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Museumsanalyse - Das Oberhessische Museum in Gießen

Eine didaktische Analyse

Essay 2007 4 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

1. Überblick

Das Oberhessische Museum ist im historischen Stadtkern von Gießen in einem Fachwerkhaus, dem sogenannten „Leib´schen Haus“, das 1350 errichtet wurde und somit zu den ältesten in ganz Hessen zählt, im sich daran anschließenden „Wallenfels ´schen Haus“ sowie dem „Alten Schloss“ untergebracht. Im Mittelpunkt der Ausstellung des „Leib´schen Hauses“, die den Schwerpunkt dieser Analyse darstellt, steht die Stadtgeschichte Gießens. Im Wallenfels´schen Haus finden sich Ausstellungen zur Vor- und Frühgeschichte, zur römischen und griechischen Antike sowie zur tibetanischen Kultur. Die Ausstellung im „Alten Schloss“ besteht aus einer Gemäldegalerie mit Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert, des weiteren werden Kunstschätze und Alltagsgegenstände des Spätmittelalters sowie der frühen Neuzeit gezeigt.

In der Eingangshalle des „Leib´schen Hauses“ nimmt die bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zurückreichende Ratsherrengalerie der Stadt Gießen den größten Raum ein. Hier finden sich darüber hinaus einige Wiegedrucke, teilweise vom Ende des 15. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt des sich anschließenden Raumes steht ein rekonstruiertes Modell des historischen Zentrums Gießens im Jahr 1935, dass auf der Basis von Fotoaufnahmen und Zeitzeugenberichten erstellt wurde, und das ein lebendiges Bild Gießens aus der Zeit vor der Bombardierung im 2.Weltkrieg vermittelt. Im selben Raum wird an Hand von historischen und auf Untersuchungen basierenden Stadt- und Wüstungskarten, Urkunden, Rekonstruktionszeichnungen und Fotografien sowie mittels Zeitleisten die Entstehung sowie die Entwicklung Gießens im Verlauf der Jahrhunderte bis zur Bombardierung dargestellt. Flankiert wird die Darstellung der Gießener Geschichte in diesem Raum von einer ganzen Reihe spätmittelalterlicher und frühneuzeitlichen Grabsteine vom städtischen „Alten Friedhof“. Im ersten Stock setzt sich die Darstellung der Gießener Geschichte seit dem 17. Jahrhundert in Form historischer Landkarten, Stahl- und Kupferstiche sowie Ölgemälden fort, ebenfalls finden sich hier Waffen und anderes Militärgerät aus verschiedenen Jahrhunderten. Ein weiterer Raum im selben Stockwerk widmet sich sowohl der Geschichte Gießens als Universitätsstadt als auch berühmten Kindern der Stadt, wie Justus Liebig und Wilhelm Liebknecht. Die Ausstellung im zweiten Stock widmet sich dem ländlichen Leben im Umland Gießens im Verlauf der letzten drei Jahrhunderte. Gezeigt werden hier Gegenstände des Alltagslebens, Beispiele bäuerlichen Kunsthandwerks sowie diverse Trachten. Im selben Stock werden ebenfalls kunsthandwerkliche Erzeugnisse sowie Trachten der nach dem Zweiten Weltkrieg in Gießen angesiedelten Egerländer gezeigt. Insgesamt ist die Menge der im „Leib´schen Haus“ gezeigten Ausstellungsstücke recht überschaubar und die Qualität der einzelnen Erläuterungen zu Exponaten sowie Überblicksdarstellungen gehen weit auseinander. Kritisch anzumerken ist darüber hinaus, dass manche Abschnitte der Ausstellung keinen klaren Kriterien Folgen bzw. keinen Themen untergeordnet sind. Dennoch kann die Ausstellung wohl durchaus gewinnbringend im Geschichtsunterricht eingesetzt werden, vorausgesetzt, dass ein klarer thematischer Fokus im Vorfeld abgeklärt wird.

2. Nutzung im Rahmen des Geschichtsunterrichts

a. Mögliches Konzept

Der Besuch des Oberhessischen Museum könnte im Anschluss an die laut Lehrplan für das erste Halbjahr der achten Jahrgangsstufe vorgesehne Beschäftigung mit mittelalterlichen Lebensformen1 , insbesondere der Stadt im Mittelalter angesetzt werden. Nachdem die Schülerinnen und Schüler sich im Unterricht theoretisch mit den Merkmalen der mittelalterlichen Stadt, ihrer Bevölkerungszusammensetzung, strukturellen Grundlagen wie Kirchen oder Märkte und den dort herrschenden Machtverhältnissen auseinandergesetzt haben, können sie im Oberhessischen Museum ihr abstraktes Wissen am realen Beispiel der Stadt Gießen überprüfen. Die Schüler können, eventuell auch aufgeteilt in Arbeitsgruppen, Einzelaspekten der Gießener Stadtgeschichte nachspüren. Für eine eigenständige, durch Fragen geleitete Recherche der Schüler stehen sowohl die Zeitleisten, die einen Abriss der Entstehung und Entwicklung Gießens liefern, als auch unterschiedlichstes Kartenmaterial, dass die Entwicklung Gießens seit der Zeit erster Siedlungen in der Region nachzeichnet zur Verfügung. Leitende Fragen können etwa darauf abzielen, wer wann über Gießen bzw. die Vorgängergemeinden die Macht ausübte, welche Verschiebungen es im Laufe der Zeit im Machtgefüge gab (z.B. die Einführung des Bürgermeisteramtes in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts), wann, unter welchen Umständen bzw. in welcher Reihenfolge integrale Gebäude der Stadt (Kirchen, Befestigungsanlagen, Friedhöfe, Rathaus usw.) entstanden, welche Bedeutung ihnen zukam ( z.B. das Alte Rathaus von ca. 1450 als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins) oder woher der Namen Gießens stammt. Die Tatsache, dass diesen Fragen in einem tatsächlich aus der behandelten Zeit stammenden Fachwerkhaus nachgespürt wird, dürfte, schon allein im Bezug auf die Atmosphäre, der Motivation der Schülerinnen und Schüler nicht abträglich sein.

Anknüpfend an die Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Gießen böte sich auch die Möglichkeit an, den bisher dargestellten historischen Längsschnitt zur Entwicklung Gießens über das Mittelalter hinaus zu erweitern und bis heute zu verfolgen. Gerade die große Zahl historischen Kartenmaterials, dass seit dem 17. aus jedem Jahrhundert Übersichten Gießens liefert, scheint für Vergleiche und zur Suche nach Veränderungen wie geschaffen. Auch die Kupfer- und Stahlstiche des 17. - 19. Jahrhunderts, die einzelne Gebäude oder Straßenzüge abbilden, können zum Vergleich mit dem heute vorgefundenen Stand herangezogen werden. Die große Zäsur im historischen Längsschnitt zur Geschichte Gießens markieren natürlich die Bombardements des Zweiten Weltkriegs, bei denen 90% des historischen Stadtkerns zerstört wurden. An Hand des bereits beschriebenen großen Modells Gießens Mitte der 1930er Jahre können die Schüler, beispielsweise unter zur Hilfenahme einer aktuellen Stadtkarte bzw. mit eigenem Wissen über die Stadt, herausarbeiten, wie der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg Gießen verändert hat. Somit ließe sich ein Bogen von den Wurzeln Gießens bis heute spannen, der den Schülerinnen und Schülern einen lebendigen Eindruck der historische Dimension ihres Lebensraumes vermittelt.

b. Voraussetzungen

Entscheidend für eine fruchtbare Arbeit im Museum, wie sie eben in groben Zügen umrissen wurde, wäre auf jeden Fall die intensive unterrichtliche Beschäftigung mit der mittelalterlichen Stadt, da ansonsten die im Museum angetroffenen Eindrücke nicht an bereits gesammelte Erkenntnisse anknüpfen können, bzw. auf Grund von mangelndem Hintergrundwissen sowohl Details als auch zentrale strukturelle Zusammenhänge entweder gar nicht erkannt oder wahrgenommen werden können. Ebenfalls sollte einem Besuch im Museum nach dem vorgeschlagenen Konzept eine Auseinandersetzung mit einer aktuellen Gießener Stadtkarte im Rahmen des Unterrichts vorangehen, um den Schülern ein strukturelles Grundgerüst hinsichtlich des Straßenverlaufs zu vermitteln, so dass ein Wiedererkennen im historischen Kartenmaterial erleichtert wird.

Literatur:

Lehrplan Geschichte. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 6. bis 13. 2007.

[...]


1 Vgl. Lehrplan Geschichte. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 6. bis 13., S. 17f.

Details

Seiten
4
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640414833
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131525
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1
Schlagworte
Museumsanalyse Oberhessische Museum Gießen Eine Analyse

Autor

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Titel: Museumsanalyse - Das Oberhessische Museum in Gießen