.[7] Die Literatur ihrerseits wird anthropologisch und Schauplatz entsprechender Motive und Themen. Nach Pfotenhauer verwandelt Literatur „anthropologische Denkformen in literarische Gestaltungsformen.[8] Befasst sich die Anthropologie mit dem ‚ganzen Menschen‘, so möchte auch die Literatur den Menschen ganzheitlich erfassen und zwar in leib-seelischer Einheit, in physiognomischer Verknüpfung von Innerem und Äußerem. Dabei hilft die Menschenkunde einen Charakter zu konstituieren. Es entstehen durch Selbsterfahrung und Selbstreflexion psychologische und autobiographische Romane der ‚inneren Geschichte des Menschen‘, die wiederum authentische Fallbeispiele für die anthropologische Forschung liefern.[9]

Die Darstellung der ‚inneren Geschichte‘ ist zentrales Thema wie Verfahren des neuen Romans. 1774 erscheint Christian Friedrich von Blanckenburgs Romantheorie Versuch über den Roman, die vor allem durch die Lektüre der Geschichte des Agathon von dem anthropologisch begeisterten Christoph Martin Wieland angeregt wurde und sie zum Vorbild nimmt.[10] Damit wird die Verbindung von Anthropologie und Literatur zum Programm. Von Wieland adaptiert soll ein Roman die innere Geschichte des Menschen kausalpsychologisch entfalten. Alexander Košenina hat die wichtigsten Punkte zusammengefasst.[11] Unter dieser Vorlage und anhand Blanckenburgs Romantheorie[12] sollen sie nachgezeichnet werden:

- Realistische Plausibilität: Gezeigt werden sollen keine Idealtypen, sondern realistisch angelegte Charaktere, wie sie in der Wirklichkeit möglich sind.
- Keine Ständeklausel: Jeder Mensch hat unabhängig von seinem Stand seine innere Geschichte, die anthropologisch interessant ist. Auch erst eine ständeübergreifende Darstellung erfasst die Wirklichkeit.
- Werdende Menschen: Die Romanfiguren sollen nicht wie Marionetten des Dichters (Maschinen) Handlungen ausführen. Jede Begebenheit soll nach Ursache und Wirkung hergeleitet werden, die die Handlungen von Romanfiguren plausibel machen.
- Seele und Leib: Abkehr von der cartesianischen Trennung von Leib und Seele. Da sie in Wechselbeziehung stehen, soll auch die Darstellung adäquat Gesinnungen und Handlungen, Seelenzustand und äußeren Ausdruck wiedergeben.
- Innere Bildung der Romanfiguren: Zweck des Romans ist die Nachzeichnung der Bildung der Charaktere, jedoch im Schwerpunkt auf ihre innere Geschichte und der Wiedergabe von Denken und Empfinden hin ausgerichtet.
- Individualisierung: Charakter erhält eine Romanfigur erst durch seine Eigenheiten, wobei selbst Kleinigkeiten wichtig sind. Der Dichter soll individuelle Charaktere darstellen und aufzeigen „warum sie so handeln, wie sie handeln“[13].
- Der selbst denkende Leser: Der Dichter soll den Leser nicht durch Moralisierungen an die Hand nehmen, da der Leser so nicht mehr seine eigene Phantasie anwenden kann und zumal sich die Moral aus der Geschichte von selbst ergeben sollte.

[...]


[1] Der Begriff wurde 1980 von Hans-Jürgen Schings geprägt. Vgl. hierzu Schings, Hans-Jürgen (1980): Der anthropologische Roman. Seine Entstehung und Krise im Zeitalter der Spätaufklärung. In: Fabian, Bernhard, Wilhelm Schmidt-Biggemann & Rudolf Vierhaus (Hgg.): Deutschlands kulturelle Entfaltung. Die Neubestimmung des Menschen. München: Kraus International Publications (= Studien zum achtzehnten Jahrhundert, 2/3), S. 247-275.

[2] Aus: Košenina, Alexander (2008): Literarische Anthropologie. Die Neuentdeckung des Menschen. Berlin: Akademie Verlag (= Akademie Studienbücher Literaturwissenschaft), S. 69.

[3] Ebd., S. 82.

[4] Ebd., S. 253.

[5] Vgl. Pfotenhauer, Helmut (1987): Literarische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte – am Leitfaden des Leibes. Stuttgart: Metzler (=Germanistische Abhandlungen, 62), S. 1.

[6] In seiner Schrift Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, erschienen 1778.

[7] Vgl. Herder, Johann Gottfried, Karoline Herder et. al. (Hgg.) (1828): Johann Gottfried Herder’s sämmliche Werke. Zur Philosophie und Geschichte. Neunter Theil. Stuttgart/ Tübingen: Cotta, S. 23. Als Digitalisat abrufbar über URL: <http://books.google.com/books?id=MCoTAAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de#PPA 1,M1> (zugegriffen am 24.11.2008).

[8] Pfotenhauer, Helmut (1994): Einführung [zu Teil IV: Literarische Anthropologie]. In: Schings, Hans-Jürgen (Hrsg.): Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. DFG-Symposium 1992. Stuttgart/ Weimar: Metzler (= Germanistische-Symposien-Berichtsbände, 15), S. 557.

[9] Vgl. Pfotenhauer (1987: 1 f.).

[10] Vgl. ebd., S. 24 f.

[11] Vgl. Košenina (2008: 73).

[12] Vgl. Blanckenburg, Christian Friedrich von (1774): Versuch über den Roman. Leipzig/ Liegnitz: [veröffentlicht von] Siegert. Als Digitalisat abrufbar über URL: <http://books.google.com/books?hl=de&id=sNIN AAAAYAAJ&dq=Versuch+%C3%BCber+den+Roman&printsec=frontcover&source=web&ots=yzXdvuaRg&sig=jlJI8CdL3lLGx7eiHHDwbT_i4yU&sa=X&oi=book_result&resnum=1&ct=result> (zugegriffen am 25. 11.2008).

[13] Blanckenburg (1774: 281).

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640414888
ISBN (Buch)
9783640413485
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131658
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Roman Beispiel Karl Philipp Moritz Anton Reiser

Autor

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