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Die Sozialphilosophie von Axel Honneth

Eine Darstellung und kritische Bewertung der Honnethschen Anerkennungstheorie

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konzept der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie von Axel Honneth
2.1 Rückbezug auf Hegels Anerkennungsbegriff
2.2 Weiterführung des Hegelschen Modells mit Aspekten der Sozialpsychologie von George H. Mead
2.3 Anerkennungstheorie von Axel Honneth

3 Formen und Dimensionen intersubjektiver Anerkennung und Typen der Missachtung
3.1 Anerkennungsformen
3.1.1 Emotionale Zuwendung / Liebe
3.1.2 Rechtliche Achtung / Recht
3.1.3 Soziale Wertschätzung / Solidarität
3.2 Drei Typen der Missachtung
3.3 Honneths Folgerungen aus der Struktur sozialer Anerkennungsverhältnisse

4 Kritische Interpretation der Honnethschen Anerkennungstheorie

5 Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Anerkennung“ hat als ein zentrales Prinzip zur Gestaltung sozialer Zusammenhänge immer mehr an Bedeutung gewonnen. Sie wird als ein gesellschaftliches und psychologisches Bedürfnis interpretiert, das unerlässlich ist, damit sich Menschen zu selbständigen Individuen, zu Subjekten, entwickeln können. Der Mensch entwickelt seine Identität nur im Dialog, in sogenannten intersubjektiven Beziehungen, zu seinen Mitmenschen. Zugleich soll ein jeder so handeln, dass andere nicht beeinträchtigt werden, d.h. sich gleichsam an gemeinsamen Normen orientieren. Anerkennungsverhältnisse umreißen eine Idealvorstellung menschlicher Interaktionen, die weit in die Geschichte moralphilosophischen Denkens und Handelns zurückreicht.

Der deutsche Sozialphilosoph Axel Honneth ist, neben Charles Taylor, der gegenwärtig bekannteste Theoretiker der Anerkennung. Im Kontext der „Frankfurter Schule“ und der neueren „Kritischen Theorie“ entwickelte er ein normatives Anerkennungsmodell und stellt dabei heraus, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die interagierenden Subjekte die notwendige individuelle Selbstachtung bilden, um sich sinnvoll am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen zu können. Die von Honneth formulierte Anerkennungstheorie greift auf G.W.F. Hegels Anerkennungslehre und die Kommunikationstheorie bzw. Sozialisationstheorie von George H. Mead zurück.

Die sozialen Anerkennungsverhältnisse differenziert Honneth dabei intern und unterscheidet drei Ebenen. Anerkennung wird durch Liebe, Recht und Solidarität ausgesprochen, oder – auf der negativen Seite – in Form von Vergewaltigung, Entrechtung und Entwürdigung.[1] Diese drei Typen der Missachtung sind nach seiner Auffassung für die Entstehung sozialer Konflikte verantwortlich.

Zunächst werde ich, im Rahmen meiner Arbeit, das Konzept der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie von Axel Honneth, sowohl die Formen und Dimensionen der Anerkennung als auch die denkbaren Folgen ihres Mangels, darstellen. Dabei werde ich an die traditionelle Anerkennungslehre Hegels anknüpfen und die Erweiterung durch Honneth beschreiben. Im Anschluss nehme ich den Versuch vor, die Honnethsche Anerkennungstheorie auf fundamentale theoretische Probleme, aber auch auf Potenziale und mögliche Hilfestellungen zur Klärung sozialer Fragen und Konflikte hin zu beurteilen. Dazu werde ich in meinem kritischen Teil einige sehr prägnante Aussagen des Honnethschen Modells mit Hilfe von Textbeiträgen der Autoren Susanne Dungs, Sybille da la Rosa und Christoph Halbig differenzierter beleuchten.

2 Konzept der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie von Axel Honneth

2.1 Rückbezug auf Hegels Anerkennungsbegriff.

In „Kampf um Anerkennung“ knüpft Axel Honneth zunächst an die Entwürfe des jungen Hegel an. Die grundlegende Idee geht auf Hegels „Phänomenologie des Geistes“ zurück. Dabei leitet Hegel den Kampf um Anerkennung aus der Fragestellung ab, wie sich das menschliche „Selbstbewusstsein“ konstituiert. Er beschreibt, dass die menschliche Existenz sich nicht allein durch das „Bewusstsein“ auszeichnet, sondern durch sein Begehren nach Anerkennung. Das Selbstbewusstsein des Menschen kann nur entstehen, indem er von Anderen anerkannt wird. Mit anderen Worten, reicht es dem Menschen nicht aus sich selbst einen Wert zuzuschreiben, es ist für ihn unabdingbar, dass sein Wert von anderen Menschen anerkannt wird.[2]

Hegel expliziert diese Geschichte des „Selbstbewusstseins“, meiner Meinung nach, sehr anschaulich anhand der „Herr und Knecht“ Parabel. Dabei versucht er, im Gegensatz zu den Vertragstheoretikern (Hobbes, Machiavelli), den Prozess der Etablierung von ersten sozialen Verhältnissen als einen Vorgang der Herauslösung der Subjekte aus den naturgegebenen Bedingungen darzustellen. Hegel möchte zeigen, wie soziale, aber konkurrierende Subjekte eine Form intersubjektiver Anerkennung erreichen können.[3] Er verdeutlicht hierbei, was es heißt, „den Zwang zur wechselseitigen Anerkennung als eine soziale Tatsache“ bereits „in den Naturzustand mit einzubeziehen“.[4] Hegels entscheidendes Argument an dieser Stelle lautet, dass „jedes menschliche Zusammenleben eine Art von elementarer gegenseitiger Bejahung zwischen den Subjekten voraussetzt, weil anders ein wie auch immer geartetes Miteinander erst gar nicht zustande kommen könnte“.[5] Axel Honneth erweitert hier Hegels Ausführungen, indem er die reziproke Bejahung bereits als ein gewisses Maß an individueller Selbsteinschränkung impliziert, und es sich dabei schon um eine erste Form eines „Rechtsbewusstseins“ handelt.[6] Darauf komme ich später in meiner Arbeit noch zu sprechen.

Wichtig ist es mir an dieser Stelle hervorzuheben, dass die Bedeutung des Kampfes um Anerkennung bei Hegel und Honneth bereits hier divergieren. Während für Hegel die Angst des Verlustes der eigenen Selbstachtung gegenüber dem Anderen im Mittelpunkt steht, reicht dieser Aspekt Axel Honneth nicht aus. Für ihn steht die Furcht vom Anderen ignoriert, ja missachtet zu werden im Zentrum des Kampfes um Anerkennung. Das Ziel des Anerkennungskampfes ist für Honneth die Rückgewinnung der Aufmerksamkeit des Anderen.[7]

Weiter bezieht sich Hegel im Rahmen seiner Anerkennungslehre, zumindest formell, auf Fichtes „Sittlichkeitsprinzip“, dass die absolute Autonomie des „Ichs“ bezeichnet. Dabei spielen die drei Stufen Liebe, Recht und Solidarität, die auch die Grundlage für Honneths Anerkennungstheorie bilden, schon eine entscheidende Rolle. Allerdings bleibt dieses Modell bei Hegel im weitesten Sinne noch unausgearbeitet.[8]

Honneth konstatiert an dieser Stelle, dass Hegel nicht die „sittliche Sphäre des Staates als intersubjektives Verhältnis begriffen hätte“, in denen sich die Gesellschaftsmitglieder wechselseitig anerkennen. Für Honneth beeinflusst die reziproke Anerkennung nicht nur die Qualität einer Gesellschaft, sie ist die fundamentale Voraussetzung für deren Existenz.[9]

2.2 Weiterführung des Hegelschen Modells mit Aspekten der Sozialpsychologie von George H. Mead

Honneths Zielsetzung in „Kampf um Anerkennung“ ist es, das anerkennungstheoretische Konzept der „Sittlichkeit“ zu aktualisieren. Er erweitert dabei Hegels Ausführungen mit Aspekten des Sozialpsychologen George Herbert Mead.

Mead formulierte ein Konzept zur menschlichen „Identitätsentwicklung“. Dabei wird die soziale Genese des Bewusstseins als ein objektiver Prozess verstanden. Jede Psychologie, so Mead, ist „Sozialpsychologie“, denn das Bewusstsein und der Geist des Menschen können nur im Kontext von Sozialverhalten erklärt werden.[10] Geist, Sprache und Intelligenz sind, laut Mead, „soziale Produkte“, deren gemeinsamer Ursprung der Kommunikationsprozess ist. Der zentrale Aspekt der „Genese des Selbst“ ist, dass die Subjekte sich nur über die Wahrnehmung anderer selbst wahrnehmen können. Demnach ist die Entwicklung des Selbstbewusstseins immer von der Existenz eines zweiten Subjekts abhängig. Der Mensch kann dabei ein „Selbst“ erst entwickeln, wenn er in der Lage ist, „sich selbst als Objekt zu erfahren“. Dies gelingt ihm nur, wenn er die „Einstellung des Anderen zu sich selbst übernimmt“. Mead sieht diesen Prozess als einen Lern- und Sozialisationsprozess, den jedes Individuum durchlaufen muss.[11]

Die Auffassung des Denkens als innerer Dialog erfordert eine Zweiteilung des Selbst. Die Organisation der verschiedenen Erfahrungen des Selbst im Laufe unseres Lebens fundiert eine Ebene der Selbsterfahrung. Mead nennt diese die „reflexive-Ich-Identität“, das „Me“, das durch die Übernahme der Haltungen und Einstellungen der Anderen in bezug auf mich selbst begründet ist. Das „Me“ wird im Selbst des Individuums durch eine zweite Instanz, das „I“, ergänzt. Das „I“ hat die Funktion der konkreten Reaktion, es ist Triebausstattung, Spontanität, Kreativität, es ist eine Funktion des Selbst. „I“ und „Me“ ergeben das „Self“, die Identität, die sich bewährt und stetig verändert in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen „Mes“.[12]

Zwischen den beiden Instanzen, „Me“ und „I“, besteht eine dauerhafte innere Spannung, die für Mead die Grundform des Konfliktes darstellt, die die moralische Entwicklung von Individuen als auch von Gesellschaften erklären soll.

[...]


[1] Vgl. Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 148ff.

[2] Vgl. Kojève: Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens, S. 76.

[3] Vgl. Dungs: Anerkennen des Anderen im Zeitalter der Mediatisierung, S. 80.

[4] Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 73.

[5] Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 73.

[6] Vgl. Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 73.

[7] Vgl. Dungs: Anerkennen des Anderen im Zeitalter der Mediatisierung, S. 81.

[8] Vgl. Honneth: Kampf um Anerkennung, S. 151.

[9] Vgl. Dungs: Anerkennen des Anderen im Zeitalter der Mediatisierung, S. 82.

[10] Vgl. Mikl-Horke: Soziologie, S. 195.

[11] Vgl. Mikl-Horke: Soziologie, S. 196.

[12] Vgl. Mikl-Horke: Soziologie, S. 197f.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640372560
ISBN (Buch)
9783640372195
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131501
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Anerkennung Missachtung Honneth´sche Anerkennungstheorie Hegels Anerkennungsbegriff Sozialpsychologie von George H. Mead Anerkennungsformen

Autor

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