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Ursachen, Auswirkungen und eingeleitete Maßnahmen aus der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise

Diplomarbeit 2009 129 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Arbeit

2 Finanzsysteme
2.1 Trennbankensystem
2.2 Universalbankensystem
2.3 Basel II

3 Ursache: Subprime-Krise
3.1 Hypothekenmarkt
3.1.1 Hypothekenbanken
3.1.2 Hypothekenmakler
3.1.3 Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae
3.1.4 Hauseigentümerquote
3.1.5 Fakten zur Kreditvergabe
3.1.6 Arten von Hypothekenkrediten
3.1.6.1 Festverzinste Hypothekenkredite
3.1.6.2 Variabel verzinste Hypothekenkredite
3.1.6.3 Hybride Hypothekenkredite
3.1.6.4 Interest-only-Hypothekenkredite
3.1.6.5 Payment-option Hypothekenkredite
3.1.6.6 „Statedincome“ Hypothekenkredite
3.1.6.7 Reverse Mortgages
3.1.6.8 Federal Housing Administration Garantie
3.1.6.9 Veterans Administration Garantie
3.1.6.10 Subprime Hypothekenkredite
3.2 Investmentbanken
3.2.1 Derivate
3.2.2 Strukturierte Finanzierung
3.2.3 Verbriefungsstrukturen
3.2.3.1 Synthetische Verbriefung versus True-Sale Verbriefung
3.2.3.2 Vorteile einer Verbriefung
3.2.3.3 Nachteile einer Verbriefung
3.2.4 Mortgage Backed Securities (MBS)
3.2.5 Verbriefung und Subprime-Krise
3.3 Ratingagenturen
3.3.1 „Big Three“ im internationalen Ratingmarkt
3.3.2 Ratingprozess bei Verbriefungen
3.3.3 Rating und Subprime-Krise
3.3.3.1 Interessenskonflikte beim Rating
3.3.3.2 Qualitätsmängel bei Methoden und Ratings
3.3.3.3 Mangelnde Transparenz
3.3.4 Rating und Basel II
3.3.5 Regulierung von Ratingagenturen
3.3.5.1 Vereinigte Staaten von Amerika
3.3.5.2 Europäische Union
3.4 Investoren

4 Die Subprime-Krise soziologisch betrachtet

5 Konjunktur
5.1 Keynesianismus und Unterschiede zur Neoklassik
5.2 Österreichische Schule
5.3 Zwischenresümee

6 Auswirkungen
6.1 Finanzdienstleistungssektor
6.1.1 Abschreibungen
6.1.2 Internationale Finanzmarktturbulenzen
6.1.3 Finanzmärkte
6.1.4 Exkurs: Aktienkursentwicklung über Erwartungen
6.1.5 Derivatehandel
6.2 Interbankenmarkt
6.3 Kreditgeschäft der Banken
6.3.1 Europäische Union
6.3.2 Vereinigte Staaten von Amerika
6.3.3 Ausblick
6.4 Weltwirtschaftsklima
6.4.1 Vereinigte Staaten von Amerika
6.4.2 Europäische Union
6.5 Konsumdämpfung durch Vermögensverluste
6.6 Geldpolitik und Realwirtschaft
6.7 Exkurs: Quantitätstheorie des Geldes

7 Eingeleitete Maßnahmen
7.1 Maßnahmen der Zentralbanken und Nationalbanken
7.1.1 Einlagensicherung
7.1.2 Mindestreserve
7.1.3 Zinsen und Geldmenge
7.1.3.1 Federal Reserve (Fed)
7.1.3.2 Europäische Zentralbank (EZB)
7.2 Maßnahmenpakete der Vereinigten Staaten von Amerika (USA)
7.2.1 Finanzmarktstabilisierung
7.2.2 Konjunkturpakete
7.3 Maßnahmenpakete der Europäischen Union (EU)
7.3.1 Österreich
7.3.1.1 Maßnahmenpaket: Interbankenmarkt und Finanzmarktstabilität
7.3.1.2 Konjunkturpakete
7.3.2 Deutschland
7.3.2.1 Maßnahmenpaket: Interbankenmarkt und Finanzmarktstabilität
7.3.2.2 Konjunkturpakete
7.3.3 Fazit Konjunkturpakete
7.4 Internationaler Währungsfonds (IWF)
7.4.1 Island
7.4.2 IWF-Hilfe für weitere Länder

8 Resümee

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Leitzinsen USA

Abb. 2: S&P/Case-Shiller Home Price Indices

Abb. 3: Loan-to-Value Ratios

Abb. 4: Sekundärhypothekenmarkt

Abb. 5: Homeownership Rate: US

Abb. 6: Hypothekenkreditanteile in Relation zum FICO-Score

Abb. 7: Kredithöhe in Relation zum FICO-Score

Abb. 8: Marktanteile von festverzinste Hypothekenkredite

Abb. 9: Marktanteile von variabel verzinste Hypothekenkredite

Abb. 10: Marktanteile von „erschwinglichen“ Kreditprodukten

Abb. 11: Segmentierung von Hypothekenkredite

Abb. 12: Marktanteile der Subprime-Hypothekenkredite

Abb. 13: Strukturierte Produkte

Abb. 14: Synthetische Fully-funded-Verbriefungsstruktur

Abb. 15: Der europäische Geldmarkt vor und während der Krise

Abb. 16: Veränderung der Kreditrichtlinien

Abb. 17: Nachfrage Hypothekenkredite und Konsumentenkredite

Abb. 18: Kreditvergabestandards in den USA

Abb. 19: Auftragseingänge in der Industrie

Abb. 20: Staatliches Maßnahmenpaket der USA

Abb. 21: Konjunkturpaket I

Abb. 22: Konjunkturpaket II

Abb. 23: Wechselkurs EUR/Isländische Krone

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Subprime-Refinanzierungsrate

Tab. 2: Hypothekenmarkt, Zahlungsrückstände und Zwangsvollstreckungen

Tab. 3: Absicherung mit Credit Default Swaps

Tab. 4: Emissionen von strukturierten Produkten

Tab. 5: Ratingveränderungen

Tab. 6: Performance verschiedener Indizes im Jahr 2008

Tab. 7: Kursstürze bei Finanzdienstleistern

Tab. 8: Wirtschaftsindikatoren wichtiger Staaten

Tab. 9: Sparquote der privaten Haushalte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Sieben Jahre nach dem Angriff auf das World Trade Center erleben wir alle wieder einen schwarzen September. Keine Explosion, aber eine Implusion; keine Toten, aber Millionen Opfer; keine Ruinen, aber Millionen Ruinierte. Alles begann in New York am 15. September 2008, der schwarze Montag an der Wallstreet. Lehman Brothers geht Pleite, es fehlen 17 Milliarden US-Dollar zur Fortführung der Geschäftstätigkeit. Die US-Regierung lässt eine der ältesten Investmentbanken der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) fallen.[1]

Der französische Wirtschaftswissenschafter Elie Cohen beschreibt den Sturz der Lehman Brothers „als jener Augenblick, indem eine beherrschbare Krise zu einer echten Krise wird, die ihre Eigendynamik folgt und nach ihrer inneren Logik abläuft. Jetzt erst entsteht eine Situation, in der die Politiker die Ereignisse nicht mehr beeinflussen können.“ Der Lehman Crash stellt den Beginn der größten Finanzkrise dar, die die Welt erlebt hat. Die Wallstreet bricht ein, die amerikanischen Aktienindizes stürzen ab. Amerika erkennt fassungslos die eigene Realität, das ganze Land lebt auf Kredit weit über ihre Verhältnisse. Die US-Regierung versucht erfolglos die Märkte zu beruhigen. US-Finanzminister Paulson in einer Rede kurz nach der Pleite von Lehman Brothers: „Die Amerikaner können auf die Festigkeit des amerikanischen Bankensystems vertrauen. Zu keiner Zeit hätte ich es nötig gehalten, Lehman Brothers mit Steuergeld wieder flott zu machen.“ Die Regierungen in der Welt versuchen zu beruhigen und zu beschwichtigen, aber greifen nicht ein. Die Krise ist zu komplex um rasch ein wirksames Gegenmittel dafür zu finden.[2]

1.1 Problemstellung

Es ist notwendig die Ursachen für die Finanzkrise zu analysieren um ihr die Komplexität zu nehmen und zu erkennen, wie es zu einer derartigen weltweiten Finanzkrise und in Folge zu einer Wirtschaftskrise, die immer mehr Länder erfasst, kommen konnte. Nur nach Erkennen der Gründe und Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind geeignete Maßnahmen zu treffen. Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Ergründung der Ursachen und Auswirkungen sowie eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise.

1.2 Gang der Arbeit

Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich aus drei großen Themenblöcke zusammen. Der erste Themenschwerpunkt behandelt die Subprime-Krise, die als Ursache der Finanzkrise zählt. Der zweite Themenschwerpunkt ist den Auswirkungen der Finanzkrise gewidmet. Eine Auswirkung davon ist die Wirtschaftskrise. Im letzten Themenschwerpunkt geht es um die Maßnahmen, die von der europäischen und us-amerikanischen Zentralbank sowie den USA und der Europäischen Union (EU) zur Finanzmarktstabilisierung und Konjunkturbelebung gesetzt wurden.

Bevor der erste Themenschwerpunkt beginnt wird einleitend auf die verschiedenen Finanzsysteme eingegangen. Dabei werden das Trennbankensystem und das Universalbankensystem kurz beschrieben. In diesem Kapitel wird auch Basel II behandelt. Es wird dabei auf die Gründe und Ziele eingegangen und wie Kreditrisiken von einigen Banken außerbilanziell transferiert wurden mit dem Ziel, diese vor der Bankenaufsicht zu verschleiern.

Der erste Schwerpunkt behandelt den Ursprung der Finanzkrise, die Subprime-Krise. Es wird dabei geschildert, wie die Krise entstehen konnte. Dabei werden die Rollen der verschiedenen Akteure kritisch betrachtet und ihren Beitrag zur Finanzkrise offengelegt. Das sind Hypothekenbanken und –makler, Investmentbanken, Ratingagenturen und Investoren. Im Bereich Hypothekenmarkt werden neben den Akteuren die steigende Hauseigentümerquote, die Kreditvergabe und die verschiedenen Hypothekenkredite erläutert. Diese Informationen sind zusätzlich mit Statistiken belegt und immer im Kontext zur Subprime-Krise dargestellt. Im Investmentbankenbereich werden die Credit Default Swaps (CDS), die Verbriefungsstrukturen und die Mortgage Backed Securities (MBS) behandelt. Das Kapitel Investmentbanken schließt mit einer Erklärung, wie Kreditverbriefungen zur Subprime-Krise führten, ab. Der Bereich Ratingagenturen beinhaltet unter anderem den Ratingprozess bei Verbriefungen und deren Beitrag zur Subprime-Krise. Weiters werden die Mindestanforderungen an Ratingagenturen nach Basel II erläutert und auch die Regulierung von Ratingagenturen in den USA und deren Status in der EU. Als letztes werden die Investoren und ihre Gründe für den Kauf von hochkomplexen Verbriefungsstrukturen durchleuchtet.

Das Kapitel „Die Subprime-Krise soziologisch betrachtet“ beantwortet in diesem Zusammenhang die Frage, wie Entscheidungen auf Finanzmärkte getroffen wurden und wie es zur Subprime-Krise kommen konnte.

Das nachfolgende Kapitel erklärt die Konjunktur und deren Einteilung in Zyklen. Es wird weiters die Keynesianische und Neoklassische Konjunkturpolitik dargestellt und ein Lösungsweg aus zukünftigen Finanzkrisen aus Sicht der Österreichischen Schule gezeigt.

Der zweite Schwerpunkt behandelt die Auswirkungen der Finanzkrise. Es werden dabei der Finanzdienstleistungssektor und der Interbankenmarkt betrachtet als auch das Kreditgeschäft der Banken in der EU und in den USA. Die Tragweite der Wirtschaftskrise wird im Kapitel „Weltwirtschaftsklima“ ersichtlich. Weiters werden auch die Einschränkung des Konsums durch Vermögensverluste erläutert und auf die Geldpolitik der Zentralbanken eingegangen.

Anschließend folgt der dritte Schwerpunkt dieser Diplomarbeit, die eingeleiteten Maßnahmen der europäischen und us-amerikanischen Zentralbank sowie den USA und der EU zur Finanzmarktstabilisierung und Konjunkturbelebung. Weiters werden die eingeleiteten Maßnahmenpakete von Österreich und Deutschland detaillierter aufgezeigt. Dieses Kapitel schließt mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und dessen Hilfsmaßnahmen ab.

Den Abschluss dieser Diplomarbeit bildet das Resümee.

2 Finanzsysteme

Das Finanzsystem einer Volkswirtschaft hat die Aufgabe die Versorgung der privaten Wirtschaftssubjekte mit allgemeinen Zahlungsmitteln sowie die Koordination von Kapitalgebern und –nehmern sicherzustellen.[3]

Die Art und Weise wie diese Aufgaben durchgeführt werden unterscheidet sich je nach System, daher werden in diesem Kapitel die verschiedenen Finanzsysteme und Basel II erläutert.

2.1 Trennbankensystem

In den USA wurde zwischen 1933 bis 1999 gesetzlich ein Trennbankensystem fixiert.[4] Im Glass-Steagall-Act wurden 1933 in Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise die grundlegenden Vorschriften zur Bestimmung des Tätigkeitsfelds der Geschäftsbanken festgelegt.[5] Darin wurde den Finanzinstituten eine gleichzeitige Tätigkeit im Wertpapiergeschäft sowie im Einlagen- und Kreditgeschäft untersagt. Weiters gab es eine strikte Trennung von Bank- und Versicherungsdienstleistungen. Der Glass-Steagall-Act wurde mit dem Inkrafttreten des Gramm-Leach-Bliley-Acts von 1999 aufgehoben.[6] In den USA besteht die Bankenlandschaft im Wesentlichen aus den Commercial Banks, Investment Banks, Thrift Institutions und weiteren Spezialinstituten wie beispielsweise Mortgage Companies, deren Aufgabe die Ausgabe von und Handel mit Hypothekardarlehen ist.[7] Die Gruppe der Commercial Banks betreiben das Einlagen- und Kreditgeschäft und die Investment Banks widmen sich dem Effektengeschäft.[8] Die Thrift Institutions sind vergleichbar mit Sparkassen und Genossenschaftsbanken und sie sind hauptsächlich im Privatkunden- und Hypothekengeschäft tätig.[9] Aufgrund der Bankzusammenbrüche zwischen 1929 und 1933 kam die Grundidee einer Trennung von Commercial und Investment Banking in den USA. Die Einführung eines Trennbankensystems wurde dadurch begründet, um Interessenskonflikte zwischen den Geschäftsbereichen einer Universalbank zu vermeiden, die zu negativen Auswirkungen auf die Systemstabilität und auf die Bankkunden führt.[10]

Im Zuge der Finanzkrise hat sich herausgestellt, dass eine Trennung von Commercial und Investment Banking Bankzusammenbrüche nicht verhindern können, wie unter anderem das Beispiel Lehmann Brothers verdeutlicht.

In Großbritannien hat sich das Trennbankensystem traditionell herausgebildet.[11] Eine Trennung von klassischem Bankgeschäft und spezialisierter Tätigkeit einzelner Institute im Handelsfinanzierungs-, Wertpapier- und Beteiligungsbereich entwickelte sich über die Jahrhunderte auf natürliche Weise.[12]

2.2 Universalbankensystem

Die Bankensysteme in Kontinentaleuropa sind tendenziell historisch entstandene Universalbankensysteme.[13] Ein Universalbankensystem erlaubt den Finanzinstituten den Vertrieb jeglicher Finanzdienstleistungen und es gibt idR keine Tätigkeitsbeschränkungen. Diese umfassenden Befugnisse können für den betreuten Kunden vorteilhaft sein. Die Bank hat hierbei die Möglichkeit zum „Cross-Selling“, zur flexiblen Konditionsgestaltung aber kann auch „Cross Subsidizing“ betreiben, das eine Quersubventionierung von an sich verlustträchtigen Geschäften durch profitable Einzelgeschäfte mit demselben Kunden ermöglicht. Der Vorteil des Kunden liegt in der Hausbankbeziehung. Die Bank kann aufgrund der Geschäftsbeziehung den Kunden besser einschätzen und ihn in Krisenzeiten entsprechend unterstützen. Ein Universalbankensystem birgt aber das Risiko des Interessenkonfliktes seitens der Bank, besonders hinsichtlich der Bedienung eines Kunden mit Produkten der Kategorien Eigenkapital und Fremdkapital.[14]

2.3 Basel II

Im Juni 1999 erließ der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht international einheitliche Standards (Basel II) für die Neufassung der Baseler Eigenkapitalvereinbarung von 1988 (Basel I).[15] Die Mitglieder des Baseler Ausschusses (Vertreter der Bankaufsichtsbehörden und der Zentralbanken aus Belgien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien und den USA) haben grundsätzlich verabredet, die sogenannten Basel II Regelungen in zwei Stufen umzusetzen. In der EU sind die neuen Eigenkapitalanforderungen erstmals ab dem 1. Jänner 2007 einzuhalten. Der 1. Jänner 2008 gilt für jene Finanzinstitute, welche den fortgeschrittenen internen Ansatz wählen. Die großen Bankkonzerne in den USA werden den fortgeschrittenen internen Ansatz erstmals zum 1. Jänner 2009 anwenden.[16]

Der Grund die Basel II Regelungen einzuführen liegt darin, um allfällige Verluste die aus dem Bankgeschäft resultieren besser abfedern zu können und somit die Stabilität des Bankensystems abzusichern. Die Banken sind vielen unterschiedlichen Risiken ausgesetzt. Eine Kategorisierung der Risiken kann wie folgt erfolgen:

- Risiko aus dem wirtschaftlichen Umfeld (z.B. Marktrisiko, Länderrisiko, Zinsänderungsrisiko, Fremdwährungsrisiko),
- Risiken, die in der Person des Kreditnehmers begründet sind (z.B. Ausfallsrisiko),
- Risiken, die sich aus dem eigenen Geschäftsbetrieb ergeben (z.B. Liquiditätsrisiken) oder
- Operationelle Risiken (z.B. Computerausfall, Betrug, Systemfehler, Rechtsrisiken).[17]

Die Ziele von Basel II sind zum einen die Bonitätsbeurteilungsverfahren von Banken schrittweise zu verbessern und zum anderen die Rolle des Risikomanagements in Banken zu stärken.[18] Ein besseres Risikomanagement wird dadurch erreicht, dass eine individuelle Risikoeinstufung der Kreditnehmer erfolgt. Infolgedessen ist der erforderliche Grad der Unterlegung mit Eigenkapital abhängig von der Risikoeinstufung des Kreditnehmers.[19]

Nach Basel I mussten acht Prozent des Kreditvolumens einer Bank einheitlich mit Eigenkapital unterlegt werden. Die Bonität der Schuldner spielte dabei keine Rolle.[20] Nach Basel II wird grundsätzlich gleich verfahren, allerdings erfolgt eine Risikogewichtung mit einem Prozentsatz zwischen 0 Prozent und 150 Prozent der offenen Kreditforderungen. Die Risikogewichtung ist abhängig von der Bonität des Schuldners. Das daraus resultierende gewichtete Risikoaktiva wird mit acht Prozent Eigenkapital unterlegt.[21] Daraus ergibt sich, dass eine Bank die offene Kreditforderung bei einer schlechteren Bonität des Kreditnehmers mit mehr Eigenkapital unterlegen muss, als dies bei einer besseren Bonität des Schuldners der Fall wäre .[22]

Um dies zu vermeiden fand ein Kreditrisikotransfer von der Bank auf den Kapitalmarkt statt. Daher gründeten manche Banken „conduits“ und „structured investment vehicles“ (SIVs) um diese Kreditforderungen dorthin zu übertragen. Dadurch waren diese Kreditforderungen nicht mehr in der Bankbilanz ersichtlich und somit auch nicht im Blickfeld der Bankenaufsicht. Gleichzeitig wurde durch die Verschiebung Eigenkapital freigesetzt, welches ansonsten wegen der Baseler Mindestkapitalanforderungen gebunden wäre.[23]

3 Ursache: Subprime-Krise

Der Ursprung der weltweiten Finanzkrise war die Subprime-Krise, eine Krise am amerikanischen Markt für Wohnbaufinanzierungen.[24] Den Anfang der Subprime-Krise bildeten die niedrigen Leitzinsen der amerikanischen Zentralbank, die ab 2001 deutlich gesenkt wurden. Die Gründe für die starken Leitzinssenkungen waren die Kurskorrekturen an den Aktienmärkten infolge des „New Economy Hypes“ und eine erwartete konjunkturelle Eintrübung im Umfeld der Anschläge vom 11.09.2001.[25]

In der folgenden Abbildung sind die amerikanischen Leitzinsen abgebildet. Der Höchststand im Jahr 2000 spiegelt auch den Höhepunkt des „New Economy Hypes“ wider.

Die aktuellen Tiefstständen sind mit dem derzeitigen wirtschaftlichen Abschwung begründet. Als Maßnahme gegen den wirtschaftlichen Abschwung führten die Notenbanken in den Industriestaaten einen expansiven geldpolitischen Kurs und setzten die Leitzinsen, wie in der Abbildung ersichtlich, deutlich herab.[26]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Leitzinsen USA

Die niedrigen Zinssätze ab 2001 und steigende Hauspreise waren die Grundsteine für den Boom am Immobilienmarkt, der bis 2006 andauerte. Außerdem kurbelte die Kombination aus niedrigen Zinsen und steigenden Hauspreisen den privaten Konsum an, dass gleichzeitig auch zu einem Wirtschaftswachstum führte.[27] Der S&P/Case-Shiller Home Price Index bildet die Hauspreise von verschiedenen Regionen in den USA ab.[28] In der Dekade von 1996 – 2005 wuchs der S&P/Case-Shiller Home Price Index mit einer „Compounded Annual Growth Rate“ (CAGR) von 8,5% pro Jahr, dieser Wachstum ist viermal höher als die Inflationsrate im entsprechendem Zeitraum. Eine noch höhere CAGR von 11,4% gab es von 2000 – 2005.[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: S&P/Case-Shiller Home Price Indices

Quelle: Standard&Poor´s [Indices 2008], S. 1 (leicht modifiziert)

Die vorige Abbildung beschreibt die Hauspreisentwicklung von 10 bzw. 20 Städten in den USA. Es ist erkennbar, dass seit 1991 die Hauspreise steigen und im Jahr 2006 der Trend gebrochen wurde.

Der Überfluss an Liquidität, aufgrund der expansiven Geldpolitik der amerikanischen Notenbank, erschwerte die Aussicht auf profitable Geldanlagen. Ein weiteres Hemmnis waren die niedrigen Risiko-Spreads. Das veranlasste die Investoren zu einer höheren Risikobereitschaft um ihre Renditeversprechungen erfüllen zu können. Darauf basierend wurde die Kreditvergabe an einkommensschwache Haushalte in den USA beträchtlich ausgeweitet. Es entstand das Segment der Subprime-Kredite,[30] welches Kreditnehmer mit sehr hohen Beleihungsquoten oder einem hohen Kapitaldienst im Verhältnis zum Einkommen beinhaltet. Die Risiken waren vertretbar, solange die Hauspreise stiegen. Ein Subprime-Schuldner der Schwierigkeiten mit der Hypothekenrückzahlung hatte, konnte mit einer höheren Hypothek in Höhe des gestiegenen Immobilienwertes refinanzieren und dadurch die monatlichen Belastungen reduzieren.[31] Gleichzeitig wurde mit dieser Maßnahme auch der Konsum angekurbelt. Eine Erhöhung der Hypothek geschah nicht nur um Hypothekenzahlungen sicherzustellen, sondern auch um Konsumgüter wie beispielsweise Autos zu kaufen. In diesem Fall wurden die durch die höhere Hypothek freigegeben Mittel für den privaten Konsum verwendet, das folglich zu einem Wirtschaftswachstum führte.[32]

Die Vergabe von Hypotheken an Subprime-Schuldner erhöhte künstlich die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und verursachte steigende Preise. Der anhaltende Immobilienboom ließ die Leitzinsen in den USA ansteigen. Dadurch kamen immer mehr Subprime-Schuldner in Bedrängnis und mussten ihre Immobilien verwerten um die Hypothek zu begleichen. Die Spirale setzte nun in die andere Richtung fort. Das Angebot von Immobilien vergrößerte sich zusehends und ein Nachfragerückgang setzte ein. Die Preise sanken immer tiefer und die Verwertbarkeit der Immobilien wurde immer schwieriger. Je höher das Loan-to-Value-Verhältnis (LTV) war, also das Verhältnis des Fremdfinanzierungsanteils zum Wert der hinterlegten Sicherheit, desto häufiger kam es zu Zahlungsverzögerungen oder Hypothekenkündigungen. Der Fremdfinanzierungsanteil betrug bis zu 100% und führte zu Abschreibungen in Milliardenhöhe bei den kreditgebenden Banken.[33]

Die Abb. 3 zeigt das LTV-Verhältnis in Zweijahresabschnitten. Der Fremdfinanzierungsanteil wird auf der vertikalen Achse angezeigt und der FICO-Score auf der horizontalen Achse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der FICO-Score ist ein Instrument zur Bewertung der Kreditwürdigkeit von Verbrauchern. Er hat eine Bandbreite von 300 bis 850 Punkten und Kreditnehmer mit weniger als 620 Punkten zählen zu den Subprime-Schuldnern.[34] Im Kapitel 3.1.5 Fakten zur Kreditvergabe wird der FICO-Score näher beleuchtet. Die erste Gruppe (1999 – 2000) hatte in der niedrigsten Kategorie einen Fremdfinanzierungsanteil von durchschnittlich 80 Prozent, das bedeutet, dass durchschnittlich 20 Prozent Eigenmittel für einen Immobilienkauf notwendig waren. Das LTV-Verhältnis ist in dieser Gruppe bei der höchsten Punktezahl nur etwas höher. Dies ändert sich im Zeitverlauf, denn der Unterschied des Fremdfinanzierungsanteils wird in den nachfolgenden Jahren zwischen den FICO-Kategorien größer. Der Fremdfinanzierungsanteil hat sich 2005 – 2006 bei der niedrigsten FICO-Kategorie auf durchschnittlich 85 Prozent erhöht und in der höchsten Kategorie sich den 95 Prozent angenähert. Aus dieser Abbildung ist ersichtlich, dass das durchschnittliche LTV-Verhältnis im Subprime und Prime Segment im Zeitverlauf deutlich angestiegen ist.[35]

Erst durch die Verbriefung der Zins- und Tilgungsansprüche der Banken und deren anschließenden Weiterveräußerung als forderungsbesicherte Wertpapiere (Asset Backed Securities) auf den internationalen Finanzmärkten erreichte die Subprime-Krise eine globale Dimension. Der Wert der mit Subprime-Darlehen besicherten Asset Backed Securities machte im August 2007 rund 1,5 Billionen US-Dollar aus. Die bereits beschriebene Abwärtsspirale mit sinkenden Immobilienpreisen bei steigenden Zinsen führte auch dazu, dass die Subprime-Wertpapiere enorm an Wert verloren und hohe Abschreibungen notwendig waren. Die
volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Subprime-Krise waren enorm. Allein die großen, „originären“ als auch verbrieften, Bestände an Hypothekendarlehen im Besitz internationaler Investoren verursachten im Jahr 2007 Abschreibungen von rund 113 Milliarden Dollar.[36]

Die wichtigsten Fakten zur Subprime-Krise wurden in diesem Kapitel geschildert. Nun wird in den folgenden Unterkapiteln detaillierter auf die einzelnen Akteure und deren angebotenen Dienstleistungen und Produkte eingegangen.

3.1 Hypothekenmarkt

Der Hypothekenmarkt in den USA gliedert sich in einen Primärhypothekenmarkt und einen Sekundärhypothekenmarkt. Als Primärhypothekenmarkt gilt jener Markt, bei dem neue Hypotheken begründet werden.[37] In diesem Markt erhält der Schuldner einen Hypothekenkredit von der Bank und erlaubt dieser, die mit der Hypothek belastete Liegenschaft, im Falle des Ausfalls des Schuldners, zu verkaufen.[38] Der Sekundärhypothekenmarkt ist in dem Immobilienfinanzierungssystem der USA von großer Bedeutung. Banken, die am Primärhypothekenmarkt tätig sind, können ihre Kredite am Sekundärhypothekenmarkt verkaufen und erhalten somit Liquidität um weitere Kredite vergeben zu können. Am Sekundärhypothekenmarkt sind verschiedene Investoren tätig wie beispielsweise Fannie Mae, Fondsmanager, ausländische Zentralbanken, Geschäftsbanken, Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften.[39]

3.1.1 Hypothekenbanken

Eine Hypothekenbank ist staatlich lizensiert und vergibt Hypotheken direkt an die Konsumenten. Da eine Hypothekenbank kein Einlageninstitut ist und daher auch keine Erträge daraus erwirtschaftet, benötigen sie Kapital vom Sekundärhypothekenmarkt wie etwa Fannie Mae, Freddie Mac oder anderen großen Hypothekendienstleistern.[40] Durch den Verkauf der Hypotheken am Sekundärhypothekenmarkt erzielen sie frisches Kapital um neue Hypothekenkredite vergeben zu können.[41]

Die zwei wichtigsten Einnahmequellen von Hypothekenbanken sind die Kreditvergabegebühren und Kreditbearbeitungsgebühren. Viele Hypothekenbanken bearbeiten und verwalten die Kredite, die sie vergeben haben, aber nicht selbst. Sie verkaufen diese Kredite kurz nach ihrer Zusage und Auszahlung, und verdienen somit eine Prämie. Der Sekundärmarktinvestor verdient die Gebühren für die Bearbeitung und Verwaltung des Kredites und zwar für jeden Monat, den der Kredit beim Kreditnehmer verbleibt. Das Ausfallsrisiko und Zinsrisiko wird dabei auch auf den Sekundärmarktinvestor übertragen.[42]

Grundsätzlich unterliegt eine Hypothekenbank den verschiedenen Bankgesetzen jenes Staates, in der sie tätig ist. Banken tendieren dazu, für das Hypothekengeschäft Tochtergesellschaften zu gründen. Insgesamt 30 Prozent der Subprime-Kredite werden von Tochterunternehmen von Banken und Bausparkassen vergeben. Der Grund dafür liegt in der weniger strengen Überwachung gegenüber der Muttergesellschaft. Ganze 50 Prozent der vergebenen Subprime-Kredite erfolgen durch unabhängige Hypothekengesellschaften, die zwar staatlich lizensiert, aber keiner bundesstaatlichen Aufsicht unterliegen.[43]

3.1.2 Hypothekenmakler

Hypothekenmakler sind unabhängige Finanzintermediäre, die als Vermittler zwischen mögliche Immobilienkäufer und Hypothekenbanken auftreten. Prinzipiell arbeitet ein Hypothekenmakler mit unzähligen Banken und anderen Kreditgebern zusammen und hat die Möglichkeit, dem Kunden aus einem Pool von Finanzierungsmöglichkeiten das Passende anzubieten.[44]

Hypothekenmakler sind wie Hypothekenbanken staatlich lizensiert und reguliert, um die Gesetzeskonformität mit allen Landes- und Bundesgesetzen sicherzustellen.[45] Verschiedene Behörden überwachen die Hypothekenmakler auf Länder- und auf Bundesebene. Diese Behörden legen zulässige Verhaltensregeln für Hypothekenmakler fest und bestrafen jene, die sich nicht an die Vorschriften halten. Weiters nehmen die Behörden Beschwerden von Kunden oder anderen Hypothekenmaklern entgegen und überprüfen diese. Die budgetären Mittel für diese Behörden sind gegenüber anderen öffentlichen Behörden bescheiden und daher ist es schwierig alle Aufgaben konsequent zu erfüllen. Viele Behörden haben die Möglichkeit die Lizenz von Hypothekenmaklern bei Betrugsdelikten vorübergehend oder gänzlich zu entziehen und können auch auf andere Behörden zurückgreifen, um den Sachverhalt zu untersuchen oder eine strafrechtliche Verfolgung einzuleiten.[46]

Die Hypothekenmakler verschärften die Subprime-Krise, indem sie von Vermittlungsprovisionen getrieben mehr Wert auf Quantität als auf Qualität setzten. Sie vermittelten Lockprodukte, welche anfangs geringe Zahlungen versprachen und für viele Kreditnehmer erschwinglich waren. Dies war aber nicht von Dauer und die Zahlungen erhöhten sich. Viele Kreditkonditionen waren zum Nachteil der Kreditnehmer. Es gab beispielsweise Limits bei Vorauszahlungen, damit die Kredite nicht allzu schnell getilgt werden konnten. Viele Konditionen waren so angelegt, dass die Kreditnehmer einen Wechsel zu einem anderen Hypothekenmakler nur sehr schwer vollziehen konnten. Die Hypothekenmakler hingegen konnten durch verschiedene Vertragsbedingungen den Verkauf durch eine Verbriefung erleichtern.[47]

Die bedeutende Rolle der Hypothekenmakler spiegelt sich in deren Vermittlungsstatistik wider. 2003 vermittelten in etwa 44.000 Hypothekenmakler ca. 65% aller Hypothekenkredite.[48]

3.1.3 Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae

Die Federal National Mortgage Association, mit dem Kunstnamen Fannie Mae und die Federal Home Loan Mortgage Corporation, mit dem Kunstnamen Freddie Mac spielen am US-Sekundärhypothekenmarkt eine wichtige Rolle. Ihr Ursprung liegt in den 30er Jahren während des New Deals von Präsident Franklin Delano Roosevelt. In dieser Zeit verloren infolge der Großen Depression viele Menschen ihr Eigentum.[49]

Um die Hauseigentümerquote zu erhöhen gründete der Gesetzgeber 1938 die Federal National Mortgage Association. Fannie Mae hatte die Aufgabe den Banken Hypothekenforderungen abzukaufen, diese zu bündeln und in Mortgage Backed Securities Anleihen (MBS Anleihen) umgewandelt an die Investoren weiterzuveräußern. Der Staat war anfangs der Garantiegeber, dadurch bekamen sie die bestmögliche Bonität verliehen. Die staatliche Garantie für die MBS-Anleihen stellte die Investoren zufrieden, da sich der Renditeunterschied zu klassischen US-Staatsanleihen nur geringfügig unterschied. Die kreditgewährenden Banken konnten sich durch den Aufkauf ihrer Hypothekenforderungen zu günstigen Konditionen refinanzieren und somit die Hypotheken mit günstigen Zinssätzen ausstatten.[50]

1968 wurde aufgrund der finanziellen Kosten des Vietnamkrieges Fannie Mae privatisiert und in ein Government Sponsored Enterprise (GSE) umgewandelt. Das Ziel war die Bank aus dem Staatshaushalt zu entfernen. GSE ist ein rechtlicher Sonderstatus für US-Finanzinstitute, die Geschäftszwecke im öffentlichen Interesse verfolgen. Als GSE erwirtschaftet Fannie Mae Gewinne für die Anteilseigner, ist von Steuerzahlungen befreit, unterliegt keiner Aufsicht und erhält eine implizite Staatsunterstützung. Um einer Monopolisierung des Marktes entgegenzuwirken wurde 1970 ein zweites GSE, namens Freddie Mac, gegründet.[51]

Fannie Mae wurde 1968 aufgespalten und so entstand die Government National Mortgage Association, mit ihrem Kunstnamen Ginnie Mae.[52] Ginnie Mae befindet sich im Staatseigentum und ist eine Abteilung für Hausbau und Städtische Entwicklung („Departement of Housing and Urban Development“ – HUD; Anm. d. Verf.).[53] Die Funktion von Ginnie Mae ist jene der alten Fannie Mae, d.h. Übernahme von Garantien und Sicherstellung der Liquidität. Fannie Mae (wie beispielsweise auch Freddie Mac; Anm. d. Verf.) ist autorisiert MBS-Anleihen zu emittieren und zurückzukaufen. Ginnie Mae stellt hierbei Garantiezertifikate für diese MBS-Anleihen aus[54] und bürgt für die zeitgerechten Zahlungen von Tilgung und Zinsen. Die MBS-Anleihen von Ginnie Mae sind die einzigen MBS, die das volle Vertrauen und die Kreditgarantie der US-Regierung besitzen.[55]

Der Sekundärhypothekenmarkt bei Eigenheimen wuchs seit 1990 beträchtlich, wie in der nachfolgenden Abbildung ersichtlich ist. Das Wachstum des Sekundärhypothekenmarktes seit 1989 ist an der linken Achse angezeigt. Die rechte Achse beschreibt den prozentuellen Wert des Sekundärhypothekenmarktes deren Beitrag GSEs leisteten. In den letzten Jahren sank deren Einfluss aufgrund des verstärkten Wettbewerbs durch neue private Anbieter.[56]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Sekundärhypothekenmarkt

3.1.4 Hauseigentümerquote

Der New Deal der dreißiger Jahre spielt in den US-Märkten für Hypothekenfinanzierungen eine zentrale Rolle. Durch die staatliche Ginnie Mae sowie Fannie Mae und Freddie Mac als private Gesellschaften mit staatlichem Auftrag, verfügen heute fast 70% der Haushalte über Wohneigentum. Diese Gesellschaften haben den MBS-Markt entwickelt und zählen zugleich an diesem Markt zu den bedeutendsten Emittenten.[57]

Die große Depression drückte im Jahr 1940 die Hauseigentümerquote mit 43,6 Prozent auf ihrem niedrigsten Wert. Nach dem 2. Weltkrieg stieg die Hauseigentümerquote bemerkenswert an. 1960 gab es bereits 61,9 Prozent Immobilieneigentümer. Die Gründe dafür lagen in der boomenden Wirtschaft, in der Modernisierung im Bausektor und in der einfacheren Finanzierung.[58] Der Höchststand wurde im zweiten und vierten Quartal 2004 mit 69,2 Prozent Hauseigentümer erreicht. In Folge der Subprime-Krise und der Finanzkrise sank der Wert seit seinem Höchststand kontinuierlich auf jetzt 67,9 Prozent im dritten Quartal 2008.[59]

Die folgende Abbildung zeigt die Hauseigentümerquote von 1965 bis 2008 in Prozent an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Homeownership Rate: US

3.1.5 Fakten zur Kreditvergabe

Wesentliches Kriterium der Kreditgeber für die Vergabe eines Kredites ist der FICO-Score, welcher von der Fair Isaac Corporation entwickelte wurde. Der FICO-Score ist in den USA ein gängiges Instrument um die Kreditwürdigkeit von potentiellen Kreditnehmern einzuschätzen. Die Bandbreite des FICO-Scores liegt von 300 Punkten bis 850 Punkten. Je höher die Punkteanzahl desto wahrscheinlicher, dass der Kreditnehmer innerhalb eines angemessenen Zeitraumes seinen Kredit zurückbezahlt. Der Kreditgeber geht bei einer hohen Punkteanzahl ein geringeres Risiko ein und das spiegelt sich beim Kreditnehmer in niedrigere Zinsen und Gebühren wider.[60]

Der FICO-Score setzt sich aus fünf Kategorien zusammen die unterschiedlich gewichtet sind. Die größte Kategorie mit 35 Prozent macht die Zahlungshistorie aus. Darin enthalten sind Zahlungsinformationen über verschiedene Konten wie beispielsweise Kreditkartenkonto und Hypothekenkonto. Weitere Inhalte sind z.B. öffentliche Aufzeichnungen über Konkurse, gerichtliche Entscheidungen, verspätete oder ausgebliebene Zahlungen, Anzahl der Konten die keine Zahlungsverzögerungen aufweisen. Die nächstgrößte Kategorie mit 30 Prozent enthält die Höhe der noch geschuldeten Beträge. Die Länge der Kredithistorie besitzt ein Gewicht von 15 Prozent. Mit je 10 Prozent Anteil wird der neue Kredit gewichtet und die Krediterfahrung, d.h. die Anzahl der verschiedenen verwendeten Kreditarten.[61]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Hypothekenkreditanteile in Relation zum FICO-Score

In der vorigen Abbildung ist die Hypothekenentwicklung im Zeitraum von 1995 – 2004 ersichtlich. Die Kreditgeber von Subprime-Hypotheken bevorzugten in dieser Periode Kreditnehmer mit einer Bandbreite des FICO-Scores von 500 – 600 und 700 – 800 zu Lasten von Kreditnehmern mit einem FICO-Score ≤ 500. Der Anteil von Kreditnehmern mit einem FICO-Score zwischen 700 und 800 stieg im Zeitraum von 2000 – 2003 von etwa 14 Prozent auf 22 Prozent. Die Kreditgeber reduzierten ihre Risiken auch indem sie Kreditnehmern mit niedrigerem FICO-Score geringere Kreditsummen zur Verfügung stellten. Trotzdem stiegen die Kreditsummen für alle Kreditnehmer in dieser Periode an, insbesondere gab es eine starke Erhöhung für jene mit einem besseren FICO-Score, wie in nachfolgender Abbildung dargestellt.[62]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Kredithöhe in Relation zum FICO-Score

In der Praxis halten Hypothekenbanken die vergebenen Kredite kurzfristig, bis sie ein genügend großes Volumen angesammelt haben um dieses auf dem Sekundärmarkt verkaufen können. Dieses Halten im eigenen Bestand wird im Fachjargon „Mortgage Warehousing“ bezeichnet.[63] Die Finanzierung des „Mortgage Warehousing“ erfolgt durch die Investoren mittels kurzfristiger Kredite. Diese erfolgen auf revolvierender Basis über den Sekundärmarkt zurück an die Hypothekenbanken. Dabei versuchen die Hypothekenbanken an der Zinsdifferenz zwischen dem kurzfristigen Zinssatz, der am Sekundärmarkt bezahlt werden muss und dem langfristigen Zinssatz, den sie von den Hauseigentümern erhalten, zu verdienen.[64]

Es ist notwendig, die Kredite zu bündeln und zu verbriefen um diese überhaupt am Sekundärmarkt handeln zu können. Danach wird ein indossierter Grundbuchauszug, eine Kopie der Hypothek, eine „transmittal form“, die „bank´s note“ und eine Kopie des Engagements als Sicherheit benötigt.[65]

3.1.6 Arten von Hypothekenkrediten

Dieses Unterkapitel behandelt die verschieden Arten von Hypothekenkredite. Die zwei geläufigsten Typen sind die festverzinsten und variabel verzinsten Hypothekenkredite. Die anderen Kreditformen lehnen sich an diese Hauptformen an. Am Gesamthypothekenmarkt haben die festverzinsten Hypothekenkredite einen Anteil über 70 Prozent.[66]

[...]


[1] Vgl. Robert et al. [Finanzmarkt-Fiasko 2008], o.S.

[2] Vgl. Robert et al. [Finanzmarkt-Fiasko 2008], o.S.

[3] Vgl. Lösche et al. [Länderbericht 2004], S. 531.

[4] Vgl. Tolkmitt [Bankbetriebslehre 2007], S. 19.

[5] Vgl. Baums [Wirtschaftsrecht 1992], S. 12.

[6] Vgl. Lukas [Unternehmensbewertung 2004], S. 5.

[7] Vgl. Betge [Bankbetriebslehre 1996], S. 121f.

[8] Vgl. Adrian et al. [Bankbetrieb 2000], S. 21.

[9] Vgl. Lorenz [European Banking 2006], S. 54.

[10] Vgl. Nikolov [Finanzsystem 2000], S. 89.

[11] Vgl. Adrian et al. [Bankbetrieb 2000], S. 20f.

[12] Vgl. Lukas [Unternehmensbewertung 2004], S. 5.

[13] Vgl. Tolkmitt [Bankbetriebslehre 2007], S. 19.

[14] Vgl. Lukas [Unternehmensbewertung 2004], S. 5f.

[15] Vgl. Kundisch et al. [Gesamtbanksteuerung 2008], S. 458.

[16] Vgl. o.V. [Umsetzung Basel II 2006], S. 67.

[17] Vgl. FMA [Eigenmittelvorschriften o.J.], o.S.

[18] Vgl. Kundisch et al. [Gesamtbanksteuerung 2008], S. 457.

[19] Vgl. BMF [Umsetzung Basel II 2006], S. 57.

[20] Vgl. Huelmann [Eigenkapitalvereinbarung 2004], S. 2.

[21] Vgl. Basler Ausschuss [Eigenkapitalmessung 2004], S. 12ff.

[22] Vgl. Striewe [Immobilienfinanzierung 2008], S. 12ff.

[23] Vgl. Rudolph [Finanzkrise 2008], S. 735.

[24] Vgl. Rudolph [Finanzkrise 2008], S. 713.

[25] Vgl. Pape/Schlecker [Credit Spreads 2009], S. 39.

[26] Vgl. Carstensen et al. [ifo Konjunkturprognose 2009], S. 24.

[27] Vgl. Pape/Schlecker [Credit Spreads 2009], S. 40.

[28] Vgl. Standard&Poor´s [Case-Shiller Indices o.J.], S. 1.

[29] Vgl. McDonald/Thornton [Mortgage Finance 2008], S. 31.

[30] Vgl. Hartmann-Wendels [Forderungsverbriefungen 2008], S. 253.

[31] Vgl. Pape/Schlecker [Credit Spreads 2009], S. 40.

[32] Vgl. McConell et al. [Refinancing Boom 2003], S. 1.

[33] Vgl. Eilenberger [Unternehmensfinanzierung 2008], S. 76.

[34] Vgl. Schufa [Scoring 2008], S. 3.

[35] Vgl. Foote et al. [Subprime Facts 2008], S. 29.

[36] Vgl. Eilenberger [Unternehmensfinanzierung 2008], S. 76f.

[37] Vgl. McDonald/Thornton [Mortgage Finance 2008], S. 34.

[38] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 45.

[39] Vgl. Fannie Mae [Introduction 2008], S. 4.

[40] Vgl. Wikipedia [Mortgage bank 2008], o.S.

[41] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 45.

[42] Vgl. Mortgage Bankers Association [Key Considerations 2009], S. 10.

[43] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 45.

[44] Vgl. NAMB [NAMB Mission o.J.], o.S.

[45] Vgl. Roberts/Cummings [Mortgage 2007], S. 21.

[46] Vgl. Roberts/Dollar [Mortgage Fraud 2007], S. 40f.

[47] Vgl. Mizen [Credit Crunch 2008], S. 539.

[48] Vgl. Anshasy et al. [Mortgage Brokers 2004], S. 2.

[49] Vgl. Münchau [Finanzsystem 2008], S. 100f.

[50] Vgl. Köhler [Wall-Street-Panik 2008], S. 70.

[51] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 47.

[52] Vgl. Reilly [Real Estate 2000], S. 186.

[53] Vgl. Ginnie Mae [History o.J.], o.S.

[54] Vgl. Reilly [Real Estate 2000], S. 186.

[55] Vgl. Ginnie Mae [History o.J.], o.S.

[56] Vgl. McDonald/Thornton [Mortgage Finance 2008], S. 35.

[57] Vgl. Rudolph [Finanzkrise 2008], S. 715f.

[58] Vgl. Census Bureau [Homeownership 2004], o.S.

[59] Vgl. Economagic [Homeownership 2009], o.S.

[60] Vgl. Kollen-Rice [Real Estate 2008], S. 78.

[61] Vgl. FICO [FICO score o.J.], o.S.

[62] Vgl. Chomsisengphet/Pennington-Cross [Evolution 2006], S. 43 und 46.

[63] Vgl. Arnold [Encyclopedia 1993], S. 595.

[64] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 55.

[65] Vgl. Bloss et al. [Finanzkrise 2009], S. 55.

[66] Vgl. McDonald/Thornton [Mortgage Finance 2008], S. 32f.

Details

Seiten
129
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640350001
Dateigröße
5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131549
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Institut für Volkswirtschaftslehre
Note
1
Schlagworte
Wirtschaftskrise Finanzkrise Subprime Hypothekenmarkt Investmentbanken Verbriefung MBS ABS Rating Agenturen Konjunktur Interbankenmarkt Geldpolitik Zentralbanken EZB FED IWF

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Titel: Ursachen, Auswirkungen und eingeleitete Maßnahmen aus der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise