Lade Inhalt...

Homo oeconomicus - Grundlinien einer modernen praktischen Wirtschaftsethik

Essay 2007 9 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

ESSAY: HOMO OECONOMICUS

Grundlinie einer modernen praktischen Wirtschaftsethik

Obwohl mittlerweile zahlreiche Veröffentlichungen und Aufsätze zum aktuellen Thema Wirtschaftsethik sowie zu der Problematik homo oeconomicus existieren, gibt es in diesem Zusammenhang auch heute noch eine Menge kontroverser Diskussionen. Be-sonders durch den rasanten technologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte kam und kommt es zu einem atemberaubenden Wandel in der Weltwirtschaft. Gerade auf dem Gebiet der Moral tauchen immer mehr drängende Fragen auf, die sich nicht so ohne Wei-teres beantworten lassen. Vielmehr ist zu beobachten, dass die Verbindlichkeiten von ethischen Werten und Normen verstärkt abnehmen und es dadurch zu einem Ungleich-gewicht zwischen den gesellschaftlichen Steuerungsressourcen (Recht, Politik, Religion, Kultur, Markt und Ethik) gekommen ist. In diesem Zusammenhang wird mehr und mehr der Ruf nach einer neuen Wirtschaftsethik laut, die diesen Ungleichgewicht ausgleichen soll. Doch das (überkommene) Modell des homo oeconomicus ist nur ein ethisches Kon-zept, welches sich mit der Rolle des Menschen in Bezug auf die Ökonomie befasst und mittlerweile ein komplexes und schwieriges Teilgebiet der Ethik geworden ist.

Allein der Begriff Wirtschaftsethik wird in der Literatur aus zwei Perspektiven betrach-tet: Erstens als genitivus objektus – als Ethik für die Wirtschaft, in der es um die Anwen-dung ethischer Grundsätze im Wirtschaftssystem geht und zweitens als genitivus sub-jektus – die als ethische Reflexion des Wirtschaftssystems verstanden werden kann. Zudem lassen sich die bisherigen Wirtschaftsethikkonzepte in drei Kategorien einteilen: In der ersten Kategorie ist das Primat auf die Ethik vor der Ökonomie gelegt. Diese Konzep-te wie zum Beispiel die Christliche Sozialethik oder der Kategorische Imperativ von Im­manuel KANT beziehen sich auf einen naturalrechtlichen Legitimationsgrund, während die zweite Kategorie wie etwa das Konzept des homo oeconomicus von Adam SMITH (Wohlstand der Nationen 1776) das Primat auf die ökonomische Rationalität legt.

Aber es gibt auch noch interdepenzielle Konzepte, die eine wechselseitige Kritik und Legitimierung der Ökonomie sowie der Ethik unternehmen. Diese diskutieren die Proble-me offen, um – im annähernd gleichen Verhältnis von Ethik und Ökonomie – Lösungen für den gordischen Knoten der Interessen in Bezug auf die Wirtschaft zu finden. Denn im heutigen Wirtschaftssystem treffen viele unterschiedliche Interessen aufeinander, die sich nicht ohne Weiteres vereinigen lassen. So fordern beispielsweise die Unternehmer und Produzenten möglichst eine absolute Freiheit ohne staatliche Eingriffe und Grenzen, die Politik erhofft sich gute, günstige und technisch hochwertige Produkte, die zudem auch noch in einer ausreichend demokratischen Menge vorhanden sein sollen und die Umweltschützer machen letztendlich auf die schleichende Vernichtung des menschli-chen Lebensraumes aufmerksam, die durch rücksichtloses Wirtschaften verursacht wird. Deshalb soll nun in diesem philosophischen Essay überprüft werden, in wieweit das Konzept des homo oeconomicus überhaupt noch tragbar ist – es diesen Anforderungen gewachsen ist oder ob es vielleicht doch einer Relativierung dieses Konzeptes bedarf.

Das Modell des homo oeconomicus, welches auf Adam SMITH zurückgeht, ist zwar schon ein recht altes aber nicht das erste ethische Konzept, welches sich mit der Rolle des Menschen im spannungsreichen Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft ausein-ander gesetzt hat. Bereits die christliche Sozialethik gibt erste Werte und Normen in die-sem Zusammenhang vor. So war zum Beispiel die wirtschaftliche Produktion in der christlichen Sozialethik nur zur reinen Bedürfnisbefriedigung gedacht. Wirtschaften war sozusagen als „Nullsummenspiel“ zu verstehen, indem die Konsummenge gleich der Produktionsmenge zu verstehen war. Darüber hinaus war in der katholischen Sozialethik sogar der Gewinn aus Geldgeschäften sowie Gier und Habsucht sozial geächtet. Das heißt, es war ein Frevel mit Hilfe des Kredites aus der Not anderer einen Gewinn zu erzie-len. Zudem bestand eine gewisse Pflicht zum gesellschaftlichen Ausgleich, wie sie schon bei ARISTOTELES nachzulesen war. Das heißt, die wirtschaftlichen Güter und der Wohlstand sollte zwischen den einzelnen Menschen der Gesellschaft besser verteilt und gerechter aufgeteilt sein. Wer materiell gut ausgestattet war, sollte zu einem gewissen Teil auch den Schwachen helfen. Somit war diese Ethik am Gemeinwohl orientiert. Zwar kannte man schon vor der Aufklärung die Personalität des Individuums, doch war die persönliche individuelle Freiheit sehr eingeschränkt und dem Gemeinwohl untergeordnet.

Die Solidarität war somit also das wichtigste Bindeglied in der christlichen Gesellschaft im frühen bis späten Mittelalter. Erst die zwischenmenschlichen Beziehungen, die gegen-seitige Hilfe machte die abstrakte Idee der Gerechtigkeit praktikabel und alltagstauglich. Unter Wahrung der einzelnen Kompetenzen und der Hilfestellung des Einzelnen durch die Gesellschaft sowie umgekehrt, bildete das Konzept der Solidarität eine feste gesell-schaftliche Stütze. Des Weiteren war auch schon die christliche Sozialethik von der Idee der Nachhaltigkeit geprägt, die neben dem zu erhaltenden Stellenwert der Schöpfung – des Menschen selbst – auch eine intergenerationelle Verantwortung sowie einen Aus-gleich zwischen Umwelt und den Folgen des menschlichen Wirtschaftens anstrebte.

Dieser Zustand wurde jedoch durch den aufkommenden Liberalismus geändert, da diese Einschränkungen scheinbar kein gesundes Wirtschaften sowie technischen Fort-schritt ermöglichten. Die bereits erwähnte eingeschränkte Freiheit des Einzelnen lies die-ses Konzept mehr und mehr unattraktiv werden und so änderten sich in der Epoche der Neuzeit im Zuge der Aufklärung und dem aufkommenden Individualismus die Autonomie-postulate gravierend. Allein die Vernunft (Immanuel KANT, Adam SMITH), die Autonomie des Individuums (GOETHEs Prometheus) sowie die universelle Sittlichkeit (KANT) prägten jetzt maßgeblich die Gesellschaft.

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640408658
ISBN (Buch)
9783640409280
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131429
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Homo oeconomicus Kapitalismuskritik Wirtschaftsethik Globalisierung Adam Smith Ökonomie ökonomischer Liberalismus Christliche Sozialethik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Homo oeconomicus - Grundlinien einer modernen praktischen Wirtschaftsethik