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Unterrichtsentwurf zu Goethes "Zauberlehrling"

Seminararbeit 1999 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I: Das Gedicht im Unterricht
1. Was ist ein Gedicht?
1.1. Definition
1.2. Geschichte des Gedichts
1.3. Gedichtsarten
1.3.1. Die Ballade
1.3.2. Das Stadtgedicht
1.3.3. Das Liebesgedicht
1.3.4. Die Jahreszeiten im Gedicht
2. Anwendung im Unterricht
2.1. Wirkungen von Gedichten
2.2. Zweck der Behandlung von Gedichten
2.3. Beispiele von Bearbeitungsmöglichkeiten
2.3.1. standardisierter Unterricht
2.3.2. handlungs- und produktionsorientierter Unterricht
3. Abschlußbemerkung

II: Planung einer Unterrichtseinheit
1. Die Unterrichtseinheit
2. Die Unterrichtsstunde
3. Unmittelbare Unterrichtsvoraussetzungen
4. Sachanalyse
5. Didaktische Analyse
6. Methodische Möglichkeiten
7. Geplanter Unterrichtsverlauf
8. Das Gedicht

I. Das Gedicht im Unterricht

Diese Arbeit möchte sich mit dem Gedicht als Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen.

Dazu wird zunächst erläutert, was Gedichte überhaupt sind und was sie für Wirkungen haben können. Dann soll untersucht werden, warum Gedichte im Unterricht eingesetzt werden sollten und welche Gedichte für welche Altersstufe geeignet sind. Abschließend werden sowohl traditionelle als auch moderne handlungs- und produktionsorientierte Beispiele genannt, auf welche Art und Weise Gedichte im Unterricht behandelt werden können.

1. Was sind überhaupt Gedichte und was beschreiben sie?

Das Gedicht ist zunächst nichts anderes als gebundene Rede, die gut geordnet ist. Es hat eine überschaubare Form, die sich gut sprechen läßt.

Gedichte bestehen nicht einfach aus irgendwelchen „Stimmungswörtern“, sondern sind Versuche, etwas so genau zu sagen, wie es nur geht. Die Ausgangslage solchen Arbeitens läßt sich als Sammlung des Erlebten oder Beobachteten bezeichnen. Gedichte können auch die Übersetzung eines Gedankens, einer Idee sein.

Es gilt, die erlebte Wirklichkeit mit nur wenigen Aussagesätzen darzustellen. Gedichte sind also Konzentrate aus Sprache. Lyrik ist vor allem die Steigerung der gewöhnlichen Sprache, ist eine Sprache, die auch noch das „Zarteste“ sagen kann. Im Gedicht ist die gewöhnliche Sprache ohne eigentlich merkbare Veränderung zu einem höheren Sinn gesteigert.

„Die Sprache kommt an eine Grenze, jenseits derer die völlige Auflösung der realen Zusammenhänge und des Sinns des Wortes liegt, das Weltbemächtigung und Mitteilung will“ (Killy)[1]. Zugleich ist schon die Form des Gedichtes auch Inhalt des Gedichts.

In der modernen Lyrik dient die Verfremdung dem Zweck, erst das völlig andere, ungewohnte, vor allem aber unverbrauchte Bild gelten zu lassen. Alles andere, Konventionelle wird offensichtlich für zu leicht befunden. Man begnügt sich nicht mit „Allerweltswörtern“.

Gedichte befassen sich mit fast allen Themen, die Einfluß auf das menschliche Leben haben. Immer wieder finden sich Liebe und Leid, Werden und Vergehen, Freude und Trauer, Heimat und Fremde, die Jahreszeiten sowie das Verhältnis von Mensch und Natur.

Abschließend werden verschiedene Definitionen verschiedener Autoren zitiert, um zu verdeutlichen, was Gedichte für die Autoren selbst bedeuten.

So sagt zum Beispiel Günter Eich: „ Ich schreibe Gedichte, um mich in der Wirklichkeit zu orientieren. Ich betrachte sie als trigonometrische Punkte oder als Bojen, die in einer unbekannten Fläche den Kurs markieren. Erst durch das Schreiben erlangen für mich die Dinge Wirklichkeit. Sie ist nicht meine Voraussetzung, sondern mein Ziel. Ich muß sie erst herstellen.“[2] Für Eich ist also die „Wirklichkeitsfindung“ das Wichtigste in seinen Gedichten.

Anders erklärt C. Guesmer: „ In meinen Gedichten geht es um Naheliegendes; das Naheliegende wird von Banalem durch die Metapher gereinigt, wie man trübe gewordenes Wasser zur Klärung über eine Kieselstrecke leitet.“[3]

Christa Reinig hingegen lobt die Sprache, derer sie sich beim Gedichteschreiben bedienen kann: „Armut- Niedriggeborensein- Hand zum Müßiggehen- selbdritt, müßten wohl einen Menschen tief ins Elend verdunkeln, wenn nicht die Sprache ihn erhellte, die Hoheit, Reichtum und schwerelose Bewegung verheißt. Ich kann nicht ein Flugzeug bitten, es möge sich für mich erheben, aber ich kann den Wind anrufen, daß er für mich weht.“[4]

Paul Celan wiederum schließt sich Eichs Aussage an. Er deutet jedoch mit seinen Worten bereits das nächste Thema dieser Arbeit - die Wirkung von Gedichten - an: „ Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem- gewiß nicht immer hoffnungsstarken - Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht. Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: sie halten auf etwas zu. Worauf? Auf etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit. Um solche Wirklichkeiten geht es, so denke ich, dem Gedicht.“[5]

Die Wirkung von Gedichten

Gedichte hinterlassen eine Wirkung, sie bewirken etwas. Die Sprache des Gedichts dringt „unter die Haut“.

Gebundene Rede ist einprägsam und markanter als Prosa. Die gebundene Form ist etwas Wohltuendes, sowohl in akustischer wie auch in visueller Hinsicht. Sie hinterläßt, ganz abgesehen von den vielen verschiedenen Möglichkeiten des Gehaltes, zunächst das gute Gefühl gestalteter Ordnung.

Das Gedicht kann erklären, aufklären, veranschaulichen und vieles mehr. Es kann ein Vergnügen bereiten, es als vollendete Form zu erleben. Dagegen kann ein ganz andersartiges Gedicht Vergänglichkeit annehmbar machen. Zugleich erfreut auch dieses Gedicht durch seine Schönheit, man weiß aber, daß diese Schönheit jetzt Bestandteil des auf andere Weise gar nicht zu fassenden Gehaltes ist. Also hat das Gedicht die einzigartige Möglichkeit, Leid und Trauer auf tröstliche Weise darzustellen, und unter Umständen kann es auch Zustimmung bewirken.

Zum dritten kann wiederum ein anderes Gedicht desillusionieren. Das Gedicht provoziert, fordert heraus.

Dann gibt es die sogenannte Lehrdichtung: Das Gedicht vermittelt hierbei das Wissen um objektive Wahrheiten in künstlerischer Form; oft sind die Lyriker somit Lehrer (=> z.B. Schiller, dem es oft darum geht, allgemeine Ideen und Vorstellungen philosophisch- abstrakter Natur in ein sinnlich anschaubares Bild zu übertragen.)

Und endlich kann das Gedicht in seiner Qualität als gebundene Form ganz allgemein gesellige Kultur stützen, es kann einer Gemeinschaft Traditionen schenken oder eine Anregung zu gemeinsamer Erinnerung sein. So kann gerade das Gedicht so etwas sein wie Heimat der Sprache oder auch Sprache der Heimat.

Diese Wirkungen sollen hier nicht nur als solche aufgeführt sein. Sie stehen zugleich als Begründung, warum es besonders wichtig ist, Kinder schon früh in die Gedichtwelt einzuführen.

Wozu Gedichte im Unterricht?

Gedichte können Vorschläge unterbreiten, sie können aufwiegeln, analysieren, schimpfen, drohen, locken, warnen, schreien, verurteilen, verteidigen, anklagen, schmeicheln, fordern, wimmern, auslachen, verhöhnen, reizen, loben, erörtern, jubeln, fragen, verhören, anordnen, forschen, übertreiben, toben, kichern (H.M. Enzensberger)[6].

Sie sind zugleich lehrreich, exemplarisch, aufklärend, veranschaulichend, protestierend, provozierend, kritisch, biographisch.

Gedichte können Schlimmes nicht mehr ganz so schlimm erscheinen lassen. In seinem eigensten Reich vermag der Lyriker mehr als der Philosoph. Er verdichtet so, daß das Gedicht nicht nur Erkenntnis, sondern darüber hinaus auch Annahme ermöglicht.

Man darf annehmen, daß das Gedicht in der Schule sehr oft stellvertretende Aufgaben übernimmt. Es ersetzt andere Gattungen vor allem dann, wenn es sich um schwierige und umfangreiche Texte handelt. Will man Einblicke in die Geschichte der Literatur gewinnen, will man sich der Gestalt eines einzelnen Dichters nähern, so greift man vornehmlich auf Gedichte zurück, weil sie greifbar, überschaubar und anschaulich - exemplarisch zugleich sind. Ein Kind lernt z.B. Goethe vor allem in seinen Gedichten kennen. Auch Historisches eröffnet sich den Kindern in Gedichten.

So wird das Gedicht zum exemplarischen Fall. Es ermöglicht vor allem den nach verschiedenen Richtungen hin wichtigen Vergleich. So kann die Gegenüberstellung von deutschen und fremdsprachigen Gedichten noch am ehesten eine Ahnung von dem vermitteln, was unter Weltliteratur verstanden wird. Das Gedicht gilt also als integrierender Bestandteil des Unterrichts, als eine einführende, ergänzende, überhöhende oder abschließende Erscheinung, schließlich auch als Bestandteil von Festen, Feiern und Gedenkstunden, bedeutungsvoll auch als ein immer und überall einzufügendes Prinzip des Musischen.

Während erzählende Texte eine fiktive Welt vorstellbar machen, geben lyrische Texte nur eine Quintessenz von Erlebnis- und Problemzusammenhängen ohne ausführliche Vergegenwärtigung von Umständen, Bedingungen, Gründen und Folgen, die mit der jeweiligen Aussage zusammenhängen. Dieser Appell, der von lyrischen Texten ausgehen kann, ist ein fruchtbarer Ansatzpunkt für Unterrichtsgespräche.

Außerdem wecken Gedichte Assoziationen bei Kindern (Kinder meinen den Gedichten bestimmte Stimmen, Sinneseindrücke oder Selbsterlebtes zuordnen zu können), bieten Möglichkeiten zur Identifikation und Selbstfindung und verdeutlichen die Wichtigkeit der Intersubjektivität (Diskussion mit anderen Schülern fordern Anhören/Akzeptieren anderer Meinungen).

Gedichte werden den Kindern auch deshalb eingängig sein, da sie mit den frühen Spielformen (z.B. Kinderlied, Abzählreim) durch Merkmale wie Fremdheit, Rhythmus, Klang, bildhafte Verdichtung, freie Wortwahl, Ausschnittscharakter, Verfremdung und Entdeckung verbunden sind.

Dem Lehrer kann es anhand eines Gedichtes gelingen, einerseits das Besondere der Sprache des Lyrikers sichtbar zu machen und andererseits einen Blick für die potentiellen Möglichkeiten der Sprache überhaupt zu öffnen.

Somit übernimmt die Behandlung von Gedichten zugleich die Aufgaben der Sprachlehre. Zum Beispiel Worte wie „Kreis“, „Brücke“, „Herz“, oder „Gesicht“ zeigen dem Schüler, in welchen Graden die Sprache in ein und derselben Gestalt die Aussage symbolisch anreichern kann („Kreis“, „Umkreis“, „er dreht sich im Kreis“, „er läßt sich einkreisen“, „der Kreis des Lebens“).

Rhythmus, Bild, Symbol, Wortschatz, Satzbau, Aufbau, Perspektive und Gattung sind die Mittel, durch deren Zusammenwirken die Dichtung Schichten des Erlebens und Seins vernehmbar macht und deutet, die auf kaum andere Weise und mit kaum anderen Mitteln, Sprache und Gegenstand des Erlebens werden können. Darum ist Dichtung notwendig.

Wichtig ist auch die Prägnanz in Gedichten. Lyrik zeigt, wie mit wenigen Worten viel gesagt werden kann. In einer Zeit, wo durch Medien ein „Verschleiß der Sprache“ vorangetrieben wird, kann der Umgang mit Gedichten als Konzentration auf den sprachlichen Ausdruck eine besonders wichtige Funktion ausüben.

Abschließend sei noch auf die Vielschichtigkeit und Aktualität der Gedichte aufmerksam gemacht. Da Gedichte keinen speziellen Kontext brauchen, in dem sie wirksam werden, können immer wieder Bezüge zum aktuellen Geschehen bzw. zu momentanen Gefühlen, Stimmungen und Empfindungen hergestellt werden.

Im nächsten Abschnitt dieser Arbeit sei nun dargestellt, in welcher Altersstufe welche Gedichte behandelt werden sollten. Dabei soll auch kurz auf die verschiedenen Gedichttypen eingegangen werden.

Wann mit wem Gedichte?

Kinder haben einen ausgeprägten Sinn für klangliche und rhythmische Figuren, für auffällige Wörter, für Parallelismen und Wiederholungen in Texten. Die Beliebtheit populärer Kinderreime, wie z.B. Abzählreime, belegt dies.

In der Sekundarstufe I bildet sich dieser Sinn zurück. Gedichte, die nur auf einem Spiel mit Klängen, Rhythmen oder komischen Wortformen beruhen, stoßen zunehmend auf Ablehnung.

Den Schülern genügen die formalen Strukturen allein nicht mehr. Sie erwarten eine interessante Aussage, einen tiefgründigen Sinn.

So können in den unteren Klassen der Sekundarstufe I rein sprachspielerische Gedichte noch mit großem Erfolg eingesetzt werden, in den oberen Klassen sind jedoch Gedichte, die zur inhaltlichen Auseinandersetzung anregen, vorzuziehen.

Bei älteren Kindern bildet sich der Sinn für satirische Aussagen, für Ironie und Sarkasmus sowie ein Erkennen von Gesellschaftskritik heraus.

Oft passiert es, daß ein Lehrer vor „schwierigeren“ Gedichten zurückschreckt.

[...]


[1] Das Gedicht im Unterricht. Seite 18, Zeile 17-20

[2] Das Gedicht im Unterricht. Seite 30, Zeile 21-27

[3] Das Gedicht im Unterricht. Seite 30, Zeile 15-18

[4] Das Gedicht im Unterricht. Seite 31, Zeile 4-10

[5] Das Gedicht im Unterricht. Seite 31, Zeile 17-28

[6] Das Gedicht im Unterricht. Seite 9, Zeile 17-23

Details

Seiten
26
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638188586
ISBN (Buch)
9783638683975
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13124
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachdidaktik Deutsch
Note
2

Autor

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