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Oswald von Wolkenstein 'Es fügt sich'

Autobiographische Elemente mittelalterlicher Lyrik

Hausarbeit 2002 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.: „Autobiographie“ im Mittelalter
a) Definition des Begriffs
b) Minnesang und Autobiographie
c) Kritik und Begründung
d) Fazit: Erlebnislyrik oder Rollenlyrik

2.: Autobiographische Lyrik veranschaulicht am Beispiel von Oswald von Wolkenstein
a) Oswalds von Wolkenstein neu geschaffener Stil
b) Beispiele für mögliche autobiographische Angaben in Oswalds Lyrik
c) Fazit: Nachruf und Überlieferung
d) „Es fügt sich“ als Dokument zur Belegung Oswalds Biographie

3.: Schluss: Fiktion oder Wirklichkeit, Rollenspiel oder Selbstdarstellung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Über das Leben von Oswald von Wolkenstein ist mehr überliefert als über irgendeinen anderen mittelalterlichen Dichter. Das liegt daran, dass seine Autobiographie in Urkunden, Briefen und vor allem Liedern umfangreich dokumentiert ist.

Sein Fundus beinhaltet 130 Lieder und zwei Reimpaarreden. Er zeichnet sich durch eine Vielfalt von Themen und Formen aus, bestehend aus Liebesliedern in sogenannter Ich-Form, Tageliedern und Pastourellen, Liebesdialogen und Minneallegorien, Trink-und Scheltliedern sowie Reise- und geistlichen Liedern. Oswald widmete sich rund ein Dutzend mal dem Genre des Tagelieds. Generell nimmt das Thema Liebe bei ihm einen dominierenden Platz ein.

Diese Fakten lassen „Oswalds künstlerisches Werk insgesamt besehen hervorragend überliefert“1 erscheinen und sind „im Bereich der Lyrik zu den umfangreichsten des Mittelalters“2 zu zählen.

Fraglich ist, ob diese Niederschriften Fiktion oder Erlebtes sind, was es zu klären gilt. Im folgenden werde ich versuchen, anhand Oswalds von Wolkenstein zu zeigen, inwieweit man den Begriff Autobiographie auf seine Werke beziehen kann. Dies geschieht abschließend an dem Lied „Es fügt sich“.

Um dies zu erreichen werde ich zunächst darauf eingehen, welche Bedeutung die Autobiographie im Mittelalter hatte. Definiert man die Autobiographien als „Lebensbeschreibungen, worin ein Ich-Erzähler alle Entwicklungsphasen und Erfahrungen in genau der zeitlichen Reihenfolge schildert, wie sie seinen Lebensweg und seine Persönlichkeit geprägt haben,“3 so stellt man schnell anhand von Stilisierungen wie den Topoi, die stereotypisch im Mittelalter in literarischen Werken zu finden sind, fest, dass die Bezeichnung Autobiographie nicht aus dieser Zeit stammen kann, was dann „nicht unerhebliche Gefahren anachronistischer Fehldeutungen“4 birgt.

Des weiteren gilt es, einen Bezug der gewonnenen Begrifflichkeit zu Oswald von Wolkenstein zu finden. Die Thematik wirft dahingehend Fragen auf, wenn es heißt, dass Oswald im Alter der Gedanke plage, „in wenigen Jahren schon vergessen zu sein, falls er nicht ganz energisch Lärm um seine Person schlüge.“5 Bedeutet dies, dass er seine Biographie für die Ewigkeit festhalten wollte, oder sorgte er sich um sein Ansehen und seinen Nachruf, in Betracht auf seinen „turbulenten Alltag“6 und dichtete deshalb Fakten hinzu?

Im letzten Schritt und damit der Zusammenfassung, wird aufzuzeigen sein, ob Oswald von Wolkenstein in seinem Lied „Es fügt sich“ Dichtung oder Wahrheit, fiktive Inhalte oder wirkliche Ereignisse niederschrieb, wenn er sich rückblickend zu äußern scheint:

„Und wol bekenn, ich wais nicht, wenn ich sterben sol, das mir nicht scheiner volgt wann meiner berche zol. het ich dann got zu seim gebott gedienet wol, so forcht ich klain dort haisser flamme wellen.“7

In Bezug auf die Begrifflichkeit der Autobiographie im Mittelalter und anhand von Oswalds von Wolkenstein zitiertem Werk stellt man sich abschließend die Fragen, wie weit man von autobiographischen Elementen sprechen kann und wie viel von dem Geschriebenen fiktiv ist.

2. „ Autobiographie“ im Mittelalter

a) Definition des Begriffs

Den Begriff Autobiographie auf das Mittelalter zu beziehen birgt von vornherein Gefahren in sich. Spricht man gemeinhin von ,autobiographisch’ bei der Untersuchung eines Textes, setzt man voraus, dass der Autor und das Ich in diesem Text ein und dieselbe Person sind.

Diese Definition der Autobiographie kennen wir, wenn wir Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert rezensieren, in denen lyrisches Ich und reales Ich identisch sind, wie es geschichtliche Daten und Erkenntnisse beweisen. Dies für das Mittelalter zu belegen wird kompliziert, da aus diesem Zeitalter im Vergleich zur Neuzeit für die Großzahl der Autoren literarischer Werke, meist weder geschichtliche Belege noch historisch-chronologische, urkundlich nachweisbare Daten vorliegen. Selbst wenn der Name eines angeblichen Verfassers auf den Handschriften zu finden ist, bedeutet dies nicht ohne weiteres, dass dieser jemand der tatsächliche Verfasser ist.

b) Minnesang und Autobiographie

Adelslyrik ist im Mittelalter fast durchgehend Minnesang. Die ersten nachweislichen Anfänge liegen um 1150.

Inhaltlich bezieht sich die Thematik überwiegend auf die Liebe. Die Formen können dabei durchaus variieren, d.h. es gibt solche wie das Dialoglied, das Wechsellied, das Männer-, bzw. Frauenlied oder das Botenlied. Das ein eigener Begriff für diese Art von Lyrik entstand, mag wissenschaftlich gesehen daran liegen, dass die Themen der Liebe umfangreich dargestellt werden können.

Im Mittelalter benutzte deshalb der Adel weitestgehend die Lyrik des Minnesangs, als eine Selbstdarstellung der eigenen Person in bestmöglicher, somit für sie und ihr Ansehen günstigster Form. Minnesang stellte eines der wichtigsten repräsentativen Organe dar. Vergleicht man dies mit Sturm und Drang oder Klassik und Romantik, so stellt man bei diesen Epochen doch fest, dass in der Neuzeit Wahrheit des Erlebten vor dem Verherrlichen der eigenen Person stand.

Es handelte sich beim Verfassen von Minnelyrik keineswegs um sogenannte Erlebnislyrik, da das biographische Ich in den seltensten Fällen mit dem lyrischen Ich gleichzusetzen ist.

Im Sturm und Drang gelten dann ästhetische Prinzipien. Versuchte ein Autor gute Lyrik zu schaffen, musste sie wahren Inhalts sein.

Dass dann mittelalterliche Lyrik von den Adressaten als wahr empfunden wurde, basiert auf der Tatsache, dass sie sich anhand ihrer eigenen Lebensvorstellung und Werte die Wahrheit in den Text hineindichteten. So ist als wahr jenes empfunden worden, was den Menschen Gefallen bereitete. Es herrschte ein umgekehrtes Prinzip zur Neuzeit vor. Es wurden nicht Biographien auf Texte bezogen, sondern es gaben die vorhandenen Werke Anlass, Biographisches aus dem jeweiligen Text zu filtern.

c) Kritik und Begründung

Dies sollte man von unserem Standpunkt aus nicht kritisieren, da es über viele Generationen den Menschen so erging und sie so dachten. Die Frage, die sich stellt, ist, warum man im Mittelalter so vorging und wann und wieso sich diese Vorgehensweise änderte.

„Denn Geisteswissenschaftler/innen haben als Gegenstand letzten Endes Menschen, also auch sich selbst; Geisteswissenschaftler/innen erwarten von ihren Gegenständen,

[...]


1 Schwob, Anton: Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Bozen: 1979, Dritte Auflage; S.240.

2 Schwob: S.240.

3 Hartmann, Sieglinde: Oswald von Wolkenstein: Es fügt sich, do ich was von zehen jaren alt. In: Gedichte und Interpretationen Mittelalter. Hrsg. von Helmut Tervooren; Stuttgart: 1979; S.305.

4 Hartmann, Sieglinde: O.v.W.; S.305.

5 Schwob: S.292.

6 Schwob: S.291.

7 Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Hrsg. von Karl Kurt Klein; Tübingen: 1962; S.53, Text 18 „Es fügt sich“, Zeilen 109-112. (im folgenden: Kl. 18, 109-112).

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640414710
ISBN (Buch)
9783640412860
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131452
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,7
Schlagworte
Oswald Wolkenstein Es fügt sich Minnesang

Autor

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Titel: Oswald von Wolkenstein 'Es fügt sich'