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Bruno Latour: Der "Faitiche"

Überlegungen zu einem Begriff der Actor-Network-Theory

Seminararbeit 2007 22 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Darstellung des „Faitiche"
2.1 DermoderneAgnostiker
2.2 Die Begriffe „Fakt" und „Fetisch"
2.3 Einführung des „Faitiche"

3 Das Konzept des „Faitiche" in der Praxis

4 Kritik an These und Argumentation Latours

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der französische Wissenschaftsforscher, Ethnologe und Professor an der Universités à Sciences Po in Paris Bruno Latour ist Mitbegründer der Actor-Network-Theory, (kurz ANT) deren Entstehen auf die Mitte der achtziger Jahre datiert werden kann. In seinem Werk „Die Hoffnung der Pandora" aus dem Jahre 2000 befasst er sich mit Fragen der Wirklichkeit und der Konstruktion wissenschaftlicher Fakten.

Die Actor-Network-Theory geht davon aus, dass sowohl Subjekte wie auch Objekte als Akteure an der Entstehung von Fakten beteiligt sind, wobei diese erst „wirklich" werden durch ihr Verhältnis zu anderen Entitäten innerhalb eines Netzwerkes.[1] Der Medienökonom Felix Stalder fasst kurz und übersichtlich zusammen, wie Latour zu der in der Postmoderne angenommenen Diskrepanz zwischen menschlichem Bewusstsein und der äußeren Welt steht:

Once this gap is accepted, the question boils down to "is it possible to build a reliable bridge across this gap?" "Yes", says the realist, "science is that bridge". "No", says the relativist, "science is just another language game". And Mr. Latour says: "There is no gap!"[2]

Bruno Latours Thesen lassen sich nur schwer einer philosophischen Richtung zuordnen. Den ihm oft angedichteten Konstruktivismus lehnt er kategorisch ab. Auch eine Zuweisung zu den oppositionellen Grundkonzepten Realismus und Relativismus fällt bei dem Franzosen schwer. Er selbst bezeichnet seine Theorie als „realistischen Realismus", der versucht, die Ansichten der modernen Wissenschaft mit postmodernem Konstruktivismus zu vereinen.

In seinem abschließenden Kaptitel in „Die Hoffnung der Pandora" führt Bruno Latour den „Faitiche" ein, um den sich meine Arbeit drehen soll. Es sei einleitend erwähnt, dass sich der Begriff zusammensetzt aus den französischen Worten „Fait" (Fakt) und „Fétiche" (Fetisch). Ich möchte die Charakteristika des dahinter stehenden Konzepts erläutern und auf ihre möglichen praktischen Konsequenzen hin untersuchen. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit Latour überhaupt eine praktische

Handlungsaufforderung nahe legt, oder es sich bei seinen Thesen um reine gesellschaftliche Beobachtungen handelt.

2 Die Darstellung des „Faitiche"

2.1 Dermoderne Agnostiker

Aufbauend auf der Auseinandersetzung mit der Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt widmet sich Latour nun dem Phänomen des Glaubens. Seiner Ansicht nach ist die religiöse Komponente das noch fehlende Glied in der von der ANT angestrebten Flexibilität im Umgang mit Entitäten der Theorie und Praxis; Subjekten und Objekten. In diesem Kapitel führt Latour den Begriff des „Faitiche" ein, der eine Brücke schlägt zwischen Annahmen der Wissenschaft und des Glaubens.

Einleitend zu seiner These gibt Latour die Geschichte eines jungen Inders wieder, wie sie Ezechiel und Mukherjee in „Another India: An Anthology of Contemporary Indian Fiction and Poetry" erzählen. Darin will Jagannath, Mitglied einer höher gestellten Kaste, den unberührbaren, als heiliges Bildnis Gottes angesehenen Stein der Familie von Sklaven durch deren Berührung entweihen. Ziel dieser Tat soll sein, den Sklaven wie auch seiner Familie klar vor Augen zu führen, dass von dem Stein keine Macht ausgeht, und dessen Berühren folgenlos bleibt. Doch er selbst zögert letztlich aus Erfurcht vor seinem eigenen Vorhaben, zwingt sich und die Sklaven aber dennoch zu dessen Durchführung. Nachdem das heilige Objekt vor den Augen seiner Verwandten und der geistlichen Führungsperson durch Berührung entweiht wurde, dämmern ihm erst die Folgen seiner Tat, die für ihn den Verlust seiner Menschlichkeit nach sich zog. Was genau dies zu bedeuten hat, soll im nachfolgenden Kapitel noch behandelt werden.

Latour nimmt diese Anekdote als Grundlage für die Formulierung seiner Kritik am, wie er es nennt, „Bildersturm". Damit ist die Zerstörung von Idolen und heiligen Objekten durch den agnostischen Modernisten gemeint, der die Feststellungen der Wissenschaft als gegebene Tatsachen hinnimmt und sie als Argumente gegen den Glauben einsetzt. Dabei benutzt er die wissenschaftlichen Fakten als „Hammer", wie Latour es in Anlehnung an Nietzsche nennt, der als autonomer Fakt die heiligen Objekte zerschlagen soll.

Nun folgt Latours Plädoyer für die Überwindung der Trennung von Fakten und Glauben. Im Folgenden kritisiert er die durch den Säkularisierungsprozess der Moderne erwachsene Haltung, die der Wissenschaft völlige Autonomie zuspricht, während alles religiöse als aus Mangel an weltlichen Beweisen unhaltbar abgestempelt wird.

Schließlich liefert er einige neue Betrachtungsvorschläge und Herangehensweisen für den zukünftigen Umgang mit den Hybriden, den Mischformen zwischen augenscheinlichen Fakten und religiösen oder esoterisch-mystisch anhauchenden Überzeugungen. Fakten sollen wieder auf ihre Bedeutung innerhalb der Netzwerke analysiert werden, in denen sie verankert sind. Hierbei argumentiert Latour für ein Bewusstwerden darüber, dass sowohl Fakten als auch Fetische produziert werden. Aufdiese Überlegung soll im folgenden Abschnitt eingegangen werden.

2.2 Die Begriffe „Fakt" und „Fetisch"

Aus der Erzählung über die Zerstörung des religiösen Idols des indischen jungen Mannes heraus entwickelt Latour nun eine der Kernthesen des Kapitels. Ihr zu Folge unterliegt der Bilderstürmer als einziger dem Glauben, nicht etwa der Gläubige selbst.

Der Agnostiker in seiner kritischen Rolle geht davon aus, dass bestimmten Objekten ein Geist zugeschrieben wird, womit er sich selbst der Macht dieses Objektes unterwirft, während dem Anhänger der Religion klar ist, dass es sich dabei bloß um ein Objekt handelt. Nach Latour „glaubt" der Religionsanhänger lediglich an die Richtigkeit von Handlungsweisen, die damit in Verbindung stehen:

Der einzige, der hier glaubt, ist er, der Bekämpfer jeglichen Glaubens [...]. Denn er glaubt an einen Gefühlszustand des Glaubens, ein in der Tat befremdliches Gefühl, das möglicherweise nirgendwo als im Kopf des Bilderstürmers existiert.[3]

Damit bringt der Philosoph einen bisher meines Wissens nicht berücksichtigten Aspekt in die Debatte um religiösen Glauben. Für den modernen Agnostiker, dessen Weltbild geprägt ist vom selbstverständlichen Hinterfragen einer jeden Annahme von Übersinnlichem, ist die Vorstellung vom Glauben an einen Gott verständlicher Weise eine abstrakte. Davon ausgehend, dass sich seine eigene Weltsicht fernab eines Phänomens wie Glaube manifestiert, ist ihm nicht bewusst, dass seine Grundüberzeugungen auf einer unbewussten, emotionalen Ebene nicht weit auseinander liegen. Verstehe ich Latour richtig, so behauptet er, dass sich Wissen und Glaube im menschlichen Geiste grundsätzlich an ähnlichen Stellen verorten lassen, als das Fundament, mit dem wir unser Handeln „instinktiv" rechtfertigen. Spricht Latour vom „Fakt", so meint er damit die von der Wissenschaft hervorgebrachte Entität, die dem „Fetisch" gegenübergestellt ist. Dieser Begriff wiederum bezieht sich auf die Objekte, denen über ihre schiere weltliche Existenz hinaus so etwas wie mystische Bedeutung zugesprochen wird: „Etwas, das für sich genommen nichts, sondern bloß die leere Leinwand ist, auf die wir irrigerweise unsere Phantasien, unsere Arbeit, unsere Hoffnungen und Leidenschaften projiziert haben."[4]

An dieser Stelle wird der Autor in seiner komplexen Ausführung bei der Interpretation der mit dem Fetisch verknüpften Handlungsmuster nur schwer verständlich. Er führt aus, wie das Objekt aus Sicht des Religionskritikers nichts weiter sei, als seine Hülle den Anschein gibt. Er unterstellt den Gläubigen eine unfundierte, naive Untertänigkeit gegenüber einem leblosen Gegenstand, dem sie irriger Weise Heiligkeit zusprechen. Laut Latour birgt der Fetisch für die an ihn „glaubenden" allerdings weniger Heiligkeit, als vielmehr den Anlass für bestimmte Handlungsweisen. Verstehe ich den Autor an dieser Stelle richtig, so weist er mit dieser Aussage auf den kulturellen Aspekt von religiös motivierten Aktionen hin. Die Art und Weise des Handels stiftet in gewisser Weise den Lebenssinn des Gläubigen, der daraus sowohl seine Identität als auch seine Menschlichkeit zieht. Auf die Frage, was genau Latour mit Menschlich- oder Unmenschlichkeit meinen könnte, soll später noch eingegangen werden.

Es sei am Rande bemerkt, dass sich Latour, anders als in diesem noch recht unkonkreten Kapitel, in einem Aufsatz in „La Recherche" von 2004 zum religiösen Fundamentalismus äußert. Hier macht er die unter Anderem den Fortschritt der Moderne verantwortlich für die Rückbesinnung zu Traditionen, die als gefährdet angesehen werden:

Par fascination pour la science, les religieux, rationalisés jusqu'à la moelle, ne parviennent plus à imaginer qu'on puisse avoir pour but, non pas d'accéder au lointain, mais d'être à nouveau saisi par le proche. Le fondamentalisme n'est donc pas une crispation sur la tradition mais un oubli de la tradition par excès de modernisation.[5]

Selbst die Glaubenden, so der Philosoph dort, hätten sich in der heutigen Zeit dem Glauben an den Glauben untergeordnet. Nahezu spirituell schließt er hier mit der Aussage, wir seien ignorant gegenüber einem Gott, der uns den Fortschritt erleben ließe.

Zum Begriff des Fetisch bleibt noch zu sagen, dass in ihm bereits die Anklage des modernen Bilderstürmers steckt; die immanente Feststellung seiner Subjektivität, Absurdität und der fehlenden Beweise, die seine Existenz in den Augen des Kritikers legitimieren würden.

Später im Kapitel formuliert Latour allgemeingültiger aus, worin seiner Ansicht nach das Problem der Glaubenskritik steckt, nämlich in einer fehlerhaften Rezeption der nicht wissenschaftlich-fundierten Überzeugungen anderer Menschen: „Jedesmal [sic] ist der Irrtum der gleiche und beruht auf dem naiven Glauben an den naiven Glauben der anderen."[6] Seine Kritik in diesem Punkt richtet sich gegen die Moderne, die ihm von jeher ein Dorn im Auge ist.

In seinem 1995 erschienenen Buch „Wir sind nie modern gewesen" stellt er fest, wie im Zuge der sozialen Umwälzungen des 17. Jahrhunderts die Religion zu einer individuellen Angelegenheit gemacht wurde. Dieser durch die Säkularisierung notwendig gewordene Prozess fand laut Latour statt, um einen spirituellen Rückhalt zu haben, während sich der Fortschritt ohne Eingriff der Kirche vollziehen konnte: „Er [Gott] sollte die Entwicklung der Modernen nicht mehr im geringsten stören, während er gleichzeitig wirkungsvoll und hilfreich blieb - doch nur im Geiste der Menschenwesen."[7] Aus seinen Erläuterungen spricht die latente Antipathie gegenüber der selbstgerechten Haltung der Moderne, die dem Glauben jeglichen Verdienst am gesellschaftlichen Fortschritt aberkennt: „Die moderne Verfassung erlaubt gerade die immer zahlreichere Vermehrung der Hybriden, während sie gleichzeitig deren Existenz, ja sogar Möglichkeit leugnet."[8]

Dem Modernisten legt er in erster Linie den Bildersturm zur Last, der sich undifferenziert und totalitär gegen alles religiös-anheimelnde richte. Seiner Ansicht nach ist der Kritiker der Religion auf Grundlage der Anekdote tatsächlich derjenige, der sich dem Glauben unterwirft. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes Agnostizismus, wie er im Fremdwörterbuch definiert ist, wandelt Latour an dieser Stelle für seine Zwecke um. Laut der gängigen Definition ist Agnostizismus die Sammelbezeichnung für alle philosophischen Lehren, die eine rationale Erkenntnis des Göttlichen oder Übersinnlichen leugnen.[9] In weiteren Definitionen bezeichnet der Begriff eine indifferente Haltung gegenüber der Frage nach der Existenz Gottes und jeglicher Form des Übersinnlichen. Diese findet man bei Latourjedoch nicht.

Der Kritiker und Bilderstürmer in seinen Ausführungen ist dermaßen darauf erpicht, alles Übersinnliche zu zerstören, dass seine Haltung wohl nicht mehr als gleichgültig, sondern feindlich einzustufen ist. Abgesehen von der schon in den Ansätzen abweichenden Verwendung des Wortes Agnostizismus teilt uns Latour nun direkt mit, in welchem Sinne er sich des Wortes bedient. Zunächst meint er damit den Kritiker, der die religiösen Bilder und Ikonen zerstören will. Latours eigentliches Anliegen besteht nun darin, diesem Begriff eine neue Bedeutung zuzuweisen, nämlich die der Kritik an der Religionskritik selber. Sein angestrebter Agnostizismus befindet sich auf einer zweiten Ebene über dem herkömmlichen Begriff. Er kritisiert nämlich nicht länger den Glauben selbst, sondern den Glauben an den Glauben der Religionsanhänger:

[...]


[1] Vgl. Law, John und Hassard, John. Actor Network Theory and After. Oxford: Blackwell Publishers, 1999., S. 3

[2] Stalder, Felix. Beyond constructivism: towards a realistic realism. A review of Bruno Latour's Pandora's Hope. (online version: http://felix.openflows.com/html/pandora.html. 23.07.07)

[3] Latour, Bruno. Die Hoffnung der Pandora. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2000. (S. 333)

[4] Latour, Bruno. Die Hoffnung der Pandora. a.a.O. (S. 331)

[5] Latour, Bruno. Science et raison : La Comédie des Erreurs. in : La Recherche, Hors série sur Dieu. (pp.66-69), 2004. (Online Version: http://www.bruno-latour.fr/poparticles/poparticle/P-108FINAL.pdf, 11.05.07)

[6] Latour, Bruno. Die Hoffnung der Pandora. a.a.O. (S. 356)

[7] Latour, Bruno. Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Berlin: Akademie Verlag GmbH, 1995. (S. 49)

[8] Latour, Bruno. Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. a.a.O. (S. 50)

[9] Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Mannheim: Bibliographisches Institut AG 1971. (S. 457)

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640446308
ISBN (Buch)
9783640446926
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131360
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Kulturwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Latour Faitiche Actor-Network-Theory Pandora

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Titel: Bruno Latour: Der "Faitiche"