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Ethnische Grenzziehung als Absicherung der nationalen Identität der Ukrainer

Seminararbeit 2008 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Ethnische Grenzziehung
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Ethnische Grenzziehung im Kontext der postsowjetischen Realität

3 Die Abgrenzungsversuche der Ukrainer

4 Fazit

5 Zusammenfassung in einer Fremdsprache

Literaturverzeichnis

Abstract

National identity is a creation of particular interactional, historical, political and linguistic circumstances. How this identity is being preserved depends on clear maintenance of ethnic boundary. Ethnic relations and boundary constructions in plural societies are not about strangers but adjacent and familiar “others”. Key is here not cultural differences, but rather ascription: how people identify themselves and are identified by outsiders. To reach this objective it is necessary to strengthen the ethnic boundary. In the case shown in the following approach this leads through fighting for prestige goods, laying emphasis on a specific national cultural memory, preservation of the official status of the Ukrainian language and concentration on particular political aims. The feature of boundary creation indicates that the Ukrainians still do not feel safe next to Russians in their country.

1 Einleitung

Für die in der Ukraine lebenden Russen ist die Unabhängigkeitserklärung dieses Landes ein schwerer Schlag gewesen, da einer zu Sowjetzeiten politisch und kulturell dominierenden Ethnizität auf diese Weise der Status einer privilegierten Gruppe entzogen wurde. Dennoch haben sich die Russen trotz ihres großen Anteils an der Gesamtbevölkerung in der Ukraine mit der Degradierung zu einer nationalen Minderheit abfinden können. Umso erstaunlicher ist es hingegen, dass es die Ukrainer sind, die sich langfristig bedroht fühlen. Diese Bedrohung hat im Zusammenbruch der Sowjetunion ihren Ursprung. Aufgrund der Entstehung neuer politischer Grenzen ist zwischen Ukrainern und Russen eine Zwangsgesellschaft entstanden, in welcher die Russen noch immer eine riesengroße ethnische Minderheit im Lande darstellen1. Auch die russische Sprache ist weiterhin eine Arbeitssprache, die von 74,4% der ethnischen Gruppe der Ukrainer verstanden wird (ukrcensus.gov.ua).

Darauf aufbauend lässt sich folgende Fragestellung ableiten: Warum kommt es zu Prozessen der Abgrenzung? Die These des vorliegenden Ansatzes soll folgendermaßen lauten: Die ethnische Grenzziehung hilft dabei, die bedrohte ukrainische Nationalidentität abzusichern.

Da die Ukrainer, die ethnische Mehrheit im Lande, nicht in allen relevanten Lebensbereichen ein absolutes Monopol haben, muss die nationale Identität demnach langfristig geschützt werden. Dieses ist unter anderem in den Bereichen der Nationalgeschichtsbildung, der Sprachenpolitik, des politischen Orientierungskurses sowie der Medien zu beobachten. Vor allem dort wird jene ethnische Grenzziehung auf unterschiedliche soziale Ressourcen wie z.B. dem Status einer Sprache, lokalen Zeitungen oder auch Festtagen übertragen. Aus diesem Grund soll das Problem der Abgrenzung im Allgemeinen auf einer symbolischen Ebene diskutiert werden. Die Abfolge der einzelnen Kapitel soll diesen Prozess systematisch darstellen und theoretisch begründen.

Grundsätzlich soll der vorliegende Ansatz demnach dazu dienen, die theoretische Bedeutung der ethnischen Grenzziehung zu erklären. Auf diese Weise kann gleichzeitig ein Zusammenhang mit der nationalen Identität hergestellt werden. Die Analyse in Kapitel 2 basiert dabei in erster Linie auf den Hypothesen der Instrumentalisten Frederik Barth, Georg Elwert und Hartmut Esser. Diese Hypothesen werden jenen der Primordialisten gegenüber gestellt. Während Clifford Geertz, ein Vertreter der primordialistischen Theorie, die Erhaltung der ethnischen Grenze als Identifikationsschutzfaktor ausschließt, legen die Instrumentalisten besonderen Fokus auf die Erhaltung der ethnischen Grenze.

Warum und wie es zu dieser mit Konfrontationen angereicherten Situation in der Ukraine gekommen ist, lässt sich letztendlich mit Hilfe der Genese des Konfliktes, die ihren Anfang in den sowjetischen Zeiten hat, erklären. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, diese Genese aufzuhellen, wobei der Schwerpunkt vor allem auf den politischen Veränderungen während der Wendezeit liegen soll. Die Erklärungsansätze für die in der Arbeit untersuchten Phänomene stützen sich dabei auf ein Modell der „drei Identitätsstufen“ von Bahodir Sidikov, welcher auf diese Weise die postsowjetische Realität aufgeklärt hat.

Im dritten Kapitel sollen zunächst mit der vorgestellten Problematik verbundene quantitative und qualitative Angaben sowohl auf Makro- als auch auf Mikroebene vorgestellt werden. Die Erläuterung und Begründung des jeweils nach bestimmten methodischen Gesichtspunkten gewählten Datenmaterials sowie die Problemerklärung anhand des konkret-realen Beispiels der Ukraine soll der Bestätigung der aufgestellten These dienen. Demnach wollen die Ukrainer eine explizite ethnische Grenze ziehen, um eine Selbst- und Fremdzuschreibung der nationalen Identität zu ermöglichen. Wo genau hingegen diese Grenze zwischen den ethnischen Gruppen gezogen wird, ist wiederum von spezifischen sozialen Konstellationen abhängig. Der konkrete Verlauf der Grenze kann sich dabei sowohl im Zeitverlauf als auch in Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Kontext ändern. Ferner werden weitere Fragen aufgeworfen, die auf die Erhaltung der Grenze abzielen und zur Abschaffung des gegenseitigen Misstrauens beitragen sollen.

Trotz der immer häufiger vorgenommenen Forschungen, sowohl seitens der ausländischen als auch der ukrainischen Wissenschaftler und Organisationen, stellt der Bereich, auf den sich die vorliegende Hausarbeit zu konzentrieren versucht, ein Phänomen dar, für dessen umfassende Beurteilung immer noch zu geringe Erkenntnisse vorhanden sind. In der Literatur mangelt es vor allem an detailliert qualitativen Angaben zu den subjektiven Empfindungen der teilnehmenden Akteure sowie zu fundierten Analysen, die dabei helfen könnten, die Problematik der ethnischen Grenzziehung in den Mittelpunkt zu rücken. Letztendlich sind daher offene wissenschaftliche Diskussionen, die einen unpolitischen Meinungsaustausch vor allem mit der russischen Minderheit ermöglichen würden, nicht möglich.

Weiterhin ist festzustellen, dass die Erfassung der jeweiligen Ethnien im Lande in Wirklichkeit weitaus komplizierter ist, als die nationale Zusammenstellung aus dem Jahre 2001 vermuten lässt. Dieses ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die beiden Bevölkerungsgruppen nicht so klar voneinander abgegrenzt sind, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte. Noch immer gibt es eine Vielzahl an Menschen, welche sich ethnisch weder eindeutig den Ukrainern noch den Russen zuordnen lassen bzw. sich oftmals auch gar nicht eindeutig zuordnen lassen wollen.

2 Ethnische Grenzziehung

2.1 Begriffsbestimmungen

Um den Zusammenhang zwischen dem Kampf um die nationale Identität und der subjektiven Abgrenzung der Ethnien zu verstehen, müssen primär die wichtigsten Definitionen erklärt werden. Fundamentale Begriffe, die in Verbindung mit den in der folgenden Arbeit vorgestellten Problemen bestimmt werden sollen, sind daher folgende: zum einen der Ausdruck ethnische Identität, zum anderen die Bezeichnung ethnische Grenzziehung.

Der Begriff Ethnos wird gemäß dem griechisch-deutschem Wörterbuch als „ jede Klasse von Wesen mit einer gemeinsamen Herkunft oder in einem gemeinsamen Zustand “ definiert (DALEZIOS 1956: 344). Demnach sind Ethnien weniger territorial gebunden, sondern beziehen sich in erster Linie auf sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten. Oftmals werden Minderheiten in Staaten daher unter diesem Ausdruck zusammengefasst. Das Territorium hat weniger Relevanz als die gemeinsame Herkunft, Rasse, Sprache, Religion, Geschichte, Kultur, Habitus, Lebensstil sowie kollektive Gefühle (Vgl. NOHLEN 1997: 22, 155). Frederik Barth (1969) betont dabei vor allem die Fähigkeit zur Selbstkontinuität, gemeinsamen Kommunikation und Interaktion. 1989 wurde durch Georg Elwert ein zusätzliches Kriterium eingeführt: der Bezug zur Familie bzw. die Blutsverwandtschaft.

Als Implikation aus der etymologischen Herleitung des Ethnie-Begriffes lässt sich schließlich folgende Frage aufwerfen: Wie kann das Verhältnis zwischen ethnischer Identität und Kultur präzise ausgestaltet werden? Die Primordialitäts-Theorie besagt in diesem Zusammenhang, dass es ethnische Gruppen naturgemäß schon immer gab. Erst beim Kampf um materielle Ressourcen hat sich herausgestellt, dass Menschen aus derselben Gemeinschaft kulturelle Gemeinsamkeiten haben, obwohl diese eigentlich schon viel früher konstruiert worden sind (vgl. GEERTZ 1996: 41f). Laut dieser Theo]rie sind ethnische Kategorien in realen, kulturellen Gegensätzen verankert. Die Instrumentalisten wiederum behaupten, dass die ethnische Identität eine bestimmte Form der politischen Organisation sei, in der kulturelle Grenzen nur deshalb konstruiert wurden, um die Ressourcen und das symbolische Kapital einer Gruppe zu schützen (vgl. BARTH 1969: 10-11). Im Bekenntnisprinzip, nach instrumentalistischer Ansicht, wird das Problem folgendermaßen dargestellt: „Ethnizität (...) kann in der subjektiven Vorstellung der Akteure nicht durch eine individuelle Anstrengung erworben oder einfach abgelegt werden“ (ESSER 1996:66f). Daher ist Ethnizität als ein soziales, gemeinsames Konstrukt aufzufassen. Folgender Ansatz setzt sich mit diesem Begriff explizit auseinander: Ethnie kann prinzipiell als eine gesellschaftliche Organisationsform verstanden werden, weil gerade diese synthetisch entwickelte Grenze zwischen zwei Ethnien gemeinsamen kulturellen Ursprungs zur Absicherung der ethnischen Identität einer dieser beiden Gruppen beiträgt.

Existieren mehrere Ethnien nebeneinander, kommt es langfristig zum Prozess der Ethnisierung, d.h. „der Entstehung ethnischer Grenzziehungen der Akteure“ (Esser 1996: 71). Dabei ist der Begriff „Grenzen“ an dieser Stelle vor allem im Sinne der sozialen Linien zu gebrauchen, um die Akteure von anderen Ethnien explizit unterscheiden zu können: die Grenzen werden demnach bestimmt und fixiert. Dieser Prozess schließt den Wert des spezifischen Kapitals ein, welches sich durch moralische, gemeinschaftliche, kulturelle und soziale Betrachtungsweisen ausdrückt und eine Objektivierung des Gemeinschaftsgefühls erlaubt (dies. 72f). Diese Werte, mit denen sich die Menschen identifizieren, bilden wiederum die Basis der Alltagsgestaltung, so dass für deren Erhalt oftmals alle Kräfte mobilisiert werden.

Betrachtet man die bestehende Vielfalt von Gruppen, welche ebenfalls eine ethnische Identität beanspruchen, kann man erkennen, dass das Kriterium der Selbstzuschreibung zum entscheidenden Definitionskriterium werden muss (vgl. BARTH 1969: 11). Diese Selbstzuschreibung steht wiederum mit der Fremdzuschreibung in einem Wechselverhältnis: “By concentrating on what is socially effective, ethnic groups are seen as a form of social organization. The critical feature becomes [...] the characteristic of self-ascription and ascription by others“ (dies: 13). Der Ausdruck Ethnizität wird nach Nagel auf ähnliche Weise bestimmt: „as a negotiated status, determined by an interplay between external ascription and individual self-identification“ (NAGEL 1986:140). Alle Menschen sind demnach gleich, solange man unaufgefordert daran glaubt. Außerdem haben sich die Menschen als Gemeinsamkeit, wenn sie stets den Glauben daran aufrecht erhalten. In diesem Zusammenhang enthält der ethnisch subjektive Gemeinsamkeitsglaube immer eine intern bindende und eine extern abstoßende Komponente sowie eine die Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der Konfiguration betonende Identifikation. Dennoch lässt sich jedoch auch erkennen, dass die Selbstzuschreibung nicht immer ein Akt des absoluten freien Willens ist. Häufig reagiert sie nämlich in abwehrender, ablehnender oder übernehmender Weise auf Fremdzuschreibungen (vgl. CANFIELD 1973).

[...]


1 17,3% Russen nach ukrcensus.gov.ua

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640414697
ISBN (Buch)
9783640412846
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131437
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1.0
Schlagworte
Ukraine Ethnizität Grenzziehung Konstuktivismus Minderheit Russen Ukrainer Identität Konflikt

Autor

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