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Technische Entwicklungspfade in den USA und Deutschland zu Zeiten der Hochindustrialisierung

Ein vergleichender technikgeschichtlicher Essay

Essay 2007 7 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

TECHNISCHE ENTWICKLUNGSPFADE IN DEN

USA UND DEUTSCHLAND ZU ZEITEN DER

HOCHINDUSTRIALISIERUNG

Ein vergleichender technikgeschichtlicher Essay

Spätestens auf der Weltausstellung im Londoner Kristallpalast im Jahre 1851 soll-te dem damaligen zeitgenössischen aufmerksamen Beobachter klar geworden sein, dass, im Hinblick auf die technische und industrielle Fertigung, ein neues Zeitalter die Welt betreten hatte. Denn auf dieser Ausstellung, die nicht nur an sich ein Vorzeigeobjekt des aktuellen technischen Standards und Know-hows war, sondern zudem auch einen richtungweisenden Ausblick über die zukünftigen Fertigungsmethoden und Trends gege-ben hatte, wurde an Beispielen komplexer Fertigungssysteme und komplizierten Maschi-nen deutlich, dass die technische Entwicklung die damalige Welt, wie sie bisher verfasst war, für immer verändern sollte. Im Zeitraum von 1870 bis 1914 sah die Welt das rasan-te und faszinierende Aufsteigen der beiden Länder Deutschland und USA zur Weltspitze der führenden Industrienationen. Die Periode der technisch-wissenschaftlichen Moderne begann. Dabei gilt auch hier, ebenso wie bei anderen historischen Epochen, dass wichti-ge einschneidende Zäsuren, komplexe und konkrete historische Umstände sowie bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wichtige Voraussetzungen für diese Entwicklung waren. Denn auch die technische Entwicklung in der Hochindustrialisierung ist ein soziokulturelles Phänomen, welches sich in zwei unterschiedliche Innovationssy-steme und –kulturen einteilen lässt.

Um jedoch die konkrete und komplexe Entwicklung beschreiben zu können, müssen zuvor auch ein paar strukturellen Entwicklungen der Jahre davor berücksichtigt werden. Im Zuge der industriellen Revolution, die durch die Erfindung der Dampfmaschine ausge-löst wurde, kam es zur Entwicklung von Eisenbahnen, Dampfschiffen und Maschinen, wodurch Raum und Zeit massiv verkürzt werden konnten. Ebenso wie die Erfindung des Telegraphen rückten dadurch die ehemaligen einzelnen industriellen „Inseln“ zu struktu-rellen Flächen nicht nur räumlich, sondern auch temporär mehr und mehr zusammen. Die anfangs zentralen, oft lokal begrenzten Konzentrationen, wurden durch die Entwicklung des Verkehrswesens von Gütern und Menschen technisch überwunden. Die Wichtigen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital konnten nun beliebig verschoben werden – man war jetzt durch den Einsatz der Technik kaum noch von der Natur abhängig.

Faszinierend an diesem Thema ist jedoch die Tatsache, dass einerseits in Deutschland und andererseits in den USA zwei unterschiedliche industrielle Entwicklungspfade sowie soziokulturelle Kontexte dazu geführt haben, dass beide Industrienationen vor dem zwei-ten Weltkrieg nahezu auf gleichem Niveau an der Weltspitze der technischen Entwick-lung standen.

In den USA, welche von Natur aus eine ressourcenreiche Nation gewesen ist, war aufgrund der eigenen Geschichte, durch die Erschließung des Westens oder der Unab-hängigkeitserklärung, eine völlig andere Mentalität oder Ideologie in Bezug zur Technik vorhanden als beispielsweise im kaiserlichen Deutschland. Rückwirkend bis auf die bei-den Präsidenten JEFFERSON und JACKSON mit ihren Idealen der Unabhängigkeit sowie der Demokratie, verband man die technische Entwicklung immer auch mit dem eigenem Selbstbildnis, dass man die „vorbildlichste Staatsform“ besitzt. Insofern sollte die Tech-nik der christlich amerikanischen Nation zu einem steigenden Wohlstand für alle verhel-fen und zur Sicherung der Demokratie sowie der individuellen Freiheit betragen. Alle tech-nischen Erfindungen und Entwicklungen sollten zum gleichzeitigen Wohl der ganzen ame-rikanischen Nation beitragen. So entstand in Nordamerika ein regelrechter Enthusias-mus, eine Technikbegeisterung, die kaum quälende Fragen diesbezüglich aufwarf. Dieser technische Aufstieg Amerikas wird z.B. sehr gut in dem Werk „ Die Entstehung Ameri-kas“ von Thomas HUGES dargestellt.

In diesem Kontext steht auch die Erfindung und Entwicklung der Techniken und Tech-nologien. Viele private Erfinder entdeckten entweder zufällig oder durch zahlreiche geziel-te Versuche – indem sie einer fixen Idee rigoros nachgingen – neue Techniken und Ver-fahren, die für viele Menschen die Lebensbedingungen entscheidend verändern sollten. Somit ließ diese individuelle „ man power “ die Erfinder und Ingenieure regelrecht zu natio-nalen Helden werden. FALTON, der Erfinder des Dampfbootes wurde beispielsweise als amerikanischer ARCHIMEDES, MORSE, der Erfinder des Telegraphen als amerikanischer LEONARDO gefeiert – ebenso wie EDDISION, der Erfinder der Glühlampe mit Kohlefaden. Die Ingenieure waren somit anhand ihrer Leistungen und ihres Erfolges für die Gesell-schaft auch in dieser anerkannt. In anfangs nur kleinen Laboratorien im eigenen Schup-pen entwickelten sie ihre Produkte, die dann durch die Möglichkeit der Massenfertigung, welche von Normierung, Standardisierung sowie des Prinzips der Austauschbarkeit (Baukastensystem) geprägt war, hergestellt wurden. Begünstigt wurde die Massenpro-duktion zudem durch die bereits erwähnte egalitäre Mentalität, die mehr auf einheitliche und preiswerte Funktionalität anstatt auf individuelle Unterscheidungsmerkmale setzt.

In Deutschland hingegen, wo selbstverständlich auch einzelne Erfinder tätig waren, setzte man nicht zuletzt aufgrund der speziellen europäischen Tradition der Schulbildung (Universitäten) auf dem Bildungssektor. Deutschland, welches als Land nicht alle Res-sourcen und wenn, dann meist nicht im ausreichendem Maße besaß, setzte deshalb verstärkt von Anfang an auf Bildung und Wissenschaft, um am technologischen Fort-schritt der Industrialisierung teilnehmen zu können. Deutschland gilt sogar als das Mu-sterbeispiel für die Ideologie, dass man durch Bildung und Wissenschaft technischen Fortschritt erreichen kann. Gerade hierin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Nationen Dt. und USA. Einen umfassenden Überblick zu dieser zweidimensio-nalen Entwicklung bietet Andreas SCHÜLER in den ersten Kapiteln seiner Monographie „ Erfindergeist und Technikgeschichte “.

Ebenso auf die europäische Tradition zurückgehend ist der Unterschied in den ökono-mischen Strukturen. Wahrscheinlich aufgrund des Individualitätsideals der Aufklärung ließ sich in Dt. und Europa so leicht keine einheitliche Massenfertigung durchsetzten. Vielmehr war eine individuelle Einzel- oder Kleinserienfertigung vorzufinden, worin Dt. auf-grund des Bildungspotentials ein hohes Niveau der Produktqualität erreichte und sich somit bis heute auch erfolgreich auf dem globalen Exportmarkt durchsetzte. Amerika hingegen profitierte – in großen Teilen bis in die Gegenwart – vom gigantischen, saugen-den Binnenmarkt.

Zwar hat diese hier dargelegte Entwicklung natürlich ihre Anfänge schon vor der Zeit der Hochindustrialisierung (1870 bis 1914), doch gerade in dieser Zeit entfalten sich auf-grund der steigenden Nachfrage nach technischen Produkten diese unterschiedlichen Innovationssysteme und gelangten zur ihrer jeweiligen Reife. Diese hohe Nachfrage wie-derum lässt sich besonders an der allgemeinen Technikbegeisterung festmachen, wel-che mittlerweile fast die ganze Welt ergriffen hatte. So wurde beispielsweise 1869 durch den Bau des Suezkanals auf technischem Wege ein Kontinent durchquert. „Das Land geteilt, die Welt vereint!“ Der Bau des Panamakanals (1914) wiederum verband zwei Weltmeere miteinander und ließ die Welt aufgrund des Technikeinsatzes verkehrstech-nisch zusammenschrumpfen. Der Gotthard-Tunnel durch die Alpen (1881) verband Mit-teleuropa mit dem Mittelmeer und der Bau der Balkanbahn (Orientexpress) sollte die Möglichkeiten noch erweitern. Durch diese Leistungen und der Entwicklung von Dampf-schiff und Eisenbahn waren die Voraussetzungen für die erste Welle der Globalisierung geschaffen. Der Mensch dachte damals, manchmal bis heute noch, er könne durch Wissenschaft und Technik die Natur beherrschen.

Das Prinzip der massenhaften Produktion gibt es zwar schon seit der Antike – ist also keine Erfindung der Neuzeit. Jedoch ist das entscheidend Neue an dieser Epoche das Phänomen der Rationalität der Massenfertigung, welches nirgendwo so deutlich wurde wie in den USA. Das amerikanische „ system of manufactur “ ist das Musterbeispiel der rationalen Massenproduktion, das am Beispiel der Automobilproduktion Henry FORDs (Modell T) Weltgeschichte schrieb. Die Prinzipien der Austauschbarkeit, der einheitlichen Vereinfachung der Produkte, die Einsparung an Arbeit wurden durch die Einführung der Fließbandproduktion ständig rationalisiert und optimiert. Die Meßlatte war nicht die Quali-tät, Ästhetik oder Individualität, sondern nur die Funktionalität und Wirtschaftlichkeit] mit dem Ziel der Gewinnmaximierung sowie des niedrigen Preisniveaus.

Zusammen mit dem Taylorismus, der die Arbeitsprozesse einseitig auf der Seite der Arbeiter normierte und nicht auf der Seite der Technik, ergab die Summe des Tayloris-mus und des Fordismus den sogenannten Amerikanismus. Man kann auch sagen Kapita-lismus und Ausbeutung der Menschen als reines Mittel der Gewinnerzielung wie es Karl

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Details

Seiten
7
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640408641
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131413
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,5
Schlagworte
Technik Technikgeschichte technische Entwickungspfade Industrialisierung Hochindustrialisierung triple helix Technische Universität Technoscience Massenproduktion

Autor

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