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Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen

Hausarbeit 1999 20 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Weg zur Wahrheit

3. Zur Darlegung des Willensbegriffs bei Schopenhauer

4. Zur Darlegung des Willensbegriffs bei Nietzsche

5. Weiterführende Betrachtungen zur Willensproblematik

6. Zum Wiederkunftsgedanken bei Nietzsch

7. Der Gedanke der Ewigen Gerechtigkeit bei Schopenhauer

8. Zusammenfassende Betrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Inhalt meiner Hausarbeit ist die Vorstellung und darüber hinaus die Gegenüberstellung der philosophischen Ansätze von Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer. Sicherlich kann ich innerhalb dieser Arbeit keine umfassende Darlegung beider Philosophien geben. Allerdings werde ich versuchen, über die Definition des Willens die Frage nach der Ewigen Wiederkehr bei Nietzsche sowie die der Ewigen Gerechtigkeit (Erlösung) bei Schopenhauer zusammenhängend zu erklären.

Arthur Schopenhauer wurde 1788 geboren und lebte bis 1860. Sein Vater war ein Danziger Großkaufmann. Schopenhauer kam also aus durchaus guten Verhältnissen. Zu seiner Mutter hatte er zeit seines Lebens ein schlechtes Verhältnis. Diese Streitigkeiten trugen sicher mit dazu bei, dass Schopenhauer generell nicht das beste Verhältnis zu Frauen entwickeln konnte. Überhaupt kann man festhalten, daß seine Eltern einen großen Einfluss auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit, vor allem aber auf die seiner Philosophie hatten. Ein leidenschaftlicher Wille und ein wacher Intellekt auf der einen Seite sowie ein tiefer Blick für das Schöne der Natur, aber auch für das Leiden der Kreatur andererseits bildeten die Gegensätze in seinem Charakter (vgl. Störig, S. 509).

Friedrich Nietzsche lebte von 1844 bis 1900. Auch Nietzsche wurde sehr von seiner Umgebung geprägt. Da sein Vater zeitig starb, wuchs er als einziger Mann in einem durchweg weiblichen, protestantischen Umfeld auf. Ähnlich wie Schopenhauer konnte sich Nietzsche nie entschließen, seine Zeit mit einer Frau zu teilen. „Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie“ (Weischedel, S.257) nahm er kurz dazu Stellung. Die Bekanntschaft mit Richard Wagner bzw. der Bruch mit ihm, hinterließ eine große Ablehnung gegen die lebensverneinenden Ideale des Christentums. Nietzsche wurde zuweilen auch der „Philosoph mit dem Hammer“ genannt, da er rücksichtslos alte, als falsch erkannte Werte zertrümmerte, aber gleichzeitig auch neue Ideale aufrichtete.

2. Der Weg zur Wahrheit

In meinen Augen ist der Inhalt der Philosophie die Suche nach dem Wesen der Wahrheit. Jede Epoche ist besonderen Kennzeichen unterworfen und die Voraussetzung zur Suche dieser Wahrheit gestaltet sich unter ständig ändernden, objektiven Vorzeichen. Das Wesen der Wahrheit ist also der Prozess der Geschichte und eine menschenimmanente Art der Kraft, die ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern kann.

Die Frage nach der Wahrheit, sozusagen die Basis meiner Hausarbeit, beantwortet Nietzsche wie Heraklit mit der Unbeständigkeit des Wirklichen (vgl. Picht, S. 247). Die Entwicklung sei der Kampf der Gegensätze – es kann kein dauerhaftes Übergewicht einer Kraft geben. „Aus dem Krieg des Entgegengesetzten entsteht alles Werden.“ (Picht, S. 247). Man kann laut Nietzsche nicht von einem beständigen Sein sprechen, denn ebendieses Sein ist nur momentan und als solches in seinem Bestand bloße Fiktion. Die beiden Triebkräfte des Prozesses der ewig fließenden Zeit (dem Wachstum) veranschaulicht Nietzsche am Beispiel der Kunst durch seine bedeutenden Prinzipien des Seins: dem Apollinischen und dem Dionysischen. Das Apollinische versteht sich als das Maß und die Ordnung, welche im ständigen Ringen mit dem Dionysischen, dem Prinzip der Zerstörung bzw. der schöpferischen Mächtigkeit ist. Sie sind beide Grundmächte der Natur, wobei Apollo die Weißheit des Scheines und Dionysos das verstreichende Kontinuum in seiner grenzenlosen Wandelbarkeit verkörpert. Nietzsche misst im Bezug auf das Dionysische dem Schein eine besondere Bedeutung bei. Er erkennt in der Erscheinung, in dem Irrtum die Lösung des Widerspruches zwischen den beiden Prinzipien. Durch die unwirkliche Welt des Irrtums entsteht im Menschen das Bewusstsein, das den Glauben an das Beharrende hervorruft. Hierbei wird das erste Mal die Verwandtschaft mit Schopenhauer deutlich. Dieser versteht, in Anlehnung an Kant, die Welt bzw. die Wirklichkeit als Wille und Vorstellung. Alle Dinge, die in unserer Welt wahrgenommen werden, sind bloße Erscheinungen. Das Bild, welches wir von bestimmten Objekten in unserer Umgebung haben, geht auf unsere Vorstellungskraft zurück. Was allerdings das „wahre“ Wesen der Objekte ist, bleibt uns verborgen und deren Erklärung kann nur aus dem Reich der Metaphysik kommen. Kant nennt dieses Wesen das „Ding an sich“. Für Schopenhauer ist es der Wille – der Wille zum Leben. Nietzsche erkennt die reale Welt der lebendigen Wesen als Irrtum, der aber durch den apollinischen und dionysischen Willen, in deren Auseinandersetzung, in eine neue Daseins-Form mündet. Die hervorbringende Macht des Scheines, der realen Welt ist die ursprüngliche Kunstgewalt des Apollinischen. Dies allerdings steht im Widerspruch zum Fluss der Zeit, der Wahrheit (vgl. Picht, S. 233). Das Vergehen und das Werden ist also das Wesen der Zeit und in der Wahrheit tritt das Wesen des Seins zu Tage, die Erkenntnis. Allerdings wird der Wille zu dieser Wahrheit nie dauerhaft sein, da nur die imaginäre Gegenwelt zum absoluten Fluss als dauerhaft angesehen werden kann – dauerhaft ist also nur der Schein. Eine derart abstrakte Darstellung ist nötig, um zu verdeutlichen, dass die Geschichte ein Prozess ist, der immer neue Wahrheiten produziert. Diese Wahrheiten beruhen aber eben nicht auf „dingbaren“ Gesetzen, sondern sind immer metaphysischer Natur. Generell kann man aber festhalten, dass die gesamte Philosophie von Nietzsche, die Suche nach Wahrheit, einen Prozesscharakter aufweist. Wobei Wahrheit kein Schatz ist, der gefunden werden muss, der also schon da ist, sondern eine endlose Suche nach dem Wesen der Welt. Diese Suche ist für meine Hausarbeit von besonderer Bedeutung, da sie als eine Wiederkehr zu verstehen ist, die eine Entwicklung zum Unbekannten in sich birgt und eben keine Reproduktion bedeuten soll. Was für Schopenhauer die Suche nach der Erlösung darstellt, ist für Nietzsche die Klärung der Frage nach der Wahrheit durch die ewige Wiederkehr. Durch diese Entwicklung soll der Schein in ein Sein verwandelt werden – der Irrtum wird negiert. „Sowie man aber diesen wahrhaften Schein, ohne den kein Leben möglich ist, absolut setzt, ihn für >ewig< ausgibt und als >Sein< bezeichnet, verwandelt der wahrhafte Schein sich in den Irrtum, und der processus in infinitum, welcher das Leben ausmacht, wird negiert.“ (Picht, S. 295). Die Wahrheit versteht sich daraufhin als ein Wille der Überwältigung des Irrtums, der aber nur dann eine neue wahre Ordnung schaffen kann, wenn er eben diese Ordnung als Schein durchschaut. Somit schreitet die Entwicklung nicht nur einfach fort, sondern sie wächst über sich hinaus – sie überwindet sich selbst. Nietzsche veranschaulicht diesen Gedanken im Zarathustra „auf See“ sozusagen. „... euch den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird: - denn nicht wollt mit feiger Hand einen Faden nachtasten; und, wo ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen – euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich sah, - das Gesicht des Einsamsten.“ (KGW, VI 1, 193). Nietzsche vergleicht hierbei Philosophen mit Schiffsleuten, die Ewig-Suchende sind. Die Wahrheit ist zu schaffen – der Entwurf der zukünftigen Möglichkeiten ist laut Nietzsche Macht – der Prozess dahin ist der Wille zur Macht.

3. Zur Darlegung des Willensbegriffs bei Schopenhauer

Zunächst werde ich versuchen, Schopenhauers Definition vom Begriff des Willens darzulegen. Ähnlich wie bei Nietzsche versteht Schopenhauer den Willen als „roten Faden“ seiner Philosophie. Wobei er keine neue Philosophie des Willens entwirft, sondern nur seine Philosophie zur letzten Vollendung treibt. Wenn bei Nietzsche eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten bestehen, existiert bei Schopenhauer mehr oder weniger eine klare Linie mit dem Endziel der Erlösung. Nietzsche beschreibt das Wesen des Willens, wogegen Schopenhauer den Willen zum Wesen aller Dinge macht. Die Formel des Willens zum Leben kommt in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zum Ausdruck. Schopenhauer unterscheidet nicht die innere und die äußere Welt in Bezug auf zwei getrennte Willensformen. Sondern ein und dieselbe Welt ist sinnlich und übersinnlich – innen und außen – Wesen und Erscheinung. Die Verwandtschaft mit Kant habe ich bereits erwähnt – Schopenhauer erkennt demzufolge die Produkte der Welt nur als Vorstellung, die der Mensch mit seinen Sinnen wahrgenommen und in seinen Wissensvorrat sedimentiert hat. Die schwierige Parallele bedeutet für mich, das so bestimmte Wesen der Produkte, in ihrer Gesamtheit – Welt, als Antipol zur Vorstellung und zugleich Medium bzw. Antriebskraft der, bei Schopenhauer dekadenten Entwicklung zu erklären. Das Wesen der Erscheinung ist immer Wille, d.h. hinter jeder objektivierten Vorstellung steckt der Wille als Grund – „es existiert als erscheinender Wille“ (Weischedel, S.225). Er existiert also in der Welt als eine Art einheitliche Urkraft – ein unaufhaltsamer Drang. Wie schon erwähnt, benennt Schopenhauer diesen Drang als das Kantsche „Ding an sich“, das Wesen der Welt. Zur Verständigung kann man den Willen auch als Trieb verstehen. Und zwar handelt es sich im genauen um den Trieb der Selbsterhaltung des Individuums und um den Fortpflanzungstrieb – den Erhalt der Gattung. In beiden Formen kommt das Ziel der Erhaltung zum Ausdruck. Auf diesen Erhaltungswillen muss später im Unterschied zu Nietzsche noch genauer eingegangen werden. Zunächst stellen beide Formen des Triebes einen blinden, unbewussten Drang dar – die Bejahung des Willens zum Leben. Schopenhauer stellt hierbei ähnlich wie Hobbes mit seinem Kampf aller gegen alle, den menscheneigenen Willen als ein Auseinandersetzungspotential der Menschenwelt hin. Jeder Mensch drängt unbewusst auf die Erfüllung seiner Ziele und ist somit bei deren Erlangung der Grund für das Leiden der anderen. Leider kann es immer nur eine endliche Befriedigung geben – der Mensch wird nie dauerhaft mit dem zufrieden sein, was er hat. Ein unaufhörliches Streben nach Höherem liegt in der Natur der Menschheit. Es kommt somit zu einem immer neuen Start. Denn auch hier liegt für mich ein Grund für die Leiden der bemitleidenswerten Menschen – der Abschnitt der unerfüllten Sehnsucht nach fremden, ungewissen Dingen ist in meinen Augen bedeutend länger als das momentane Glücksgefühl. Es muss also zu einem Kreislauf des Leidens kommen. Dieser diesseitige Leidenskreislauf, begründet auf dem steten Willen zum Leben, kann nur durch eine Verneinung des besagten Willens beendet werden. Diese Beendigung ist dabei nur durch den Intellekt möglich. Der Mensch muß also freiwillig zum willenlosen Objekt werden. Dies wiederum kann nur durch Askese verwirklicht werden. Bei diesem Gedanken kommt sehr deutlich Schopenhauers Drang zum Buddhismus zum Vorschein. Die buddhistische Askese dient ihm als Vorbild - ...“sind Lebensregeln, deren Befolgung unfehlbar zur gänzlichen Armut führt und die demnach auf indirekte Weise eben das besagen, was Buddha den Seinigen geradezu vorschreibt und durch sein eigenes Beispiel bekräftigt hat: werfet alles weg und werdet Bikschu, d.h. Bettler“ (Schopenhauer, S. 813). Die bloßen Erscheinungen müssen abgelehnt werden. Das negative Moment stellt den letzten Grundstein der positiven Erkenntnis dar (vgl. Abel, S.61). Der umgekehrte Standpunkt, d.h. die vollzogene Verneinung des Willens kann also auch ein Erhaltungsphänomen sein – eine Form der individuellen Erhaltung in Erwartung der Erlösung. Die genaue Abfolge der Stufen zur Erlösung, die sich in insgesamt sechs Abschnitte gliedert, fasse ich hier kurz zusammen:

1.) Stufe der Willensbejahung
2.) Stufe der Willensbejahung als Willensverneinung – die Grundstufe des Erlösungsweges; kein Wille, sondern Askese
3.) Stufe der Gerechtigkeit – intuitive Erkenntnis
4.) Stufe der Güte – das Leid der anderen soll durch eigene Askese ausgeglichen werden – Entstehung von Tugend, Mitleid, Liebe
5.) Stufe des Selbstopfers – Wohl der Menschheit durch Selbstaufgabe – Steigerung der Güte – alle wahre und reine Liebe ist Mitleid (vs. Vernunft bei Kant)

6.) Stufe der Askese – Abscheu vor anderen und der eigenen Erscheinung – stetiger Willensakt macht Wille am Leben hinfällig – Gelassenheit und Willenlosigkeit

a.) Verneinung der Bejahung des Willens
b.) freiwillige Armut – Selbstzweck als Preisgabe
c.) Mortifikation der Sichtbarkeit des Willens – Tod

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Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638188531
ISBN (Buch)
9783640209514
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13119
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Nietzsche Schopenhauer Vergleich Willensbegriffs Konsequenzen Gott Folgen

Autor

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Titel: Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen